Kategorie: Sarkastisches (Seite 1 von 2)

Der miese Schreiberling

„Wer der schreibenden Zunft angehört, der hat doch immer Ideen. Wie kann es sonst sein, dass so einer, der immer mit dieser schrecklich runden Brille herumläuft mit seinen Büchern Geld verdient? Ein Auto hat der feine Herr auch noch. Scheint also wirklich kein schlechter Schreiberling zu sein. Wird schon seine Leser haben, der Typ mit der Brille. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein Buch von ihm kaufen? Wenn ich doch nur wüsste, unter welchem Pseudonym er sein Geschmiere auf den Markt bringt. Wird wohl kaum unter seinen wirklichen, also richtigen Namen – der Name der auch an seiner Wohnungstür steht – seine Schreibe veröffentlichen?“

„Ich bin mir wirklich und wahrhaftig gar nicht mal so sicher, ob er wirklich Bücher schreibt. Vielleicht ist der Spinner auch nur Blogger oder Journalist und macht einen auf Assange. Auf jeden Fall, höre ich ihn jeden Abend, auf so einer altmodischen Schreibmaschine tippen. Und das in der heutigen Zeit. Es gibt doch moderne Computer, die alles von selbst korrigieren. Mit dem richtigen Programm benötigt man keine Rechtschreibung und keine Schulbildung. Geht alles von allein. Mit großer Sicherheit sind gar keine Ideen mehr notwendig. Eine ausgeklügelte Software, mit einem von findigen Programmierern hinterlegten Algorithmus macht dann alles allein.“

“Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es…”

„Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es ihm. So einen, der tatsächlich schon vieles allein macht. Einen rundlichen Hochleistungsrechner mit angebissenem Apfel. Mich würde es nicht wundern, wenn er dann einfach ein altmodisches Eingabegerät angeschlossen hat. Eine Tastatur, die dieses klickende Geräusch macht, um uns alle zu täuschen. Um uns allen vorzugaukeln was für ein kluger, gebildeter Mann er doch ist, mit seiner Scheiß-Harry-Potter-Brille und dem albernen Bart.“

„Der treibt es noch auf die Spitze. Grüßt sogar immer freundlich im Hausflur, wenn er mir entgegenkommt. Als wenn ich nicht wüsste, was er für ein Geheimnis vor mir und den anderen Hausbewohnern verbirgt. Eines, das er teilt mit Millionen von Menschen, aber mich und alle anderen direkten Nachbarn mit seiner Anonymität ausschließt. Ein scheinheiliger Penner der sich einen Dreck um seine Nachbarn schert und uns einen riesigen, virtuellen Haufen Scheiße vor die Füße wirft. Die pure, bodenlose Provokation. Doch ich mache das nicht mehr lange mit, dass sollte jedem klar sein. Auch ihm. Besonders ihm.“

“Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein.”

„Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein. Ich werde mich nicht erneut täuschen lassen von seinem Lächeln und dem geheuchelten, friedfertigen Gruß. Nein, ich werde ihn zur Rede stellen und ihn auffordern ehrlich zu sein und direkt im Hausflur zu gestehen, dass er mit seinem radikalen Geschmiere das Volk anstachelt. Ich werde ihn so weit in die Ecke drängen, bis er alles zugibt. Er wird seinen Namen nennen und auch die seiner Komplizen, die dafür sorgen, dass er weiterhin zu Hause Sitzen kann, ohne auf die Arbeit zu gehen.“

„Auch von der Angst, die ihm dann ins Gesicht geschrieben steht, werde ich mich nicht blenden lassen. Er wird ein guter Schauspieler sein, um seine Haut zu retten. Er wird alles tun, damit er seine Tarnung nicht aufgeben muss. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen sich der Situation zu entziehen. Der Typ wird probieren sein Heil in der Flucht zu suchen, die Treppen hinauflaufen und seine Wohnungstür verrammeln. Er wird sich verschanzen wollen und alsbald den Computer hochfahren, um seine Meute auf mich zu hetzen. Doch ich werde all dies verhindern.“

„Wenn er diese Verhalten wirklich an den Tag legt und versucht zu verduften und mir keinerlei Antworten zu geben, wird er dafür büßen. Wie bereits erwähnt bin ich vorbereitet auf dies alles. Auch auf Aggression seinerseits. Ich werde dann einfach das mitgebrachte Messer ziehen. Das größte aus meiner umfangreichen Waffensammlung. Die Klinge ist schön lang. Über 20 cm blanker, extrem scharfer Stahl. Ich werde nicht lange fackeln. Nicht lange überlegen. Das Messer wird leicht in seinen Bauch gleiten. Das hellbraune Leinenhemd wird kein Hindernis sein und sich rapide dunkelrot verfärben.“

“Klar, der Hausflur wird dreckig sein.”

„Klar, der Hausflur wird dreckig sein. Sicherlich, ich werde kurzfristig den Ärger der Nachbarn auf mich ziehen. Sie werden wahrscheinlich noch weniger mit mir reden, als schon jetzt. Mir ausweichen. Doch das wird vorübergehen. Sie werden es verstehen und auf meiner Seite sein, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, davon bin ich überzeugt. Auch die Öffentlichkeit wird sich auf meine Seite schlagen und meine Tat als gerechtfertigt einstufen. Kann nicht anders sein. Das Volk wird auch darüber hinwegsehen, dass mein Vorstrafenregister lang ist und ich bereits in der Vergangenheit mit Gewalttaten gegen sogenannte Minderheiten und Andersartige aufgefallen bin.“

„Auch wenn der Staat mich einsperrt, weiß ich, dass ich das richtige getan habe. Ich lasse mich nicht verbiegen und bleibe auch unter Druck standhaft bei meiner Meinung. Es wird Menschen geben, die mir dankbar sein werden. Es wird Personen geben, die versuchen mir nachzueifern und daran arbeiten werden, die Welt von diesen Subjekten zu befreien. Auch das Fernsehen und die Medien im Allgemeinen werden mir dabei helfen. Sie werden mich besuchen wollen. Ich werde sodann in die Kamera lächeln und meine Thesen ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das niedrige Volk wird mir an den Lippen hängen und meine Weisheiten aufsaugen. Ich weiß es. “

Freitag, der schönste Tag der Woche

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wartet der Mann im Büro auf den ersehnten Feierabend, auf das Wochenende und auf ein eiskaltes Bier. Es sind noch knapp 30 Minuten, die verstreichen müssen, bis die Klappe fällt. Nichts kann ihn hier auch nur eine Minute längere halten, denkt er verharrt regungslos auf seinen Bürostuhl und glotz gedankenverloren ins Dekolleté seiner Kollegin, die ihm gegenüber sitzt und mit spitzen Fingern auf die Tastatur einhämmert als gäbe es kein Morgen mehr. Nur wiederwillig löst er seinen Blick von den Titten der Kollegin, kratzt sich durch die Innentaschen seiner Hose ungeniert am Sack und denkt: „Auch die wird die ungeschriebene Gesetze, die einem den Alltag im Büro erträglicher machen noch lernen.“

Endlich hat er es geschafft. Die Zeiger auf seiner nostalgisch anmutenden Armbanduhr aus dem Hause Festina, zeigen genau 13 Uhr. Die Tage Montag bis Donnerstag sind arbeitsreich und gespickt mit Konferenzen und Terminen aber der Freitag ist da, um die Woche ausklingen zu lassen und früher in das Wochenende zu gehen. Komme was wolle. Da führt kein Weg dran vorbei. Der altersschwache PC wurde schon 10 Minuten vorher heruntergefahren, der Aktenschrank wurde bereits akribisch verschlossen und auch die ansehnliche Butterbrotsdose aus Metall wurde in die teuere, lederne Aktentasche geschoben.

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd…

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd wirf, tippt „Fräulein Vorbild“ immer noch und tut so als wäre ihr das Wochenende egal. Er kann dieses Verhalten nicht nachvollziehen, macht jetzt aber dennoch die Biege und wirft der Blondine ein nicht ernst gemeintes „Schönes Wochenende“ an den Kopf und hämmert die Tür von außen in die Angeln. Draußen angekommen geht er an der Schranke vorbei, findet sein Liebling auf ihn wartend, auf seinem reservierten Parkplatz und hüpft elegant über die Fahrertür und landet passgenau mit seinem Arsch im Sitz der feuerroten Corvette.

Die Autobahn ist um diese Zeit frei. Er kann gehörig auf das Gaspedal drücken und dabei im Takt seiner laut aufgedrehten Lieblingsmucke mit wehendem Haar nach Hause düsen. Dort angekommen braucht er nicht nach einem Parkplatz zu suchen. Sein roter Rennhobel findet Platz unter dem riesigen Carport, das vor seinem schicken, frei stehenden Einfamilienhaus sein Zuhause gefunden hat. Hier ist sein Schatz vor den grauenhaften Regen und den scheißenden Vögeln einigermaßen geschützt und dennoch könnte Peter schnell, wenn ihm danach wäre, in das Vehikel springen und am Nachmittag, um in Metaphern zu denken, mit nacktem Oberkörper an der Strandpromenade auf und ab fahren.

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam den Schlüssel in das Schloss gleiten…

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam seinen Schlüssel in das Schloss gleiten und öffnet diese. Seine beiden, wunderschönen und wohlerzogenen Kinder, die beide eine Privatschule besuchen, kommen angerannt, fallen ihm um den Hals und zeigen ihn damit wie gerne sie ihn haben. Kimberly ist 14 und Josef 12. Ein Mädchen und ein Junge. Genauso wie er und seine Frau es sich es seinerzeit gewünscht, geplant und ausgeführt hatten. Genau nach Zeitplan, damit nichts seiner Karriere im Weg steht. Seine Frau kümmert sich auch heute einzig und alleine liebevoll um das Wohl der Kinder, fährt sie zum Ballett, zum Geigenunterricht und zum Tennis. Nebenbei schmeißt sie den Haushalt und hat alle Tätigkeiten mehr als nur im Griff. Peter weiß, dass der Terminkalender seiner Frau voller ist als sein eigener, wird sich aber hüten es ihr auf die Nase zu binden.

Auch seine Frau kommt nun, um ihn zu begrüßen. Der attraktiven Dame des Hauses, die immer noch eine absolute Traumfigur hat, steht ehrliche Freude ins Gesicht geschrieben. Sie führen eine harmonische aber konservative Ehe, wie Peter findet. Zuvorkommend wie sie ist, hilft sie ihren Gatten aus dem Mantel, hängt diesen ordentlich an die Garderobe und geleitet ihn sodann ins Wohnzimmer. Hier ist bereits alles vorbereitet. Sein Sessel, auf dem er nun Platz nimmt, ist in Richtung des Fernsehers ausgerichtet. Er muss nichts weiter tut. Seine liebende Gattin zieht ihm behutsam die Schuhe aus und stülpt die kuscheligen Pantoletten über seine von der Arbeit schmerzenden, verschwitzten Füße und hebt diese vorsichtig auf den Fußhocker.

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch…

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch ihm die bereits geöffnete, eiskalte Flasche von seinem Lieblingsbier zu reichen und die Fernbedienung des riesigen Fernsehgeräts in die andere Hand zu geben, um sich sodann leise in die Küche zurückzuziehen. Während sich ihr Göttergatte von der anstrengenden Arbeit ausruht, bereitet sie dort seine Lieblingsspeise zu, schaut aber in regelmäßigen Abstanden im Wohnzimmer nach dem Rechten. Ihr ist es wichtig und ein großes Anliegen, dass das Bier ihres Mannes in der braunen Glaskaraffe nicht komplett zur Neige geht.

Endlich ist das Essen zubereitet. Peter muss nur das neben der Küche gelegene Esszimmer aufsuchen und auf seinen Stuhl Platz nehmen, sich die Servierte auf den Schoß legen und das fettige, deftige und wahrscheinlich ungesunde aber absolut leckere Mahl herunterschlingen. Hier in seiner gewohnten Umgebung braucht er nicht auf die Etikette zu achten. Hier kann er das Essen schlingend und schmatzend herunterwürgen und danach ohne sich zu schämen, rülpsen und furzen. Für sich und die Kinder hat seine Frau übrigens ein anderes Gericht zubereitet. Weitaus gesünder, weniger fettig, aber lang nicht so appetitlich.

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der…

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der Terrasse des Anwesens gemütlich. Nur mit einer Badehose bekleidet liegt er sodann auf der bequemen Liege unter dem Sonnenschirm und beobachtet, die sich in der leichten Brise bewegenden größeren Laubbäume am Ende seines Gartens. Dabei lässt er sich einen von der liebenden Gattin kredenzten Cocktail munden und springt gelegentlich, um sich abzukühlen, in den hauseigenen Pool. Erst als die Sonne untergeht und er schon ein wenig angesäuselt von den vielen Cocktails und dem Bier ist, holt ihn seine leicht bekleidetet Frau ab, nimmt ihn an die Hand und geht mit ihm auf direktem Weg ins Schlafzimmer.

Im Schlafgemach angekommen verriegelt die Dame des Hauses die doppelflüglige Tür, öffnet ihren Bademantel und schmeißt sich nackt wie Gott sie einst schuf auf das kreisrunde, riesige Bett. Im über dem Bett an der Decke angebrachten ebenso großen Spiegel, kann der dickliche Adonis erkennen, dass seine Frau ihn, kess wie sie in diesen Momenten nun einmal ist, mit dem Zeigefinger zu ihm heranbittet. Nachdem er seine Badehose heruntergelassen hat, kommt er dieser Bitte lächelnd nach und lässt sich ein, auf den geilen, wollüstigen, langandauernden Tanz der Liebenden.

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt…

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt, spürt er nach dem Liebesakt wie ihm seine mehrfach befriedigte Gattin einen Kuss auf die Wange haucht und sanft die seidene Bettdecke über seinen nackten, vom Paarungsakt gezeichneten Körper legt. Überglücklich und voller Stolz auf sich und sein Leben schläft Peter ein. Erst eine ganze Zeit später spürt Peter etwas Schweres auf seiner rechten Schulter, dass ihn zu schütteln scheint. Auch dringen aus weiter Ferne Worte an sein Ohr, die so gar nicht nach seiner Ehefrau klingen und überhaupt nicht in das Bild zu passen scheinen.

Langsam kommt Peter zu sich. Bedächtig wacht er auf und wird sich der Hand auf seiner Schulter mehr und mehr bewusst. Wie in Zeitlupe hebt Peter nun seinen Kopf von der Schreibtischplatte, dreht sich um und erkennt hinter sich seinen steinalten Chef, der ihn so ungalant Schüttelt, mit bösen Augen anfunkelt und ihm Schimpfwörter an den Kopf schmeißt. Er sei hier nicht zum Pennen, sondern zum Malochen brüllt sein Boss und hört erst dann mit dem Schütteln auf, als sich Peter kleinlaut für sein Fehlverhalten entschuldigt und seine Arbeit, am Freitag um 17:15 Uhr wieder aufnimmt.

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin…

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin ein. Angewidert wird ihm bewusst, dass er bestimmt noch eine ganze Stunde braucht bis die Statistik, die er zu erstellen hat, fertig ist. Leidvoll wird Peter klar, dass sich das so wirklich und wahrhaftig angefühlte Erlebnis nur ein Traum war. Voller Ekel weiß er nun, dass er auch heute in seinen kleinen, uralten Opel Corsa steigen wird. Er wird mit der Karre durch überfüllte Straßen fahren und wird ewiglich brauchen bis er einen Parkplatz gefunden hat. Im Anschluss wird er seine gammelige Junggesellenbude aufsuchen, sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, ein Bier aus einer Plastikflasche schlürfen und frustriert und alleine furzend und rülpsend den Abend vor dem Fernseher verbringen.

Irgendwann wird er dann auf der ranzigen Couch einschlafen. Nach wenigen Stunden Schlaf wird er sabbernd, mit muffigem Mundgeruch vom Wecker geweckt. Er wird auch am heutigen Samstag wieder das Büro aufsuchen. Er wird wieder für seinen cholerischen Chef da sein. Er wird erneut Arbeiten verrichten, die ihm völlig zuwider sind. Doch eventuell, mit ein bisschen Glück, findet er wieder ein paar Minuten Zeit um seinen Kopf auf die Tischplatte zu legen. Er wird dann endlich wieder mit seiner virtuellen aber wunderschönen Frau zusammen sein können. Er wird wieder eine rote Corvette fahren, Hausbesitzer sein und mit seiner großbusigen Frau ein Schäferstündchen verbringen und glücklich und zufrieden sein.

Ich glotz TV im Plattenbau

Ein Hochhaus das 14 Etagen hat und irgendwo im Ruhrpott steht. Graue, kerzengerade Wände, Fenster an Fenster und Balkon an Balkon. Im unteren Bereich zieren Graffiti den tristen Bau. Wenige Laternen erhellen die Umgebung rund um das Haus nur minimal. Dunkle Ecken und ein finsterer, enger Durchgang zum Hinterhof runden das Bild der Siedlung ab. Im Hof vertrieben sich Jugendliche ihre Langeweile. Sie sind gezwungen hier zu wohnen und sitzen rauchend auf dem Schaukelpferdchen für die Kleinen oder trinken Alkopops auf den Bänken, die rund um den Sandkasten aufgestellt wurden. Auch der eine oder andere Joint wandert schon mal durch die Hände der jungen Menschen. Kinder, für die dieser Platz eigentlich geschaffen wurde, trauen sich hier schon lange nicht mehr hin.

In der fünften Etage sind die Friedrichs zu Hause. Eine junge Familie mit drei Kindern und einem Vater der als Elektriker sein Geld verdient. Die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Wunschkinder der Familie. Geld haben sie wenig, aber es reicht, um die monatlichen Rechnungen zu begleichen und satt zu werden. Gelegentlich ist auch das eine oder andere Spielzeug für die Kinder drin. Meist sind die kleinen Geschenke, die der Vater besorgt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, gebraucht. Trotzdem strahlen die Kinder jedes Mal, wenn der Vater seine Mitbringsel auspackt und für einen kurzen Moment ist der ansonsten frustrierte Arbeiter glücklich. Jedes Kind bekommt etwas, dass in etwa den gleichen materiellen Wert aufweist. Der Vater will keinen Streit unter den Kindern und achtet penibel auf die Wertigkeit der Präsente, die er meist auf dem Flohmarkt besorgt.

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach…

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach. Auch die Möbel wurden gebraucht gekauft und sind bunt durcheinander gewürfelt. Im Wohnzimmer findet man ein großes Ecksofa in Rot, eine Schrankwand mit zwei Glastüren in Weiß und einen abgewetzten Teppich in Blau. Nur das Fernsehgerät der Marke Samsung wurde neu erworben. Lange hat die Familie gespart und auf Urlaub verzichtet, um sich das 65 Zoll große Gerät zu leisten.

Nun läuft der Apparat den ganzen Tag und alle Familienmitglieder sind der gleichen Meinung: Für dieses Gerät zu sparen und zu verzichten hat sich wirklich gelohnt. Groß, protzig und ein Bild das sich, im wahrsten Sinne des Wortes, sehen lassen kann. Ultra HD, Tripple Tuner und auch internetfähig ist die flache Flimmerkiste. Tagsüber, wenn der Vater auf der Arbeit ist und die Kinder die nahe gelegene Hauptschule besuchen, läuft der Shopping-Kanal und die Hausfrau kann beim Wischen, Waschen, Bügeln und beim Saugen von Dingen träumen, die sie sich nicht leisten kann.

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen…

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, werden die Hausaufgaben im Wohnzimmer vor dem laufenden Fernseher erledigt. Die Mutter hat nichts dagegen denn sie ist der Meinung, dass Fernsehen nicht nur unterhaltsam ist, sondern in erster Linie bildet. Fast ihr gesamtes Fachwissen rund um die Haushaltsführung hat sie sich beim Fernsehen angeeignet. Dass ihre Kinder Sendungen schauen, die für Ihr Alter nicht geeignet sind oder Programme glotzen, die doch nicht zur Aneignung von Allgemeinwissen geeignet sind, interessiert die Hausfrau wenig bis gar nicht. Wissen hätten die Kinder zwar dringend nötig, aber der Dame des Hauses erscheint es wichtiger, dass die Kinder glücklich und zufrieden wirken und gelegentlich auch einfach mal die Fresse halten und sie in Ruhe lassen.

Besonders jetzt. Es muss gekocht werden, denn das übergewichtige Oberhaupt der Familie ist auf dem Weg nach Hause. Jeden Tag meldet er sein Erscheinen im heimeligen Plattenbau fernmündlich an, denn er bringt einen Bärenhunger mit nach Hause und will auf sein wohlverdientes Essen nicht allzu lange warten. Noch im Blaumann und mit ein paar Lüsterklemmen in der Hosentasche nimmt der Malocher dann auf der Couch neben seiner Frau und den Kindern platz. Gegessen wird nämlich, wie soll es anders sein, ebenfalls im Wohnzimmer vor der Glotze. Nun laufen Serien wie: „Berlin-Tag & Nacht“, „Der Trödeltrupp“, „Betrugsfälle“, „Der Blaulichtreport“ oder „Sterne von Berlin“ und bringen die gesamte Familie in Verzückung.

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe…

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe ein weiteres Mal auf dem Sofa, futtert scheffelweise Chips, Popcorn, Erdnüsse und tafelweise Schokolade und erfreut sich an Sendungen wie: „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“, „Das Supertalent“, und „Deutschland sucht den Superstar“. Alle sind sodann entzückt von den doofen Menschen, die sich in den Unterhaltungsshows regelmäßig zum Affen machen. Dann und wann verdrücken die Friedrichs auch ein paar Tränen. Vor Rührung ganz starr, verfolgen sie dann gebannt die Handlungen des Kandidaten auf der Bühne, der nicht nur gut aussieht, sondern zusätzlich noch die Fähigkeit besitzt, gelegentlich den richtigen Ton beim Singen zu treffen.

Wenn zum späten Abend die Kinder endlich im Bett liegen und sich auf den anstrengenden Tag in der Schule vorbereiten und sich auch die Frau mit Migräne im Schlafgemach verbarrikadiert hat, kommt die Zeit des Familienoberhaupts. Der schwer arbeitende Mann holt sich dann eine eiskalte Dose Bier aus dem Kühlschrank und macht es sich, bewaffnet mit einem Stück Pizza vom Vortag, auf der Couch vor dem riesigen Fernseher bequem. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde damit verbracht hat durch die Kanäle zu zappen, bleibt er dann doch, wie fast am jeden Abend, auf Sport 1 hängen und verfolgt die anmutigen Bewegungen der freizügigen Damen, die die Hauptrollen bei den „Sexy Sport Clips“ spielen, kratz sich dabei am Gemächt und träumt von einer besseren Welt.

Franky Red

Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.

Einkaufen mit Frau im Schlepptau

Bald ist die Woche schon wieder vorbei und das Wochenende steht direkt vor der hölzernen, vom Portas-Mann aufgemöbelten, Haustür. Die Frau hat daheim, in der überheizten, warmen Kaschemme nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch einen Einkaufszettel geschrieben. Das macht sie immer am Freitagabend der Vorwoche und hat dabei nicht nur die einzelnen Tage, und die Gerichte, die an diesen gekocht werden sollen im Blick, sondern auch das Budget, das ihr vom angetrauten Göttergatten dafür zur Verfügung gestellt wird. Penibel und hoch konzentriert reiht sie zuerst, um den Überblick zu behalten, alle Wochentage der kommenden Woche in Spalten und ordnet die Gerichte in den darunter liegenden Zeilen an. Hat sie diese Aufgabe zu ihrer eigenen Zufriedenheit erledigt, kann sie auch schon mit der eigentlichen Liste, der am Samstag zu besorgenden Utensilien und Fressalien, beginnen.

Wie immer wird die Liste lang und die Dame des Hauses braucht einige Zeit dafür. Zwischendurch schiebt sie ihre Lesebrille immer mal wieder auf die Stirn, um keine der Handlungen der Silhouette des Bergdoktors, die über die riesige, an der Wand montierte Mattscheibe flimmert zu verpassen und stopft sich dabei einen Schoko-Brownie in den Mund. Gerne wäre sie auch mit so einen tollen, charmanten und erfolgreichen Mann verheiratet, der ihr die Welt zu Füßen legen würde. Doch ein Blick auf die Couch gegenüber, wo ihr eigener Mann gerade eben, nach dem dritten Bier im Sitzen eingeschlafen ist, holt sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen angeekelt stellt sie dabei fest, dass ein dünner Speichelfaden im Winkel, seines mit Oberlippenbart verzierten Mundes hängt und dieser nun geräuschlos auf die aus Polyesterfasern bestehende, moosgrüne Strickjacke tropft.

“Es ist so wie es ist”, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt…

„Es ist so wie es ist“, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt und ihren Mann unsanft, mit einem Schlag auf dessen Oberschenkel, aus dem Schlaf holt. Auch der Bergdoktor hat seine Aufgaben heuer erledigt und braucht zumindest heute keine Herzen mehr zu brechen. Ehemann und Ehefrau begeben sich schweigend zum Badezimmer, um an den zwei nebeneinander angebrachten Waschbecken, die Abendtoilette zu erledigen. Beisser werden gereinigt, Ohrringe aus Ohrläppchen geholt, Wasser und Seife ins Gesicht geschmiert nur, um nachher mit dem Handtuch wieder abgerubbelt zu werden. Die Dame des Hauses legt, nach dieser Prozedur, noch eine Nachtcreme auf. Der Mann hat das Schlafgemach bereits erreicht und ist längst aus seinen Klamotten geschlüpft, hat sich ausgiebig am Gemächt gekratzt und ist danach in den Schlafanzug aus grober Baumwolle geschlüpft.

Als die Ehefrau das Schlafzimmer betritt, schläft der Mann bereits. Man hört es am lauten Schnarchen und wird unweigerlich an den letzten Ausflug in den nahegelegenen Park erinnert, wo einige vom Borkenkäfer befallenen Bäume mittels Kettensäge von ihrem Leiden erlöst wurden. Auch die Ehefrau zieht nun ihre Kleider aus und schlüpft in ihr Nachthemd. Der total bunte Fetzen Stoff zeigt auf frappierender Weise eine enorm starke Ähnlichkeit mit dem Zelt des Zirkus, der auf dem Parkplatz vor dem Lidl-Mark seine Tore geöffnet hat und das nicht nur hinsichtlich der Farbauswahl, sondern bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Größe. Sodann wuchtet sie ihren Körper auf die Matratze, greift mit geübtem Griff in die Schublade des Nachttischchens, stopft sich die Stöpsel in die Ohren und verdeckt ihre Augen mit einer im Leoparden-Muster daherkommenden Schlafmaske. Als sie endlich ihre Lieblingsposition gefunden hat und das Schnarchen des Mannes zu einem dumpfen Hintergrundrauschen abebbt, schläft auch sie hurtig ein.

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen…

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen. Der Mann besorgt beim morgendlichen Gang mit dem Rauhaardackel namens Wigald, beim hiesigen Bäcker, Brötchen und die Dame des Hauses bereitet in dieser Zeit daheim alles für ein ausgiebiges, opulentes Frühstück vor. Am Wochenende wollen es sich die beiden Rentner besonders gut gehen lassen. Als ihr Gatte die Wohnung betritt, der Dackel es sich in der Ecke der Küche, neben der Heizung, in seinem Körbchen gemütlich gemacht hat, ist der Tisch bereits gedeckt. Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Quark und für jeden drei gekochte Eier warten darauf von dem Ehepaar vertilgt zu werden. Schnell werden drei dick belegte Brötchen in den Rachen gestopft, die Eier geköpft und verschlungen und das Ganze mit mindesten vier Tassen, wegen der Pumpe entkoffeinierten, Kaffee heruntergespült.

Sodann geht es auch schon ans Waschen und Anziehen. Allerdings macht sich der Magen des Mannes, deutlich hörbar, bemerkbar und er weiß, dass er nicht umhinkommt vorher etwas zu erledigen. Zügig verschwindet er, nicht ohne sich zuerst mit der Tageszeitung bewaffnet zu haben, auf die Gäste-Toilette und widmet sich voll und ganz dem Morgenschiss. Währenddessen ist die Frau aber nicht untätig. Sie schlüpft zur Gänze aus ihren Klamotten, zeigt sich nackt wie Gott sei einst schuf vor dem Spiegel und muss anerkennen, dass sich ihr Körper seit damals doch ein wenig verändert hat. Schnell schiebt sie aber den aufsteigenden Ekel zur Seite und zwängt sich in die Duschkabine, um sich mit einem, am Holzstiel befestigten, Schwamm sauber zu rubbeln.

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab…

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab, putzt sich die Zähne, steigt in Rock und Bluse, legt tonnenweise Schmuck an und benetzt alle freiliegenden Hautpartien mit Tosca-Parfüm. Danach noch Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift und fertig ist die Dame des Hauses. Nun wartet sie auf ihren geliebten Mann, der noch immer auf dem Kot-Thron für Besucher sitzt, gelegentlich mit der Zeitung raschelt und dann und wann mal einen Furz, deutlich hörbar, in die enge Kabine entlässt. Freundlich aber bestimmt hämmert sie gegen die hölzerne Tür und setzt ihren Mann damit bewusst unter Druck. Missmutig bricht der Mann sein morgendliches Geschäft ab, rubbelt sich fahrig die Kimme sauber und zieht sich danach die gammelige Cordhose und das Polohemd von gestern an. Auf die Morgentoilette verzichtet er, aus Protest, komplett.

Bewaffnet mit mehreren Taschen, Tüten und zwei Kisten Leergut macht man sich auf den Weg zur Garage. Der Mann öffnet das Tor, verschwindet im Innenraum und schmeißt achtlos das Leergut und die Tüten in den Kofferraum. Reimund ist schon jetzt bedient. Trotzdem befreit er nach kurzer Zeit den altersschwachen, aber zuverlässigen, Opel der Baureihe Club aus seinem Gefängnis, damit auch das angetraute Weibchen ins Vehikel einsteigen kann. Als Heidrun endlich ihren zarten Hintern im ausgesessenen Polster positioniert hat und der Sicherheitsgurt über Bauch und Möpse gespannt wurde, kann die kurze Fahrt zum nahegelegenen Einkaufscenter endlich beginnen.

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt…

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt erreichen sie das Einkaufsparadies und biegen auf den übervollen Parkplatz ein. Bis allerdings ein freier Abstellplatz für den grauen Liebling des Mannes gefunden wurde, vergehen weitere zehn Minuten. Endlich steht die Kiste. Reimund macht sich auf den Weg zum Supermarkt ihres Vertrauens, um einen Einkaufswagen zu holen. Die Ehefrau wartet so lange im Auto, damit ihre Knie nicht allzu lang, der ständigen Belastung ihres eigenen Gewichtes standhalten müssen. Als der Mann das Auto wieder erreicht hat, wuchtet auch seine Gattin die schweren Beine aus der Öffnung der Beifahrertür und Reimund befüllt den drahtigen Zwiebelporsche mit Leergut und Tragetaschen.

Dann geht es auch schon in den Laden. Direkt am Anfang muss allerdings schon Halt gemacht werden, denn hier befindet sich der einzige Automat für die Leergut-Abgabe. Leider steht direkt vor Heidrun und Reimund ein unzweideutig nach Knoblauch riechender Mann, der bewaffnet mit zwei prall gefüllten blauen Säcken, auf die Dienste der hochmodern erscheinenden Apparatur wartet. Reimund schwant böses und als der Stinker an der Reihe ist, bewahrheitet sich die unangenehme Vorahnung. Langsamer als eine Schnecke, fingert der vollbärtige Mann eine Plastikflasche nach der andere aus den Säcken und stopft diese in das dafür vorgesehene Loch im Automaten. Selbstredend ertönt, bevor der Übelriechende zu Ende gekommen ist, ein Alarm und eine rote Rundumleuchte signalisiert, dass der Bauch der Maschine zur Gänze gefüllt ist. Erst als nach einer kleinen Ewigkeit, sich ein untersetzter Mitarbeiter des Ladens dazu herablässt, den Automaten zu entleeren und entstören, kann der behaarte Iltis seine Arbeit zum Abschluss bringen und den Weg für Reimund und Heidrun freimachen.

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten…

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten in den Händen halten, kann es auch schon weitergehen. Man quetscht sich durch das Drehkreuz und gelangt in den perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüsebereich des Marktes. Reimund schiebt den Einkaufswagen nun gelangweilt hinter seiner Frau her. Gelegentlich nickt er zustimmend, wenn sein angetrautes Weib ihm eine Frage zu einem Produkt stellt und beobachtet ansonsten schweigsam wie Mandarinen, Äpfel, ein Kohlkopf, Zwiebeln und ein längliches Gemüse, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen will, in den Einkaufswagen gelegt werden.

Dann taucht man gemeinsam weiter in das innere des überfüllten Marktes ein. Die Frau arbeitet ihre Liste ab und Reimund konzentriert sich einzig und alleine darauf, den Einkaufswagen zielgerichtet durch die vielen anderen Einkaufswütigen zu steuern und seiner Frau, wie ihm der eigene Dackel beim Gassi-Gehen auch, ohne groß darüber nachzudenken zu folgen. Bedauerlicherweise ist Heidrun nicht in der Lage, die Produkte auf der Liste einfach aus dem Regal zu nehmen und in den Wagen zu verfrachten. Zum völligen Unverständnis des Mannes liest sich das Weibsbild, praktisch vom jeden Produktes, die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite durch und vergleicht diese mit einem vergleichbaren Fabrikat, eines anderen Herstellers.

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit…

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit auch einen Mitarbeiter des Ladens unter beschlag und stellt, ausschließlich zu ihrem Vergnügen, Fragen zum Preis, zur Herstellung und Auffindbarkeit der Produkte auf ihrer Liste. Reinhold schaut dann immer betreten zur Seite oder auf den Boden und tut so als würde er die Fragestellerin an seiner Seite nicht kennen. Erst als die Dame den Einkaufswagen fast bis zum Rand mit Fressalien und Artikeln aus dem Non-Food-Bereich gefüllt hat, erwacht die Aufmerksamkeit von Reimund wieder, denn sie haben den Bereich mit den Getränken erreicht.

Mit einem schnellen Handgriff greift Reimund sich die Kiste des billigen Mineralwassers und verfrachte sie unten, auf die Ablage unter dem Drahtkorb des Einkaufswagens und studiert sodann, mit geübtem Blick, die Preise der Biere die Heuer zum vergünstigten Preis angeboten werden. Bei der Auswahl des Bieres darf allerdings, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, nichts falsch gemacht werden. Das Bier muss schließlich schmecken und so darf die Auswahl nicht nur am Preis festgemacht werden. Meist sind nur die nicht so schmackhaften Biere im Angebot und so greift der Rentner auch heute, wie eigentlich jedes Mal, zum Bier von der lokal ansässigen Brauerei.

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln…

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln auf das Warenband und drapiert dabei, aus einem dem Mann unbekannt Grund, schwere Sachen nach vorn und die Leichten ans Ende des gummierten Fließbandes. Immer wieder lächelt sie dabei die genervt wartende Kassiererin an, stellt Fragen zu Rabattmarken und merkt dabei nicht wie Reimund heimlich einen Dreierpack Kräuterlikör unter die Waren mischt. Als sie endlich den Wagen geleert hat und ganz hinten einen sogenannten Warentrenner auf das Band stellt, sind wieder einige Minuten ins Land gegangen. Als die Verkäuferin die Waren endlich über den Scanner zieht und der Einkaufskorb langsam aber sicher wieder gefüllt wird, erntet Reimund einen bösen vernichtenden Blick, als der Dame des Hauses den Likör in den Wagen knallt. Reimund ist es egal.

Als sie schliesslich den Laden verlassen, kommt es Reimund so vor, als ob draussen die Sonne bereits untergeht. Er ist ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Schnurstracks eilt er zu seinem geliebten Auto und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, dass Heidrun ihm nicht so schnell folgen kann. Mit den Nerven am Ende verfrachtet er die Einkäufe zuerst in die mitgebrachten Tüten und dann in den Kofferraum. Penibel achtet er aber darauf, dass der leckre Kräuterlikör nicht in den Tüten landet, sondern direkt in die Jackentasche seiner Strickjacke gesteckt wird. Er wird das Gesöff brauchen, sobald er daheim ist. Als sodann auch die Kisten mit Wasser und Bier im Kofferraum verschwinden kommt auch das schwitzende Weib herbei und lässt sich wie ein nasser Sack auf das Furzpolster des Beifahrersitzes nieder.

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste…

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste, klemmt sich hinter das Lenkrad und startet den Motor, um nachfolgend auf schnellstem Wege nach Hause zu steuern, das Vehikel in die Garage zu stellen und die Einkäufe in die Küche zu tragen. Sofort danach verzieht er sich mit den Dreierpack Kräuterlikör und zwei Flaschen Bier in den Bastelkeller und kommt erst dann wieder heraus, wenn die Gattin ihn zum Essen ruft. Danach bewaffnet er sich erneut mit Bier und verzieht sich wieder, um in seinem Hobbykeller endlich zu realisieren, dass er erneut einen dieser grausigen Tage, an denen der Einkauf erledigt wird, überstanden hat und er ab jetzt, genau sieben Tage Zeit hat sich vom heute erlebten Grauen zu erholen.

Herr Feinbrauer und die Pandemie

Herr Feinbrauer ist ein gepflegter Mann. Er achtet stets auf sein Äusseres und mag es überhaupt nicht, wenn seine anmutigen Gesichtszüge mit Stoff bedeckt sind. Er ist einen von denen, die aus rein ästhetischen Gründen, auf den Mund-Nase-Schutz, wo immer es ihm gestattet wird, verzichtet.

Leider gibt es immer weniger Orte, wo man Mund und Riechorgan zeigen kann. Immer weniger Plätze, an denen es Herrn Feinbrauer erlaubt wird, seine perfekt gereinigt und begradigten Zähne und sein strahlendes Lächeln zu zeigen. Auch die gerichtete Nase, die vor der Operation viel zu groß war und hurtig, in einem halbstündigen Eingriff unter Vollnarkose, zu einer kleinen Stupsnase ummodeltet wurde, kann man meist nicht sehen.

Herr Feinbrauer beschränkt sich dementsprechend meist darauf, das schicke, überdimensionierte Loft…

Herr Feinbrauer beschränkt sich dementsprechend meist darauf, das schicke, überdimensionierte Loft nur dann zu verlassen, wenn ihn seine Füße zu einem Ort tragen an dem man „Oben ohne“ herumlaufen darf. Das ist leider meist nur der nahegelegene Park, wo ihn, immerhin, nicht wenige Jogger und eine Vielzahl an Hundebesitzer, mit zotteligen oder glattrasiertenVierbeinern an der Leine, sehen können.

Manchmal streift er auch einfach, wie ein ausgesetzter, räudiger Strassenköter, durch die Gassen seines Viertels und grüßt jeden Menschen, der ihm ohne Stoff vor dem Mund entgegenkommt überschwänglich. Im feinen Zwirn marschiert er dann durch die verdreckt Straßen, durch die sich viel zu viele Autos zwängen und macht ein freundliches Gesicht. Er geht dabei, weil er eigentlich keine Not zu marschieren hat, nach dem Motto vor: Der Weg ist das Ziel. Ziellos und gedankenverloren wandert er oft stundenlang umher und passiert dabei unbemerkt die gleichen Stellen mehrfach.

Sein Leben hat er dennoch im Griff…

Sein Leben hat er dennoch im Griff. Er hat es nicht nötig zum Discounter zu gehen und sich anzustellen, an der langen Schlange die sich vor der Gitterbox mit Einkaufswagen gebildet hat, mit halbbedeckten Gesicht. Er würde sich niemals, mit anderen Menschen um ein Packet Toilettenpapier balgen. Dieses Verhalten entspricht nicht seinem Lebensmotto und läuft auch nicht konform, mit der Erziehung, die er genossen hat. Herr Feinbrauer lässt sich nicht schikanieren und auch nicht demütigen, von den unterbelichteten Mitarbeiter des Ladens, oder dem zusätzlich organisiertes Sicherheitspersonal, mit meist krimineller Vergangenheit.

Bereits lange vor der Pandemie war Herr Feinbrauer vorbereitet. Er hat sich vor Jahren schon sein Loft, nach seinen Vorstellungen umbauen lassen und dabei auch nicht auf einem versteckten Raum, den man heute wohl „Secret Room“ nennen würde, verzichtet. In dem knapp zwanzig Quadratmeter großen Raum, deren Tür von einem zur Seite schwenkbaren Bücherregal verdeckt wird, hortet er Vorräte, die ihm ein Überleben, über einen Zeitraum von sechs Monaten, garantieren würden. In diesem Zeitraum brächte er seine Wohnung nicht zu verlassen. Eine Vormachtstellung gegenüber den anderen Idioten, die diese Welt bevölkern und ein Luxus, den er sich nur leisten kann, da seine Eltern ihm ein beachtliches Vermögen hinterlassen haben.

Er hat ein perfides System ausgearbeitet…

Er hat ein perfides System ausgearbeitet, sodass keine Lebensmittel und Verbrauchsmaterialien des täglichen Bedarfs, ungeniessbar oder unbrauchbar werden, die ihm im Ernstfall retten würden. Auf seinem Laptop befindet sich ein Programm, dass ihn daran erinnert, wenn etwas in den vielen Regalen, die bis zur Decke reichen, das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Auf Wunsch – es muss nur ein Häkchen gesetzt werden – bestellt die Software, zum vorher definierten Zeitpunkt, auch gleich bei einem großen Online-Händler die Lebensmittel und anderen Dinge nach.

Da er die obere Etage einer umgebauten Fabrikhalle sein Eigen nennt, und ihm auf dem Dach eine riesige Terrasse zur Verfügung steht, war er auch in der Lage eine stattliche Solaranlage zu installieren, die knapp die Hälfte des Daches einnimmt und ihm im Ernstfall, sogar in den Wintermonaten, den notwendigen Strom liefet, um die wichtigsten Stromverbraucher in seinem Haushalt weiterzubetreiben. Weitergehend hat er eine Anlage zur Wasseraufbereitung, einen beachtlichen Vorrat an Holz und Diesel und auch eine stattliche Waffensammlung. Einige automatische Gewehre, ein paar Pistolen und Revolver, einen Granatwerfer und jede Menge Munition findet sich in einem schrankgroßen Safe im Schlafzimmer. Diese Sammlung konnte er, ganz einfach, mit der Hilfe einiger windiger Burschen anlegen, die er in Dark-Net kontaktierte.

Weitergehend kann der feine Herr, auf Knopfdruck…

Weitergehend kann der feine Herr, auf Knopfdruck, oder mit dem Handy seine Behausung praktisch hermetisch abriegeln. Alle Eingänge werden von Innen mit einer zusätzlichen Metalltür, die sich automatisch vor die eigentliche schiebt, gesichert. Auch die Fenster sind keine, die man in einem normalen Haushalt vorfindet. Herr Feinbrauers Fenster sind nicht nur schusssicher, sondern lassen sich so abdunkeln, dass eine Durchsicht von außen unmöglich, ein Herausschauen aber problemlos machbar ist. Des Weiteren schieben sich in diesem Bereich, von aussen, mehrere gehärtete Metallstangen vor die Scheiben, die auch ein zerschlagen dieser, mit schwerem Gerät, praktisch unmöglich machen.

Trotzdem. Auch wenn Herr Feinbrauer auf den Ernstfall vorbereitet zu sein scheint, will er nicht, dass es so weit kommt. Er möchte lieber wieder ganz normal leben. Herr Feinbrauer liebt es sich unter die Menschen zu mischen und sein Gesicht zu zeigen. Er geht gerne in Museen, speist in Cafés und Restaurants, fährt gerne in den Urlaub, besucht angesagte Clubs und möchte auch nicht darauf verzichten Konzerte, Operetten und Vernissagen zu besuchen. Er ist ein gefragter Mann, den man gerne einlädt, weil er nett ist, sich benehmen kann und sein strahlendes Lächeln sich auf jedem Foto, sei es digital oder noch analog, gut macht.

Auch die Frauen würde er vermissen. Er liebt deren Anwesenheit…

Auch die Frauen würde er vermissen. Er liebt deren Anwesenheit. Er mag sie drall und blond. Er mag sie zierlich und brünette. Er mag sie schwarzhaarig und dunkelhäutig. Er mag sie vornehm und blass, mit orientalischen Zügen. Er mag sie einfach alle und ist sich bewusst, das ein Leben ohne die holde Weiblichkeit, mit ihrem erotisierenden Charme, dem er so oft willenlos ausgeliefert ist, ein freudloses wäre. Er ist sich bewusst, dass die Sicherheitsvorkehrungen, die er schon vor langer Zeit getroffen hat, ihm ein längeres Überleben, als dass der anderen Schergen, die diese Welt bevölkern und kaputt gemacht haben, spendieren würde. Er weiß aber auch das sich ein vegitieren in seinem goldenen Käfig, mit all den Annehmlichkeiten, blutleer und elegisch anfühlen würde.

Er muss noch etwas tun, bevor es so weit kommt. Herr Feinbrauer hat noch viel Arbeit, denn er ist sich fast sicher, dass bald alles den Bach heruntergeht. Er spürt es einfach. Er weiß das die Menschheit die Pandemie und das Virus, das sich aktuell wieder wie ein Lauffeuer verbreitet, nicht eindämmen kann. Fast ein ganzes Jahr arbeiteten weltweit, angeblich, die besten Wissenschaftler an einem Gegenmittel. Sie arbeiten an einer Substanz ,die die Menschen immun machen soll, gegen das Virus, das das Licht der Welt in China erblickte und sich seitdem rasant und unaufhaltsam den Weg bahnt und die Welt verändert. Doch Herr Feinbrauer glaubt nicht mehr an Märchen. Er kann sich nur alleine retten. Niemand anderes ist dazu in der Lage, da ist er sich sicher.

Selbst wenn es gelänge einen Impfstoff zu entwickeln…

Selbst wenn es gelänge ein Impfstoff zu entwickeln, würde schon bald das nächste mutierte Virus auf die Menschen zukommen. Herr Feinbrauer glaubt an etwas Größeres. An etwas das nicht greifbar und für den menschlichen Verstand nicht begreifbar erscheint. An etwas das sich zu Wehr setzt, gegen die Menschheit und deren Ausbeutung der Welt. Eine Macht die Stärker ist, als alles was sich als denkbar darbietet und die Menschen auf der Erde, auf lange Sicht gesehen, auslöschen wird. Genau jetzt als er mal wieder unterwegs ist in seiner Stadt und seinem Viertel, das er so lieb gewonnen ist, einen Fuß vor den anderen setzt und alle Menschen freundlich anlächelt, spürt er es mehr als jemals zuvor.

Schon morgen wird er sich auf den Weg zu seinem Anwalt machen und mit deren Hilfe, nicht nur die untere Etage des Gebäudes, in dem er wohnt, aneignen, sondern das gesamte, riesige Gelände auf dem es sich befindet. Er wird seine Macht spielen lassen müssen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die kleine Marketingagentur wird verschwinden müssen, denn er wird den Platz in der unteren Etage und auch in den Kellerräumen bald brauchen. Er wird auch das Gelände einzäunen, mit meterhohen Mauern. Er wird Zellen anlegen für Arbeiter und ein paar willigen Gespielinnen. Er wird das Gelände umwandeln lassen, in einen riesigen Gemüsegarten, der ein längeres Überleben auf dem Gelände sichert.

Herr Feinbrauer wird einen erheblichen Teil seine Vermögens dafür aufbringen…

Herr Feinbrauer wird einen erheblichen Teil seines Vermögens dafür aufbringen aus seinem Wohnort eine Festung zu machen. Er ist aber nicht traurig, denn er weiß das all das Geld schon ganz bald nichts mehr wert sein wird. Er ist sich sicher, dass er einer der Wenigen sein wird, der geschützt ist, wenn die Krawalle und die Plünderungen starten. Er wird alt werden, denn auch an Medikamente und einen Arzt, oder zumindest eine Krankenschwester, oder einen Pfleger, wird er denken. Er wird sich vergnügen dürfen mit den Frauen, die er aufnimmt und wird sich erfreuen an Alkohol und Koks, das er sich vorher besorgt.

Doch wird das alles wirklich und wahrhaftig real? Ist es dieses Horrorszenario, das sich Herr Feinbrauer so lebhaft ausmalt, dass auf die Menschheit zukommt, oder wird alles bald doch wieder gut? Sind die Menschen standhafter als Herr Feinbrauer glaubt? Kann sich die Menschheit in ihrem Verhalten ändern, eine Zeit lang artig den Mundschutz tragen, auf Partys verzichten und aus ihren Fehlern lernen? Können die Menschen dieses verheerende Ereignis hinter sich lassen und zuversichtlich in die Zukunft schauen? Könnte sich ein Herr Feinbrauer, der ein weltfremdes Gedankengut an den Tag gelegt hat, geirrt haben?

Fragen die sich Herr Feinbrauer selbst nicht zu stellen getraut…

Fragen die sich Herr Feinbrauer selbst nicht zu stellen getraut, denn er ist besessen, sein eigenes, mickriges Leben zu konservieren, in einem eigens für ihn geschaffenen Gefängnis.

Wenn er dann nach etlichen Jahren, die es gebraucht hat, seine Festung zu errichten, in einem stillen Moment, in den von außen undurchsichtigen Fenstern, sein eigenes, alt gewordenes Spiegelbild sieht, weiß er, dass er sich geirrt hat. Schwermütig schaut er sodann auf das lebhafte Treiben, den spielenden Kindern und den sich angeregt unterhaltenden Eltern, vor seinem Fort und erkennt, dass er sein eigenes Leben weggeworfen hat. Sofort legt sich eine bleierne Traurigkeit schwer auf sein Gemüt und eine einzelne Träne läuft über sein faltiges Gesicht. Es braucht nur einen kurzen Augenblick, bis er aufsteht, einen Fuß vor den anderen setzt, ins Schlafzimmer geht, den Safe öffnet, sich einen Revolver an die Schläfe setzt und ohne mit der Wimper zu zucken abdrückt.

Die Oma der drehenden Daumen

Die Jalousien sind halb geschlossen und tauchen das Wohnzimmer, mit der orange-braunen Mustertapete in fahles Licht. Der betagte Ohrensessel, mit dem abgewetzten Sitzpolstern, steht in einer Ecke und ist genau auf dem diagonal positionierten Fernseher ausgerichtet. Neben dem Sitzmöbel findet sich eine große Stehlampe, die mit riesigem Fransen-Schirm daherkommt. Die wuchtige, Echtholz-Schrankwand und mehrere alten Teppiche, die den Fußboden zieren, lassen den Raum klein und beengt wirken. Im Sessel findet man eine Frau. Eine alte Frau, die ihre wulstigen Beine auf das kleine Höckerchen abgelegt hat. Den ganzen lieben Tag schaut sie in die Röhre und dreht dabei Däumchen. Sie legt dabei einen dermaßen perfiden Perfektionismus an den Tag, dass die Haut rund um den Daumen schon ganz dünn ist und sich, an den immer wieder aneinander reibenden Stellen, eine Hornhaut gebildet hat.

Sie kennt fast jede Sendung, die auf den Programmen läuft, die sie empfangen kann. Besonders toll findet sie das „Glücksrad“ und „Hans Meiser“. Zwei Sendungen und zwei Männer, die ihr derart ans Herz gewachsen sind, das sie keine Sendung verpassen wird. Nie und nimmer, das hat sie sich geschworen. Insgeheim schwärmt sie ein bisschen für den vornehmen Peter Bond und ertappt sich gelegentlich dabei neidisch zu sein. Neidisch auf die Assistentin, Maren Gilzer, die immer so eine tolle Figur macht und in feschen Kleidern, elegant die Buchstaben umdrehen darf, an der Seite ihres Helden.

Doch wenn sie dann an sich herabschaut…

Doch wenn sie dann an sich herabschaut und den ballongroßen Busen, der im Stehen fast bis zu den Knien hängt, den wabbeligen Bauch und die von Krampfadern und Krähenfüßen übersäten Beine erblickt, bekommt sie Zweifel. Wäre sie wirklich ein perfekter Ersatz für die schöne Maren? Könnte sie die leuchtenden Buchstaben, im geblümten Kleid, mit tief ausgeschnittenen Dekolleté, genauso vornehm drehen? Würde Peter sie tatsächlich während der Sendung loben und seine perfekten Zähne aufblitzen lassen, während er ihr bei der Arbeit zuschaut? Würde er sich, nach der Sendung, hinter der Bühne, womöglich auf ein kleines Stelldichein mit ihr einlassen? Wahrscheinlich nicht.

Dann lieber der Einladung von Heins Meiser, die vorgestern in ihrem Briefkasten gelandet ist, folgen. Endlich hat er auf ihre endlosen Bewerbungen reagiert. Endlich darf sie auf einen der Stühle im Studio Platz nehmen und berichten. Berichten über ihr Problem mit den Daumen über die wunden Stellen und über die Unfähigkeit aufzuhören. Sie wird dann, eine oder mehrere Tränen vergießen, sich vom Hans trösten lassen und sein Hemd mit ihren Tränen benetzen. In diesem einen, kurzen Augenblick wird sie glücklich sein, wird sich geborgen fühlen und dabei vergessen die Daumen kreisen zu lassen.

Karussellbremser in love

Heute spucke ich mal ein paar Worte aus. Rotze sie einfach auf den glänzenden, metallischen Boden des Autoscooter. Ich bin einer von den Männern die zum Mitreisen gesucht und gefunden wurden. Ich bin es, der die billigsten Klamotten trägt, die er finden kann. Ich bin es, der immer eine Cap auf dem Kopf trägt, um seine strähnigen, ungewaschenen Haare darunter zu verstecken. Ich bin es, der keine richtige Heimat und keine richtige Familie hat. Alle unter dem Torf, von der Sippe.

Pennen tue ich im altersschwachen Wohnwagen, mit drei anderen schäbigen Gesellen. Sie sind meine Kollegen, meine Freunde und irgendwie auch meine Familie. Man könnte Mitleid mit mir haben, wenn da nicht der Schlüssel wäre, der mit einer Kette an meiner gammeligen Jeans befestigt ist. Den Schlüssel schiebe ich immer wieder in die elektrifizierten Seifenkisten und bin sodann der Held des Abends. Geschickt steuere ich das alleingelassene Gefährt im Stehen durch die anderen, weiche ansehnlich den bereits besetzen aus, lächele den weiblichen Teenagern zu und zeige meinen Kontrahenten den imaginären Stinkefinger.

Die Weiber sind hin und weg…

Die Weiber sind hin und weg. Wollen alle was anfangen, mit dem coolen Typen, der auf dem Rummel malocht. Wollen Freifahrten haben und machen dafür so einiges. Gelegentlich verdrücke ich mich dann und greife mir eins von den willigen Mädels. Hinter dem Toilettenwagen schiebe ich ihr meine Zunge in den Mund und die Hand unter das Shirt und meine kleine Welt ist wieder in Ordnung. Dann und wann geht auch mal mehr. Manchmal öffnet eine von ihnen ihre Schenkel für mich, im Wohnwagen. Die Kollegen habe ich vorher bestochen. Drei Flaschen Bier, für eine halbe Stunde Intimität.

Ich verspüre keine Scham und habe auch kein schlechtes Gewissen. Es ist einfach. Es ist schön. Es ist zwar keine Liebe, fühlt sich aber fast so an. Irgendwann, meist nach einer Woche bauen wir das Fahrgeschäft ab. Packen alles ein, in Lkw mit Anhänger. Wir reisen weiter. Wir brechen unsere Zelte ab und Irma weint. Sie wusste, dass es ein kurzes Vergnügen sein würde und trotzdem hat sie sich eingelassen, auf einen Typen mit ungewaschenen Haaren, von der maloche gestählten Muskeln und ein wenig Mundgeruch. Hat sich flachlegen lassen, von dem Typen mit Schlüssel an der Hose. Hat sich bumsen lassen, von dem Mann der in jeder Stadt ein Mädel hat.

Irma ist nur eine von vielen…

Irma ist nun eine von vielen. Ich nehme sie zum Abschied in den Arm und sage ihr das wir wiederkommen. Ich will sie mir warmhalten, für den kalten Herbst. Manchmal klappt es manchmal nicht.

Urlaub auf Balkonien

Nichts ist schöner als die Sommerabende auf dem eigenen Balkon, unter dem Sonnenschirm mit einer kühlen Maurerbrause in der Hand zu verbringen und den Tag ausklingen zu lassen. Ein unverbauter Blick auf einen zehn Meter breiten Wiesenstreifen, mit einer großen alten Birke, die Häuserwand des Nachbarhauses und deren Mülltonnen davor, lässt einem die trüben Gedanken, an die hassenswerte Maloche, am dritten Tag des absolut verdienten Urlaubs, endgültig vergessen. Wenn dann noch drei bis fünf von den dicken, billigen Bratwürstchen und den leckeren abgepackten Nudelsalat, im Plastikeimer, aus dem hiesigen Discounter von der Dame des Hauses kredenzt werden, ist das Leben wieder in Ordnung.

Damit der herzhafte Fraß noch besser mundet, wird nach jedem Bissen eilig ein riesiger Schluck des Bieres, aus der Plastikflasche, in den Hals geschüttet und danach ein donnernder Rülpser in die Abendluft entlassen. Ist der Mann endlich, nach dem dritten Teller, gesättigt wird geschwind der Gürtel und der Knopf der abgewetzten, gammeligen Jeanshose geöffnet, damit noch ein paar Bier in Schlund gekippt werden können. Dabei raucht er, wie immer, eine Roth-Händle ohne Filter, verweilt regungslos in dem gepolsterten Kunststoffstuhl, und richtet seinen trüben, glasigen Blick auf die Mülltonen des Hauses gegenüber.

Hier herrsch wie jedem Abend ein reges Treiben…

Hier herrscht wie jedem Abend ein reges Treiben, das der Wohnungsinhaber aus dem Erdgeschoss des Sozial-Baus wie kein anderer kennt. Zuerst, so um viertel nach sechs, taucht der senile Opa aus der dritten Etage vor den Containern auf. Wie immer schlurft er in Pantoffeln und Bademantel auf die Unrat-Behälter zu und hält dabei drei Plastiktüten, die alle eine andere Farbe haben, zum Entsorgen in der rechten Hand bereit. Als Erstes wird die dunkelbraune, blickdichte Tüte, die einem stark an den letzten Besuch im Pornolädchen um die Ecke erinnert, entleert. Das innere, wie Kartoffelschalen, Blumenerde, Kaffeesatz, altes Obst und alles andere, was irgendwie verfaulen könnte, wird dann mit der bloßen Hand aus der Tüte in den braunen Container verbracht. Ist der Beutel leer werden die besudelten Hände am karierten Bademantel abgewischt und der leere Beutel in die Tasche des selbigen gesteckt!

Danach ist die Aldi-Tüte an der Reihe. Hier drin befinden sich alte Zeitschriften und eine Sammlung unendlich vieler Werbeprospekte, die der Alte anscheinend für alle anderen Bewohner des Hauses sammelt um sie, von Ihnen unentdeckt, nun eiligst den Papiercontainer zuzuführen. Bevor der Papiermüll allerdings den Weg in die Tonne findet, wird das Altpapier, das sich bereits im Container befindet, genauestens unter die Lupe genommen. Tatsächlich findet der alte Mann gelegentlich ein abgenutztes Wichsheftchen, das dann schnell in den Hosenbund der Jogginghose, nicht ohne sich vorher umgesehen zu haben, gesteckt wird. Doch heute geht der Mann leer aus und dem stillen Beobachter vom Balkon tut der alte, geile Bock ein wenig leid. Zuletzt wird, die noch verbliebene Lidl-Tüte entleert und der Mann macht sich mit hängendem Kopf wieder zurück in seine Wohnkaschemme.

Als nächstes betritt Fred die Bühne…

Als nächste betritt Fred die Bühne. Fred ist Mitte vierzig, arbeitslos und sieht aus, als hätte er bereits die besten Zeiten seines Lebens hinter sich. Die Haare sind fettig und die Klamotten triefen vor Dreck, aber Fred macht das nichts aus. Fred lässt sich, solange noch ein paar Dosen Bier im Kühlschrank sind und der billige Fusel im Barschränkchen noch nicht komplett zur Neige gegangen ist, von Nichts und niemanden die Laune verderben. Nicht einmal die nervigen Gänge zum Jobcenter und die unzähligen Bewerbungen, die er gezwungenermaßen mit einigen Rechtschreibfehlern und ein paar Fettflecken frisiert, bringen ihn aus der Ruhe. Wie immer kommt er grinsend um die Ecke, winkt den lauernden Detektiv auf Balkonien freundlich zu, reißt den Deckel zur Restmülltonne auf und wirft beschwingt den riesigen blauen Müllsack, im hohen Bogen, ins Innere und kippt dabei, alkoholbedingt, fast aus dem Latschen. Immer noch gewinnend lächelnd, entblößt Fred seine verfaulten, schiefen Zähne und verschwindet, genauso schnell wie er gekommen ist, wieder von der Bildfläche.

In der nächsten Stunde passiert nicht viel und der Mann im Urlaub vertreibt sich die Wartezeit mit trinken und rauchen, währenddessen seine übergewichtige Göttergattin klappernd die Stricknadeln aneinander schlägt und dabei täglich bis zu drei Kilo Wolle in Pullover, Schals und Pudelmützen verwandelt. Während langsam die Sonne untergeht, streift eine braun-gescheckte Katze über die Wiese und versucht tollpatschig eine Meise zu überrumpeln, gibt aber nach dem vierten Versuch auf und verschwindet in ein nahegelegenes Gebüsch. Nach der siebten Flasche Bier, der Mann kann schon kaum noch gerade aus gucken, ist es endlich so weit. Lange musste er heute warten und er wollte schon aufgeben, doch endlich betritt die hübsche Studentin, Tina, den Weg und steuert die Mülltonnen an. Die warme Sommerluft hat sie heute in ein Neon-gelbes Top, mit unnatürlich großen Ausschnitt und eine Hot Pants, die aus mehr Löchern als Stoff zu bestehen scheint, gezwungen. Der wenige Stoff endet knapp unter dem Arsch der Blondine und bietet einen erotisierenden Anblick auf ganz viel Haut.

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist…

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist, trägt sie ihren, wenigen, Müll auch heute in einer braunen Papiertüte zum Mülleimer. Langsam, mit wippenden Busen und kreisenden Hintern, schlendert sie den kleinen Weg entlang und jede ihrer Bewegungen brennt sich auf die Netzhaut des besoffenen Spanners im Urlaub. Als sie den Container erreicht und mit der freien Hand, ein wenig unbeholfen, den Deckel öffnen will reißt der Papierbeutel und entleert seinen Inhalt auf den Boden. Fluchend schmeißt sie die nun leere Papiertüte in den Altpapiercontainer und macht sich danach daran den Müll vom Boden aufzusammeln.

Mit offenem, sabberndem Mund erhascht der Urlauber nun gelegentliche Blicke auf den prallen Hintern und ins Dekolleté der Blondine und schätzt dabei, unterbewusst, die Körbchengröße der Kommilitonin, mit der runden Harry-Potter-Brille, auf Doppel D. Nur der kräftige Schlag einer wurstigen Hand, in den Nacken des brünstigen Ehegatten, verhindert eine spontane Erektion beim Malocher im wohlverdienten Urlaub. So muss er auch heute den Blick abwenden, den Balkon verlassen und nach einem zünftigen Ehestreit seinen Rausch ausschlafen um nach süßen Träumen, am nächsten Urlaubstag wieder den Balkon zu betreten, um zu beobachten, um zu staunen und um in seiner Fantasie ein nettes Schäferstündchen, mit der prallen Blondine, mit der Harry-Potter-Brille, zu verbringen.

Gefangen auf dem Frisierstuhl

Immer wenn wir Menschen nicht wissen über was wir wirklich reden sollen, betreiben wir Smalltalk. Häufig sinnfreies Geschwätz mit unbekannten oder Kollegen über das Wetter, den hiesigen Fußballverein oder andere Belanglosigkeiten. Smalltalk ist immer unverbindlich und dient lediglich ein sonst eher unangenehmes Schweigen oder eine unvermeidliche Wartezeit zu überbrücken. In Raucherecken, an Bus- und Bahnhaltestellen, in der Schlange an der Supermarktkasse, im Warteraum des Arztes, beim Friseur und an vielen anderen Orten, an denen sich fremde Menschen begegnen, kommt er zur Anwendung.

Die für mich privat wohl schlimmste Form…

Die für mich privat wohl schlimmste Form des Smalltalk ist der beim Friseur. Gefangen auf dem Frisierstuhl, mit einer Decke behängt, schnattert die Gans, mit der klappernden Schere, ohne Punkt und Komma auf mich ein. Entweder erzählt sie aus ihrem Privatleben, das mich nicht die Bohne interessiert, oder bombardiert mich mit Fragen über mein eigenes. Ob ich denn heute freihatte, was ich heute noch vorhabe, ob ich schon Weihnachtsgeschenke gekauft habe, ob ich denn Haustiere (wie sie selbst) habe, was ich beruflich mache, wie viel Kinder ich habe, ob ich regelmäßig Stuhlgang habe und ob ich mir vorstellen könnte irgendwann einmal auszuwandern. Ich antworte dann immer möglichst einsilbig und betont gelangweilt, um ihr deutlich zu machen, das ich auf diese Art der Konversation nicht erpicht bin, doch ihre zwei, maximal drei grauen Zellen weigern sich vehement meiner unausgesprochenen Aufforderung, den Mund zu halten, nachzukommen. Wirklich sinnvolle Fragen über die Dienstleistung, die hier angeboten wird, bleiben meist komplett aus.

Trotz alledem beherrscht die Tussi…

Trotz alledem beherrscht die Tussi, mit der etwas zu engen Hose und dem zu tiefen Dekolleté, ihr Handwerk perfekt. Meine kurzen, präzisen Anweisungen, wie das Haar geschnitten werden soll, kommt sie in Windeseile nach. Ein bisschen Rasieren hier, die Länge kürzen da und auch die gezackte Schere, zum ausdünnen der Haare, kommt mit flinken Fingern zum Einsatz. Nach knapp 15 Minuten habe ich die Prozedur, inbegriffen des obligatorischen Waschens der Haare vor dem eigentlichen Schneiden, überstanden. Der Blick in den Runden Spiegel, der mir das Ergebnis von allen Seiten präsentiert, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. An der Kassentheke zahle ich den geforderten Betrag ohne Murren und gebe artig ein, nicht übermäßiges aber angemessenes Trinkgeld und lasse mir einen Stempel auf ein Kärtchen, das mir den zehnten Haarschnitt für Lau einbringt, geben. So werde ich wohl auch das nächste Mal wieder auf dem gleichen Frisierstuhl Platz nehmen, das unangemessene Geschwafel ertragen, den einen oder anderen verstohlenen Blick, durch den Spiegel, auf ihren ausladenden Busen werfen und hinterher trotzdem gut gestylt und fröhlich den Laden verlassen.