Wegwerfleben

Es ist Freitag. Sieben Uhr in der Früh. Der junge Mann, der versucht sein Leben auf die Reihe zu bekommen, betritt übermüdet, mit zerzausten Haaren, aber pünktlich den Umkleideraum des Umzugsunternehmens. Er trägt die beige Latzhose, die als Arbeitskleidung verpflichtend getragen werden muss. Da es heute sehr warm werden soll, hat er die unmoderne und weit geschnittene Hose bis kurz unter die Knie hochgekrempelt und hofft, dass der Kolonnenschieber nichts dagegen hat.

Der erste Gang führt Peer direkt an das Schwarze Brett. Hier ist aufgelistet, welcher Kolonne er heute zugeteilt ist. Ganz oben steht der Schieber der Truppe, darunter folgen die Knechte. Er steht als Aushilfe ganz unten in der Liste. Wo er eingeteilt wird, ist ihm egal. Scheißegal, um es genauer zu sagen. Die meisten, die hier arbeiten, sind Abschaum in seinen Augen. Alkoholiker, ehemalige Knastbrüder oder Versager ohne Abschluss. Nun gehört auch er dazu.

Nur der Kolonnenschieber, der meist auch den LKW fährt, weiß wer der Auftraggeber ist und wo es hingeht.

Nur der Kolonnenschieber, der meist auch den LKW fährt, weiß wer der Auftragsgeber ist und wo es hingeht. Das wird so gehandhabt, damit es nicht schon im Vorfeld Streit am Schwarzen Brett gibt. Es gibt körperlich sehr belastende Aufträge und solche, wo eine ruhige Kugel geschoben werden kann. Es gibt Aufträge die lange dauern und solche bei denen man früher nach Hause geschickt wird. Da man nur für abgeleistete Stunden bezahlt wird, sind die lang andauernden Aufträge bei den meisten gefragter.

Sein heutiger Kolonnenschieber heißt Markus. Markus ist der Vater des Chefs und ein ZENSIERT vor dem Herrn. Er fährt den LKW und schiebt die Möbel, die seine Knechte herunterschleppen, an die richtige Stelle im LKW. Wenn notwendig zurrt er sie mit einem Gurt fest, oder wickelt eine Decke herum, damit die edlen Teile nicht zerkratzt oder anderweitig beschädigt werden. Er hat den besten Job hier, steht auf dem LKW im Schatten und muss die Möbel und Kartons nicht über oft steile, enge Treppen behutsam erst ins Freie und dann auf die Ladefläche des Wagens wuchten.

Heute haben Peer und seine Truppe ein gutes Los gezogen.

Heute haben Peer und seine Truppe ein gutes Los gezogen. Sie haben einen Privatumzug vor der Brust. Meist ein Job, bei dem es länger dauert und der Auftraggeber häufig nicht nur Getränke und etwas zu Essen stellt, sondern zum Abschluss, wenn alles gut gelaufen ist, den Malochern gönnerhaft ein Trinkgeld in die schwieligen Hände legt. Peer ist zufrieden, auch wenn er heute wahrscheinlich erst spät in das Wochenende gehen kann.

Da Markus noch im Büro ist und sich um die Papiere kümmert, hat Peer noch Zeit sich einen Kaffee zu trinken. Er setzt sich auf einer der beiden langen Bänke, die vor zwei ebenso langen Tischen stehen und packt seine Thermoskanne aus, schüttet sich die heiße Brühe erst in den Becher und dann in den Schlund. Die Bänke erinnern an die hellen, hölzernen Sitzgelegenheiten, die jedermann aus nahezu allen deutschen Sporthallen kennt. Neben ihm sitzt Waschmaschinowski, der Pole ist und eigentlich ganz anders heißt. Da aber niemand seinen richtigen Namen aussprechen kann, wurde er kurzerhand umbenannt. Waschmaschinowski nimmt es gelassen.

Ihm gegenüber sitzt Kalle.

Ihm gegenüber sitzt Kalle. Auch Kalle ist in seinem Team eingeteilt. Kalle hat einen riesigen Bierbauch, ist fast zwei Meter groß und an Armen, Beinen und im Gesicht tätowiert. Er hat keine Haare mehr auf dem Kopf, dafür mehr im Gesicht. Kalle sieht nicht nur aus wie ein Verbrecher, er ist auch einer. Hat lange wegen Totschlags im Knast an der Lübecker Straße gesessen. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist Kalle einer der Wenigen, die Peer nicht nur mit Wertschätzung begegnen, sondern gelegentlich ein Wort mit ihm wechselt.

Zwei weitere elende, unsympathische Typen warten auf Markus im Umkleideraum. Anscheinend gehören auch diese Beiden zur Truppe. Peer kennt sie noch nicht und hat nicht vor, diese Tatsache in Kürze zu ändern. ZENSIERT. Alle Anwesenden rauchen. Da kein Fenster im Raum geöffnet ist, kann man die Luft im Zimmer praktisch schneiden. Niemand scheint sich daran zu stören. Auch Peer schiebt sich eine Selbstgedrehte zwischen die Lippen und entzündet die selbige mit einem Streichholz. Durch die Rauchschwaden blickt Peer auf den monströsen Umzugskarton in der Ecke des Raumes. Er ist voll mit leeren Bierflaschen. Die Sammlung der emsigen Mitarbeiter der Firme von nur einer Woche.

Markus betritt den Umkleideraum.

Markus betritt den Umkleideraum. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm und dem LKW-Schlüssel in der Hand raunzt er Peer und den anderen zu, dass er losgeht. „Der 377er muss vorbereitet werden. 40 Decken, ausreichend Gurte und 6 Kleiderkisten müssen auf den Wagen“, brüllt er und zeigt auf Peer und Waschmaschinowski. Hurtig schraubt Peer seien Deckel auf die Flasche und steht auf. Auch der Pole schickt sich an, den Anweisungen Folge zu leisten. Die anderen drei bleiben sitzen und rauchen. Nach 15 Minuten ist der 377er fertig und auch Kalle und die zwei Neuen steigen ein.

Auf dem Weg zum Kunden hält Markus den kleinen LKW an einem nahegelegenen Kiosk an. Der eine kauft eine Flasche Wasser, der nächste Kippen und eine Bulette, ein Weiterer Blättchen, Tabak und Streichhölzer und Waschmaschinowski zwei Flaschen eisgekühltes Bier. Wieder im hinteren Bereich des Wagens angelangt, holt der Pole aus seinem Rucksack eine leere Thermoskanne und öffnet erst die eine Bierflasche und kippt den Inhalt hinein und dann die andere. „Passen genau zwei Flaschen rein. Man muss nur langsam kippen. Bleibt schön kalt“, sagt Waschmaschinowski und lächelt vielsagend in die Runde.

Beim Kunden angekommen, heißt es schleppen.

Beim Kunden angekommen, heißt es schleppen. Das Ehepaar mit zwei Kindern zieht aus einer Wohnung in der vierten Etage in ein schickes Reihenhäuschen am Stadtrand. Wenigstens die haben irgendwas auf die Kette gebracht in ihrem Leben, denkt Peer und ist traurig über sein eigenes. Unzählige Kartons, teurer aussehende Möbel und eine High-End-Stereoanlage werden erst in den LKW und dann ins neue Haus gebracht. Kleiderkisten werden gefüllt, Kissen, Decken und Stofftiere in Säcke gestopft und Möbel behutsam die vielen Treppen heruntergetragen.

Alle passen schön auf, dass man nirgendwo aneckt. Schließlich will keinen Ärger mit dem Sohn vom Chef und ein möglichst dickes Trinkgeld vom Kunden. Alle schwitzen und schnaufen. Der schlaksig wirkende Pole hat Kraft ohne Ende, kann arbeiten wie ein Pferd und bewegt sich, nachdem er seine Thermoskanne geleert hat, grazil wie eine Balletttänzerin auf der Treppe. Auch der ehemalige Straftäter haut richtig rein. Kalle ist nicht der schnellste, kann aber geschickt mit großen, wuchtigen Möbelstücken auf der Treppe hantieren, ohne irgendetwas zu zerstören.

Die beiden Neuen sind bemüht, aber stellen sich doof an.

Die beiden Neuen sind bemüht, aber stellen sich doof an. Markus merkt das sofort. Damit nichts kaputtgeht, gibt er die Anweisung aus, dass die beiden „Flitzpiepen“ nur Kartons und Pflanzen tragen dürfen. Beide sind beleidigt, tun aber dennoch, was der Kolonnenschieber sagt. Besser für sie. In der Pause gibt es belegte Brötchen, Obst und Wasser. Alle langen kräftig zu. Waschmaschinowski verschwindet zur nächsten Bude, um seine Thermoskanne wieder aufzufüllen. Kalle raucht Kette und Peer nutzt die Gelegenheit, um ein paar Minuten des Schlafes nachzuholen, den er in der vorherigen Nacht nicht bekommen hat.

Eine Stunde nach der Pause ist der LKW endlich komplett voll und die ehemalige Behausung der Familie leer und besenrein. Abfahrt. Alle Malocher quetschen sich auf die freien Plätze neben und hinter dem Fahrer. Markus manövriert den rot-blauen Schlitten geschickt durch die Innenstadt, trinkt dabei einen Underberg, den er aus dem Handschuhfach gefingert hat, spült den Magenbitter mit einem Bier hinunter und lacht lautstark über die Schmuddel-Witze, die der Pole aus der hinteren Reihe herausposaunt. Kalle und Peer rauchen Selbstgedrehte und Lachen ab und zu. Die Neunen schauen gequält aus dem Fenster und halten angestrengt die Fresse.

An der neuen Butze angekommen, werden Möbel, Kisten, Koffer…

An der neuen Butze angekommen, werden Möbel, Kisten, Koffer, Kartons, Elektrogeräte und der ganze andere Plunder wieder ausgepackt und nach Anweisung der Dame des Hauses in die jeweiligen Zimmer geschleppt und dort mehrmals hin- und hergeschoben. Peer ist richtig neidisch auf das Oberhaupt der Familie. Nicht nur, dass der Familienvater nun in einem großartigen Haus mit riesigem Garten leben kann, seine Kinder anscheinend friedlich und wohlerzogen sind, auch seine Gattin ist optisch eine absolute Augenweide und macht auch im gehobenen Alter richtig was her. Peer würde, ohne mit der Wimper zu zucken sein eigenes Leben, gegen das vom Auftraggeber tauschen.

Als gegen halb sechs endlich alles an Ort und Stelle steht, der Glückspilz seine Unterschrift unter dem Arbeitspapier gesetzt hat, zückt er sein Portemonnaie und drückt jedem der Arbeiter ein zwanzig Mark Schein in die Hand. Auf der Rückfahrt ist es im LKW deutlich ruhiger. Alle sind ausgepowert, geschafft und freuen sich auf den Feierabend. Markus hält ein letztes Mal vor dem Kiosk. Alle bis auf die beiden neuen kaufen sich Bier. Peer zwei Flaschen, Kalle und Waschmaschinowski jeweils vier und Markus drei und ein paar Underberg. Am Firmengelände angekommen, muss der LKW entladen und gefegt werden. Das müssen die Neuen übernehmen.

Da heute Freitag ist, müssen alle Aushilfen ins Büro. Zahltag.

Da heute Freitag ist, müssen alle Aushilfen ins Büro. Zahltag. Ausgezahlt wird immer freitags. Die Auszahlung erfolgt in Bar. 10 Mark pro Stunde gibt es, wenn man versichert arbeiten möchte, verzichtet man auf diesen Schutz, gibt es 15 Mark. Peer hat sich für die zweite Variante entschieden. Ein bisschen Risiko muss sein. Auch die beiden Neuen stehen hinter ihm an und warten vor der Glasscheibe, hinter dem die Dame aus dem Büro sitz und die Kohle ausgibt. Peer bekommt mit, dass die beiden Nulpen sich versichert haben. Selbst schuld.

Nachdem er seine Lohntüte erhalten hat, geht er zurück in den Aufenthaltsraum. Die Neuen haben das Gelände bereits verlassen. Peer bezweifelt, dass sie am Montag wiederkommen werden. Waschmaschinowski erzählt dreckige Witze, Markus lacht und Kalle raucht Kette. Alle trinken Bier und auch Peer öffnet sich nun eine Flasche und genießt das kalte Gesöff. Auch einige aus den anderen Kolonnen sind anwesend und saufen.

Nach und nach löst sich die Versammlung auf.

Nach und nach löst sich die Versammlung auf. Auch Peer verlässt gegen 19 Uhr das Gelände und fährt mit dem Fahrrad in seine kleine Wohnung. Am Montag wird er wieder hier sein, um Geld zu verdienen. Er wird wieder schleppen, schwitzen, über dreckige Witze lachen und mit ehemaligen Verbrechern Hand in Hand arbeiten. Er wird am Freitag wieder seine Lohntüte erhalten. Schwarz versteht sich. Am Fiskus vorbei. Geld, dass er braucht, um sein Studium zu finanzieren. Irgendwann wird es ihm besser gehen. Er wird eine Familie gründen und in einem Haus am Stadtrand wohnen, ebenso wie der Glückspilz, für den er heute tätig werden durfte.

Auf der Suche nach dem roten Faden

Der alternde Mann ist auf der Suche. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er braucht einen roten Faden, an dem er sich entlanghangeln kann. Schritt für Schritt, auf direktem Wege ins Grab. Er sucht insbesondere in den Kneipen und Clubs der Stadt danach, doch er ist bisher nicht fündig geworden. Immer und immer wieder hat er sich in eine Geschichte verrannt und ist danach unglücklicher als er es vorher war, aus der Sache hinaus geschlittert. Eine Episode nach der anderen, auf deren Verlauf und Ausgang er kaum Einfluss hatte.

Einmal war es eine junge Frau, in der er etwas gesehen hatte. Es lag tief verborgen in ihren grün-braunen, großen Augen. Hals über Kopf hatte er sich in die Frau mit den Sommersprossen, Stupsnase und zierlichen Körperbau verliebt. Sie war 30 Jahre jünger als er, studierte Geschichte und legte ein atemberaubendes Tempo vor.  In allen Belangen.  Ein paar Monate war er hin und weg. Auf Wolke sieben. Zahlte alles, was sie haben wollte und durfte zum Dank dafür an ihren Zehen lutschen, wenn ihm danach war. Als er unverschuldet seinen gut bezahlten Job verlor, ließ sie in sitzen. Im eigenen muffigen Sud.

Ein anderes Mal war es die neue Arbeit, die ihn derart forderte, dass er dachte, er hätte nun seine Bestimmung gefunden.

Ein anderes Mal war es die neue Arbeit, die ihn derart forderte, dass er dachte, er hätte nun seine Bestimmung gefunden. Mit dem schicken Firmenwagen düste er von Kunde zu Kunde, wickelte den einen oder anderen um den Finger und fühlte sich gut dabei. Zügig schaffte er es, die intern geführten Statistiken für Abschlüsse anzuführen. Bis in den späten Abend brauste er umher, nur um danach mit den anderen Haien aus dem Vertrieb um die Häuser zu ziehen, schicke Bars unsicher zu machen und ein paar Linien Koks durch den Kolben zu ziehen. Nach einiger Zeit hatte er aber nicht nur Freunde im Unternehmen. Wer Erfolg hat, hat Neider. Einer von Ihnen, ein erfolgshungriger Jungspund, hatte aberwitzige Intrigen gesponnen und sägte erfolgreich an seinem Stuhl. Erst flog er aus der Firma, dann in ein Loch. Tief und dunkel.

Da er eine gute Abfindung kassiert hatte, war er in der Lage es ruhig angehen zu lassen. Er beschloss, ein Sabbatical von einem Jahr einzulegen und sich vollkommen der Fitness und Gesundheit zu widmen. Er stellte seine Ernährung um, stemmte Gewichte, rannte wie ein Irrer im Park umher und entspannte beim Yoga. Da er es trotz der ganzen Anstrengung nicht schaffte seine Wohlstands-Plauze zur Gänze abzuarbeiten, legte er sich unters Messer und ließ sich übermäßiges Fett absaugen und weil es im Zusammenspiel günstiger daherkam, gleich noch die Tränensäcke entfernen. Als er mit sich fertig war, sah er 10 Jahre jünger aus und war immer noch unglücklich mit sich.

“Roter Faden, wo bist du?”

„Roter Faden, wo bist du? Ich brauche Halt und finde ihn nicht. Ich brauche Liebe und bekomme sie nicht.“, sprach er zu sich selbst, als er auf einer Bank im Park saß und vor sich hin sinnierte. Stoisch starrte er den vorbeilaufenden Passanten hinterher und richtete im Anschluss daran seinen Blick in die Ferne. Gelangweilt schickte er seine Augen auf Wanderschaft und ließ sie über die Dächer der Stadt, die man von seinem Platz gut sehen konnte, umherziehen. Er erkannte einige Wohnhäuser, die Leuchtreklame eines Supermarkts, das unter Denkmalschutz gestellte Rathaus und direkt daneben den Kirchturm mit dem eisernen Kreuz auf dem Dachfirst.

In der Nacht fand er sodann kaum Schlaf. Er drehte sich unruhig von einer Seite auf die andere und war, als endlich der Morgen anbrach, nassgeschwitzt. Er stand auf, machte sich fertig und da es Sonntag war, beschloss er kurzerhand zur Kirche zu gehen und dem Gottesdienst beizuwohnen. Eine Ewigkeit hatte er nicht mehr auf der hölzernen Bank gesessen. Beim letzten Mal war er vierzehn und einer der Konfirmanden in der ersten Reihe. Heute war er über 50 und der Pfaffe ein anderer als in seiner Kindheit. Doch der Geistliche erreichte ihn mit seinen Reden schnell.

Er fand zu Gott und erschien nun nicht nur jeden Sonntag in der Kirche, sondern engagierte sich zusätzlich in der Gemeinde…

Er fand zu Gott und erschien nun nicht nur jeden Sonntag in der Kirche, sondern engagierte sich zusätzlich in der Gemeinde und half, wo er konnte. Er verkaufte alte Bücher auf dem Basar, reparierte verschlissene Möbel im Gemeindehaus und klapperte umliegende Firmen und Geschäfte ab, um Spenden für die defekte Orgel in der Kirche zu sammeln. Er studierte die Bibel, betete täglich und führte ab sofort ein vorbildliches Leben eines bibeltreuen Christen.

Dann verstarb seine lebensfrohe Mutter innerhalb von wenigen Tagen an Lungenkrebs, obwohl sie niemals geraucht hatte. Der Vater kam mit dem Tod der Ehefrau nicht zurecht und schnitt sich ein paar Tage nach der Beerdigung die Pulsadern auf und verblutete elendig im eigenen Badezimmer. Der alternde Mann konnte nicht verstehen, warum ihn Gott derart hart bestrafte. Sodann ging er nicht mehr in die Kirche, verbrannte seine Bibel und hörte auf, die Hände zu falten.

Die Haare des Mannes sind mittlerweile ausgegangen und der Bart, den er sich wachsen ließ, grau.

Die Haare des Mannes sind mittlerweile ausgegangen und der Bart, den er sich wachsen ließ, grau. Das Gesicht ist faltig, seine Kleidung dreckig und verschlissen. Er sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden vor dem großen Kaufhaus der Stadt. Um ihm herum drei Plastiktüten und ein löchriger Schlafsack. Sein gesamtes Hab und Gut. Ihm geht es schlechter als jemals zuvor in seinem Leben, doch er hat den roten Faden gefunden. Jeden Abend, wenn er genug Geld erbettelt hat, folgt er ihn. Manchmal kann er den Faden vor seinem geistigen Auge sehen. Er weiß, dass es dann bitter notwendig ist ihn zu folgen. Direkt zum Dealer, bei dem er sein Geld gegen Heroin eintauscht. Jeden Tag, Schritt für Schritt auf direktem Weg bis ins Grab.

Der Nullpunkt

Komm her, mach mich fertig, bis ich im ZENSIERT bin. Gib es mir richtig. Bedenke aber, dass du dich dabei verausgaben wirst, denn ich bin zäh. Eventuell gibt es dir aber etwas und du fühlst dich danach gut. Wahrscheinlich besser als ich mich fühle und auch ein bisschen befriedigt. Nicht wie ein Orgasmus. Das ist etwas anderes und spielt definitiv in einer anderen Liga. Anderseits ist es ähnlich und nähert sich dem Ganzen praktisch an.

Zwar sträube ich mich gegen den Gedanken, dass ich deine Mühen wert bin, dennoch darfst du alles mit mir machen. Ich gebe mich dir ganz hin. Ganz und gar. Mein Körper, aber auch mein Geist sollen dir gehören. Der abgerockte Leib hat sowieso wenig wert. Weniger als ein Sack festkochender Kartoffeln. Auch das Innenleben des Kopfes ist es nicht wert, behutsam damit umzugehen. Schlage meinetwegen einfach darauf. Vorerst mit der flachen Hand, dann mit der Faust und dann mit einem Knüppel. Nicht zu klein, das versteht sich.

Ja, ich weiß. Es hört sich kurios an.

Ja, ich weiß. Es hört sich kurios an. Ein bisschen wirr vielleicht, aber ich bin überzeugt, dass es dir Freude bereiten würde ein wenig mit mir zu spielen. Sei dabei nicht zimperlich. Du darfst brutal sein. Ich kann es nur immer wieder betonen. Mir würde es etwas bedeuten, wenn du über deinen Schatten springst und mir Schmerzen zufügst. Tue mir weh.

Ich spüre Widerstand bei dir. Du haderst noch. Das ist normal. Mach dir keine Gedanken. Nahezu jeder, der sich auf dieser Weise mit mir beschäftigt hat, hat das durchmachen müssen. Bedenke aber, dass es nur eine Grenze ist, die du dir selbst gesetzt hast. Es sollte also auch für dich möglich sein, über diese imaginäre Linie zu schreiten. Könnte es dir helfen, wenn ich mich für dich ausziehe und du mit eigenen Augen siehst, dass du nichts Schönes kaputt machen kannst?

Wenn ich dann wenig bekleidet vor dir stehe, wirst du sehen, dass ich keine Traumfigur habe.

Wenn ich dann wenig bekleidet vor dir stehe, wirst du sehen, dass ich keine Traumfigur habe. Die Füße sind viel zu groß, der Bauch auch und außerdem habe ich unreine Haut. Auch ein paar Narben und noch frische Hämatome könntest du dann betrachten. Bedenke, dass du nicht der Einzige bist, der mich schlägt. Es macht mir wenig aus.

Nun komm schon. Komm einfach näher. Ich beiße nicht. Spring über deinen Schatten und schlag zu. Es ist nicht schwer. Wir beide würden uns hinterher besser fühlen. Du kannst deinen Frust, den du über Jahre hinweg in dich hineingefressen hast, an mir auslassen und ich würde für diesen einen Moment wieder spüren, dass ich lebe.

Du gibst das Tempo vor.

Du gibst das Tempo vor. Ich möchte dich nicht unter Druck setzen. Es muss tief aus deinem Innersten kommen. Wenn du den ersten Schlag, den ersten Hieb, den ersten Tritt oder auch den ersten Biss ausgeführt hast, wirst du spüren, dass dir genau das lange gefehlt hat. Ich verspreche dir, dass es dir guttut. Es wird sich anfüllen, als ob ein riesengroßer Stein von deinem Herzen purzelt. 

Ignoriere meine Schreie, mein Winseln und Betteln. Ich bin ein Weichei und kann nur so auf dieses Ereignis reagieren. Ich wäre gerne anders. Ein bisschen so wie du. Schlag weiter, bis du genug hast. Nimm keine Rücksicht. Sei hart. Hart wie Kruppstahl, pflegte mein Erzeuger damals immer zu sagen.  Wir beiden werden uns dann langsam aber sich annähern. Nicht uns, sondern dem Nullpunkt. 

Luke`s Update – Folge 1

Kennt ihr das auch? Noch während der Wecker bimmelt und man selbst die Augen kaum offen bekommt, hat man einen Plan für den vor sich liegenden Tag. Man hat vor, die Kollegen und vor allem die Kolleginnen an diesem Tag mit seinem guten Aussehen zu überraschen.  Allein aus diesem Grund hat man sich nicht nur morgens unter der Dusche gestellt und den alternden Astralkörper mit Wasser und Duschgel sauber gerubbelt, sondern auch die Haare gewaschen, die Zähne geputzt, sich rasiert, Deo und Rasierwasser aufgetragen, die Haare trockengeföhnt und gestylt und ist danach in eine frische Unterhose, ein Paar Socken, Jeans und in ein gebügeltes Hemd gestiegen.

Damit die Wirkung vom ansprechenden Äußeren nicht schon im Auto verfliegt…

Damit die Wirkung vom ansprechenden Äußeren nicht schon im Auto verfliegt, sitzt man während der ganzen Fahrt kerzengerade, damit der edle Zwirn nicht zu viele Falten bekommt und fühlt sich als hätte man einen Stock im ZENSIERT. Normalerweise nimmt man einen Thermobecher mit Kaffee mit in die Karre, um die Fahrt zur Arbeit ohne einzupennen zu überleben, aber auch darauf hat man am heutigen Tage verzichtet, um nicht Gefahr zu laufen das leckere Gebräu auf der frisch gewaschenen teuren Markenjeans oder dem gebügelten und gestärkten Hemd zu verteilen. Stocksteif quetscht man sich so möglichst bewegungslos die knapp 10 Kilometer durch die verstopfte Innenstadt, bis man immer noch gut gelaunt und frohen Mutes den ersehnten Zubringer zur Autobahn erreicht.

Schön ist es, wenn man schon morgens einen Tagesplan hat.

Die Laune ist auch dann noch nicht verflogen, als man schlussendlich die Autobahn entert und feststellt, dass mal wieder Stau ist und man (nur noch) 40 Kilometer vor der Brust hat. Erst als einem knapp 1,5 Stunden später und ungefähr 20 Kilometer vor dem Ziel brühend heiß einfällt, dass man heute Homeoffice hat, weil im Büro die PCs ausgetauscht werden, sinkt die Laune rapide. „Scheiße verdammt. Scheiße hoch drei“, denkt man und nimmt die nächste Ausfährt gen Heimat und beschließt an der nächsten Raststätte haltzumachen, um wenigstens die dickleibige Bedienung im Kittel hinter der Kasse mit seinem Aussehen zu verzaubern. Schön ist es, wenn man schon morgens einen Tagesplan hat.

Die Monotonie der klickenden Tastatur

Das Arbeitsleben ist schön. So schön, dass man am liebsten jeden Tag und zu jeder Uhrzeit arbeiten würde. Gerne betritt man die Firma auch am Wochenende und an Feiertagen, um sein Bestes für die Unternehmung zu geben. Nicht 100 Prozent, sondern 120 ist die Devise. Urlaub und Freizeit sind sowieso überbewertet, denn wer Freude an seiner Tätigkeit hat braucht keine Entspannung.  Auch Sonderzahlungen, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Prämien und Tantiemen erscheinen bei so viel Freude überflüssig. Erreichbarkeit, rund um die Uhr, bereitet ein wohliges Behagen. Man ist eben wichtig für die Firma und unentbehrlich. Da muss die Familie schon mal ein Auge zudrücken und auch an  Kindergeburtstagen, Familienfeiern, und den eigenen Hochzeitstag auf den erfolgreichen Vater und Ehemann verzichten. Weihnachten, Ostern und all die anderen Tage, die die Deutschen so gerne mit Ihren Familien verbringen, verbringt der Mann in seinem Büro. Ist doch sowieso eher sentimentale Frauensache, das Feiern.

Die meisten Loser haben das Gebäude schon verlassen.

Ruhig ist es in den Abendstunden im Bürotrakt. Die meisten Loser haben das Gebäude schon verlassen, spielen mit Ihren Kindern, sitzen in der Kneipe oder gammeln vor dem Fernseher herum. In den Fluren ist es dunkel, aber die kleine Schreibtischlampe, ausgestattet mit einer dieser neumodischen LED-Birne, bringt Licht ins Dunkel und vertreibt die düstere Stimmung, die dem Arbeiter zwar unerklärlich ist, aber dennoch schwer auf seinem Gemüt liegt. Der kleine Lüfter im PC brummt leise vor sich hin und hilft ihm, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Die Monotonie der klickenden Tastatur, die der Angestellte mit professioneller Leidenschaft betätigt, macht ihn glücklich. Glücklicher, als er es woanders sein könnte.

Alle sind gefangen in einem Raum voller Idioten

Sitzungen, Besprechungen, und Meetings dauern gerne  mal etwas länger. Niemand ist in der Lage, früher zu gehen. Alle sind gefangen in einem Raum voller Idioten. Statistiken werden bemüht, Auswertungen besprochen und Ergebnisse präsentiert. Keiner geht pünktlich nach Hause. Erst wenn die Diskussion, mal wieder, ins Leere zu laufen scheint, ist ein Ende in Sicht. Die ersten Verlierer rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. Was die nur haben? Auf die wartet doch sowieso niemand daheim. Kann man sich zumindest nicht vorstellen, aber gefragt hat man nie. Gespräche abseits der Arbeitsthemen sind rar und eher unerwünscht. Freundschaften pflegt man auf der Arbeit nicht. Im Gegenteil. Alles sind Feinde, die einen übertrumpfen wollen, damit sie beim Chef besser dastehen oder bei der nächsten Gehaltsrunde die besseren Karten in der Hand haben. Schneller, höher und weiter. Gerne auch mit ein paar Hilfsmittelchen. Kaffee in rauen Mengen, Koffeintabletten und Energiedrinks. Ab und an auch schon mal härtere Sachen, die einen leistungsfähiger machen. Der Körper geht kaputt, die Seele stirbt, doch der Firma geht es gut.

Landleben deluxe

Morgens, wenn der alte Mann die Beine behäbig aus dem Bett schwingt, ist die Blase meist bis zum Bersten gefüllt. Das am gestrigen Abend nicht zu wenige Biere in den Schlund gekippt wurden, macht die Sache nicht besser. Schnell muss es also gehen, auch wenn die müden, alten Knochen nicht mehr so mitmachen wie sie sollten. Hurtig muss die Nasszelle aufgesucht werden, damit der Urin nicht in der schon jetzt besudelten Unterhose landet.

Mit klapprigen Beinen macht sich der Opa auf den Weg durch den Flur mit den alten, in die Tage gekommenen abgewetzten Teppich. Man kann richtig erkennen, dass in der Mitte des Läufers aus dem Orient nicht nur der Opa selbst über Jahre hinweg zum Scheißhaus geschlurft ist, sondern auch das angetraute Weib des Greises, als dieses noch nicht unter dem Torf war. Eine Furche haben sie gezogen, mit Hausschuhen und manchmal blanken, verhornten Füßen.

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist…

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist und die Tür geöffnet hat, schlägt ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Jahrelang hat der alte Mann das Badezimmer nicht mehr gründlich gereinigt. Eine verdammt lange Zeit wurde die Kloschüssel, das Waschbecken und die Dusche nicht mehr mit Reinigungsmittel benetzt. Eine kleine Ewigkeit hat kein Putzlappen das Reinigungsmittel erst behutsam und dann vehement von Keramik und Fliesen gerubbelt. Herbert ist dazu nicht mehr in der Lage. Kann es einfach nicht mehr.

Nichts kann Herbert mehr. Nur noch schlafen, saufen, fressen, kacken und pissen. Okay, fernsehen geht auch noch. Aber nur, wenn er ganz nah am Gerät sitzt und den Ton bis zum Anschlag aufgedreht hat. Es ist ohnehin niemand hier, der sich an der Lautstärke stört. Wohnt in einer Einöde auf dem Land der alte Mann. Niemand verirrt sich in diese gottverdammte, schäbige Gegend. Nicht einmal die eigenen Kinder oder die Enkel. Einsamkeit ist Herberts einziger Begleiter. Tagein und tagaus.

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends…

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends. Tiere hat er schon lange nicht mehr. Damals – für ihn scheint es gar nicht lange her – da herrschte hier das pure Leben. In guten Zeiten hatte er weit über fünfzig Milchkühe, zig Katzen und einen Hofhund. Auch ein paar Hühner, die ihm und seiner Familie mit frischen Eiern versorgten, nannte er sein Eigen. Die Kinder tollten auf dem Gelände herum und verbrachten eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land, fuhren mit dem Trecker und kümmerten sich gemeinsam mit Herbert um das Vieh.

Heute wohnen alle seine Nachkommen in der weit entfernten Stadt und scheren sich einen Dreck um ihren Erzeuger. Niemand hatte seinerzeit Interesse den Hof weiterzuführen. Alle wollten studieren und einen Anzug oder ein Kostüm tragen und sich nicht die manikürten Finger schmutzig machen. Als aus den Kindern Teenager wurden, war es vorbei mit der Freude, die sie auf den Hof hatten. Vergessen schienen die vielen tollen Erlebnisse aus der Kindheit und das Lächeln auf dem Gesicht der Kinder war verschwunden.

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase…

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase sich durch den Penis in die braune Schüssel entleert, legt sich erneut die Einsamkeit wie ein bleierner Mantel um die Schultern des ergrauten Mannes. Eine einzelne Träne läuft die faltige Wange herab und tropft auf den dünnen, knochigen Oberschenkel des Mannes, der einmal glücklich war.

Fahrig reinigt er sich nach dem Geschäft die Hände unter eiskalten Wasser und macht sich auf den Weg in die Küche. Wieder nimmt er den Weg über den alten Läufer, der damals viel Geld gekostet hat, geht aber am Schlafzimmer vorbei bis zur hölzernen Treppe, die ihn in den unteren Bereich des Bauernhauses führt. Jede einzelne Stufe nimmt er langsam und bedächtig. Er möchte nicht fallen, sich den Kopf blutig schlagen oder die Knochen brechen. Niemand würde ihn schreien hören, wenn er unten am Treppenabsatz liegen würde, wie ein Käfer auf dem Rücken.

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser…

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser und setzt ihn auf die Kochplatte. Während er darauf wartet, dass das Wasser kocht, denkt er an seine Frau zurück. Er hat sie immer geliebt. Bis ins hohe Alter waren sie ein Herz und eine Seele. Vor seinem geistigen Auge kann er sie nun sehen. Sie steht an der Arbeitsplatte mit ihrem geblümten Kittel, lächelt ihn an und bereitet einen Kuchen zu.

Sie war es, die alles zusammengehalten hat. Sie war es die, die Bezugsperson für die Kinder war. Als sie noch lebte, kamen sie regelmäßig zu Besuch. Doch als sie verstarb und sie unter der Erde war, wurde alles anders. Herbert hatte sich seinerzeit verändert. Hatte sich zurückgezogen und konnte den Tod seiner Frau niemals akzeptieren. Wenn die Kinder anfänglich zu Besuch kam, redete er nicht mit ihnen, saß nur in seinem Sessel und starrte vor sich hin. Niemand konnte ihn trösten. Niemand konnte den Verlust wettmachen. Später kamen sie nicht mehr und er wusste heute, dass er es ihnen nicht verübeln konnte.

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herde reißt Herbert aus den Gedanken…

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herd reißt Herbert aus den Gedanken und die Erscheinung seiner Frau an der Arbeitsplatte verblasst genauso schnell, wie sie aufgetaucht ist. Herbert steht nun auf und bereitet sich einen letzten Tee zu. Schweigend setzt er sich an den Küchentisch und ist sich bewusst, dass es nun an der Zeit ist allen zu vergeben.

Noch ein letztes Mal denkt er nun zurück an seine geliebte Frau. Ein letztes Mal denkt er an seine tollen, erfolgreichen Kinder, auf die er so stolz sein kann. Sie alle haben sich ein Leben aufgebaut. Sie alle funktionieren und haben es geschafft nach dem Tod der Mutter trotz der Traurigkeit, irgendwann wieder Mut zu fassen.
Mit Wehmut denkt er an seine Enkel, die er nie richtig kennengelernt und gibt sich an allem die Schuld. Er weiß es nun mit Sicherheit und hat endlich Klarheit darüber erlangt, wie die nächsten Schritte aussehen müssen.

Alles ist vorbereitet. Alles Nötige ist in die Wege geleitet. Auf die Kinder und Enkel werden keinerlei Kosten zukommen und auch sonst wird nicht viel zu erledigen sein. Die Briefe an die Kinder sind gestern von ihm zu Post gebracht worden. Sie werden heute per Einschreiben zugestellt. Niemand trifft eine Schuld. Ohne zu zögern, greift er nach den kalten stählernen Lauf der Schrotflinte, die er sich am gestrigen Abend zurechtgelegt hat, schiebt sich den Lauf in den zahnlosen Mund und drückt ohne ein weiteres Mal nachzudenken den Abzug durch und verteilt sein Gehirn an den Wänden und die Decke der alten Küche.

Der saftige Flattermann

“Hey du. Genau, dich meine ich. Komm doch mal rüber zu mir. Ich beobachte dich schon die ganze Weile von meinem Balkon aus. Wir kennen uns noch nicht gut, aber ich kann erkennen das du nicht nur gut aussiehst, sondern auch nett bist. Ich sehe so etwas sofort. Eine nette Nachbarin ist etwas Feines. Also gib dir einen Ruck, verlasse deine und komm in meine Wohnung. Ich habe auch Wein und Sekt und die neueste Scheibe von Rick Astley läuft bei mir rauf und runter.“

„Du kannst dir aber auch was mitbringen. Ein Getränk meine ich. Hier gibt es nur Wein und Perlwein. Es ist aber ein guter Wein. Ein leckeres, edles Tröpfchen. Aber vielleicht stehst du nicht auf Alkohol. Wenn du was Essen willst, ist das aber kein Problem. Es sei denn, du bist eine Vegetarierin, aber das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Aber auch ich kann mich mal irren, das ist ganz klar. Niemand ist perfekt. Ich schon gar nicht. Du, ja genau du, bist aber nahe dran. Also an der Perfektion, meine ich. Kommst du nun? Komm schon. Zier dich nicht. Ich habe gerade ein Hähnchen im Ofen. Dauert nicht mehr lange, bis die Schenkel und Flügel kross sind und das weiße Fleisch saftig.“

“Wir könnten und den Flattermann munden lassen…”

“Wir könnten uns den Flattermann munden lassen und ein Glas trinken. Wir könnten danach eine Zigarette rauchen, oder einen Joint und es uns gut gehen lassen. Wir könnten reden über die Roten, oder den Nachbarn aus der Dritten, der so stinkt und seinen Drahtesel ständig im Hausflur stehen lässt. Vielleicht würde dir auch eine Diskussion über das kapitalistische System, in das wir hineingeboren wurden, Freude bereiten. Ich bin da für fast alles offen. Klar, irgendwo sind Grenzen. Die hat sich ja jeder von uns gesetzt. Bewusst oder unbewusst. Da kann man schnell ins Fettnäpfchen treten und dem Anderen seine Gefühle verletzen.“

“Manchmal ist es besser sein Maul zu halten. Auch du solltest besser still sein, wenn du merkst, dass das Gespräch in eine falsche Richtung läuft. Du wirst merken, wann die Zeit fürs Schweigen gekommen ist. Ich halte dich für klug genug. Ich bin ein schlechter Schauspieler und kann meine Wut nur schlecht verbergen. Würde ein blinder mit dem Krückstock sehen, wenn mir etwas gegen den Strich geht und sich schnell aus dem Staub machen. Die Person würde es nicht wagen die Fresse aufzureissen und sich meiner Meinung entgegenzustellen.“

“Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch.”

„Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch. Ich möchte nicht, dass du bereits jetzt einen schlechten Eindruck gewinnst. Ich möchte nur direkt Klarheit schaffen. Bin ich immer gut gefahren, mit dieser Taktik. Ich hoffe, das kommt auch bei dir gut an. Nette Menschen bleiben halt bei der Wahrheit und lügen auch dann nicht, wenn es für eine Beziehung besser wäre. Einige behaupten aus diesem Grund, dass ich kein Taktgefühl habe und haben die Freundschaft mit mir aufgekündigt. Verlogene Menschen, die ich nicht benötige. Aber dich könnte ich gut gebrauchen. Zum Essen, zum Trinken zum Reden. Komm schon rüber. Ich bin einsam und sehne mich nach einem Menschen, der wie du bist.“

„Warum stehst du noch immer im Türrahmen deiner Wohnung und regst dicht nicht? Warum bewegst du dich nicht endlich, schmeißt dir auf die Schnelle einen Bademantel über dein kurzes Nachthemd und kommst mit rüber zu mir. Ich nehme dich gerne an die Hand. Wie gesagt, ist alles vorbereitet da drüben. Kannst du den Duft des frischen Fleisches im Ofen nicht wahrnehmen? Was gibt es noch für einen Grund zu zögern? Lass dich nicht täuschen von meinem Aussehen und von meinem Alter. Ich will heute lieb zu dir sein. Ich verspreche es dir.“

“Am Anfang ist es immer schwer.”

„Am Anfang ist es immer schwer. Man kennt sich nun mal nicht und weiß nicht wie der andere so tickt. Ich glaube dich zu kennen, weil ich dich vom ersten Tag an beobachtet habe. An dem Tag als du die schweren Kartons in die kleine Wohnung geschleppt hast und dir die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Eventuell kannst du dich erinnern, dass ich dich im Hausflur begrüßt habe. Ich habe dabei deinen Duft eingesogen. Erotisierend. Einen so gutriechenden, schönen Menschen muss man einfach immer ansehen. Eine Augenweide bist du und ich der Bulle der langsam über diese duftende Weide schlendert und sich am saftigen Gras labt. Niemals würde ich diesen Ort verlassen. Nie und nimmer.“

„Okay. Ich merke dir an, dass du noch nicht überzeugt bist. Ich bin ein reifer, erwachsener Mann und spüre deine ablehnende Haltung. Ich kann das für heute hinnehmen. Ich verzeihe dir und verstehe dich. Du bist ein gutes, wohlerzogene Mädchen. Du willst dich nicht so schnell hergeben. Das ist gut. Das ist eine Einstellung die mir gefällt und die mir dennoch noch mehr sagt, dass wir für einander geschaffen sind. Eine Studentin der Geisteswissenschaften. Eine Frau die weiß, was sie will. Doch ich bin mir sicher, dass du dich irgendwann für mich entscheiden wirst. Früher oder später werden wir vereint sein.“

“Ich werde nun gehen.”

„Ich werde nun gehen. Esse ich das Hähnchen eben allein. Tue mir bloß den einen Gefallen und leg dich wieder ins Bett und nimm mich mit, in deinen Träumen. Ich werde dir nichts antun, in dieser Nacht. Also ruf nicht wieder die Bullen. Mach das nicht. Du weißt, dass sie wieder fahren und nichts mit mir anstellen werden. Sie werden dir sagen, dass sie keine Handhabe haben. Es ist doch nichts passiert. Verriegele ruhig deine Tür. Ich werde nicht versuchen sie aufzubrechen, das liegt mir fern. Doch behalte immer im Hinterkopf, dass du mich nicht mehr loswirst. Ich bin immer bei dir.“

„Geh nun ins Bett und träume süß. Ich werde Essen und trinken und an dich denken. Du bist immer bei mir, auch wenn uns ein paar Türen trennen. Selbst wenn du es wagen solltest deine Wohnung heimlich zu verlassen, um dir eine neue Behausung zu suchen, bleibe ich bei dir. Nichts und niemand kann uns trennen. Ich werde dich aufspüren. In jeder Stadt, in jedem Land und auf jedem Kontinent. Liebe kennt keine Entfernung und Liebe kennt auch keine Grenzen. Meine Liebe zu dir ist Grenzenlos.“

Der miese Schreiberling

„Wer der schreibenden Zunft angehört, der hat doch immer Ideen. Wie kann es sonst sein, dass so einer, der immer mit dieser schrecklich runden Brille herumläuft mit seinen Büchern Geld verdient? Ein Auto hat der feine Herr auch noch. Scheint also wirklich kein schlechter Schreiberling zu sein. Wird schon seine Leser haben, der Typ mit der Brille. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein Buch von ihm kaufen? Wenn ich doch nur wüsste, unter welchem Pseudonym er sein Geschmiere auf den Markt bringt. Wird wohl kaum unter seinen wirklichen, also richtigen Namen – der Name der auch an seiner Wohnungstür steht – seine Schreibe veröffentlichen?“

„Ich bin mir wirklich und wahrhaftig gar nicht mal so sicher, ob er wirklich Bücher schreibt. Vielleicht ist der Spinner auch nur Blogger oder Journalist und macht einen auf Assange. Auf jeden Fall, höre ich ihn jeden Abend, auf so einer altmodischen Schreibmaschine tippen. Und das in der heutigen Zeit. Es gibt doch moderne Computer, die alles von selbst korrigieren. Mit dem richtigen Programm benötigt man keine Rechtschreibung und keine Schulbildung. Geht alles von allein. Mit großer Sicherheit sind gar keine Ideen mehr notwendig. Eine ausgeklügelte Software, mit einem von findigen Programmierern hinterlegten Algorithmus macht dann alles allein.“

“Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es…”

„Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es ihm. So einen, der tatsächlich schon vieles allein macht. Einen rundlichen Hochleistungsrechner mit angebissenem Apfel. Mich würde es nicht wundern, wenn er dann einfach ein altmodisches Eingabegerät angeschlossen hat. Eine Tastatur, die dieses klickende Geräusch macht, um uns alle zu täuschen. Um uns allen vorzugaukeln was für ein kluger, gebildeter Mann er doch ist, mit seiner Scheiß-Harry-Potter-Brille und dem albernen Bart.“

„Der treibt es noch auf die Spitze. Grüßt sogar immer freundlich im Hausflur, wenn er mir entgegenkommt. Als wenn ich nicht wüsste, was er für ein Geheimnis vor mir und den anderen Hausbewohnern verbirgt. Eines, das er teilt mit Millionen von Menschen, aber mich und alle anderen direkten Nachbarn mit seiner Anonymität ausschließt. Ein scheinheiliger Penner der sich einen Dreck um seine Nachbarn schert und uns einen riesigen, virtuellen Haufen Scheiße vor die Füße wirft. Die pure, bodenlose Provokation. Doch ich mache das nicht mehr lange mit, dass sollte jedem klar sein. Auch ihm. Besonders ihm.“

“Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein.”

„Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein. Ich werde mich nicht erneut täuschen lassen von seinem Lächeln und dem geheuchelten, friedfertigen Gruß. Nein, ich werde ihn zur Rede stellen und ihn auffordern ehrlich zu sein und direkt im Hausflur zu gestehen, dass er mit seinem radikalen Geschmiere das Volk anstachelt. Ich werde ihn so weit in die Ecke drängen, bis er alles zugibt. Er wird seinen Namen nennen und auch die seiner Komplizen, die dafür sorgen, dass er weiterhin zu Hause Sitzen kann, ohne auf die Arbeit zu gehen.“

„Auch von der Angst, die ihm dann ins Gesicht geschrieben steht, werde ich mich nicht blenden lassen. Er wird ein guter Schauspieler sein, um seine Haut zu retten. Er wird alles tun, damit er seine Tarnung nicht aufgeben muss. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen sich der Situation zu entziehen. Der Typ wird probieren sein Heil in der Flucht zu suchen, die Treppen hinauflaufen und seine Wohnungstür verrammeln. Er wird sich verschanzen wollen und alsbald den Computer hochfahren, um seine Meute auf mich zu hetzen. Doch ich werde all dies verhindern.“

„Wenn er diese Verhalten wirklich an den Tag legt und versucht zu verduften und mir keinerlei Antworten zu geben, wird er dafür büßen. Wie bereits erwähnt bin ich vorbereitet auf dies alles. Auch auf Aggression seinerseits. Ich werde dann einfach das mitgebrachte Messer ziehen. Das größte aus meiner umfangreichen Waffensammlung. Die Klinge ist schön lang. Über 20 cm blanker, extrem scharfer Stahl. Ich werde nicht lange fackeln. Nicht lange überlegen. Das Messer wird leicht in seinen Bauch gleiten. Das hellbraune Leinenhemd wird kein Hindernis sein und sich rapide dunkelrot verfärben.“

“Klar, der Hausflur wird dreckig sein.”

„Klar, der Hausflur wird dreckig sein. Sicherlich, ich werde kurzfristig den Ärger der Nachbarn auf mich ziehen. Sie werden wahrscheinlich noch weniger mit mir reden, als schon jetzt. Mir ausweichen. Doch das wird vorübergehen. Sie werden es verstehen und auf meiner Seite sein, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, davon bin ich überzeugt. Auch die Öffentlichkeit wird sich auf meine Seite schlagen und meine Tat als gerechtfertigt einstufen. Kann nicht anders sein. Das Volk wird auch darüber hinwegsehen, dass mein Vorstrafenregister lang ist und ich bereits in der Vergangenheit mit Gewalttaten gegen sogenannte Minderheiten und Andersartige aufgefallen bin.“

„Auch wenn der Staat mich einsperrt, weiß ich, dass ich das richtige getan habe. Ich lasse mich nicht verbiegen und bleibe auch unter Druck standhaft bei meiner Meinung. Es wird Menschen geben, die mir dankbar sein werden. Es wird Personen geben, die versuchen mir nachzueifern und daran arbeiten werden, die Welt von diesen Subjekten zu befreien. Auch das Fernsehen und die Medien im Allgemeinen werden mir dabei helfen. Sie werden mich besuchen wollen. Ich werde sodann in die Kamera lächeln und meine Thesen ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das niedrige Volk wird mir an den Lippen hängen und meine Weisheiten aufsaugen. Ich weiß es. “

Doppelschrei 2021

Ein Junge. 10 Jahre alt und noch grün hinter den Ohren. Eine Klassenarbeit, die in die Hose ging. Ein Pfeife-rauchender Vater, der immer Hemden trägt. Gerne kariert, selten einfarbig. Grobe, schwielige Hände die von dicken Adern durchzogen sind. Von der schweren Arbeit gestählte Arme. Ein Stuhl ein Tisch und Stille.

Das Klassenheft liegt auf dem Tisch, ansonsten ist er leer. Das Heft ist voller roter Striche und Anmerkungen des Lehrers. Das Diktat war einfach zu schwer. Viele Wörter, die der Junge niemals vorher schrieb. Fehler über Fehler. Zwei Seiten sind beschrieben worden. Große, krakelige Schrift. 45 Fehler hat der Lehrer des Gymnasiums gefunden. Die Meinung des Vaters ist klar. Viel zu viele sind es. Zorn und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Junge soll einmal ein besseres Leben haben als er selbst. Studieren, Geld verdienen und der arbeitenden Klasse entfliehen. Ein Einfamilienhaus mit Garten, keine beengte Behausung im Arbeiterviertel mit schrägen Wänden, abgewetzten Teppich und Kohleofen. Gut soll es ihm gehen. Etwas darstellen soll er. Menschen sollen zu ihm aufschauen. Doch nichts wird wahr, von all dem, mit 45 Fehlern in einem einfachen Diktat.

Wut. Durchgestreckte Arme. Weiße, gespannte Haut über den Knochen der Fäuste. Ausholen, zuschlagen und der Wut freien Lauf lassen. Schreien, weinen, betteln und winseln. Geräusche die, die Raserei des Vaters anspornen. Ein elendes Weichei. Nichts wird aus dem schönen Leben, wenn man sich wie ein winselnder Hund auf dem Boden wälzt. Hart muss man sein. Hart wie Krupp Stahl. Das pflegte schon sein eigener Vater zu sagen. Ein schwerer Schlag auf den Kopf. Ein Tritt in den sich windenden Körper.

Blut tropft aus der Nase auf den alten Teppich. Wieder auf die gleiche Stelle. Blut geht so schlecht raus. Die Mutter wird wieder einmal kräftig scheuern müssen, um die Schönheit des alten Teppichs erneut herzustellen.

Die Schläge hören auf. Durch das dumpfe, rhythmische pochen im Kopf des Jungen, ist der schnelle Atem des Vaters zu hören. Er schnauft vor Anstrengung. In seinem Gesicht kann man Genugtuung erkennen. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Junge kann es nicht deuten, aber er sieht es ganz deutlich in den Augen des Vaters. Nur ganz kurz, aber unverkennbar. Es sollten noch Jahre vergehen, bis er verstand, was es war, das in den kurzen Moment nach den Schlägen und Tritten in den Augen des Vaters aufblitze.

Freitag, der schönste Tag der Woche

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wartet der Mann im Büro auf den ersehnten Feierabend, auf das Wochenende und auf ein eiskaltes Bier. Es sind noch knapp 30 Minuten, die verstreichen müssen, bis die Klappe fällt. Nichts kann ihn hier auch nur eine Minute längere halten, denkt er verharrt regungslos auf seinen Bürostuhl und glotz gedankenverloren ins Dekolleté seiner Kollegin, die ihm gegenüber sitzt und mit spitzen Fingern auf die Tastatur einhämmert als gäbe es kein Morgen mehr. Nur wiederwillig löst er seinen Blick von den ZENSIERT der Kollegin, kratzt sich durch die Innentaschen seiner Hose ungeniert am Sack und denkt: „Auch die wird die ungeschriebene Gesetze, die einem den Alltag im Büro erträglicher machen noch lernen.“

Endlich hat er es geschafft. Die Zeiger auf seiner nostalgisch anmutenden Armbanduhr aus dem Hause Festina, zeigen genau 13 Uhr. Die Tage Montag bis Donnerstag sind arbeitsreich und gespickt mit Konferenzen und Terminen aber der Freitag ist da, um die Woche ausklingen zu lassen und früher in das Wochenende zu gehen. Komme was wolle. Da führt kein Weg dran vorbei. Der altersschwache PC wurde schon 10 Minuten vorher heruntergefahren, der Aktenschrank wurde bereits akribisch verschlossen und auch die ansehnliche Butterbrotsdose aus Metall wurde in die teuere, lederne Aktentasche geschoben.

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd…

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd wirf, tippt „Fräulein Vorbild“ immer noch und tut so als wäre ihr das Wochenende egal. Er kann dieses Verhalten nicht nachvollziehen, macht jetzt aber dennoch die Biege und wirft der Blondine ein nicht ernst gemeintes „Schönes Wochenende“ an den Kopf und hämmert die Tür von außen in die Angeln. Draußen angekommen geht er an der Schranke vorbei, findet sein Liebling auf ihn wartend, auf seinem reservierten Parkplatz und hüpft elegant über die Fahrertür und landet passgenau mit seinem ZENSIERT im Sitz der feuerroten Corvette.

Die Autobahn ist um diese Zeit frei. Er kann gehörig auf das Gaspedal drücken und dabei im Takt seiner laut aufgedrehten Lieblingsmucke mit wehendem Haar nach Hause düsen. Dort angekommen braucht er nicht nach einem Parkplatz zu suchen. Sein roter Rennhobel findet Platz unter dem riesigen Carport, das vor seinem schicken, frei stehenden Einfamilienhaus sein Zuhause gefunden hat. Hier ist sein Schatz vor den grauenhaften Regen und den scheißenden Vögeln einigermaßen geschützt und dennoch könnte Peter schnell, wenn ihm danach wäre, in das Vehikel springen und am Nachmittag, um in Metaphern zu denken, mit nacktem Oberkörper an der Strandpromenade auf und ab fahren.

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam den Schlüssel in das Schloss gleiten…

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam seinen Schlüssel in das Schloss gleiten und öffnet diese. Seine beiden, wunderschönen und wohlerzogenen Kinder, die beide eine Privatschule besuchen, kommen angerannt, fallen ihm um den Hals und zeigen ihn damit wie gerne sie ihn haben. Kimberly ist 14 und Josef 12. Ein Mädchen und ein Junge. Genauso wie er und seine Frau es sich es seinerzeit gewünscht, geplant und ausgeführt hatten. Genau nach Zeitplan, damit nichts seiner Karriere im Weg steht. Seine Frau kümmert sich auch heute einzig und alleine liebevoll um das Wohl der Kinder, fährt sie zum Ballett, zum Geigenunterricht und zum Tennis. Nebenbei schmeißt sie den Haushalt und hat alle Tätigkeiten mehr als nur im Griff. Peter weiß, dass der Terminkalender seiner Frau voller ist als sein eigener, wird sich aber hüten es ihr auf die Nase zu binden.

Auch seine Frau kommt nun, um ihn zu begrüßen. Der attraktiven Dame des Hauses, die immer noch eine absolute Traumfigur hat, steht ehrliche Freude ins Gesicht geschrieben. Sie führen eine harmonische aber konservative Ehe, wie Peter findet. Zuvorkommend wie sie ist, hilft sie ihren Gatten aus dem Mantel, hängt diesen ordentlich an die Garderobe und geleitet ihn sodann ins Wohnzimmer. Hier ist bereits alles vorbereitet. Sein Sessel, auf dem er nun Platz nimmt, ist in Richtung des Fernsehers ausgerichtet. Er muss nichts weiter tut. Seine liebende Gattin zieht ihm behutsam die Schuhe aus und stülpt die kuscheligen Pantoletten über seine von der Arbeit schmerzenden, verschwitzten Füße und hebt diese vorsichtig auf den Fußhocker.

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch…

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch ihm die bereits geöffnete, eiskalte Flasche von seinem Lieblingsbier zu reichen und die Fernbedienung des riesigen Fernsehgeräts in die andere Hand zu geben, um sich sodann leise in die Küche zurückzuziehen. Während sich ihr Göttergatte von der anstrengenden Arbeit ausruht, bereitet sie dort seine Lieblingsspeise zu, schaut aber in regelmäßigen Abstanden im Wohnzimmer nach dem Rechten. Ihr ist es wichtig und ein großes Anliegen, dass das Bier ihres Mannes in der braunen Glaskaraffe nicht komplett zur Neige geht.

Endlich ist das Essen zubereitet. Peter muss nur das neben der Küche gelegene Esszimmer aufsuchen und auf seinen Stuhl Platz nehmen, sich die Servierte auf den Schoß legen und das fettige, deftige und wahrscheinlich ungesunde aber absolut leckere Mahl herunterschlingen. Hier in seiner gewohnten Umgebung braucht er nicht auf die Etikette zu achten. Hier kann er das Essen schlingend und schmatzend herunterwürgen und danach ohne sich zu schämen, rülpsen und furzen. Für sich und die Kinder hat seine Frau übrigens ein anderes Gericht zubereitet. Weitaus gesünder, weniger fettig, aber lang nicht so appetitlich.

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der…

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der Terrasse des Anwesens gemütlich. Nur mit einer Badehose bekleidet liegt er sodann auf der bequemen Liege unter dem Sonnenschirm und beobachtet, die sich in der leichten Brise bewegenden größeren Laubbäume am Ende seines Gartens. Dabei lässt er sich einen von der liebenden Gattin kredenzten Cocktail munden und springt gelegentlich, um sich abzukühlen, in den hauseigenen Pool. Erst als die Sonne untergeht und er schon ein wenig angesäuselt von den vielen Cocktails und dem Bier ist, holt ihn seine leicht bekleidetet Frau ab, nimmt ihn an die Hand und geht mit ihm auf direktem Weg ins Schlafzimmer.

Im Schlafgemach angekommen verriegelt die Dame des Hauses die doppelflüglige Tür, öffnet ihren Bademantel und schmeißt sich nackt wie Gott sie einst schuf auf das kreisrunde, riesige Bett. Im über dem Bett an der Decke angebrachten ebenso großen Spiegel, kann der dickliche Adonis erkennen, dass seine Frau ihn, kess wie sie in diesen Momenten nun einmal ist, mit dem Zeigefinger zu ihm heranbittet. Nachdem er seine Badehose heruntergelassen hat, kommt er dieser Bitte lächelnd nach und lässt sich ein, auf den geilen, wollüstigen, langandauernden Tanz der Liebenden.

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt…

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt, spürt er nach dem Liebesakt wie ihm seine mehrfach befriedigte Gattin einen Kuss auf die Wange haucht und sanft die seidene Bettdecke über seinen nackten, vom Paarungsakt gezeichneten Körper legt. Überglücklich und voller Stolz auf sich und sein Leben schläft Peter ein. Erst eine ganze Zeit später spürt Peter etwas Schweres auf seiner rechten Schulter, dass ihn zu schütteln scheint. Auch dringen aus weiter Ferne Worte an sein Ohr, die so gar nicht nach seiner Ehefrau klingen und überhaupt nicht in das Bild zu passen scheinen.

Langsam kommt Peter zu sich. Bedächtig wacht er auf und wird sich der Hand auf seiner Schulter mehr und mehr bewusst. Wie in Zeitlupe hebt Peter nun seinen Kopf von der Schreibtischplatte, dreht sich um und erkennt hinter sich seinen steinalten Chef, der ihn so ungalant Schüttelt, mit bösen Augen anfunkelt und ihm Schimpfwörter an den Kopf schmeißt. Er sei hier nicht zum Pennen, sondern zum Malochen brüllt sein Boss und hört erst dann mit dem Schütteln auf, als sich Peter kleinlaut für sein Fehlverhalten entschuldigt und seine Arbeit, am Freitag um 17:15 Uhr wieder aufnimmt.

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin…

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin ein. Angewidert wird ihm bewusst, dass er bestimmt noch eine ganze Stunde braucht bis die Statistik, die er zu erstellen hat, fertig ist. Leidvoll wird Peter klar, dass sich das so wirklich und wahrhaftig angefühlte Erlebnis nur ein Traum war. Voller Ekel weiß er nun, dass er auch heute in seinen kleinen, uralten Opel Corsa steigen wird. Er wird mit der Karre durch überfüllte Straßen fahren und wird ewiglich brauchen bis er einen Parkplatz gefunden hat. Im Anschluss wird er seine gammelige Junggesellenbude aufsuchen, sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, ein Bier aus einer Plastikflasche schlürfen und frustriert und alleine furzend und rülpsend den Abend vor dem Fernseher verbringen.

Irgendwann wird er dann auf der ranzigen Couch einschlafen. Nach wenigen Stunden Schlaf wird er sabbernd, mit muffigem Mundgeruch vom Wecker geweckt. Er wird auch am heutigen Samstag wieder das Büro aufsuchen. Er wird wieder für seinen cholerischen Chef da sein. Er wird erneut Arbeiten verrichten, die ihm völlig zuwider sind. Doch eventuell, mit ein bisschen Glück, findet er wieder ein paar Minuten Zeit um seinen Kopf auf die Tischplatte zu legen. Er wird dann endlich wieder mit seiner virtuellen aber wunderschönen Frau zusammen sein können. Er wird wieder eine rote Corvette fahren, Hausbesitzer sein und mit seiner großbusigen Frau ein Schäferstündchen verbringen und glücklich und zufrieden sein.