Kategorie: Mit Wiedererkennungseffekt (Seite 1 von 1)

Immer wieder sonntags

Wenn man einer von denen ist, die die Bräuche des Christentums nicht bis ins Detail zelebrieren, dann kann so ein Sonntag durchaus schon einmal langweilig werden. Wenn man am Vormittag den Kater vom Vorabend endlich erfolgreich mit einer 800er-Iboprofen-Tablette, die behutsam aus dem Alu-Blister gequetscht wurde, erfolgreich bekämpft und hinter sich gelassen hat, tritt einem die Langweile, imaginär aber dennoch deutlich spürbar, in das runzelige Gemächt.

Gerade dann, wenn man es sich auf dem billigen Schwingsessel aus dem Hause Ikea gemütlich gemacht hat und die schweren, krampfadrigen Beine auf den davor drapierten gleichfarbigen Hocker des gleichnamigen Designers abgelegt hat, trifft sie einen mit voller Wucht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Batterien der abgenutzten, speckigen Fernbedienung, des hochmodernen flachen TV-Geräts, seinen Geist aufgegeben haben. Da man zu faul ist aufzustehen und neue Energiespender, erst aus der untersten Schublade der Kommode aus Pressspan zu holen und sodann in die Fernbedienung zu schieben, bleibt man halt auf dem aktuell laufenden Sender hängen.

“Scheiß drauf, läuft doch eh überall nur Mist”, denkt man und…

„Scheiß darauf, läuft doch eh überall nur Mist“, denkt man und ärgert sich dann aber doch, dass die Batterien so weit vom eigenen Standort entfernt sind und beobachtet angewidert wie eine Blondine, aus dem ehemaligen Osten des Landes, durch den Fernsehgarten juckelt und von einem Fettnäpfchen ins nächste wandelt. Irgendwann, wenn man vor Antriebslosigkeit und innerer Leere wieder eingenickt ist, wird man unsanft von der Pranke der liebenden Gattin auf den Schultern geweckt und an den Mittagstisch gelotst.

Das Weib hat sich ihre Zeit damit vertrieben, indem sie sich in der Küche eingeschlossen, gekocht und dabei Schlager von Howard, Drafi, Roger, Roy oder – wenn es wenig moderner sein sollte – von Helene angehört hat. Die Schmonzetten, die blechern aus dem billigen Unterschrankradio durch den kleinen Küchenraum schallen, laufen auch dann noch, als sich der Mann bereits an den Küchentisch gesetzt hat. Vor Hunger sabbernd wartet er sodann auf den, von seiner Frau hoffentlich gut gefüllten Teller und kommt dabei nicht umhin mit dem rechten Fuß, unter dem Tisch, den Takt der Musik mitzuschwingen.

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem…

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem, auf dem mit einer bunt gemusterten Wachstuchtischdecke bekleideten Massivholztisch gestellt wird, kann man sich vor Ungeduld kaum noch im Zaum halten und hält sowohl die Gabel als auch das Messer bereits in den Händen. Hurtig verschlingt man sodann gierig das mit Liebe gekochte Mahl und kleckert nicht nur auf den Tisch und auf den Stuhl, sondern auch auf das frisch gestärkte und gebügelte Hemd, das einem die Frau morgens zum Anziehen bereitgelegt hat.

Als alles Essbare vertilgt wurde und auch das große Glas Bier, dass einem die angetraute Göttergattin liebenswerte Weise zum Essen spendiert hat, im Schlund verschwunden ist, lässt man die Frau mit den liebgewonnenen Reinigungsarbeiten alleine und verzieht sich in seinen Hobbykeller, um sich ausgiebig seiner Briefmarkensammlung zu widmen. Erst am Nachmittag hört man, wie eine wildgewordene Furie gestresst gegen die Holztür klopft und einem so zu verstehen gibt, dass die eigene Anwesenheit eine Etage höher gewünscht wird.

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt…

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt schon auf der Treppe den Duft eines frisch gebackenen Kuchens und erklimmt sodann ein wenig schneller die wenigen Stufen. Oben angekommen, wandert man mit Karacho durch den Flur mit den an die 70er-Jahre erinnernde braun-orangene Mustertapete und der überfüllten Garderobe und erscheint erneut in der Küche, wo die Frau bereits auf einem wartet. Der Tisch ist nun eingedeckt mit dem geerbten, guten Kaffeeservice von Oma-Resi, eine Thermoskanne und einem Tablett mit Käsekuchen.

Schweigsam vertilgt man sodann drei bis vier Stücke des leckeren Gebäcks und trinkt heißen Kaffee. Ein oder zweimal ist man versucht, die ersten Worte des Tages mit seiner Ehefrau zu wechseln, gibt aber rasch auf, da die eben genannte in einer Illustrierten vertieft ist. Seie Gattin ist ganz darauf erpicht zu erfahren, was in den Königshäusern der Welt passiert, wo die Promis des Landes Urlaub gemacht haben und welcher von Ihnen, unverschämter Weise fremd gegangen ist. Dieses Wissen ist für sie zum völligen Unverständnis des Gatten extrem wichtig, denn nur so ist sie in der Lage sich mit der verhassten Nachbarin darüber ausgiebig und bei jeder Gelegenheit auszutauschen.

Nach dem Kaffeekränzchen zu zwei hat seine Frau eine Idee…

Nach dem Kaffeekränzchen zu zweit hat seine Frau eine Idee. Eine Idee, die sie bedauerlicherweise jeden Sonntag, wenn es nicht gerade in Strömen regnet, hat. Sie will Spazierengehen. Eine Tätigkeit, die dem Mann derart zu Wider ist, dass er sich selbst lieber einen Pullover mit Waffelmuster stricken würde. Trotzdem schmeißen sich beide kurze Zeit später Ihre Jacken über den Wamms, verlassen das Haus und latschen eine kleine Runde an den nahegelegenen Feldern vorbei. Als sie nach etwas einer Stunde das Haus wieder erreichen, wartet bereits die Nachbarin, die im Vorgarten selbstredend total zufällig gerade um diese Zeit, die Rosen schneidet auf sie und verwickelt sie in ein zwangloses aber total langweiliges Gespräch.

Als die beiden Quasselstrippen endlich bei Kate und William angelangt sind, kann sich der Mann unbemerkt entfernen und verschwindet wieder in den Hobbykeller. Dort verbleibt er bis seine Frau ihn zum Tatort wieder aus den Kellerräumen hochholt. Bei dieser Sendung sind beide Feuer und Flamme und verfolgen hoch konzentriert und gebannt das Treiben auf der Mattscheibe, bis schlussendlich der Mörder gefasst wurde und die Tagesthemen, dass Ende des Tages einläuten. Mehr aus Pflichtbewusstsein als Interesse verfolgen beide Ehepartner die Nachrichten, bis sie schlussendlich einen weiteren langweiligen Sonntag ad acta legen und endlich ins Bett gehen können.

Kaffeeküchen-kampf

Die Regel ist einfach und wurde über Jahrzehnte überliefert. Derjenige, der als erster das Büro betritt und in die gemeinsame Kaffeekasse eingezahlt hat, muss sich an der Maschine zu schaffen machen und das braune, wachmachende Gebräu nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen zubereiten. Wer sich unverständlicherweise zuerst hinter seinem monströsen Röhrenbildschirm setzt, den altersschwachen Bürocomputer aus der Totenstarre holt und seine Mails abruft, fällt schneller als ihm lieb ist in Ungnade.

Heute betritt Herbert als erster die Szenerie und ärgert sich insgeheim darüber. Er hätte anders handeln können. Leider wurde ihm das aber erst dann bewusst, als er bereits den ersten Fuß auf den billigen, grau-braunen Sisalteppich gesetzt hatte. „Ein kluger Schachzug wäre es gewesen, wenn ich vorher ausgeschert wäre und auf der Toilette im Flur, noch eben auf die Schnelle, einen Bierschiss in die Keramikschüssel gehämmert hätte“, denkt er und fügt gedanklich den Neologismus: „Hätte, hätte Fahrradkette“, an.

Schlecht gelaunt betätigt er aber nun dennoch den Lichtschalter und die, hinter quadratischen Plexiglas versteckten, Neonröhren erwachen wiederwillig zum Leben. Missmutig schlendert er sodann durch den schlauchförmigen Raum. Sein Weg führt an unzähligen Arbeitsplätzen vorbei, bis er schlussendlich, im hinteren Bereich seinen eigenen halbrundem Schreibtisch aus den 70er-Jahren erreicht. Angewidert schmeißt er seine Tasche auf das Möbelstück und hört wie sich im Hintergrund mehrmals die Tür öffnet und die anderen Bürokolosse und Schreibtisch-Tussis in den Raum schleichen.

Auf den Weg in die kleine Küche…

Auf den Weg in die kleine Küche, die neben der Kaffeemaschine auch einen Kühlschrank, eine uralte Mikrowelle und sogar einen Backofen, mit augenscheinlichem Atomantrieb, beherbergt, läuft er Michelle über den Weg. Die blondierte, Büromaus wünscht ihm grinsend einen guten Morgen, folgt ihm in die Küche und stellt demonstrativ ihre Tasse mit der kitschigen Diddle-Maus-Applikation, die sie gerade eben aus dem Hängeschrank geholt hat, neben der noch leeren Thermoskanne. Gerne würde er der jungen Dame, die sich direkt nach dem Studium einen Platz im Großraumbüro reserviert hat, die Meinung geigen, verschiebt das Ganze aber innerlich auf einen anderen Tag, lächelt sie nur schief an und lässt sodann Wasser in die Kanne laufen.

Hurtig platziert er nun auch die Filtertüte an ihrem vorbestimmten Platz in der Maschine und zählt nachfolgend, gewissenhaft zehn gehäufte Löffel mit Kaffeepulver ab, um diese anschließend in der Tüte zu entleeren. Als er dann noch den kleinen Knopf an der Seite der Apparatur betätigt hat, verlässt er, nachdem er kurz innegehalten und gelauscht hat, ob sich die Maschinerie wirklich in die Gänge setzt, den kleinen Raum und begibt sich wieder an seinen Schreibtisch.

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet…

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet, bis der Kaffee durchgelaufen ist, seine alltägliche Arbeitsroutine. E-Mails werden abgerufen und beantwortet, Rechnungen werden geschrieben und archiviert und auch auf das, ach so wichtige, Innendienst-Meeting gilt es sich vorzubereiten. Gedanklich sitzt Herbert schon mit den vielen anderen Schwachmaten im großen Konferenzraum und ist, wie so oft in diesen Situationen, völlig unproduktiv. Immerhin glotzt er aber, offenkundig hoch konzentriert auf seinen Laptop und macht sich gelegentlich sogar Notizen auf einem extra mitgebrachten, linierten College-Block.

Meist ziehen sich diese ermüdenden Besprechungen unnötig in die Länge und nachdem die Vorträge, der noch wichtigeren Personen als man selbst, geendet haben, diskutiert man stundenlang angeregt über das gerade eben gehörte und geht dann doch ergebnislos auseinander. Trotzdem mag Herbert diese Veranstaltungen. Häufig nutzt er diese Gelegenheiten, um die anderen Kollegen zu beobachten. Ingolf bohrt dann meist angestrengt in der Nase, Reinhold fallen immer wieder die Augen zu, Christopher starrt angestrengt auf die Oberweite von Maren und Klaus-Dieter wirft in regelmäßigen Abständen, wortreiche aber inhaltsleere Floskeln in den Raum und schwingt dabei seinen Kugelschreiber wie ein verrückter Dirigent umher.

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt…

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt und es herrscht ein reges Treiben im Großraumbüro und „Hinz und Kunz“ schleichen, mit Tassen und Bechern bewaffnet, um die Küche herum. Herbert bekommt von alledem nichts mit, denn er ist bereits vertieft in seine Arbeit und noch immer im Gedanken in der Sitzung. Als schließlich auch Herbert den Duft des, frisch aufgebrühten, Kaffees in seiner Nase wahrnimmt, lässt er seinen Bleistift fallen und sprintet mit seinem Becher zur Küche. Wieder läuft ihm Michelle über den Weg, die ihn jetzt nur frech angrinst und ohne ein Wort zu verlieren mit ihrer, bis zum Rand gefüllten Tasse die Küche verlässt.

Herbert betritt den Raum und ihm schwant Böses. Als er die Thermoskanne in den Händen hält, sie prüfend hin und her wiegt und dann, den letzten verblieben Schluck, in seine Tasse schüttet, vergeht ihm die Vorfreude auf das Meeting schnell, denn ein weiteres ungeschriebenes Gesetz im Büro lautet: Wer die Kanne leert, ist verpflichtet neuen Kaffee aufzusetzen. So macht Herbert sich also erneut an die ungeliebte Aufgabe, befreit ein weiteres Pfund Kaffee aus seinem Gefängnis und brüht frischen Kaffee für ihn und seine geliebten Kollegen auf.

Einkaufen mit Frau im Schlepptau

Bald ist die Woche schon wieder vorbei und das Wochenende steht direkt vor der hölzernen, vom Portas-Mann aufgemöbelten, Haustür. Die Frau hat daheim, in der überheizten, warmen Kaschemme nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch einen Einkaufszettel geschrieben. Das macht sie immer am Freitagabend der Vorwoche und hat dabei nicht nur die einzelnen Tage, und die Gerichte, die an diesen gekocht werden sollen im Blick, sondern auch das Budget, das ihr vom angetrauten Göttergatten dafür zur Verfügung gestellt wird. Penibel und hoch konzentriert reiht sie zuerst, um den Überblick zu behalten, alle Wochentage der kommenden Woche in Spalten und ordnet die Gerichte in den darunter liegenden Zeilen an. Hat sie diese Aufgabe zu ihrer eigenen Zufriedenheit erledigt, kann sie auch schon mit der eigentlichen Liste, der am Samstag zu besorgenden Utensilien und Fressalien, beginnen.

Wie immer wird die Liste lang und die Dame des Hauses braucht einige Zeit dafür. Zwischendurch schiebt sie ihre Lesebrille immer mal wieder auf die Stirn, um keine der Handlungen der Silhouette des Bergdoktors, die über die riesige, an der Wand montierte Mattscheibe flimmert zu verpassen und stopft sich dabei einen Schoko-Brownie in den Mund. Gerne wäre sie auch mit so einen tollen, charmanten und erfolgreichen Mann verheiratet, der ihr die Welt zu Füßen legen würde. Doch ein Blick auf die Couch gegenüber, wo ihr eigener Mann gerade eben, nach dem dritten Bier im Sitzen eingeschlafen ist, holt sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen angeekelt stellt sie dabei fest, dass ein dünner Speichelfaden im Winkel, seines mit Oberlippenbart verzierten Mundes hängt und dieser nun geräuschlos auf die aus Polyesterfasern bestehende, moosgrüne Strickjacke tropft.

“Es ist so wie es ist”, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt…

„Es ist so wie es ist“, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt und ihren Mann unsanft, mit einem Schlag auf dessen Oberschenkel, aus dem Schlaf holt. Auch der Bergdoktor hat seine Aufgaben heuer erledigt und braucht zumindest heute keine Herzen mehr zu brechen. Ehemann und Ehefrau begeben sich schweigend zum Badezimmer, um an den zwei nebeneinander angebrachten Waschbecken, die Abendtoilette zu erledigen. Beisser werden gereinigt, Ohrringe aus Ohrläppchen geholt, Wasser und Seife ins Gesicht geschmiert nur, um nachher mit dem Handtuch wieder abgerubbelt zu werden. Die Dame des Hauses legt, nach dieser Prozedur, noch eine Nachtcreme auf. Der Mann hat das Schlafgemach bereits erreicht und ist längst aus seinen Klamotten geschlüpft, hat sich ausgiebig am Gemächt gekratzt und ist danach in den Schlafanzug aus grober Baumwolle geschlüpft.

Als die Ehefrau das Schlafzimmer betritt, schläft der Mann bereits. Man hört es am lauten Schnarchen und wird unweigerlich an den letzten Ausflug in den nahegelegenen Park erinnert, wo einige vom Borkenkäfer befallenen Bäume mittels Kettensäge von ihrem Leiden erlöst wurden. Auch die Ehefrau zieht nun ihre Kleider aus und schlüpft in ihr Nachthemd. Der total bunte Fetzen Stoff zeigt auf frappierender Weise eine enorm starke Ähnlichkeit mit dem Zelt des Zirkus, der auf dem Parkplatz vor dem Lidl-Mark seine Tore geöffnet hat und das nicht nur hinsichtlich der Farbauswahl, sondern bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Größe. Sodann wuchtet sie ihren Körper auf die Matratze, greift mit geübtem Griff in die Schublade des Nachttischchens, stopft sich die Stöpsel in die Ohren und verdeckt ihre Augen mit einer im Leoparden-Muster daherkommenden Schlafmaske. Als sie endlich ihre Lieblingsposition gefunden hat und das Schnarchen des Mannes zu einem dumpfen Hintergrundrauschen abebbt, schläft auch sie hurtig ein.

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen…

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen. Der Mann besorgt beim morgendlichen Gang mit dem Rauhaardackel namens Wigald, beim hiesigen Bäcker, Brötchen und die Dame des Hauses bereitet in dieser Zeit daheim alles für ein ausgiebiges, opulentes Frühstück vor. Am Wochenende wollen es sich die beiden Rentner besonders gut gehen lassen. Als ihr Gatte die Wohnung betritt, der Dackel es sich in der Ecke der Küche, neben der Heizung, in seinem Körbchen gemütlich gemacht hat, ist der Tisch bereits gedeckt. Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Quark und für jeden drei gekochte Eier warten darauf von dem Ehepaar vertilgt zu werden. Schnell werden drei dick belegte Brötchen in den Rachen gestopft, die Eier geköpft und verschlungen und das Ganze mit mindesten vier Tassen, wegen der Pumpe entkoffeinierten, Kaffee heruntergespült.

Sodann geht es auch schon ans Waschen und Anziehen. Allerdings macht sich der Magen des Mannes, deutlich hörbar, bemerkbar und er weiß, dass er nicht umhinkommt vorher etwas zu erledigen. Zügig verschwindet er, nicht ohne sich zuerst mit der Tageszeitung bewaffnet zu haben, auf die Gäste-Toilette und widmet sich voll und ganz dem Morgenschiss. Währenddessen ist die Frau aber nicht untätig. Sie schlüpft zur Gänze aus ihren Klamotten, zeigt sich nackt wie Gott sei einst schuf vor dem Spiegel und muss anerkennen, dass sich ihr Körper seit damals doch ein wenig verändert hat. Schnell schiebt sie aber den aufsteigenden Ekel zur Seite und zwängt sich in die Duschkabine, um sich mit einem, am Holzstiel befestigten, Schwamm sauber zu rubbeln.

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab…

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab, putzt sich die Zähne, steigt in Rock und Bluse, legt tonnenweise Schmuck an und benetzt alle freiliegenden Hautpartien mit Tosca-Parfüm. Danach noch Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift und fertig ist die Dame des Hauses. Nun wartet sie auf ihren geliebten Mann, der noch immer auf dem Kot-Thron für Besucher sitzt, gelegentlich mit der Zeitung raschelt und dann und wann mal einen Furz, deutlich hörbar, in die enge Kabine entlässt. Freundlich aber bestimmt hämmert sie gegen die hölzerne Tür und setzt ihren Mann damit bewusst unter Druck. Missmutig bricht der Mann sein morgendliches Geschäft ab, rubbelt sich fahrig die Kimme sauber und zieht sich danach die gammelige Cordhose und das Polohemd von gestern an. Auf die Morgentoilette verzichtet er, aus Protest, komplett.

Bewaffnet mit mehreren Taschen, Tüten und zwei Kisten Leergut macht man sich auf den Weg zur Garage. Der Mann öffnet das Tor, verschwindet im Innenraum und schmeißt achtlos das Leergut und die Tüten in den Kofferraum. Reimund ist schon jetzt bedient. Trotzdem befreit er nach kurzer Zeit den altersschwachen, aber zuverlässigen, Opel der Baureihe Club aus seinem Gefängnis, damit auch das angetraute Weibchen ins Vehikel einsteigen kann. Als Heidrun endlich ihren zarten Hintern im ausgesessenen Polster positioniert hat und der Sicherheitsgurt über Bauch und Möpse gespannt wurde, kann die kurze Fahrt zum nahegelegenen Einkaufscenter endlich beginnen.

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt…

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt erreichen sie das Einkaufsparadies und biegen auf den übervollen Parkplatz ein. Bis allerdings ein freier Abstellplatz für den grauen Liebling des Mannes gefunden wurde, vergehen weitere zehn Minuten. Endlich steht die Kiste. Reimund macht sich auf den Weg zum Supermarkt ihres Vertrauens, um einen Einkaufswagen zu holen. Die Ehefrau wartet so lange im Auto, damit ihre Knie nicht allzu lang, der ständigen Belastung ihres eigenen Gewichtes standhalten müssen. Als der Mann das Auto wieder erreicht hat, wuchtet auch seine Gattin die schweren Beine aus der Öffnung der Beifahrertür und Reimund befüllt den drahtigen Zwiebelporsche mit Leergut und Tragetaschen.

Dann geht es auch schon in den Laden. Direkt am Anfang muss allerdings schon Halt gemacht werden, denn hier befindet sich der einzige Automat für die Leergut-Abgabe. Leider steht direkt vor Heidrun und Reimund ein unzweideutig nach Knoblauch riechender Mann, der bewaffnet mit zwei prall gefüllten blauen Säcken, auf die Dienste der hochmodern erscheinenden Apparatur wartet. Reimund schwant böses und als der Stinker an der Reihe ist, bewahrheitet sich die unangenehme Vorahnung. Langsamer als eine Schnecke, fingert der vollbärtige Mann eine Plastikflasche nach der andere aus den Säcken und stopft diese in das dafür vorgesehene Loch im Automaten. Selbstredend ertönt, bevor der Übelriechende zu Ende gekommen ist, ein Alarm und eine rote Rundumleuchte signalisiert, dass der Bauch der Maschine zur Gänze gefüllt ist. Erst als nach einer kleinen Ewigkeit, sich ein untersetzter Mitarbeiter des Ladens dazu herablässt, den Automaten zu entleeren und entstören, kann der behaarte Iltis seine Arbeit zum Abschluss bringen und den Weg für Reimund und Heidrun freimachen.

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten…

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten in den Händen halten, kann es auch schon weitergehen. Man quetscht sich durch das Drehkreuz und gelangt in den perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüsebereich des Marktes. Reimund schiebt den Einkaufswagen nun gelangweilt hinter seiner Frau her. Gelegentlich nickt er zustimmend, wenn sein angetrautes Weib ihm eine Frage zu einem Produkt stellt und beobachtet ansonsten schweigsam wie Mandarinen, Äpfel, ein Kohlkopf, Zwiebeln und ein längliches Gemüse, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen will, in den Einkaufswagen gelegt werden.

Dann taucht man gemeinsam weiter in das innere des überfüllten Marktes ein. Die Frau arbeitet ihre Liste ab und Reimund konzentriert sich einzig und alleine darauf, den Einkaufswagen zielgerichtet durch die vielen anderen Einkaufswütigen zu steuern und seiner Frau, wie ihm der eigene Dackel beim Gassi-Gehen auch, ohne groß darüber nachzudenken zu folgen. Bedauerlicherweise ist Heidrun nicht in der Lage, die Produkte auf der Liste einfach aus dem Regal zu nehmen und in den Wagen zu verfrachten. Zum völligen Unverständnis des Mannes liest sich das Weibsbild, praktisch vom jeden Produktes, die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite durch und vergleicht diese mit einem vergleichbaren Fabrikat, eines anderen Herstellers.

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit…

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit auch einen Mitarbeiter des Ladens unter beschlag und stellt, ausschließlich zu ihrem Vergnügen, Fragen zum Preis, zur Herstellung und Auffindbarkeit der Produkte auf ihrer Liste. Reinhold schaut dann immer betreten zur Seite oder auf den Boden und tut so als würde er die Fragestellerin an seiner Seite nicht kennen. Erst als die Dame den Einkaufswagen fast bis zum Rand mit Fressalien und Artikeln aus dem Non-Food-Bereich gefüllt hat, erwacht die Aufmerksamkeit von Reimund wieder, denn sie haben den Bereich mit den Getränken erreicht.

Mit einem schnellen Handgriff greift Reimund sich die Kiste des billigen Mineralwassers und verfrachte sie unten, auf die Ablage unter dem Drahtkorb des Einkaufswagens und studiert sodann, mit geübtem Blick, die Preise der Biere die Heuer zum vergünstigten Preis angeboten werden. Bei der Auswahl des Bieres darf allerdings, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, nichts falsch gemacht werden. Das Bier muss schließlich schmecken und so darf die Auswahl nicht nur am Preis festgemacht werden. Meist sind nur die nicht so schmackhaften Biere im Angebot und so greift der Rentner auch heute, wie eigentlich jedes Mal, zum Bier von der lokal ansässigen Brauerei.

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln…

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln auf das Warenband und drapiert dabei, aus einem dem Mann unbekannt Grund, schwere Sachen nach vorn und die Leichten ans Ende des gummierten Fließbandes. Immer wieder lächelt sie dabei die genervt wartende Kassiererin an, stellt Fragen zu Rabattmarken und merkt dabei nicht wie Reimund heimlich einen Dreierpack Kräuterlikör unter die Waren mischt. Als sie endlich den Wagen geleert hat und ganz hinten einen sogenannten Warentrenner auf das Band stellt, sind wieder einige Minuten ins Land gegangen. Als die Verkäuferin die Waren endlich über den Scanner zieht und der Einkaufskorb langsam aber sicher wieder gefüllt wird, erntet Reimund einen bösen vernichtenden Blick, als der Dame des Hauses den Likör in den Wagen knallt. Reimund ist es egal.

Als sie schliesslich den Laden verlassen, kommt es Reimund so vor, als ob draussen die Sonne bereits untergeht. Er ist ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Schnurstracks eilt er zu seinem geliebten Auto und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, dass Heidrun ihm nicht so schnell folgen kann. Mit den Nerven am Ende verfrachtet er die Einkäufe zuerst in die mitgebrachten Tüten und dann in den Kofferraum. Penibel achtet er aber darauf, dass der leckre Kräuterlikör nicht in den Tüten landet, sondern direkt in die Jackentasche seiner Strickjacke gesteckt wird. Er wird das Gesöff brauchen, sobald er daheim ist. Als sodann auch die Kisten mit Wasser und Bier im Kofferraum verschwinden kommt auch das schwitzende Weib herbei und lässt sich wie ein nasser Sack auf das Furzpolster des Beifahrersitzes nieder.

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste…

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste, klemmt sich hinter das Lenkrad und startet den Motor, um nachfolgend auf schnellstem Wege nach Hause zu steuern, das Vehikel in die Garage zu stellen und die Einkäufe in die Küche zu tragen. Sofort danach verzieht er sich mit den Dreierpack Kräuterlikör und zwei Flaschen Bier in den Bastelkeller und kommt erst dann wieder heraus, wenn die Gattin ihn zum Essen ruft. Danach bewaffnet er sich erneut mit Bier und verzieht sich wieder, um in seinem Hobbykeller endlich zu realisieren, dass er erneut einen dieser grausigen Tage, an denen der Einkauf erledigt wird, überstanden hat und er ab jetzt, genau sieben Tage Zeit hat sich vom heute erlebten Grauen zu erholen.

Spielplatzgeschichte

Der Junge ist vierzehn und das Mädchen dreizehn. Für beide ist heute ein ganz besonderer Tag. Sie habe sich verabredet, auf dem Schulhof, im Beisein ihrer grinsenden Schulkameraden. Die beiden haben ein Date ausgemacht und es ist ihnen egal, was die anderen darüber denken. Beide sind sich bewusst darüber, dass sie langsam aber sicher erwachsen werden – sie spüren es ohne Umstände in ihrem Innersten – und wollen sich dementsprechend selbstbewusst, gegenüber den Kids verhalten.
Ausgemacht wurde, dass sich beide in der hiesigen Billard-Kneipe treffen und ganz ungezwungen eine Partie spielen. Dass der Wirt der eher schäbigen Kaschemme nicht so sehr auf das Alter seiner Gäste achtet, ist allseits bekannt.

Beide erreichen wenige Minuten nach 17 Uhr, wie verabredet, die Pinte, lächeln sich kurz verlegen an und durchschreiten sodann die schwere, hölzerne Tür. Das Bernie schon fast eine Stunde hier in der Gegend umherstreicht und immer wieder die Tür der Kneipe, aus sicherer Entfernung, in Augenschein genommen hat, wird sein Geheimnis bleiben. Zielgerichtet durchqueren die beiden Teenager den düsteren Raum, nicken kurz dem Wirt, der sich hinter dem Tresen verschanzt hat, zu und erreichen ihr angesteuertes Ziel, den Billardtisch, zügig. Der Tisch ist frei und die gesamte Kneipe noch leer. Erst vor ein paar Minuten hat der Laden aufgemacht und der Kneipier wird sich noch ein wenig gedulden müssen, bis die wenigen Stammkunden seines Etablissements den Schankraum bevölkern. Er hat also Zeit, für die beiden Turteltauben, die sich am Billardtisch ihrer Jacken entledigen und sich anschicken eine Mark in das Gerät zu schmeißen.

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe…

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe, Oberlippenbart und lederner Weste, die über ein kariertes Hemd drapiert wurde, mit einem kleinen Block und einem Kugelschreiber bewaffnet, auf den Weg zu ihnen macht. Er schätzt, dass der Mann so um die 50 ist, kann sich aber auch täuschen, denn die vielen Falten, die der tätowierte Mann im Gesicht hat, könnten auch das Ergebnis eines ausschweifenden Lebensstils sein, vermutet Bernie. Der junge Mann kommt auch nicht umhin zu bemerken, dass der alternde, geile Bock, seiner Begleitung ungeniert auf den, in Jeans verpackten, Hintern glotzt während sie sich vornüber beugt und das Geld in den dafür vorgesehen Schlitz hineinschiebt. Kurzerhand entschließt er, in den Laden, zusammen mit Irene, kein weiteres Mal einen Fuß zu setzen.

Damit der Penner endlich seinen Blick von Irenes Hintern abwendet, bestellt Bernie, als der Wirt schließlich vor ihnen steht, so schnell es eben geht, zwei Bier und funkelt ihn dabei böse an. Der Wirt geht auf die Provokation des Jungen nicht ein, lächelt nur müde und zeigt dabei ein paar widerliche Goldzähne in der Kauleiste und erwidert: „Klar Kleiner, kommt sofort“, und verschwindet wieder hinter seinen Tresen und macht sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten kommt er wieder angewackelt, stellt die Getränke auf einen kleinen, runden Stehtisch ab, schaut Irene lüstern in den Ausschnitt ihrer Bluse und verschwindet dann aber schneller als gedacht.

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweite Mal öffnet…

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweites Mal öffnet und sich ein Gast, mit ebenso einem Bierbauch wie der Wirt selbst, auf einem Barhocker an den Tresen hockt, ein Herren-Gedeck bestellt und damit die Aufmerksamkeit des Inhabers am Zapfhahn in Anspruch nimmt. Bernie hat noch nie Bier getrunken, nippt nun aber an seinem und tut so als würde es ihm schmecken. Auch Irene hat bisher noch keinen Alkohol probiert und wäre glücklicher über eine Cola gewesen, tut es ihrem Schwarm aber gleich und trinkt einen kleinen Schluck des Bieres. „Ekelig“, sagt sie und verzieht das Gesicht. Bernie gibt sich cool, besorgt seiner Freundin eine Cola am Tresen und teilt ihr mit, dass er auch ihr Bier trinken werde.

Beide greifen sich nun ein Queue und benetzen dessen Spitze mit Kreide. Bernie richtet die Kugeln aus und lässt Irene anstoßen. Die Regeln sind beiden bekannt. Irene scheint schon öfter gespielt zu haben. Mit voller Wucht stößt sie die weiße Kugel in die anderen, die sich daraufhin in einem wilden Durcheinander auf dem Tisch verteilen. Eine, genau genommen die Rote Vollkugel, landet sogar in einem Loch und Irene strahlt. „Wenn das kein gutes Zeichen ist“, sagt sie und schaut Bernie dabei direkt in die Augen und lächelt. Gekonnt beugt sich die brünette Schönheit sodann über den Tisch und versenkt eine Zweite und auch noch ein Dritte ihrer Kugeln, bis sie schlussendlich an der Vierten scheitert. Bernie versucht es ihr gleichzutun, aber scheitert schon an der Ersten. Er ist hin und weg, von der Frau und auch ein bisschen vom Bier.

Irene gewinnt das Spiel locker…

Irene gewinnt das Spiel locker und auch das Zweite entscheidet sie deutlich für sich. Bernie ist es egal. Er muss hier nicht gewinnen. Er muss auch nicht auf dicke Hose machen und den Macho spielen. Es ist auch so alles stimmig, er weiß es, ohne groß darüber nachzudenken. Irene hat nun ihre Cola ausgetrunken und macht den Vorschlag, den Laden zu verlassen, um noch ein wenig zum nahegelegenen Spielplatz zu gehen. Langsam wird es dunkel draußen. Der Laden hat sich gefüllt. Es ist laut und es stinkt nach Qualm. Bernie willigt ein. Er würde alles machen, was Irene von ihm verlangt.

Gentlemanlike zahlt Bernie die Getränke von ihm und Irene. Auf ein Trinkgeld verzichtet er bewusst und lässt sich, vom böse dreinblickenden Wirt, auch die wenigen Pfennige Rückgeld auszahlen. Das zweite Bier hat er dann doch nicht mehr geschafft. Es steht noch immer unangetastet auf den kleinen, neben dem Billardtisch platziertem Stehtisch und auch der dicke Wirt machte bisher noch keine Anstalten es wegzubringen. Bernie stellt sich vor, wie einer der Säufer vom Tresen, sich das Getränk unbemerkt schnappen würde, wenn er vom Klo kommt. Die Tür, die dahin führt, befindet sich idealerweise direkt neben dem dudelnden Geldspielautomaten, an der Wand, hinter dem Billardtisch.

Ein letzte Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte…

Ein letztes Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte, auf den Arsch. Als die massive Tür endlich den Blick darauf verwehrt sind sie unter sich. Die Straße vor der Kneipe ist leer. Die Sonne ist bereits untergegangen. Auf dem Weg zum Spielplatz schweigen beide und schlendern nebeneinander den asphaltierten Weg entlang. Immer wieder berühren sich, rein zufällig, die Hände der beiden Teenager. Trotz des kalten Oktoberabends ist Bernie warm und er spürt wie ein kleiner Schweißtropfen an seinem Rücken hinunterläuft. Seine Hand zittert ein wenig, als er endlich all seinen Mut zusammennimmt und nach der Hand von Irene greift. Als er sie umschließt, treffen sich ein weiteres Mal die Blicke der beiden jungen Menschen und Irene lächelt ihn an. Schweigend gehen sie weiter und erreichen, Händchen haltend, den Spielplatz auf dem sich bereits ein weiteres Pärchen, küssend, auf der Bank gemütlich gemacht hat. Aus dem Blickwinkel erkennt Bernie, dass es Stefan, aus der Parallelklasse ist, der gerade die Lippen, der mit Pickeln übersäten, Kerstin liebkost.

Unbemerkt von dem Pärchen auf der Bank, gehen sie durch den Sand und erreichen das kleine Spielzeughaus mit rotem Dach und grünen, blauen und gelben Wänden. Der Einstieg ist so klein, das sich beide nur mühsam hindurchzwängen können. Als sie endlich drin sind und sich nebeneinander auf die kleine Sitzbank im inneren zwängen, begutachten sie ihre Liebeshöhle. Die Wände sind, überseht mit Sprüchen, Herzchen mit Buchstaben darin und auch ein riesiger, mit schwarzen Edding gezeichneter Penis prangt an der gelben Wand. Kichernd und feixend unterhalten sie sich über das Geschmiere an den Wänden und rätseln, mehr aus Verlegenheit als Interesse, welche Namen sich hinter den Buchstaben, in den viele Herzen verbergen. Als sie jeden Spruch kommentiert und für alle Herzen einen Künstler ernannt haben, ist es Irene die ihre Arme um die Schultern von Bernie legt. Augenblicklich drehen sich beide, wie von einer magischen Kraft angezogen, zueinander und ihre Gesichter sind nun nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene…

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene und ein merkwürdiges Kribbeln breitet sich in seinem Magen aus. Sollten das nun wirklich die Schmetterlinge im Bauch sein, von denen er schon so oft gehört und gelesen hatte? Ist er nun wirklich verliebt in das schönste Mädchen seiner Klasse, oder vielleicht sogar der gesamten Schule, oder ist er einfach nur nervös vor seinem ersten Kuss? Wahrscheinlich ist es Nervosität, denn das Gefühl in der Magengegend ist vergleichbar mit dem vor einen großen Tischtennis-Match, vor einer Klassenarbeit, oder vor einem verhassten Zahnarztbesuch. Gerne würde Bernie noch länger darüber nachdenken, doch es bleibt keine Zeit. Irene legt jetzt ihren Kopf ein wenig schief, öffnet ihre feuchten, vollen Lippen einen kleinen Spalt und nähert sich unweigerlich seinen eigenen.

Endlich berühren sich ihre Lippen und nach den ersten vorsichtigen, zaghaften Küssen entfacht ein Feuer der Leidenschaft, das die beiden Teenager fast um den Verstand bringt. Ein wahres Feuerwerk an Gefühlen explodiert in den Köpfen der jungen Menschen. Irenes Zunge ist nun fordernd und dringt langsam, aber unaufhaltsam, in den geöffneten Mund von Bernie ein. Ihre Zungen treffen sich und Bernies Magen schlägt Purzelbäume. Irenes Speichel schmeckt nach Cola und Pfefferminz-Bonbons und ist der absolut beste Geschmack, den Bernie je kostete. Bernie weiß es noch nicht, doch er wird ihn auch nach Jahren nicht aus dem Kopf bekommen. Eng um umschlungen, verschmolzen zu einem sich liebenden Pärchen, vergessen sie die Zeit und die Welt, um sie herum, verschwimmt zu einer undefinierbaren Masse.

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend…

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend. Bernies Herz rast wie verrückt. Irgendetwas, in seinem Gehirn, ist passiert. Etwas, das nun seine Hand unkontrolliert nach der unteren Öffnung von Irenes T-Shirt tasten lässt. Erstaunlich schnell findet diese den Eingang und die Fingerspitzen spüren die weiche, ein wenig verschwitze Haut, seiner Angebeteten. Vorsichtig berührt er den flachen Bauch von Irene, findet den Bauchnabel, den sein Zeigefinger kurz umkreist, um dann doch schnell weiter auf Entdeckungsreise zu gehen. Er spürt ein kurzes Beben von Irenes Körper und eine Gänsehaut, die sich bildet, als Bernies Hand immer weiter nach oben wandert. Als die Hand ihr unterbewusstes Ziel fast erreicht hat, die Fingerspitzen bereits die unteren, in dünnen Stoff eingefassten, metallenen Bügel des Büstenhalters ertasten, stößt Irene ihn plötzlich von sich und eine Ohrfeige landet krachend in seinem Gesicht. Erschrocken weicht Bernie zurück und ist sich bewusst, dass er zu weit gegangen ist. Traurig sucht er den Blick von Irene, die jedoch zu Boden schaut.

Es dauert einen Augenblick, bis er sich gesammelt hat. Er stammelt eine Entschuldigung, die kaum hörbar seinen Mund verlässt. Irene blickt nun wieder auf. Mit den großen tiefbraunen Augen, die er so mag, schaut sie ihn an. Im fahlen Licht der Straßenlaterne erkennt er in ihnen keine Verbitterung mehr. Langsam hebt sie sodann ihren Finger, legt ihn auf Bernies Mund und bringt ihn damit sanft zum Schweigen.

Der Agenturkunde

Auch ich gehöre zu der Truppe, die beim Arbeitsamt diverse Formulare ausgefüllt hat, damit die Versicherung, für die man jahrelang eingezahlt hat, auch greift. Agentur für Arbeit schimpft sich die Behörde heute, wurde ich belehrt als ich das erste Mal durch die Drehtüren ging, die Heiligen Hallen betrat und mich nach endloser Wartezeit, in einer Schlange, die der im Freizeitpark vor der beliebtesten Achterbahn glich, vor einer Dame wiederfand, die sich mit ihrer Arbeit bei der Agentur mehr als identifizierte.

Ich hatte erst vor ein paar Stunden die Kündigung von meinem Chef, der mich nie so richtig lieben lernen konnte, in die Hand gedrückt bekommen und von der Personalchefin für den Rest des Tages freibekommen, damit ich mich persönlich beim Arbeitsamt, arbeitssuchend melden konnte. Wie nett von der Dame mit dem Pferdearsch, den ich immer wieder bestaunte, wenn sie wieder einmal mit enormem Tempo an meiner Schreibtisch-Bucht vorbeisauste und meinen immer höher werdenden Stapel an Arbeit bedenklich zum Wanken brachte. Im Übrigen benutze auch sie, als eine Frau die es besser wissen müsste, den anscheinend falschen Terminus technicus: Arbeitsamt.

Die freundliche, aber etwas übermotivierte Dame…

Die freundliche, aber etwas übermotivierte Dame im Empfangsbereich der Agentur, meldete mich netterweise in der dritten Etage an, in die ich mich nun auf direkten Weg begeben sollte, um dort im Wartebereich Platz zu nehmen. Man würde mich aufrufen. Gut. Mache ich doch alles, komme mir aber schon jetzt vor wie ein I-Männchen mit Sextaner-Blase, dem sie das Förmchen aus der Hand genommen haben, um ihm auf schnellsten Wege, das Wissen einzubläuen, das den jungen Mann alle Werkzeuge mit auf dem Weg gibt, die nötig sind, um das Leben zu meistern.

Als ich die dritte Etage schnaufend erklommen hatte, ohne ein Bein in den meiner Figur nicht gut gesinnten Aufzug gesetzt zu haben, wurde mir bewusst, dass es doch ein längerer Tag werden konnte als ich mir erhofft hatte. Knapp achtzig bis einhundert erwachsene Menschen, jeglicher sozialer und geografischer Herkunft hatten sich auf dem Flur eingefunden. Überwacht von einer, mit Funkgerät und Reizgas ausgestatteten, Sicherheitsfachkraft, hatte es sich die geldgierige Meute, die den Staat schonungslos in die Tasche greifen möchte, auf den wenigen Plastikstühlen bequem gemacht oder sich auf den Fußboden geflätzt. Dass keine Zelte aufgebaut, der Papierkorb entzündet und drumherum getanzt und gerapt wurde, war wohl nur dem strengen Blick der Aufsichtskraft mit dem Nazi-Scheitel und dem auf der Bomberjacke aufgedruckten Anglizismus: „Security“ geschuldet.

Schon jetzt sehnte ich mich an meinen verhassten Arbeitsplatz…

Schon jetzt sehnte ich mich an meinen verhassten Arbeitsplatz, mit durchgesessenes Bürodrehstuhl und total veralteter Hard- und Software zurück. Wie gerne würde ich doch die Akten, die ich zu bearbeiteten hatte, fahrig überfliegen, meine Eintragungen machen und freundlichst, per Mail um Nachschub bitten, wenn der Stapel, wider Erwarten, zur Neige ging, bevor der Feierabend eingeläutet werden konnte. Wie gerne würde ich den Chef auf den Flur freundlich grüßen, auch wenn ich wusste das der Arsch mich nicht leiden konnte und genau diese Tatsache auf Gegenseitigkeit beruhte, aber keiner von uns beiden Alpha-Tieren in der Lage war dem jeweils anderen, den allgemeinem, unausgesprochenen Benimmregeln des Arbeitsalltags entsprechend, die Meinung zu geigen.

Auch ich machte es mir auf dem Boden bequem, da es dem Anschein nach noch ein bisschen dauern konnte, bis ich an der Reihe war. Ich beobachte das Treiben auf dem Flur und wartete geduldig ab, bis endlich ein Mann in Jeans und Sakko den Flur betrat und meine Nachnamen laut in den Korridor schrie. Mir war das Gebrüll des Mannes mit dem Schnauzer ein wenig peinlich, da sich mein Familienname in dieser Lautstärke irgendwie wie eine Beleidigung anhörte, aber da keiner der andern anwesenden davon Notiz nahm entknotete ich meine Beine, aus dem Schneidersitz, trottete den Angestellten der Behörde hinterher und fand mich in einer Schreibtisch-Bucht eines Großraumbüros wieder, das meinem ehemaligen Arbeitsplatz auf erschreckender Weise glich.

Mit traurigem Blick nahm der Angestellte…

Mit traurigem Blick nahm der Angestellte auf einem ausgesessen Drehstuhl platz, bot mir einen der zwei, nicht besser anmutenden Stühle vor seinem Schreibtisch an und hörte sich gelangweilt meine Geschichte, die er in dieser Form wohl schon tausende mal gehört hatte, an. Zwischendurch nickte er verständnisvoll, aber man konnte in seinen Augen erkennen, dass er nicht bei der Sache war. Wahrscheinlich saß er im Gedanken schon in seiner Lieblingskneipe und nippte an seinem ersten Bier, auf dem seine Lieblingswirtin mit den ausladenden Hüften, eine perfekte Blume gezaubert hatte. Ich konnte es ihm nicht verübeln und nahm mir vor, freundlich den Anweisungen des Mittdreißigers nachzukommen.

Die Geschichte dauerte nur ein paar Minuten. Er stellte mir ein paar Fragen und ich gab die passenden Antworten, die er sodann mit einer Tastatur, aus dem vergangenen Jahrhundert und einer kabelgebundenen Maus in seinen PC mit Röhren-Monitor hämmerte. Immer wieder spukte der Nadeldrucker, der auch auf dem Schreibtisch seinen Platz gefunden hatte, mit einem Höllenlärm diverse Formulare aus, die der gelangweilte traurige Tropf mir gegenüber, der Lade entnahm und mir über den Schreibtisch zuschob. Dabei zeigte er immer wieder auf diversen Stellen im Formular, markierte diese danach mit einem Textmarker und hob damit die anscheinende Wichtigkeit der auszufüllenden Stelle da.

Der Schnauzbärtige sagte…

Der Schnauzbärtige sagte nun: „Bitte füllen Sie alle Formulare, auch mithilfe ihres Arbeitgebers, aus und geben diese fristgerecht und persönlich bei uns ab.“ Nun war ich es aber der nicht mehr bei der Sache war. Ich hatte mich schon aus dem Hier und jetzt verabschiedet, als er mir den dritten, mehrseitigen Fragebogen zugeschoben hatte. Nun war ich es, der mit dem Gedanken woanders war. Trotzdem stopfte ich den Papierwust in meine Arbeitstasche, verabschiedete mich, nahm ein weiteres Mal die Treppe, um meine Wadenmuskulatur erneut auf die Probe zu stellen und verließ als neuer Kunde mit mehrstelliger Kundennummer und einem Kärtchen mit allen wichtigen Informationen zur Erreichbarkeit meines Arbeitsvermittlers, durch die Drehtür die Agentur meines Vertrauens.

Draußen angekommen blieb ich kurz stehen, holte tief Luft und machte mich sodann auf direkten Weg zu meinen, zufälligerweise ganz in der Nähe angesiedelten, Hausarzt. Nach kurzer Wartezeit stellte dieser fest, dass es mir nicht gut ging und ich unbedingt eine Pause von zwei Wochen bräuchte, bis ich wieder durch die Flure meiner Firma gehen und der Personalchefin auf die Arschbacken schauen könne. Wie nett vom Arzt den ich seit meiner Kindheit kenne und mit dem ich zusammen die Schulbank gedrückt habe. Ich verließ die Praxis und ging in die nächstbeste Kneipe, die ich finden konnte, bestellte ein Bier, das mir mit perfekter Blume von einer netten Wirtin mit ausladenden Hüften kredenzt wurde und entschied spontan, dass es nicht das einzige Kaltgetränk bleiben würde, dass ich hier trinken würde.

Nach dem vierten oder fünften der süffigen Getränke…

Nach dem vierten oder fünften der süffigen Getränke, die ich mir in den Hals geschüttet hatte, ging die schwere Holztür, zur spärlich besuchten Trinkstube auf und ein schnauzbärtiger Mann in Jeans und Sakko durchquerte zielstrebig den Schankraum, warf seine dünne Aktentasche auf den Boden der Garderobe, schlüpfte aus dem Sakko, knöpfte sich die Ärmel seines Hemdes hoch und nahm, mir gegenüber, am Tresen Platz und bestellte ein Bier. Erst als die Wirtin das Bier vor ihm auf den Tresen stellte und er das halbe Glas in einem Zug leerte, entspannten sich seine Gesichtszüge und ein freundlicher Mann, von dem alle Qualen des heutigen Arbeitstages abzufallen schienen, kam zutage.

Erst nun blickte er sich im Schankraum um. Erst jetzt erkannte er in mir einen seiner Kunden, aus der Agentur und schien peinlich berührt. Ich nickte ihm dennoch freundlich zu, bestellte ihm ein Bier auf meine Kosten und fragte, ob ich mich zu ihm gesellen dürfe. Er nickte zwar, schien aber nicht begeistert. Trotzdem. Nach ein paar weiten Bieren und den einen oder anderen Schnaps merkten wir, dass wir durchaus einige Gemeinsamkeiten hatten. Ich empfahl ihm meinen Arzt und er nahm sich vor ihm schon morgen einen Besuch abzustatten. Wir bestellten weitere Bier und verließen den Laden erst als die Wirtin uns freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzte.

Parkplatz-Rodeo

Endlich hat die Glocke geklingelt und die Schicht ist vorbei. Bei uns in der Firma gibt es tatsächlich noch ein akustisches Signal, das das Ende der einen Schicht und den Start der nachfolgenden signalisiert. Das Ganze erinnert mich irgendwie immer an den Zweiten Weltkrieg. Keine Ahnung wieso das so ist. Ich denke nur immer das die Arbeiter, damals bei Krupp oder Thyssen auch so ein Signal zu hören bekamen, wenn sie für diesen einen Tag genug Bomben produziert hatten. Hat aber sicherlich noch was länger gedauert, bis der so befreiende Ton, seinerzeit ertönte.

Wie dem auch sei. Ich habe Feierabend und nicht nur das, sondern Wochenende. Genial. Heute Abend erwarte ich ein paar Freunde in meiner kleinen Butze. Wir haben uns vorgenommen ein paar Pizzen, erst in den Ofen und dann in unsere Münder zu schieben, ein paar Jägermeister in den Schlund zu kippen und das Ganze mit diversen Bieren herunterzuspülen und dabei zu pokern. Doch wie es der Teufel will, ist nicht nur das Gefrierfach meines Kühlschranks zur Gänze geleert, sondern auch Bier und Schnaps sind nicht im Haus. Was für eine Tragödie.

Es führt also kein Weg daran vorbei…

Es führt also kein Weg daran vorbei, dass ich auf den Weg nach Hause, noch schnell am Einkaufscenter halt mache und die wenigen Dinge, die der Wochenend-Grundversorgung dienen und auch in einer nationalen Krise als Systemrelevant anzusehen sind, zu shoppen. Ich schiebe also meine altersschwache Karre, von der ich noch nicht weiß wie ich sie durch die anstehende TÜV-Prüfung bekommen soll, durch die vollgestopften Straßen bis ich endlich am Einkaufscenter meines Vertrauens angekommen bin.

Hier gibt es einfach alles, was man zum Leben braucht. Ein Discounter für Leute wie mich, einen Supermarkt für die etwas betuchtere Klasse, eine Apotheke, einen Getränkemarkt, einen Blumenladen, mehrere kleinere Boutiquen mit Mode für den kleinen Geldbeutel, einen Tabak- und Lottoladen, einen Schuhladen, einen Ein-Euro-Shop und noch diverse Läden mehr. Alles da also, könnte man meinen, nur genügend Parkplätze sind hier Mangelware, besonders am Wochenende, wie ich wieder einmal mit Entsetzen feststellen muss, als die Front meines Kleinwagens bereits in die Zufahrt zum Parkplatz eingebogen ist.

Nun geht das Gerangel los…

Nun geht das Gerangel los, auf das nicht nur ich keine Lust habe, sondern alle anderen auch, die mit mir im Kreis herumfahren, schlechte Laune haben und auf ihre Chance wittern, einen dieser begehrten Parkplätze zu ergattern. Das Ganze erinnert mich stark an dieses saudumme Partyspiel: die Reise nach Jerusalem. Ich drehe weitere meine Runden und dabei haben sich meine Hände fest um das Lenkrad gekrallt. Ich habe nicht nur die stehenden Fahrzeuge im Blick, sondern beobachte auch das weitere Geschehen auf dem Parkplatz. Man muss das gesamte Areal im Auge behalten, damit man nicht diesen einen wichtigen Augenblick verpasst, wenn eine Person mit einem Einkaufswagen den Supermarkt verlässt und auf ein Auto zusteuert.

Aus dem Blickwinkel habe ich eine vielversprechende Kandidatin entdeckt. Eine Dame zwischen 35 und 40 steuert auf einen überteuerten SUV der Bayrischen Motorenwerke zu und schiebt dabei einen vollen Einkaufswagen vor sich her. Die Milf, wie wir unter uns Kollegen zu sagen Pflegen, ist eine von der Sorte die Kohle haben, oder zumindest ihr Stecher. Man sieht es an ihrem vornehmen Gehabe und auch der Fummel, den Sie trägt, ist nicht von Klamotten Anton, oder KIK. Jetzt heißt es geschickt agieren, denn es ist noch ein wenig Zeit zu überbrücken, bis sie endlich ihr riesiges, schwarzes Monstrum aus der Parklücke bugsiert. Alle Lebensmittel, die sie gekauft hat, sind nicht bereits in Tüten verpackt, sondern fristen ihr elendes Dasein einzeln und gefühlt zu hunderten, im drahtigen Transportvehikel. Eine Schande.

Als sie ihren Einkaufswagen endlich neben dem schwarzen Panzer abstellt…

Als sie ihren Einkaufswagen endlich neben dem schwarzen Panzer abstellt, mit einem ihrer Füße eine eingeübte Wischbewegung unterhalb des Hecks ausführt und damit den Kofferraum öffnet, fängt sie mit einer beängstigenden Gelassenheit an, jedes Teil einzeln in die mitgeführten Boxen, im Inneren des Fahrzeugs zu packen. Gezwungenermaßen drehe ich noch eine weitere Ehrenrunde auf dem Parkplatz und erhasche beim Vorbeifahren ein Blick auf einen ihrer pedikürten Füße, deren Zehen aus einer blumigen Sandalette herausschauen, mit dem sie gerade noch so elegant den Kofferraum geöffnet hat und erschaudere beim Anblick.

Als ich die vierte Runde gedreht habe und jedes Mal beim Vorbeifahren den Blick nicht abwenden kann, von ihren Füßen, scheint sie endlich ein Ende zu finden und steht kurz vor dem grandiosen Finale der Einpack-Arie. Kurz danach steigt sie in ihrem SUV und schafft es nach mehreren unglücklichen Versuchen, gerade eben so, aus der Parklücke. Jetzt kommt es darauf an. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, indem man nicht zögern darf. Zügig drehe ich eine letzte, finale Runde, hupe genervt als mir ein Kind, mit einem dieser modernen Scooter vor die Motorhaube rollt und schaffe es tatsächlich, vor einem fluchenden, ergrauten Cabrio-Fahrer mit ähnlich, gekonnt gezwirbelten Schnauzbart wie der von Horst Lichter, meine altersschwache Karre auf den Parkplatz zu stellen.

Mit gewinnenden Lächeln steige ich aus…

Mit gewinnendem Lächeln steige ich aus, verschließe mein Auto, zeige dem grau meliertem Cabrio-Fahrer einen Stinkefinger und verschwinde im Discounter, mit blauen A im Logo. Drinnen angekommen, bewaffne ich mich mit einen rotem Körbchen, das augenscheinlich genug Platz bietet, für ein paar Pizzen, Nüsse, Chips, Schokolade und alles was sonst noch zu einer gesunden Ernährung dazugehört. Hurtig sprinte ich durch die Gänge und werfe die wenigen Brocken, die es braucht, um die Freunde und einem Selbst nicht nur satt, sondern auch glücklich zu stimmen, in das Körbchen und eile beschwingten Schrittes zur Kasse. Dort angekommen heißt es wieder Geduld aufbringen. Augenscheinlich war ich nicht der Einzige, der es nicht auf die Reihe bekommen hat, seinen Kram an normalen Wochentagen zu shoppen.

Jede Menge Rentner, die alle Zeit der Welt zu scheinen haben, versperren mir den Weg zum Paradies und rauben mir den letzten Verstand. Angeekelt muss ich beobachten, wie die Greise im Schneckentempo ihr Mümmelfutter auf das Warenband legen, den Warentrenner im gleichen Tempo dahinter drapieren und dann, wenn der große Moment des Zahlens gekommen ist, noch langsamer ihre Geldbörse öffnen. Natürlich wollen die Tattergreise in Bar zahlen, denn der Wahlspruch: „Nur Bares ist Wahres“, wurde ihnen schon damals, von Onkel Otto, mit in die Wiege gelegt. Einzeln werden sodann die grünspannigen Cent-Münzen behutsam in die ausgestreckte Hand, der gequält lächelnden Kassiererin gelegt, bis schlussendlich der Betrag von 19,54 Euro, bis auf den Cent genau, erreicht wurde.

Als ich endlich meinen Kram in die Plastiktüte gestopft…

Als ich endlich meinen Kram in die Plastiktüte gestopft und die Rechnung mit meiner EC-Karte beglichen habe, sieht die Welt schon ein wenig besser aus. Nachdem ich genug Pizzen für alle, Knabbereien für eine ganze Kompanie und des Geldes wegen, einen nachgemachten Jägermeister mein Eigen nenne, brauche ich nur noch einen Kasten Bier. Hier muss aber Qualität her, sonst laufen meine Freunde Amok. Beim Bier hört der Spaß, hier im Ruhrgebiet, bekanntlich auf. Günstig darf es sein, aber bitte mit Niveau und nicht aus der Dose und schon gar nicht aus der Plastikflasche. Also muss ich noch in den Getränkemarkt. Was für ein Drama.

Es nützt nichts. Einmal quer über den Parkplatz, mit Zwischenstopp am Auto, wo ich die Plastiktüte verstaue und mindestens drei anderen Parkplatz-Suchenden den ausgestreckten Mittelfinger zeige, meinen Kofferraum wieder verschließe und mich auf den Weg in den Getränkeshop mache. Hier angekommen werde ich fast erschlagen von der unmenschlich daherkommenden Auswahl an verschiedene Bier- und Biermixgetränken. Zum meinigen völligen Unverständnis scheinen auch Sorten, die keinerlei Alkohol enthalten und isotonisch daherkommen total in Mode zu sein, denn auch davon gibt es, ohne Übertreibung, mindestens 15 verschiedene Sorten, in diesem extrem kleinen Shop. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wer diese Brühe eigentlich säuft, mache es aber dann doch und vor meinem geistigen Auge erscheint einer dieser bescheuerten von oben bis unten tätowierten Hipster, mit Fussel-Bart im Gesicht und Dutt auf dem Kopf, aber null Gehirnmasse im Inneren.

Ich lasse mich nicht beirren…

Ich aber lasse mich nicht beirren. Es gibt nur wenige Sorten mit denen ich mich und meine Kollegen abfinde. Die erste Wahl kommt aus Dortmund, wobei man sich da heutzutage auch nicht mehr ganz sicher sein kann. Ist doch alles eine Brühe denke ich mir, und greife dennoch, aus Gewohnheit und auch ein bisschen aus Überzeugung, zum Kronen. Ich habe dabei kein schlechtes Gewissen, auch wenn ich lieber zum leckeren Dortmunder Bier aus einer kleinen Privatbrauerei greifen wurde, es mein Portmonee aber nicht zulässt.

Ohne weitere Komplikationen verlasse ich bewaffnet mit allem, was es braucht, den Ort des Geschehens und fahre nach Hause. Über eine Stunde habe ich gebraucht, um die wenigen Teile zu besorgen, die es braucht um mit meinen Kumpels einen gemütlichen, bierseligen Abend zu verbringen. Als ich endlich, direkt vor meiner Tür, einen Parkplatz finde, vor Vorfreude grinsend meinen Gurt abnehme und nur noch schnell unter die Dusche möchte, bis mir die Saufkumpanen die Tür einrennen, fällt mir brühend heiß ein, dass ich heute Geburtstag habe.

Meine Kumpels haben versprochen…

Meine Kumpels haben versprochen, dass sie mir genau heute eine Freude machen wollen. Sie haben versprochen alles zu besorgen. Sie haben gesagt, dass ich mich um nichts kümmern müsse, sondern direkt nach der Arbeit nach Hause fahren kann, mich ein wenig ausruhen und unter die Dusche steigen dürfe. Ich weiß nicht genau was ich jetzt tun soll. Soll ich weinen, oder lachen? Auf jeden Fall nehme ich mir vor heute Abend richtig derbe die Kante zu geben, denn es ist ja von allem das Doppelte da …

Beim Bäcker meines Vertrauens – Mit Mund-Nasen-Schutz

Heute war ich beim Bäcker. Hab in der Schlange gestanden, die bis zur nächsten Ecke gereicht hat und mir kurz vorm Betreten der Backstube den Mund-Nasen-Schutz angelegt. Geht ja nicht mehr anders. Wird man sonst doof angeschaut, oder sogar des Ladens verwiesen. Vom Hausrecht wird dann hurtig gebracht gemacht, wenn es einer wagt, ohne Schutz, der meist Farbenfroh und selbstgenäht, oder in „OP-Blau“ daherkommt, den Verkaufsraum zu betreten. Wird hochkant nach draußen befördert, das Subjekt das andere in Mitleidenschaft ziehen will, mit seiner Spucke. Hat jawohl nicht mehr alle Tassen im Schrank der Spinner und dessen Maschinenraum muss, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, einer intensiven Wartung unterzogen werden.

Doch ich bin fair…

Doch ich bin fair und hab der Bundeskanzlerin ganz genau zugehört, als sie ihre Rede gehalten hat, im Öffentlich-Rechtlichen-Fernsehen. Die Dame in seinerzeit roten Kostüm hat sich vorher selbstredend beraten, mit ihren Ministern, aus nah und fern. Sogar der Herr Söder durfte vor das Mikrofon, obwohl er aus Bayern kommt. Hat gefühlt mehr geschwafelt als die Angie. Ist ja auch ein Mann.

Als ich nach Ewigkeiten an der Reihe bin, bestelle ich die Brötchen für das morgendliche Mahl. Sechs an der Zahl denke ich und nuschele in meinen Mundschutz: „Sechs Normale bitte“ und schiebe ein „junge Frau“ hinterher und freue mich das die vollbusige Verkäuferin mein anzügliches Lächeln hinter der Maske nicht sehen kann.

Irgendwie stinkt es hier, denke ich…

Irgendwie stinkt es hier, denke ich, nachdem ich den Satz ausgesprochen habe und die Dame hinter der Theke so freundlich gelächelt hatte. Kommt bestimmt daher, dass ich meine schiefen Zähne heute Morgen nicht geputzt habe und ich zum Abendessen einen Grillteller, vom Griechen meines Vertrauens, verspeist habe. Sieht ja auch niemand und riecht auch niemand, habe ich mir beim morgendlichen Blick in den Spiegel gedacht und die Zahnbürste mit einem schelmischen Lächeln wieder in den Zahnputzbecher gesteckt. Dass ich nun selbst der Leidtragende bin, habe ich bei meiner frühmorgendlichen Missetat nicht bedacht.

Die Dame hinter der Theke trägt ironischerweise keinen Stoff vor Nase und Mund…

Die Dame hinter der Theke trägt ironischerweise keinen Stoff vor Nase und Mund. Komisch. Darf sie also ihren Speichel, der unweigerlich beim Sprechen und Atmen den Zwischenraum ihrer anmutigen Lippen verlässt, auf das ofenfrische Gebäck verteilen? Anscheinend. Mir ist es egal, denn ich habe Hunger. Lieber erkranke ich an Covid-19 als zu verhungern.

Ich werde die Brötchen daheim gierig aus der Tüte fingern, sie halbieren und mit Streichfett benetzen. Auf die glänzende, Halbfett-Margarine werde ich dann wahlweise eine Scheibe Käse, eine Scheibe Salami, Schinken oder auch eine Kombination aus alledem drapieren und das ganze genüsslich, nicht ohne vorher, dass in den Zeiten der Corona-Pandemie verpflichtende Stück Stoff vor dem Mund zu entfernen, in meinen Schlund schieben.

Danach, wenn ich meinen Bauch gefüllt habe und die Zahnzwischenräume neben Gyros-Fleisch nun auch Schwarzwälder Schinken aufgenommen haben, werde ich mir ausgiebig die Zähne putzen. Führt wohl doch kein Weg daran vorbei, auch wenn niemand sieht, dass die Beißer nicht gereinigt wurden.