Landleben deluxe

Morgens, wenn der alte Mann die Beine behäbig aus dem Bett schwingt, ist die Blase meist bis zum Bersten gefüllt. Das am gestrigen Abend nicht zu wenige Biere in den Schlund gekippt wurden, macht die Sache nicht besser. Schnell muss es also gehen, auch wenn die müden, alten Knochen nicht mehr so mitmachen wie sie sollten. Hurtig muss die Nasszelle aufgesucht werden, damit der Urin nicht in der schon jetzt besudelten Unterhose landet.

Mit klapprigen Beinen macht sich der Opa auf den Weg durch den Flur mit den alten, in die Tage gekommenen abgewetzten Teppich. Man kann richtig erkennen, dass in der Mitte des Läufers aus dem Orient nicht nur der Opa selbst über Jahre hinweg zum Scheißhaus geschlurft ist, sondern auch das angetraute Weib des Greises, als dieses noch nicht unter dem Torf war. Eine Furche haben sie gezogen, mit Hausschuhen und manchmal blanken, verhornten Füßen.

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist…

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist und die Tür geöffnet hat, schlägt ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Jahrelang hat der alte Mann das Badezimmer nicht mehr gründlich gereinigt. Eine verdammt lange Zeit wurde die Kloschüssel, das Waschbecken und die Dusche nicht mehr mit Reinigungsmittel benetzt. Eine kleine Ewigkeit hat kein Putzlappen das Reinigungsmittel erst behutsam und dann vehement von Keramik und Fliesen gerubbelt. Herbert ist dazu nicht mehr in der Lage. Kann es einfach nicht mehr.

Nichts kann Herbert mehr. Nur noch schlafen, saufen, fressen, kacken und pissen. Okay, fernsehen geht auch noch. Aber nur, wenn er ganz nah am Gerät sitzt und den Ton bis zum Anschlag aufgedreht hat. Es ist ohnehin niemand hier, der sich an der Lautstärke stört. Wohnt in einer Einöde auf dem Land der alte Mann. Niemand verirrt sich in diese gottverdammte, schäbige Gegend. Nicht einmal die eigenen Kinder oder die Enkel. Einsamkeit ist Herberts einziger Begleiter. Tagein und tagaus.

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends…

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends. Tiere hat er schon lange nicht mehr. Damals – für ihn scheint es gar nicht lange her – da herrschte hier das pure Leben. In guten Zeiten hatte er weit über fünfzig Milchkühe, zig Katzen und einen Hofhund. Auch ein paar Hühner, die ihm und seiner Familie mit frischen Eiern versorgten, nannte er sein Eigen. Die Kinder tollten auf dem Gelände herum und verbrachten eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land, fuhren mit dem Trecker und kümmerten sich gemeinsam mit Herbert um das Vieh.

Heute wohnen alle seine Nachkommen in der weit entfernten Stadt und scheren sich einen Dreck um ihren Erzeuger. Niemand hatte seinerzeit Interesse den Hof weiterzuführen. Alle wollten studieren und einen Anzug oder ein Kostüm tragen und sich nicht die manikürten Finger schmutzig machen. Als aus den Kindern Teenager wurden, war es vorbei mit der Freude, die sie auf den Hof hatten. Vergessen schienen die vielen tollen Erlebnisse aus der Kindheit und das Lächeln auf dem Gesicht der Kinder war verschwunden.

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase…

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase sich durch den Penis in die braune Schüssel entleert, legt sich erneut die Einsamkeit wie ein bleierner Mantel um die Schultern des ergrauten Mannes. Eine einzelne Träne läuft die faltige Wange herab und tropft auf den dünnen, knochigen Oberschenkel des Mannes, der einmal glücklich war.

Fahrig reinigt er sich nach dem Geschäft die Hände unter eiskalten Wasser und macht sich auf den Weg in die Küche. Wieder nimmt er den Weg über den alten Läufer, der damals viel Geld gekostet hat, geht aber am Schlafzimmer vorbei bis zur hölzernen Treppe, die ihn in den unteren Bereich des Bauernhauses führt. Jede einzelne Stufe nimmt er langsam und bedächtig. Er möchte nicht fallen, sich den Kopf blutig schlagen oder die Knochen brechen. Niemand würde ihn schreien hören, wenn er unten am Treppenabsatz liegen würde, wie ein Käfer auf dem Rücken.

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser…

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser und setzt ihn auf die Kochplatte. Während er darauf wartet, dass das Wasser kocht, denkt er an seine Frau zurück. Er hat sie immer geliebt. Bis ins hohe Alter waren sie ein Herz und eine Seele. Vor seinem geistigen Auge kann er sie nun sehen. Sie steht an der Arbeitsplatte mit ihrem geblümten Kittel, lächelt ihn an und bereitet einen Kuchen zu.

Sie war es, die alles zusammengehalten hat. Sie war es die, die Bezugsperson für die Kinder war. Als sie noch lebte, kamen sie regelmäßig zu Besuch. Doch als sie verstarb und sie unter der Erde war, wurde alles anders. Herbert hatte sich seinerzeit verändert. Hatte sich zurückgezogen und konnte den Tod seiner Frau niemals akzeptieren. Wenn die Kinder anfänglich zu Besuch kam, redete er nicht mit ihnen, saß nur in seinem Sessel und starrte vor sich hin. Niemand konnte ihn trösten. Niemand konnte den Verlust wettmachen. Später kamen sie nicht mehr und er wusste heute, dass er es ihnen nicht verübeln konnte.

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herde reißt Herbert aus den Gedanken…

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herd reißt Herbert aus den Gedanken und die Erscheinung seiner Frau an der Arbeitsplatte verblasst genauso schnell, wie sie aufgetaucht ist. Herbert steht nun auf und bereitet sich einen letzten Tee zu. Schweigend setzt er sich an den Küchentisch und ist sich bewusst, dass es nun an der Zeit ist allen zu vergeben.

Noch ein letztes Mal denkt er nun zurück an seine geliebte Frau. Ein letztes Mal denkt er an seine tollen, erfolgreichen Kinder, auf die er so stolz sein kann. Sie alle haben sich ein Leben aufgebaut. Sie alle funktionieren und haben es geschafft nach dem Tod der Mutter trotz der Traurigkeit, irgendwann wieder Mut zu fassen.
Mit Wehmut denkt er an seine Enkel, die er nie richtig kennengelernt und gibt sich an allem die Schuld. Er weiß es nun mit Sicherheit und hat endlich Klarheit darüber erlangt, wie die nächsten Schritte aussehen müssen.

Alles ist vorbereitet. Alles Nötige ist in die Wege geleitet. Auf die Kinder und Enkel werden keinerlei Kosten zukommen und auch sonst wird nicht viel zu erledigen sein. Die Briefe an die Kinder sind gestern von ihm zu Post gebracht worden. Sie werden heute per Einschreiben zugestellt. Niemand trifft eine Schuld. Ohne zu zögern, greift er nach den kalten stählernen Lauf der Schrotflinte, die er sich am gestrigen Abend zurechtgelegt hat, schiebt sich den Lauf in den zahnlosen Mund und drückt ohne ein weiteres Mal nachzudenken den Abzug durch und verteilt sein Gehirn an den Wänden und die Decke der alten Küche.

Der saftige Flattermann

“Hey du. Genau, dich meine ich. Komm doch mal rüber zu mir. Ich beobachte dich schon die ganze Weile von meinem Balkon aus. Wir kennen uns noch nicht gut, aber ich kann erkennen das du nicht nur gut aussiehst, sondern auch nett bist. Ich sehe so etwas sofort. Eine nette Nachbarin ist etwas Feines. Also gib dir einen Ruck, verlasse deine und komm in meine Wohnung. Ich habe auch Wein und Sekt und die neueste Scheibe von Rick Astley läuft bei mir rauf und runter.“

„Du kannst dir aber auch was mitbringen. Ein Getränk meine ich. Hier gibt es nur Wein und Perlwein. Es ist aber ein guter Wein. Ein leckeres, edles Tröpfchen. Aber vielleicht stehst du nicht auf Alkohol. Wenn du was Essen willst, ist das aber kein Problem. Es sei denn, du bist eine Vegetarierin, aber das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Aber auch ich kann mich mal irren, das ist ganz klar. Niemand ist perfekt. Ich schon gar nicht. Du, ja genau du, bist aber nahe dran. Also an der Perfektion, meine ich. Kommst du nun? Komm schon. Zier dich nicht. Ich habe gerade ein Hähnchen im Ofen. Dauert nicht mehr lange, bis die Schenkel und Flügel kross sind und das weiße Fleisch saftig.“

“Wir könnten und den Flattermann munden lassen…”

“Wir könnten uns den Flattermann munden lassen und ein Glas trinken. Wir könnten danach eine Zigarette rauchen, oder einen Joint und es uns gut gehen lassen. Wir könnten reden über die Roten, oder den Nachbarn aus der Dritten, der so stinkt und seinen Drahtesel ständig im Hausflur stehen lässt. Vielleicht würde dir auch eine Diskussion über das kapitalistische System, in das wir hineingeboren wurden, Freude bereiten. Ich bin da für fast alles offen. Klar, irgendwo sind Grenzen. Die hat sich ja jeder von uns gesetzt. Bewusst oder unbewusst. Da kann man schnell ins Fettnäpfchen treten und dem Anderen seine Gefühle verletzen.“

“Manchmal ist es besser sein Maul zu halten. Auch du solltest besser still sein, wenn du merkst, dass das Gespräch in eine falsche Richtung läuft. Du wirst merken, wann die Zeit fürs Schweigen gekommen ist. Ich halte dich für klug genug. Ich bin ein schlechter Schauspieler und kann meine Wut nur schlecht verbergen. Würde ein blinder mit dem Krückstock sehen, wenn mir etwas gegen den Strich geht und sich schnell aus dem Staub machen. Die Person würde es nicht wagen die Fresse aufzureissen und sich meiner Meinung entgegenzustellen.“

“Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch.”

„Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch. Ich möchte nicht, dass du bereits jetzt einen schlechten Eindruck gewinnst. Ich möchte nur direkt Klarheit schaffen. Bin ich immer gut gefahren, mit dieser Taktik. Ich hoffe, das kommt auch bei dir gut an. Nette Menschen bleiben halt bei der Wahrheit und lügen auch dann nicht, wenn es für eine Beziehung besser wäre. Einige behaupten aus diesem Grund, dass ich kein Taktgefühl habe und haben die Freundschaft mit mir aufgekündigt. Verlogene Menschen, die ich nicht benötige. Aber dich könnte ich gut gebrauchen. Zum Essen, zum Trinken zum Reden. Komm schon rüber. Ich bin einsam und sehne mich nach einem Menschen, der wie du bist.“

„Warum stehst du noch immer im Türrahmen deiner Wohnung und regst dicht nicht? Warum bewegst du dich nicht endlich, schmeißt dir auf die Schnelle einen Bademantel über dein kurzes Nachthemd und kommst mit rüber zu mir. Ich nehme dich gerne an die Hand. Wie gesagt, ist alles vorbereitet da drüben. Kannst du den Duft des frischen Fleisches im Ofen nicht wahrnehmen? Was gibt es noch für einen Grund zu zögern? Lass dich nicht täuschen von meinem Aussehen und von meinem Alter. Ich will heute lieb zu dir sein. Ich verspreche es dir.“

“Am Anfang ist es immer schwer.”

„Am Anfang ist es immer schwer. Man kennt sich nun mal nicht und weiß nicht wie der andere so tickt. Ich glaube dich zu kennen, weil ich dich vom ersten Tag an beobachtet habe. An dem Tag als du die schweren Kartons in die kleine Wohnung geschleppt hast und dir die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Eventuell kannst du dich erinnern, dass ich dich im Hausflur begrüßt habe. Ich habe dabei deinen Duft eingesogen. Erotisierend. Einen so gutriechenden, schönen Menschen muss man einfach immer ansehen. Eine Augenweide bist du und ich der Bulle der langsam über diese duftende Weide schlendert und sich am saftigen Gras labt. Niemals würde ich diesen Ort verlassen. Nie und nimmer.“

„Okay. Ich merke dir an, dass du noch nicht überzeugt bist. Ich bin ein reifer, erwachsener Mann und spüre deine ablehnende Haltung. Ich kann das für heute hinnehmen. Ich verzeihe dir und verstehe dich. Du bist ein gutes, wohlerzogene Mädchen. Du willst dich nicht so schnell hergeben. Das ist gut. Das ist eine Einstellung die mir gefällt und die mir dennoch noch mehr sagt, dass wir für einander geschaffen sind. Eine Studentin der Geisteswissenschaften. Eine Frau die weiß, was sie will. Doch ich bin mir sicher, dass du dich irgendwann für mich entscheiden wirst. Früher oder später werden wir vereint sein.“

“Ich werde nun gehen.”

„Ich werde nun gehen. Esse ich das Hähnchen eben allein. Tue mir bloß den einen Gefallen und leg dich wieder ins Bett und nimm mich mit, in deinen Träumen. Ich werde dir nichts antun, in dieser Nacht. Also ruf nicht wieder die Bullen. Mach das nicht. Du weißt, dass sie wieder fahren und nichts mit mir anstellen werden. Sie werden dir sagen, dass sie keine Handhabe haben. Es ist doch nichts passiert. Verriegele ruhig deine Tür. Ich werde nicht versuchen sie aufzubrechen, das liegt mir fern. Doch behalte immer im Hinterkopf, dass du mich nicht mehr loswirst. Ich bin immer bei dir.“

„Geh nun ins Bett und träume süß. Ich werde Essen und trinken und an dich denken. Du bist immer bei mir, auch wenn uns ein paar Türen trennen. Selbst wenn du es wagen solltest deine Wohnung heimlich zu verlassen, um dir eine neue Behausung zu suchen, bleibe ich bei dir. Nichts und niemand kann uns trennen. Ich werde dich aufspüren. In jeder Stadt, in jedem Land und auf jedem Kontinent. Liebe kennt keine Entfernung und Liebe kennt auch keine Grenzen. Meine Liebe zu dir ist Grenzenlos.“

Der miese Schreiberling

„Wer der schreibenden Zunft angehört, der hat doch immer Ideen. Wie kann es sonst sein, dass so einer, der immer mit dieser schrecklich runden Brille herumläuft mit seinen Büchern Geld verdient? Ein Auto hat der feine Herr auch noch. Scheint also wirklich kein schlechter Schreiberling zu sein. Wird schon seine Leser haben, der Typ mit der Brille. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein Buch von ihm kaufen? Wenn ich doch nur wüsste, unter welchem Pseudonym er sein Geschmiere auf den Markt bringt. Wird wohl kaum unter seinen wirklichen, also richtigen Namen – der Name der auch an seiner Wohnungstür steht – seine Schreibe veröffentlichen?“

„Ich bin mir wirklich und wahrhaftig gar nicht mal so sicher, ob er wirklich Bücher schreibt. Vielleicht ist der Spinner auch nur Blogger oder Journalist und macht einen auf Assange. Auf jeden Fall, höre ich ihn jeden Abend, auf so einer altmodischen Schreibmaschine tippen. Und das in der heutigen Zeit. Es gibt doch moderne Computer, die alles von selbst korrigieren. Mit dem richtigen Programm benötigt man keine Rechtschreibung und keine Schulbildung. Geht alles von allein. Mit großer Sicherheit sind gar keine Ideen mehr notwendig. Eine ausgeklügelte Software, mit einem von findigen Programmierern hinterlegten Algorithmus macht dann alles allein.“

“Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es…”

„Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es ihm. So einen, der tatsächlich schon vieles allein macht. Einen rundlichen Hochleistungsrechner mit angebissenem Apfel. Mich würde es nicht wundern, wenn er dann einfach ein altmodisches Eingabegerät angeschlossen hat. Eine Tastatur, die dieses klickende Geräusch macht, um uns alle zu täuschen. Um uns allen vorzugaukeln was für ein kluger, gebildeter Mann er doch ist, mit seiner Scheiß-Harry-Potter-Brille und dem albernen Bart.“

„Der treibt es noch auf die Spitze. Grüßt sogar immer freundlich im Hausflur, wenn er mir entgegenkommt. Als wenn ich nicht wüsste, was er für ein Geheimnis vor mir und den anderen Hausbewohnern verbirgt. Eines, das er teilt mit Millionen von Menschen, aber mich und alle anderen direkten Nachbarn mit seiner Anonymität ausschließt. Ein scheinheiliger Penner der sich einen Dreck um seine Nachbarn schert und uns einen riesigen, virtuellen Haufen Scheiße vor die Füße wirft. Die pure, bodenlose Provokation. Doch ich mache das nicht mehr lange mit, dass sollte jedem klar sein. Auch ihm. Besonders ihm.“

“Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein.”

„Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein. Ich werde mich nicht erneut täuschen lassen von seinem Lächeln und dem geheuchelten, friedfertigen Gruß. Nein, ich werde ihn zur Rede stellen und ihn auffordern ehrlich zu sein und direkt im Hausflur zu gestehen, dass er mit seinem radikalen Geschmiere das Volk anstachelt. Ich werde ihn so weit in die Ecke drängen, bis er alles zugibt. Er wird seinen Namen nennen und auch die seiner Komplizen, die dafür sorgen, dass er weiterhin zu Hause Sitzen kann, ohne auf die Arbeit zu gehen.“

„Auch von der Angst, die ihm dann ins Gesicht geschrieben steht, werde ich mich nicht blenden lassen. Er wird ein guter Schauspieler sein, um seine Haut zu retten. Er wird alles tun, damit er seine Tarnung nicht aufgeben muss. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen sich der Situation zu entziehen. Der Typ wird probieren sein Heil in der Flucht zu suchen, die Treppen hinauflaufen und seine Wohnungstür verrammeln. Er wird sich verschanzen wollen und alsbald den Computer hochfahren, um seine Meute auf mich zu hetzen. Doch ich werde all dies verhindern.“

„Wenn er diese Verhalten wirklich an den Tag legt und versucht zu verduften und mir keinerlei Antworten zu geben, wird er dafür büßen. Wie bereits erwähnt bin ich vorbereitet auf dies alles. Auch auf Aggression seinerseits. Ich werde dann einfach das mitgebrachte Messer ziehen. Das größte aus meiner umfangreichen Waffensammlung. Die Klinge ist schön lang. Über 20 cm blanker, extrem scharfer Stahl. Ich werde nicht lange fackeln. Nicht lange überlegen. Das Messer wird leicht in seinen Bauch gleiten. Das hellbraune Leinenhemd wird kein Hindernis sein und sich rapide dunkelrot verfärben.“

“Klar, der Hausflur wird dreckig sein.”

„Klar, der Hausflur wird dreckig sein. Sicherlich, ich werde kurzfristig den Ärger der Nachbarn auf mich ziehen. Sie werden wahrscheinlich noch weniger mit mir reden, als schon jetzt. Mir ausweichen. Doch das wird vorübergehen. Sie werden es verstehen und auf meiner Seite sein, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, davon bin ich überzeugt. Auch die Öffentlichkeit wird sich auf meine Seite schlagen und meine Tat als gerechtfertigt einstufen. Kann nicht anders sein. Das Volk wird auch darüber hinwegsehen, dass mein Vorstrafenregister lang ist und ich bereits in der Vergangenheit mit Gewalttaten gegen sogenannte Minderheiten und Andersartige aufgefallen bin.“

„Auch wenn der Staat mich einsperrt, weiß ich, dass ich das richtige getan habe. Ich lasse mich nicht verbiegen und bleibe auch unter Druck standhaft bei meiner Meinung. Es wird Menschen geben, die mir dankbar sein werden. Es wird Personen geben, die versuchen mir nachzueifern und daran arbeiten werden, die Welt von diesen Subjekten zu befreien. Auch das Fernsehen und die Medien im Allgemeinen werden mir dabei helfen. Sie werden mich besuchen wollen. Ich werde sodann in die Kamera lächeln und meine Thesen ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das niedrige Volk wird mir an den Lippen hängen und meine Weisheiten aufsaugen. Ich weiß es. “

Doppelschrei 2021

Ein Junge. 10 Jahre alt und noch grün hinter den Ohren. Eine Klassenarbeit, die in die Hose ging. Ein Pfeife-rauchender Vater, der immer Hemden trägt. Gerne kariert, selten einfarbig. Grobe, schwielige Hände die von dicken Adern durchzogen sind. Von der schweren Arbeit gestählte Arme. Ein Stuhl ein Tisch und Stille.

Das Klassenheft liegt auf dem Tisch, ansonsten ist er leer. Das Heft ist voller roter Striche und Anmerkungen des Lehrers. Das Diktat war einfach zu schwer. Viele Wörter, die der Junge niemals vorher schrieb. Fehler über Fehler. Zwei Seiten sind beschrieben worden. Große, krakelige Schrift. 45 Fehler hat der Lehrer des Gymnasiums gefunden. Die Meinung des Vaters ist klar. Viel zu viele sind es. Zorn und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Junge soll einmal ein besseres Leben haben als er selbst. Studieren, Geld verdienen und der arbeitenden Klasse entfliehen. Ein Einfamilienhaus mit Garten, keine beengte Behausung im Arbeiterviertel mit schrägen Wänden, abgewetzten Teppich und Kohleofen. Gut soll es ihm gehen. Etwas darstellen soll er. Menschen sollen zu ihm aufschauen. Doch nichts wird wahr, von all dem, mit 45 Fehlern in einem einfachen Diktat.

Wut. Durchgestreckte Arme. Weiße, gespannte Haut über den Knochen der Fäuste. Ausholen, zuschlagen und der Wut freien Lauf lassen. Schreien, weinen, betteln und winseln. Geräusche die, die Raserei des Vaters anspornen. Ein elendes Weichei. Nichts wird aus dem schönen Leben, wenn man sich wie ein winselnder Hund auf dem Boden wälzt. Hart muss man sein. Hart wie Krupp Stahl. Das pflegte schon sein eigener Vater zu sagen. Ein schwerer Schlag auf den Kopf. Ein Tritt in den sich windenden Körper.

Blut tropft aus der Nase auf den alten Teppich. Wieder auf die gleiche Stelle. Blut geht so schlecht raus. Die Mutter wird wieder einmal kräftig scheuern müssen, um die Schönheit des alten Teppichs erneut herzustellen.

Die Schläge hören auf. Durch das dumpfe, rhythmische pochen im Kopf des Jungen, ist der schnelle Atem des Vaters zu hören. Er schnauft vor Anstrengung. In seinem Gesicht kann man Genugtuung erkennen. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Junge kann es nicht deuten, aber er sieht es ganz deutlich in den Augen des Vaters. Nur ganz kurz, aber unverkennbar. Es sollten noch Jahre vergehen, bis er verstand, was es war, das in den kurzen Moment nach den Schlägen und Tritten in den Augen des Vaters aufblitze.

Freitag, der schönste Tag der Woche

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wartet der Mann im Büro auf den ersehnten Feierabend, auf das Wochenende und auf ein eiskaltes Bier. Es sind noch knapp 30 Minuten, die verstreichen müssen, bis die Klappe fällt. Nichts kann ihn hier auch nur eine Minute längere halten, denkt er verharrt regungslos auf seinen Bürostuhl und glotz gedankenverloren ins Dekolleté seiner Kollegin, die ihm gegenüber sitzt und mit spitzen Fingern auf die Tastatur einhämmert als gäbe es kein Morgen mehr. Nur wiederwillig löst er seinen Blick von den Titten der Kollegin, kratzt sich durch die Innentaschen seiner Hose ungeniert am Sack und denkt: „Auch die wird die ungeschriebene Gesetze, die einem den Alltag im Büro erträglicher machen noch lernen.“

Endlich hat er es geschafft. Die Zeiger auf seiner nostalgisch anmutenden Armbanduhr aus dem Hause Festina, zeigen genau 13 Uhr. Die Tage Montag bis Donnerstag sind arbeitsreich und gespickt mit Konferenzen und Terminen aber der Freitag ist da, um die Woche ausklingen zu lassen und früher in das Wochenende zu gehen. Komme was wolle. Da führt kein Weg dran vorbei. Der altersschwache PC wurde schon 10 Minuten vorher heruntergefahren, der Aktenschrank wurde bereits akribisch verschlossen und auch die ansehnliche Butterbrotsdose aus Metall wurde in die teuere, lederne Aktentasche geschoben.

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd…

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd wirf, tippt „Fräulein Vorbild“ immer noch und tut so als wäre ihr das Wochenende egal. Er kann dieses Verhalten nicht nachvollziehen, macht jetzt aber dennoch die Biege und wirft der Blondine ein nicht ernst gemeintes „Schönes Wochenende“ an den Kopf und hämmert die Tür von außen in die Angeln. Draußen angekommen geht er an der Schranke vorbei, findet sein Liebling auf ihn wartend, auf seinem reservierten Parkplatz und hüpft elegant über die Fahrertür und landet passgenau mit seinem Arsch im Sitz der feuerroten Corvette.

Die Autobahn ist um diese Zeit frei. Er kann gehörig auf das Gaspedal drücken und dabei im Takt seiner laut aufgedrehten Lieblingsmucke mit wehendem Haar nach Hause düsen. Dort angekommen braucht er nicht nach einem Parkplatz zu suchen. Sein roter Rennhobel findet Platz unter dem riesigen Carport, das vor seinem schicken, frei stehenden Einfamilienhaus sein Zuhause gefunden hat. Hier ist sein Schatz vor den grauenhaften Regen und den scheißenden Vögeln einigermaßen geschützt und dennoch könnte Peter schnell, wenn ihm danach wäre, in das Vehikel springen und am Nachmittag, um in Metaphern zu denken, mit nacktem Oberkörper an der Strandpromenade auf und ab fahren.

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam den Schlüssel in das Schloss gleiten…

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam seinen Schlüssel in das Schloss gleiten und öffnet diese. Seine beiden, wunderschönen und wohlerzogenen Kinder, die beide eine Privatschule besuchen, kommen angerannt, fallen ihm um den Hals und zeigen ihn damit wie gerne sie ihn haben. Kimberly ist 14 und Josef 12. Ein Mädchen und ein Junge. Genauso wie er und seine Frau es sich es seinerzeit gewünscht, geplant und ausgeführt hatten. Genau nach Zeitplan, damit nichts seiner Karriere im Weg steht. Seine Frau kümmert sich auch heute einzig und alleine liebevoll um das Wohl der Kinder, fährt sie zum Ballett, zum Geigenunterricht und zum Tennis. Nebenbei schmeißt sie den Haushalt und hat alle Tätigkeiten mehr als nur im Griff. Peter weiß, dass der Terminkalender seiner Frau voller ist als sein eigener, wird sich aber hüten es ihr auf die Nase zu binden.

Auch seine Frau kommt nun, um ihn zu begrüßen. Der attraktiven Dame des Hauses, die immer noch eine absolute Traumfigur hat, steht ehrliche Freude ins Gesicht geschrieben. Sie führen eine harmonische aber konservative Ehe, wie Peter findet. Zuvorkommend wie sie ist, hilft sie ihren Gatten aus dem Mantel, hängt diesen ordentlich an die Garderobe und geleitet ihn sodann ins Wohnzimmer. Hier ist bereits alles vorbereitet. Sein Sessel, auf dem er nun Platz nimmt, ist in Richtung des Fernsehers ausgerichtet. Er muss nichts weiter tut. Seine liebende Gattin zieht ihm behutsam die Schuhe aus und stülpt die kuscheligen Pantoletten über seine von der Arbeit schmerzenden, verschwitzten Füße und hebt diese vorsichtig auf den Fußhocker.

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch…

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch ihm die bereits geöffnete, eiskalte Flasche von seinem Lieblingsbier zu reichen und die Fernbedienung des riesigen Fernsehgeräts in die andere Hand zu geben, um sich sodann leise in die Küche zurückzuziehen. Während sich ihr Göttergatte von der anstrengenden Arbeit ausruht, bereitet sie dort seine Lieblingsspeise zu, schaut aber in regelmäßigen Abstanden im Wohnzimmer nach dem Rechten. Ihr ist es wichtig und ein großes Anliegen, dass das Bier ihres Mannes in der braunen Glaskaraffe nicht komplett zur Neige geht.

Endlich ist das Essen zubereitet. Peter muss nur das neben der Küche gelegene Esszimmer aufsuchen und auf seinen Stuhl Platz nehmen, sich die Servierte auf den Schoß legen und das fettige, deftige und wahrscheinlich ungesunde aber absolut leckere Mahl herunterschlingen. Hier in seiner gewohnten Umgebung braucht er nicht auf die Etikette zu achten. Hier kann er das Essen schlingend und schmatzend herunterwürgen und danach ohne sich zu schämen, rülpsen und furzen. Für sich und die Kinder hat seine Frau übrigens ein anderes Gericht zubereitet. Weitaus gesünder, weniger fettig, aber lang nicht so appetitlich.

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der…

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der Terrasse des Anwesens gemütlich. Nur mit einer Badehose bekleidet liegt er sodann auf der bequemen Liege unter dem Sonnenschirm und beobachtet, die sich in der leichten Brise bewegenden größeren Laubbäume am Ende seines Gartens. Dabei lässt er sich einen von der liebenden Gattin kredenzten Cocktail munden und springt gelegentlich, um sich abzukühlen, in den hauseigenen Pool. Erst als die Sonne untergeht und er schon ein wenig angesäuselt von den vielen Cocktails und dem Bier ist, holt ihn seine leicht bekleidetet Frau ab, nimmt ihn an die Hand und geht mit ihm auf direktem Weg ins Schlafzimmer.

Im Schlafgemach angekommen verriegelt die Dame des Hauses die doppelflüglige Tür, öffnet ihren Bademantel und schmeißt sich nackt wie Gott sie einst schuf auf das kreisrunde, riesige Bett. Im über dem Bett an der Decke angebrachten ebenso großen Spiegel, kann der dickliche Adonis erkennen, dass seine Frau ihn, kess wie sie in diesen Momenten nun einmal ist, mit dem Zeigefinger zu ihm heranbittet. Nachdem er seine Badehose heruntergelassen hat, kommt er dieser Bitte lächelnd nach und lässt sich ein, auf den geilen, wollüstigen, langandauernden Tanz der Liebenden.

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt…

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt, spürt er nach dem Liebesakt wie ihm seine mehrfach befriedigte Gattin einen Kuss auf die Wange haucht und sanft die seidene Bettdecke über seinen nackten, vom Paarungsakt gezeichneten Körper legt. Überglücklich und voller Stolz auf sich und sein Leben schläft Peter ein. Erst eine ganze Zeit später spürt Peter etwas Schweres auf seiner rechten Schulter, dass ihn zu schütteln scheint. Auch dringen aus weiter Ferne Worte an sein Ohr, die so gar nicht nach seiner Ehefrau klingen und überhaupt nicht in das Bild zu passen scheinen.

Langsam kommt Peter zu sich. Bedächtig wacht er auf und wird sich der Hand auf seiner Schulter mehr und mehr bewusst. Wie in Zeitlupe hebt Peter nun seinen Kopf von der Schreibtischplatte, dreht sich um und erkennt hinter sich seinen steinalten Chef, der ihn so ungalant Schüttelt, mit bösen Augen anfunkelt und ihm Schimpfwörter an den Kopf schmeißt. Er sei hier nicht zum Pennen, sondern zum Malochen brüllt sein Boss und hört erst dann mit dem Schütteln auf, als sich Peter kleinlaut für sein Fehlverhalten entschuldigt und seine Arbeit, am Freitag um 17:15 Uhr wieder aufnimmt.

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin…

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin ein. Angewidert wird ihm bewusst, dass er bestimmt noch eine ganze Stunde braucht bis die Statistik, die er zu erstellen hat, fertig ist. Leidvoll wird Peter klar, dass sich das so wirklich und wahrhaftig angefühlte Erlebnis nur ein Traum war. Voller Ekel weiß er nun, dass er auch heute in seinen kleinen, uralten Opel Corsa steigen wird. Er wird mit der Karre durch überfüllte Straßen fahren und wird ewiglich brauchen bis er einen Parkplatz gefunden hat. Im Anschluss wird er seine gammelige Junggesellenbude aufsuchen, sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, ein Bier aus einer Plastikflasche schlürfen und frustriert und alleine furzend und rülpsend den Abend vor dem Fernseher verbringen.

Irgendwann wird er dann auf der ranzigen Couch einschlafen. Nach wenigen Stunden Schlaf wird er sabbernd, mit muffigem Mundgeruch vom Wecker geweckt. Er wird auch am heutigen Samstag wieder das Büro aufsuchen. Er wird wieder für seinen cholerischen Chef da sein. Er wird erneut Arbeiten verrichten, die ihm völlig zuwider sind. Doch eventuell, mit ein bisschen Glück, findet er wieder ein paar Minuten Zeit um seinen Kopf auf die Tischplatte zu legen. Er wird dann endlich wieder mit seiner virtuellen aber wunderschönen Frau zusammen sein können. Er wird wieder eine rote Corvette fahren, Hausbesitzer sein und mit seiner großbusigen Frau ein Schäferstündchen verbringen und glücklich und zufrieden sein.

Ich glotz TV im Plattenbau

Ein Hochhaus das 14 Etagen hat und irgendwo im Ruhrpott steht. Graue, kerzengerade Wände, Fenster an Fenster und Balkon an Balkon. Im unteren Bereich zieren Graffiti den tristen Bau. Wenige Laternen erhellen die Umgebung rund um das Haus nur minimal. Dunkle Ecken und ein finsterer, enger Durchgang zum Hinterhof runden das Bild der Siedlung ab. Im Hof vertrieben sich Jugendliche ihre Langeweile. Sie sind gezwungen hier zu wohnen und sitzen rauchend auf dem Schaukelpferdchen für die Kleinen oder trinken Alkopops auf den Bänken, die rund um den Sandkasten aufgestellt wurden. Auch der eine oder andere Joint wandert schon mal durch die Hände der jungen Menschen. Kinder, für die dieser Platz eigentlich geschaffen wurde, trauen sich hier schon lange nicht mehr hin.

In der fünften Etage sind die Friedrichs zu Hause. Eine junge Familie mit drei Kindern und einem Vater der als Elektriker sein Geld verdient. Die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Wunschkinder der Familie. Geld haben sie wenig, aber es reicht, um die monatlichen Rechnungen zu begleichen und satt zu werden. Gelegentlich ist auch das eine oder andere Spielzeug für die Kinder drin. Meist sind die kleinen Geschenke, die der Vater besorgt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, gebraucht. Trotzdem strahlen die Kinder jedes Mal, wenn der Vater seine Mitbringsel auspackt und für einen kurzen Moment ist der ansonsten frustrierte Arbeiter glücklich. Jedes Kind bekommt etwas, dass in etwa den gleichen materiellen Wert aufweist. Der Vater will keinen Streit unter den Kindern und achtet penibel auf die Wertigkeit der Präsente, die er meist auf dem Flohmarkt besorgt.

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach…

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach. Auch die Möbel wurden gebraucht gekauft und sind bunt durcheinander gewürfelt. Im Wohnzimmer findet man ein großes Ecksofa in Rot, eine Schrankwand mit zwei Glastüren in Weiß und einen abgewetzten Teppich in Blau. Nur das Fernsehgerät der Marke Samsung wurde neu erworben. Lange hat die Familie gespart und auf Urlaub verzichtet, um sich das 65 Zoll große Gerät zu leisten.

Nun läuft der Apparat den ganzen Tag und alle Familienmitglieder sind der gleichen Meinung: Für dieses Gerät zu sparen und zu verzichten hat sich wirklich gelohnt. Groß, protzig und ein Bild das sich, im wahrsten Sinne des Wortes, sehen lassen kann. Ultra HD, Tripple Tuner und auch internetfähig ist die flache Flimmerkiste. Tagsüber, wenn der Vater auf der Arbeit ist und die Kinder die nahe gelegene Hauptschule besuchen, läuft der Shopping-Kanal und die Hausfrau kann beim Wischen, Waschen, Bügeln und beim Saugen von Dingen träumen, die sie sich nicht leisten kann.

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen…

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, werden die Hausaufgaben im Wohnzimmer vor dem laufenden Fernseher erledigt. Die Mutter hat nichts dagegen denn sie ist der Meinung, dass Fernsehen nicht nur unterhaltsam ist, sondern in erster Linie bildet. Fast ihr gesamtes Fachwissen rund um die Haushaltsführung hat sie sich beim Fernsehen angeeignet. Dass ihre Kinder Sendungen schauen, die für Ihr Alter nicht geeignet sind oder Programme glotzen, die doch nicht zur Aneignung von Allgemeinwissen geeignet sind, interessiert die Hausfrau wenig bis gar nicht. Wissen hätten die Kinder zwar dringend nötig, aber der Dame des Hauses erscheint es wichtiger, dass die Kinder glücklich und zufrieden wirken und gelegentlich auch einfach mal die Fresse halten und sie in Ruhe lassen.

Besonders jetzt. Es muss gekocht werden, denn das übergewichtige Oberhaupt der Familie ist auf dem Weg nach Hause. Jeden Tag meldet er sein Erscheinen im heimeligen Plattenbau fernmündlich an, denn er bringt einen Bärenhunger mit nach Hause und will auf sein wohlverdientes Essen nicht allzu lange warten. Noch im Blaumann und mit ein paar Lüsterklemmen in der Hosentasche nimmt der Malocher dann auf der Couch neben seiner Frau und den Kindern platz. Gegessen wird nämlich, wie soll es anders sein, ebenfalls im Wohnzimmer vor der Glotze. Nun laufen Serien wie: „Berlin-Tag & Nacht“, „Der Trödeltrupp“, „Betrugsfälle“, „Der Blaulichtreport“ oder „Sterne von Berlin“ und bringen die gesamte Familie in Verzückung.

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe…

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe ein weiteres Mal auf dem Sofa, futtert scheffelweise Chips, Popcorn, Erdnüsse und tafelweise Schokolade und erfreut sich an Sendungen wie: „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“, „Das Supertalent“, und „Deutschland sucht den Superstar“. Alle sind sodann entzückt von den doofen Menschen, die sich in den Unterhaltungsshows regelmäßig zum Affen machen. Dann und wann verdrücken die Friedrichs auch ein paar Tränen. Vor Rührung ganz starr, verfolgen sie dann gebannt die Handlungen des Kandidaten auf der Bühne, der nicht nur gut aussieht, sondern zusätzlich noch die Fähigkeit besitzt, gelegentlich den richtigen Ton beim Singen zu treffen.

Wenn zum späten Abend die Kinder endlich im Bett liegen und sich auf den anstrengenden Tag in der Schule vorbereiten und sich auch die Frau mit Migräne im Schlafgemach verbarrikadiert hat, kommt die Zeit des Familienoberhaupts. Der schwer arbeitende Mann holt sich dann eine eiskalte Dose Bier aus dem Kühlschrank und macht es sich, bewaffnet mit einem Stück Pizza vom Vortag, auf der Couch vor dem riesigen Fernseher bequem. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde damit verbracht hat durch die Kanäle zu zappen, bleibt er dann doch, wie fast am jeden Abend, auf Sport 1 hängen und verfolgt die anmutigen Bewegungen der freizügigen Damen, die die Hauptrollen bei den „Sexy Sport Clips“ spielen, kratz sich dabei am Gemächt und träumt von einer besseren Welt.

Die bärtige Martina

Es war einer dieser Tage, an denen keiner meiner Kumpels Zeit zum Saufen finden konnte. Es war nicht Freitag und auch nicht Samstag, dennoch hatte ich das Verlangen mir nicht zu wenige Biere und ein paar Schnäpse in den Rachen zu schütten. Ich hängte mich also ans Telefon und druckte die Tasten des betagten Gerätes, mehrere male. Ich sprach mit Tim, ich sprach mit Marc, ich quatschte mit Leo und auch mit Benny doch niemand hatte Zeit. Einige mussten am nächsten Tag arbeiten, andere hatten ihre Geschäfte am Laufen und wieder andere wollten den Tag auf der Couch vor der Glotze, oder auf ihrer Alten verbringen.

Da mir aber die Decke auf dem Kopf fiel und ich auch keine Kippen mehr in der Schachtel hatte, musste ich handeln. Ich warf mir also ein paar Klamotten über, gelte mir die Haare nach hinten und verließ die kleine, muffige Wohnung nur allzu gerne. Ich wohnte am Rande der Innenstadt. Den Weg ins Innere der City legte ich im Normalfall mit der U-Bahn zurück. So auch heute. Ich nahm einen kleinen Umweg in Kauf und machte kurz Halt an Theos Bude. Theo reichte mir, ohne danach gefragt zu haben, die Schachtel mit den Glimmstengeln durch das kleine Fenster, verabschiedetet sich und verriegelte die Luke wieder. Man kennt und versteht sich ohne Worte.

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran…

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran. Ich hatte mächtig Schmacht. Ich rauchte einfach schon zu lange und zu viel. Wie an einem Band gezogen ging ich dabei weiter. Der Weg zur U-Bahn-Station war kurz und so rauchte ich noch als ich die vielen Treppen zum Bahngleis hinunterstieg. Das hier herrschende Rauchverbot interessierte mich nicht die Bohne. Unten angekommen nahm ich die nächstbeste Bahn. Hier fuhren alle der rot-weißen, mit Graffiti übersäten Beförderungsmittel auf Schienen zum Hauptbahnhof. Gut so.

Ich setzte mich auf einer der freien Sitzplätze, mit abgewetzten zum Teil eingeschnittenen Polster, neben einer betagten, uralten Dame. Sie hatte auffallend viele Falten im Gesicht und ihre Augen waren Müde und sehnten sich nach dem Tod. Sie beachtete mich nicht. Mein Blick wanderte durch die Bahn und ich schaute in viele gelangweilte Gesichter. Niemand unterhielt sich, oder suchte Blickkontakt zu seinem Gegenüber. Die drei Stationen flogen an mir vorbei, als wären sie nichts und ich stieg aus.

Im Bahnhof herrschte reges Treiben…

Im Bahnhof herrschte reges Treiben. An diesem Ort haben es alle Menschen eilig und wuseln herum, mit Koffern und Taschen in den Händen und Rucksäcken auf den Rücken und versuchen auf schnellsten Wege irgendwo hinzugelangen. Zum nächsten Gleis, zum Busbahnhof zur Verabredung mit dem neuen Stecher im Schnellrestaurant mit dem roten M, oder wie ich in die Kneipe. Umbemerkt passte ich mich dem Tempo der Masse an und durchquerte im Stechschritt die langen unterirdischen Gänge bis ich endlich eine Rolltreppe fand, die mich hinaufbeförderte und schlussendlich ins Freie entließ.

Oben angekommen ging es wieder gemäßigter zu und auch ich setzte wieder im normalen Tempo einen Fuß vor den anderen. Ich steuerte die Kneipe an, in der ich gerne mein Wochenende verbrachte und einige Bekanntschaften hatte. Windige Burschen, abgewrackte Frauen und tätowierte Taugenichtse. Menschen mit Charakter und spannenden zu erzählenden Geschichten und einer meist miesen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Woche war ich hier noch nie und ich wusste nicht, was mich erwartete.

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte…

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte und an der Fensterfront vorbeischlich. Im Gegensatz zum Wochenende schien nicht viel los zu sein. An Freitagen und an Samstagen war um diese Uhrzeit schon die Hölle los. Aus der Kneipe waberte dann laute Musik, vor der Tür standen Leute tranken Bier und unterhielten sich lautstark und wurden misstrauisch vom muskelbepackten Türsteher, der auf seinem Hocker vor der Tür saß, beäugt. Heute war nichts davon zu sehen.

Als ich durch die Tür trat und mich ins dunklere, verrauchte Innere begab, fand ich die elende, schmierige Kaschemme fast leer vor. Es waren genau vier Personen anwesend, wovon eine die Wirtin namens Brunhilde war. Diese war im hiesigen Nachtleben bekannt wie ein bunter Hund und hatte schon einige unschöne Szenen miterlebt. Ich bildete mir ein zu wissen, dass sie sich nicht selten einen schöneren Verlauf ihres eigenen Daseins wünschte, schob den Gedanken aber schnell beiseite als ich an den Tresen trat, sie begrüßte und ein großes Bier bestellte.

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei…

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei. Es waren allesamt Männer. Der Erste war untersetzt, hatte einen gezwirbelten Schnauzbart und grau melierte, gepflegte Haare. Der Zweite im Bunde war lang und dünn und trug einen Hut auf den Kopf, wie man ihn sonst meist mit Humphrey Bogart aus Casablanca verbindet. Der dritte und letzte der drei Haudegen, war unscheinbar und eher zierlich, trug aber einen markanten buschigen Vollbart im Gesicht und hatte wache, aufmerksame Augen. Er bemerkte sofort, dass ich das Trio beobachtet hatte und ich fühlte mich ertappt.

Als das Bier vor mir stand, setzte ich den Humpen an, nahm einen großen Schluck und stellte danach das große Glas behutsam auf den noch strichfreien Deckel. Im Anschluss daran steckte ich mir eine weitere Kippe in den Mundwinkel und entzündete diese mit einem Streichholz. Ich versuchte mich nur auf das Rauchen und das Saufen zu konzentrieren und kein weiteres Mal zu den anderen hinüberzuschauen. Die drei waren damit beschäftigt zu knobeln. Sie hatten schon einige intus. Ich hörte es an ihrem Lachen und ihrem lallenden Geschwafel.

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir einen Pause machten und rauchten…

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir eine Pause machten um zu rauchen, spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Es war der mit dem buschigen Bart. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte: „Komm doch rüber zu uns und drehe ein paar Würfelbecher. Du wirst merken, die niederträchtige Zeit geht viel schneller vorbei und das Bier schmeckt in einer geselligen Runde noch ein wenig besser.“ Erstaunt blickte ich in sein Gesicht, nickte, stand auf und erwiderte: „Da könntest du wirklich recht haben.“

Ich gesellte mich zu ihnen und ließ mich ein mit den merkwürdigen Männern, die genauso wie ich einen Tag in der Woche auserkoren hatten, um sich zu besaufen. Einer nach den anderen stellte sich vor. Der mit dem Hut hieß Reiner und paffte eine stinkende Zigarre. Der mit dem Schnäuzer stellte sich als Peter vor und stürzte danach einen Doppelkorn hinunter. Der bärtige hieß Martin, bestand aber darauf, Martina genannt zu werden. Ich war erstaunt beließ es aber vorerst dabei.

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher…

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher, stellte ihn merkwürdig lächelnd vor mich ab und verschwand wieder in die uns gegenüberliegende Ecke des Tresens, setze sich auf ihren Hocker mit rotem Kissen und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. Bevor wir das Spiel starteten, hatte ich mich in der Toilette versichert, dass ich genug Geld dabei hatte, um in Falle einer oder mehrerer Niederlagen beim Würfeln meinen Deckel zu begleichen. Allerdings war es mir mit Sicherheit vergönnt, im ganz großen Notfall, bei Brunhilde einen Deckel zu machen und diesen am Freitag zu begleichen. Man kennt sich eben und versteht sich meist ohne viele Worte.

Mit eingeübten Bewegungen schüttelten wir Würfel, drehten Becher und hauten diese ungalant auf den Tisch. Einmal verlor Peter und schlug mit der flachen Pranke brachial auf den Tresen. Brunhilde blickte kurz von ihrem Boulevard-Blättchen auf, um uns einen bösen Blick zuzuwerfen, beließ es aber bei dieser nonverbalen mahnenden Warnung. Anschließend verlor Rainer, paffte seinen Stumpen und zahlte artig die nächsten Biere für uns. Dann war ich an der Reihe. Gleich zwei aufeinanderfolgende Male verlor ich. Schock aus, Schock 6, Schock 6. Was soll man dem entgegensetzen? Ich musste also doppelt blechen.

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit…

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit unschönen Strichen. Netterweise fing immerhin das Bier an zu schmecken und wurde spürbar in der Blutbahn. Gut so. Dann, als wir noch ein paar weitere Runden gezockt hatte, sind wir übergegangen von Bier auf Doppelkorn. Wir konnten einfach nicht mehr so schnell das viele Bier herunterkippen, wie wir unsere Runden verloren. Ich wusste, dass es ein teurer Abend wird, noch bevor Rainer vom Hocker rutschte und auf dem klebrigen Boden vor dem Tresen liegen blieb.

Vorsichtig hoben wir Rainer auf und bugsierten ihn auf eine Sitzbank im hinteren Teil der Kneipe. Er solle sich ausruhen, gaben wir ihm mit auf dem Weg, aber er reagierte nicht auf die Ansprache. Trotzdem widmeten wir uns wieder unserem Bier. „Morgen früh, spätestens um fünf, ist der aber weg“, blaffte Brunhilde und hob mahnend den Zeigefinger. Wir drei verbliebenen Saufkumpanen schauten scheel aus der Wäsche, nickten aber artig. Wir waren schließlich nicht von gestern und wussten, dass wir freundlich bleiben mussten, wenn die Dame hinter der Bar weiterhin ihren Zapfhahn für uns öffnen soll.

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg…

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg, zapfte aber artig weiter. Auch Schnaps bekamen wir nicht mehr. Wir fühlten und wie kleine Jungs, denen Mama die Brust verweigerte und fingen an zu diskutieren. Wir redeten über Gott und die Welt, über Politik und über den stinkenden, gemeinen Pöbel. Wir philosophierten über Reisen ins nahegelegenen Holland mit dem ach so liberalen Drogengesetzen, über die günstigen Einkaufsmöglichkeiten in benachbarten Polen und lamentierten über die Gegend die immer schäbiger wird und über die überteuerten Mieten der gammeligen Wohnungen im Plattenbau. Meist waren wir uns einig, hatten die gleiche Meinung und nickten uns eifrig zu. Immer wieder stießen wir an, mit neunen Bieren, und klopften uns in regelmäßigen Abständen auf die gepolsterten Schultern.

Als ich aber die Frauen ins Spiel brachte und anfing meine Unreife ans Tageslicht zu fördern, indem ich mich niveaulos und herablassend über diese äusserte, fing ich mir schnell einen virtuellen Maulkorb ein. Nur Peter und die bärtige Martina waren sich nun einig, hielten Händchen und bauten eine unsichtbare Mauer zwischen uns auf. Ich spürte es sofort. Ich kam nicht mehr an die beiden heran und auch ein letztes Bier, dass ich ausgeben wollte, wurde abgelehnt. Ich zahlte sodann meinen Deckel, gab ein Trinkgeld und beobachte beim Hinausgehen wie sich Peter und Martina innig, mit geschlossenen Augen, küssten. Bart an Bart.

Schlechtwetterfront im Gehirn

Oft kann das Schreiben so einfach sein. Die Gedanken tanzen im Gehirn Tango und übertragen sich auf die Finger, die dann wiederum in Windeseile über die Tastatur huschen und die schönsten, geistreichsten und witzigsten Sätze auf das virtuelle Papier bannen. Blumige Worte. Einfach, schnörkellos und leicht verständlich aber dennoch mit einem gewissen Charme behaftet.

Es gibt aber Tage, die anders sind…

Es gibt aber Tage, die anders sind. Nichts ist es mit huschenden Fingern und blumigen Worten. Im Gehirn sind Wolken aufgezogen. Dunkel und bedrohlich. Sie bilden eine undurchdringbare Front für die wohligen Geistesblitze und verhindern die süße Symbiose zwischen den Windungen im Gehirn, den Fingern und der schwarzen Tastatur aus dem Hause Microsoft. Häufig kommt dann noch Regen hinzu. Erst fallen nur ein paar Tropfen. Der erste Tropfen bringt den Hass mit, der nächste die Trauer und ein weiterer die Wut. Doch schon bald wird aus den vereinzelten Tropfen, ein heftiger Schauer, der schon bald in einen ausgedehnten Sturm mündet. Alles Schlechte plätschert aus den Regenwolken herab und fördert mehr und mehr Ungemach hervor. Wild wird auf die Tasten gehämmert. Vulgäres, undiszipliniertes Geschmiere das die Welt nicht braucht.

Morgendliche Rituale alleinstehender Menschen

Heute wollen wir unseren fokussierenden Blick einmal auf das Geschehen in zwei verschiedenen Haushalten werfen. Beide darin lebende Protagonisten sind ledig, kinderlos und leben alleine in einer Wohnung. Beide sind um die vierzig Jahre alt und stehen, wie man häufig so lapidar daher sagt, mit beiden Beinen fest im Leben. Beide können mit ihrem, aus dem Job generierten, Einkommen alle Rechnungen pünktlich begleichen. Schlussendlich bleiben noch ein paar Euros über, um ein Leben zu führen, dass beiden Menschen den Zutritt zur mittleren Einkommensschicht gewährt.

Dem aufmerksamen Leser wird bereits jetzt aufgefallen sein, dass die beiden erwähnten Personen, um die es heute gehen soll, einige Gemeinsamkeiten haben. Im Laufe des Textes wird aber auch der letzte Leser nicht umhinkommen zu bemerken, das beide hier beschriebene Menschen dennoch sehr viele Unterschiede aufweisen. Insbesondere hinsichtlich deren Charakterzüge und der daraus resultierenden Verhaltensweisen wird einem klar, das es sich hierbei um eine Frau und einem Mann handeln muss. Dies zeigt sich besonders dann, wenn wir unseren Blick auf den Beginn eines jedweden Tages werfen und die beiden Hauptpersonen dabei beobachten wie sie sich auf den anstrengenden, vor ihnen liegenden, Arbeitstag vorbereiten.

Bevor wir nun wirklich in das interessante morgendliche Geschehen in den beiden Haushalten einsteigen, möchte ich hier noch einmal eindeutig und unmissverständlich darauf hinweisen, dass mir durchaus bewusst ist, dass meine Schreibweise häufig klischeehaft und mit einem veralteten Blick auf beide Geschlechter ausgestattet ist. Dennoch wird der eine oder andere Leser – und davon bin ich vollends überzeugt – sich an der einen oder anderen Stelle wiederkennen, oder zumindest jemanden kennen, der ähnliches oder gleiches Verhalten an den Tag legt. Um noch deutlicher in Stereotypen zu denken und sämtliche Gutmenschen auf die Palme zu bringen, werde ich die einzelnen Passagen, stringent und nach Geschlecht getrennt, in Rosa und blau auf das virtuelle Papier bannen.

Der altmodische Wecker, der ganz in Pink gehalten ist, klingelt genau dreimal. Die Dame des Hauses setzt sich im Bett auf, nimmt ihre Schlafmaske ab und schwingt die Beine behäbig aus dem Bett. Sie ist noch müde, aber sie hat sich angewöhnt direkt beim ersten Klingeln des Weckers aufzustehen. Sich nochmals umzudrehen und die Augen ein paar Minuten zu schließen verwehrt sie sich, denn irgendwo hat sie gelesen, dass man dann noch müder sei. Ihr Blick wandert als Erstes in einer der großen Spiegeltüren des riesigen, weißen Schrankes von Ikea. Angewidert blickt sie in ein verschlafenes, alterndes Gesicht einer Frau von 38 Jahren. Schnell wendet sie den Blick ab, geht aus dem Schlafzimmer in die Küche und bereitet ihr Frühstück vor.

Nachdem der Wecker drei bis viermal in den Schlummermodus versetzt wurde, steht der Mann auch schon auf. Ganz zerknittert sieht der sonst eigentlich attraktive Kerl, der schwer auf die vierzig zugeht, aus. Gestern war er spät im Bett. Zu spät, denn eigentlich braucht er mindestens sieben Stunden Schlaf um fit zu werden. Das war auch schon einmal anders, aber der Lack ist ab, wie man so schön sagt. Doch zaudern bringt nichts, denn auch heute muss er wie jeden anderen Werktag ins Büro. Wichtige Aufgaben und ein Termin, der durchaus vielversprechend klingt, warten auf ihn. Wie jeden Morgen spult er also sein Programm, das ihn nicht nur sauber und gepflegt, sondern auch satt werden lässt, ab. Zuerst wird die Kaffeemaschine angestellt, denn nichts ist schlimmer als ein Tag ohne seine morgendliche Tasse Kaffee und die obligatorische filterlose Zigarette dazu.

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich…

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich. Stattdessen kocht Sie Wasser in einen, mit Blümchen verzierten, Teekessel den Sie von Ihrer Mutter geerbt hat. Das Frühstück besteht aus fair angebauten grünen Tee, den sie ausschließlich im feinen Teeladen der hiesigen Innenstadt kauft und einem gesunden Müsli mit viel Obst und wenig fettreduzierten Quark. Beim Frühstück blättert sie, wie jeden Morgen, in einer ihrer Zeitschriften zum Thema Dekorieren und Einrichten und holt sich dabei Anregungen für die eigene Wohnung. Ihr ist es wichtig, dass ihr kleines aber feines Heim immer schön dekoriert und die Dekorationen der Jahreszeit entsprechend ausgewählt sind. Nach dem Frühstück beschließt sie zu Duschen und geht in das penibel gereinigte Bad.

Danach geht auch der Mann ins Bad, schlüpft aus dem Pyjama und betrachtet seinen nackten alternden Körper im großen Spiegel, der eine Wand des Bades ziert. Er findet, dass er sich ganz gut gehalten hat. Oft wird er sogar jünger geschätzt, als er eigentlich ist. Das schmeichelt ihm, auch wenn er weiß, dass es manchmal, vielleicht sogar öfter, nur Höflichkeit ist. Klar, er ist kein Adonis, aber schlank und an den richtigen Stellen ein wenig muskulös. Ein wenig Bauchspeck hat er angesetzt, aber das stört ihn nicht weiter. Er isst einfach zu gerne und auch auf das eine oder andere kühle Bier will er nicht verzichten. Die Brust ist behaart und auch den Bauch zieren nicht wenige Haare. Vor ein paar Jahren hat er sich in regelmäßigen Abständen die Brust rasiert, aber damit hat er schon lange aufgehört, denn bereits nach drei bis vier Tagen sprießen die ersten Haare wieder und es juckt wie verrückt. Das ist einfach so. Damit müssen sich eben alle abfinden, vor allem die Frauen, findet er.

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug…

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug und beobachtet dabei jede Bewegung im übergroßen Spiegel. Auch ihr rosafarbener Sportslip wird nun heruntergezogen und landet auf dem Fußboden. Nun steht sie nackt vor dem Spiegel und vermeidet jeden weiteren Blick in den selbigen. Sie weiß, dass sie zu fett ist, ihr Arsch mit den Jahren immer dicker geworden ist, sie unter Orangenhaut leidet und ihre Brüste immer mehr gen Boden wandern. Dass nicht wenige ihrer Arbeitskollegen sie fast täglich mit den Blicken ausziehen und sie regelmäßig Komplimente bekommt, tut sie als „Schwanzdenken“ ab und behauptet immer, dass diese Typen wohl jede Frau ins Bett kriegen wollen, egal wie sie aussieht. Eilig steigt sie in die Duschkabine um endlich den bösen Spiegel, der Sie allmorgendlich ärgert zu entkommen. Penibel wird die Temperatur des Wassers eingestellt. Nicht zu warm und nicht zu kalt darf es sein, damit die Dame sich wohlfühlt.

Der Blick des Mannes wandert weiter an seinem Körper herunter. Sein Penis hängt schlaff über den prallen Hodensack zwischen den Beinen. Er findet ihn ein wenig zu klein, aber er tröstet sich immer mit dem Gedanken, dass er gut mit ihm umgehen kann und die meisten Frauen, mit denen er im Bett gelandet ist, danach zumindest befriedigt aussahen. Auch hier rasiert sich der Mann nicht, kürzt aber an ein paar Stellen die Haare mit einer kleinen Schere, die extra hierfür angeschafft wurde. Auch die Beine sind behaart. An dieser Stelle hat er sich nie rasiert und würde auch gar nicht auf die Idee kommen. Er amüsiert sich jedes Mal über die Radsportler, auf ihren Weg durch die malerischen Landschaften und verschlafenen Städtchen Frankreichs, die durchweg glattrasierte Beine haben. Wenn Sie jetzt noch ein paar Hochhackige Pumps dazu tragen würden, könnte er sich glatt in den einen oder anderen Sportler verlieben, sagt er immer.

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare…

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare dürfen auf keinen Fall nass werden. Haare waschen ist für Sie eine andere Tätigkeit als das Duschen und wird ausschließlich abends, nach dem anstrengenden Tag im Büro erledigt. Der Griff nach dem Duschgel erweist sich schwieriger als gedacht, denn sie kann sich nicht zwischen den vielen Tuben und Spendern entscheiden. Mehr als 15 verschiedene Sorten zieren den Rand der Duschkabine und alle wurden wohlüberlegt angeschafft. Nach kurzer Überlegung greift sie dann doch zu der ersten Tube, die sie in die Finger bekommt, öffnet den Deckel der hübsch verzierten Verpackung und quetscht die Tube, bis die cremige Flüssigkeit den gesamten Handteller bedeckt. Eilig verteilt sie die Cremeseife mit einem Schwamm auf ihren Körper. Dabei ist sie immer drauf bedacht das ihr Intimbereich nichts davon abbekommt, denn für den so sensiblen Bereich hat sie eine eigene Seife. Knapp fünf Minuten verbringt sie damit ihren gesamten Körper zu reinigen, um danach den Schaum abzuwaschen.

Schnell springt er unter die Dusche und lässt, dass fast kochende Wasser, über seinen Kopf und den gesamten Körper laufen. Zuerst werden die Haare gewaschen. Das Anti-Schuppen-Shampoo nutzt er schon seit Jahren und ist zufrieden damit. Ihm ist es wichtig, dass er immer das gleiche Produkt im Drogerieladen bekommt, denn damit hat er gute Erfahrungen gemacht. Sein Haar ist und bleibt damit schuppenfrei.

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz…

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz. Nichts ist schlimmer als eine Frau, die an den wesentlichen Stellen unrasiert daherkommt, findet sie und so rasiert sie sich täglich unter den Achseln und an den Beinen. Auch ein paar Schamhaare müssen dran glauben. Für diese Prozedur nimmt sie sich Zeit, auch wenn sie weiß, dass sie nicht mehr viel davon hat. Das Schminken und Stylen muss heute zügig gehen, wenn sie ausnahmsweise pünktlich im Büro sein will. Als sie endlich zufrieden mit ihrem Ergebnis ist und auch die letzten unschönen Härchen im Abfluss verschwunden sind, steigt sie aus der Dusche, trocknet sich ab, zieht einen frischen Slip und ein BH an und beginnt sich vor dem Spiegel zu schminken. Es dauert lange bis die Fältchen unter einer dicken Schicht Schminke verschwunden sind, der Lidschatten perfekt gezogen wurde und der Lippenstift, die ansonsten viel zu schmalen Lippen, etwas sinnlicher wirken lässt.

Beim Mann hingegen ist als Nächstes der Körper dran. Beim Duschgel ist er nicht so wählerisch. Häufig nimmt er einfach das billigste, das ihm in die Hände fällt. Sauber werden sie wohl alle machen und riechen tun sie ausnahmslos nicht schlecht. Die Duschbrause wird zur Seite geschoben, der gesamte Körper eingeseift und auch die entlegensten Stellen saubergerubbelt. Danach stellt er sich wieder unter das laufende Wasser und befreit seinen Körper vom Schaum.

Nur in Unterwäsche bekleidet macht sie sich wieder auf den Weg…

Nur in Unterwäsche bekleidet mach sie sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer und öffnet einer der Türen des großen Schrankes, um sich die Kleidung für den heutigen Tag herauszusuchen. In Reih und Glied und nach Farben sortiert, hängen hier Hosenanzüge, Röcke, Blusen und auch ein paar Kleider zum Ausgehen. Über der Stange mit den Bügeln gibt es mehrere Regalbretter, ausschließlich für Sportbekleidung, T-Shirts und die legeren Jeanshosen für die Freizeit. Darunter befinden sich mehrere, kleine Schubladen aus Plastik. Eine für Unterwäsche, die nächste für Strümpfe und Strumpfhosen, eine für Schals und Tücher und in der letzten Befindet sich eine Schatulle mit ihrem Schmuck. Auch hier hat sie es schwer sich zu entscheiden. Die Auswahl ist beiläufig bemerkt zu groß, aber sie kann sich einfach nicht von den vielen schönen Sachen, die allesamt teuer waren, trennen. Hier hängen auch viele Klamotten, die ihr schon seit Jahren nicht mehr passen, doch sie will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie sich auch in diesen irgendwann wieder hineinpressen kann, ohne sich wie eine Ölsardine zu fühlen.

Der Mann putzt sich mittlerweile die Zähne. Auch diese Aufgabe erledigt er unter der Dusche. Das spart Zeit, wie er findet und Zeit ist bekanntlich Geld. Er steigt aus der Duschkabine auf ein Handtuch für die Füße und trocknet seine Haare und seinen Körper mit einem Frotteehandtuch ab. Schnell schlüpft er in seine vorher bereit gelegten Boxershorts, seine Jeans und in ein weißes T-Shirt. Nun kommt der Elektro-Rasierer zum Einsatz. Mit einer über die Jahre hinweg perfektionierten Bewegung entfernt er mühelos die Bartstoppeln die jeden Tag aufs Neue sprießen. Nun noch die spärlich gewordene Haarmähne kämmen und fertig ist er mit dem Reinigungsritual.

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung…

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung entscheidet sie sich für eine schwarze, körperbetonte Hose und eine weiße eng anliegende Bluse. Die obersten beiden Knöpfe des Oberteils lässt sie bewusst auf. Im Laufe ihrer beruflichen Karriere hat sie gelernt mit den Waffen einer Frau zu kämpfen. Sie hofft, dass der Idiot aus der Buchhaltung sich mehr mit dem Innenleben ihrer Bluse, als mit ihren Zahlen auf dem Notebook beschäftigt, denn Ihre Ergebnisse waren diesen Monat nicht perfekt. Nun noch ein paar hochhackige Schuhe, die ihren Hintern besser zur Geltung kommen lassen und der Tag kann kommen.

Die Zeit ist knapp und so verzichtet er heute auf sein Frühstück. Kurzerhand beschließt er sich, unterwegs, ein belegtes Brötchen beim hiesigen Bäcker zu besorgen. Die gewonnene Zeit gibt ihm immerhin die Möglichkeit eine Tasse Kaffee und eine filterlose Zigarette zu genießen. Beides gönnt er sich auf seinen Balkon und überfliegt dabei die neuesten News auf sein Tablet. Ist auch das erledigt, schlüpft er in seine Jacke, schließt die Tür hinter sich ab und steigt in seinen roten Camaro und braust, wie immer ein wenig zu schnell, zur Arbeit.

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang…

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang. Alle Fenster sind mit einem kleinen Schloss ausgestattet, das vor Einbruch sichern soll. Diese werden alle penibel begutachtet. Sodann werden alle Stecker aus den Steckdosen gezogen und der Herd mindestens dreimal auf die ordnungsgemäße Abstellung kontrolliert. Erst dann kann die Dame des Hauses die Wohnungstür hinter sich schließen, um das Haus zu verlassen, nur um eine Minute später nochmals zurückzukehren um nochmals zu checken, ob sie auch wirklich und wahrhaftig die Wohnungstür vorschriftsmäßig verriegelt hat. Sie war sich einfach nicht mehr sicher. Endlich findet sie den Weg zu Ihren kleinen geliebten Fiat 500, der zu ihrem Verdruss mal wieder zugeparkt wurde. Nur eineinhalb Meter nach vorn und nach hinten hat man ihr zum Ausparken gelassen. Das wird eng. Geschlagene 5 Minuten braucht die knallharte Businessfrau um aus der Parklücke zu kommen, weitere 10 Minuten durch die engen Straßen der Vorstadt um dann die Autobahn zu befahren und mit wahnwitzigen 80 Sachen zur Arbeitsstätte zu düsen.

Immer wieder sonntags

Wenn man einer von denen ist, die die Bräuche des Christentums nicht bis ins Detail zelebrieren, dann kann so ein Sonntag durchaus schon einmal langweilig werden. Wenn man am Vormittag den Kater vom Vorabend endlich erfolgreich mit einer 800er-Iboprofen-Tablette, die behutsam aus dem Alu-Blister gequetscht wurde, erfolgreich bekämpft und hinter sich gelassen hat, tritt einem die Langweile, imaginär aber dennoch deutlich spürbar, in das runzelige Gemächt.

Gerade dann, wenn man es sich auf dem billigen Schwingsessel aus dem Hause Ikea gemütlich gemacht hat und die schweren, krampfadrigen Beine auf den davor drapierten gleichfarbigen Hocker des gleichnamigen Designers abgelegt hat, trifft sie einen mit voller Wucht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Batterien der abgenutzten, speckigen Fernbedienung, des hochmodernen flachen TV-Geräts, seinen Geist aufgegeben haben. Da man zu faul ist aufzustehen und neue Energiespender, erst aus der untersten Schublade der Kommode aus Pressspan zu holen und sodann in die Fernbedienung zu schieben, bleibt man halt auf dem aktuell laufenden Sender hängen.

“Scheiß drauf, läuft doch eh überall nur Mist”, denkt man und…

„Scheiß darauf, läuft doch eh überall nur Mist“, denkt man und ärgert sich dann aber doch, dass die Batterien so weit vom eigenen Standort entfernt sind und beobachtet angewidert wie eine Blondine, aus dem ehemaligen Osten des Landes, durch den Fernsehgarten juckelt und von einem Fettnäpfchen ins nächste wandelt. Irgendwann, wenn man vor Antriebslosigkeit und innerer Leere wieder eingenickt ist, wird man unsanft von der Pranke der liebenden Gattin auf den Schultern geweckt und an den Mittagstisch gelotst.

Das Weib hat sich ihre Zeit damit vertrieben, indem sie sich in der Küche eingeschlossen, gekocht und dabei Schlager von Howard, Drafi, Roger, Roy oder – wenn es wenig moderner sein sollte – von Helene angehört hat. Die Schmonzetten, die blechern aus dem billigen Unterschrankradio durch den kleinen Küchenraum schallen, laufen auch dann noch, als sich der Mann bereits an den Küchentisch gesetzt hat. Vor Hunger sabbernd wartet er sodann auf den, von seiner Frau hoffentlich gut gefüllten Teller und kommt dabei nicht umhin mit dem rechten Fuß, unter dem Tisch, den Takt der Musik mitzuschwingen.

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem…

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem, auf dem mit einer bunt gemusterten Wachstuchtischdecke bekleideten Massivholztisch gestellt wird, kann man sich vor Ungeduld kaum noch im Zaum halten und hält sowohl die Gabel als auch das Messer bereits in den Händen. Hurtig verschlingt man sodann gierig das mit Liebe gekochte Mahl und kleckert nicht nur auf den Tisch und auf den Stuhl, sondern auch auf das frisch gestärkte und gebügelte Hemd, das einem die Frau morgens zum Anziehen bereitgelegt hat.

Als alles Essbare vertilgt wurde und auch das große Glas Bier, dass einem die angetraute Göttergattin liebenswerte Weise zum Essen spendiert hat, im Schlund verschwunden ist, lässt man die Frau mit den liebgewonnenen Reinigungsarbeiten alleine und verzieht sich in seinen Hobbykeller, um sich ausgiebig seiner Briefmarkensammlung zu widmen. Erst am Nachmittag hört man, wie eine wildgewordene Furie gestresst gegen die Holztür klopft und einem so zu verstehen gibt, dass die eigene Anwesenheit eine Etage höher gewünscht wird.

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt…

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt schon auf der Treppe den Duft eines frisch gebackenen Kuchens und erklimmt sodann ein wenig schneller die wenigen Stufen. Oben angekommen, wandert man mit Karacho durch den Flur mit den an die 70er-Jahre erinnernde braun-orangene Mustertapete und der überfüllten Garderobe und erscheint erneut in der Küche, wo die Frau bereits auf einem wartet. Der Tisch ist nun eingedeckt mit dem geerbten, guten Kaffeeservice von Oma-Resi, eine Thermoskanne und einem Tablett mit Käsekuchen.

Schweigsam vertilgt man sodann drei bis vier Stücke des leckeren Gebäcks und trinkt heißen Kaffee. Ein oder zweimal ist man versucht, die ersten Worte des Tages mit seiner Ehefrau zu wechseln, gibt aber rasch auf, da die eben genannte in einer Illustrierten vertieft ist. Seie Gattin ist ganz darauf erpicht zu erfahren, was in den Königshäusern der Welt passiert, wo die Promis des Landes Urlaub gemacht haben und welcher von Ihnen, unverschämter Weise fremd gegangen ist. Dieses Wissen ist für sie zum völligen Unverständnis des Gatten extrem wichtig, denn nur so ist sie in der Lage sich mit der verhassten Nachbarin darüber ausgiebig und bei jeder Gelegenheit auszutauschen.

Nach dem Kaffeekränzchen zu zwei hat seine Frau eine Idee…

Nach dem Kaffeekränzchen zu zweit hat seine Frau eine Idee. Eine Idee, die sie bedauerlicherweise jeden Sonntag, wenn es nicht gerade in Strömen regnet, hat. Sie will Spazierengehen. Eine Tätigkeit, die dem Mann derart zu Wider ist, dass er sich selbst lieber einen Pullover mit Waffelmuster stricken würde. Trotzdem schmeißen sich beide kurze Zeit später Ihre Jacken über den Wamms, verlassen das Haus und latschen eine kleine Runde an den nahegelegenen Feldern vorbei. Als sie nach etwas einer Stunde das Haus wieder erreichen, wartet bereits die Nachbarin, die im Vorgarten selbstredend total zufällig gerade um diese Zeit, die Rosen schneidet auf sie und verwickelt sie in ein zwangloses aber total langweiliges Gespräch.

Als die beiden Quasselstrippen endlich bei Kate und William angelangt sind, kann sich der Mann unbemerkt entfernen und verschwindet wieder in den Hobbykeller. Dort verbleibt er bis seine Frau ihn zum Tatort wieder aus den Kellerräumen hochholt. Bei dieser Sendung sind beide Feuer und Flamme und verfolgen hoch konzentriert und gebannt das Treiben auf der Mattscheibe, bis schlussendlich der Mörder gefasst wurde und die Tagesthemen, dass Ende des Tages einläuten. Mehr aus Pflichtbewusstsein als Interesse verfolgen beide Ehepartner die Nachrichten, bis sie schlussendlich einen weiteren langweiligen Sonntag ad acta legen und endlich ins Bett gehen können.