Es ist gerade mal halb acht. Bei mir im Schlafzimmer sind die Rollos noch unten und es ist dunkel. Mitten in der Nacht, könnte man meinen, wenn da draußen, direkt vor meinem Schlafzimmerfenster, nicht so ein Radau herrschen würde. Ich persönlich habe keine Ahnung was da los ist und mich würde es auch nur peripher tangieren, wenn ich doch nur wieder einschlafen könnte. Aber selbst das über den Kopf gezogene Kopfkissen bringt nicht den erwünschten Lautlos-Effekt.

Es hilft wohl nichts. Ich werde hinaus müssen, aus den Federn und mir einen anderen, friedlicheren Ort suchen, um meinen Rausch auszuschlafen. Gestern habe ich mir ein paar leckere, eiskalte Bierchen in den Hals geschüttet und dabei nicht so genau auf die Uhr geschaut. Eigentlich wie jedem Abend, nur gestern waren auch noch einige Kurze dabei. Ein Geschenk von meiner Ex-Frau zu meinem 52. Geburtstag. Ein Doppelkorn aus dem Discounter, für knapp fünf Euro. Nett von ihr. „Der Wille zählt“, oder wie lautet diese beschissene Weisheit?

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr…

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr meiner Arbeitslosigkeit. War es satt mit den wenigen Kröten im Monat auszukommen und nicht in den Urlaub zu fahren. Hat sich einfach einen neuen Gesucht. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ihr neuer Stecher ist nicht nett, nicht hübsch und nicht klug, aber er hat einen Job, bei Opel am Fließband, der feine Herr. Da kann ich nicht mithalten. Meine Kinder hat sie auch mitgenommen und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Immerhin war sie so freundlich, mir diesen Karton mit der Pulle vor die Tür zu legen. Das Dingen war sogar eingepackt in Geschenkpapier und eine Schleife hat sie auch drum gewickelt. Auf der Karte stand: Für Paul, in ihrer krakeligen Schrift. Danke. Vielen Dank sogar. Hab den Karton direkt vor der Tür aufgerissen und den Inhalt in den Gefrierschrank gelegt. Sollte schnell kalt werden, die Plörre. Ich hatte es eilig. Wollte schleunigst anfangen mit dem Saufen, denn ich fühlte mich scheiße, eigentlich wie jeden verdammten Tag.

Jetzt brummt mir der Schädel…

Jetzt brummt mir der Schädel und auch im Wohnzimmer, auf der abgewetzten Couch aus dem Sozial-Kaufhaus, herrscht keine Ruhe. Überall turnen sie herum, mit ihren Scheiß-Maschinen und Rasenmäher die so groß sind wie ein kleiner Traktor und mähen und schnippeln alles kurz und klein. Haben die denn kein Mitleid, mit einem armen alten Mann der einen über den Durst getrunken hat? Müssen die ihre Scheiß Arbeit so früh am Morgen erledigen?

Wird wohl alles seine Richtigkeit haben. Auch die Leute da draußen, an den Maschinen, müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nicht jeder kann vom Amt bezahlt werden. Geht einfach nicht. Auch bei mir war das mal anders. Auch ich hatte mal einen guten Job, in einer Druckerei. Haben richtig gut bezahlt und ich konnte dort mit dem Fahrrad hinfahren. Hab meiner Frau immer Blumen und Schmuck geschenkt und auch den Kindern fast jeden Wunsch erfüllt. Ich konnte mit einem Gehalt alle Rechnungen bezahlen und einmal im Jahr mit der Familie in den Urlaub. Das war was.

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen…

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen und die Chefs mussten kurzen Prozess machen, mit einigen von der Arbeiter. „Führt kein Weg dran vorbei“, sagte mir mein Vorarbeiter damals und drückte mir das Schreiben in die Hand. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, der Wichser. Nicht besonders emphatisch sagt man dann wohl dazu. Ich bin dann am selben Tag zum Arbeitsamt gegangen, mit der Kündigung in der Hand. Sollte so gemacht werden. Die Tante sagte ich solle den Kopf nicht hängen lassen und das ich mit Sicherheit bald wieder eine Stelle finden würde. Doch es sollte anders kommen.

Ich hatte ja nichts gelernt. War nur ein Helfer an der Druckmaschine. Hab dafür gesorgt das immer genug Papier bereitstand und die Farbe im Druckwerk nicht ausging. Gelegentlich hab ich den Gesellen auch schon mal eine Schale Pommes von der Imbissbude besorgt, wenn es die Zeit zuließ. Nichts Besonderes. Nichts Hochtrabendes. Aber ich war zufrieden. Ich wollte gar nicht mehr und identifizierte mich nicht über die Maloche, wie manch anderer. Hat mir gereicht, der Mist. Gute Kameraden, eine Aufgabe und gutes Geld, für ehrliche Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann das.

Es hat gar nicht lange gedauert…

Es hat gar nicht lange gedauert, dann sprach die Tante vom Amt schon anders: „Sie müssen halt flexibel sein, mal über den Tellerrand hinausschauen …“ Hab dann alles Mögliche gemacht, aber nie lange. Zeitarbeit und so ein Bockmist. Scheiß-Arbeit für weniger Kröten, als ich vom Amt, für das Stempeln bekommen hätte. Irgendwann hab ich mich dann aber quer gestellt. Hab dann einfach in den Bewerbungen, von den Jobs die ich nicht wollte, Rechtschreibfehler reingeschrieben und auch schon mal einen Fettfleck auf dem Papier hinterlassen. Aus Versehen, versteht sich. Haben mich dann gar nicht eingeladen, die Drecksäcke. Gut so.

Nun bin ich seit knapp fünf Jahren Arbeitslos und bekomme nur noch Hartz 4. Wenigstens wird die Miete, meiner kleinen 2-Zimmer-Bude bezahlt. Wenn man sparsam ist, kommt man über die Runden und braucht nicht zu hungern. Auch das tägliche Bier ist drin. Bloß wenn mal was außergewöhnliches ist, wird es eng. Zum Beispiel, wenn eines der Kids Geburtstag hat. Ich schicke ihnen noch heute immer eine Karte mit ein bisschen Geld drinnen. Einen Dank erhalte ich nie. Kein Anruf, kein Besucht, Nichts. Mit einem Säufer wie mir wollen sie nichts am Hut haben, die Kids und auch denen kann ich es nicht verübeln.

Das schlimme ist die Zeit…

Das schlimme ist die Zeit. So lange schlafen kann man gar nicht, dass man nicht ans Denken kommt, nicht einmal dann, wenn die Gärtner der Wohngesellschaft nicht ihre Arbeit in aller Früh verrichten. Bewerbungen schreibe ich schon gar nicht mehr. Hab es einfach aufgegeben. In meinem Alter kriegt man doch nichts mehr. Habe auch keine Hobbys und keine Freunde, nur ein paar lose Bekanntschaften. Alles genauso arme Schlucker, wie ich es einer bin. Meist bleibe ich einfach den ganzen Tag daheim, trinke ein paar Bier und lasse die Zeit verstreichen, bis ich wieder ins Bett kann. Ein freudloses, mickriges Leben das ich führe.

Immer wieder denke ich über alles nach. Über alles, was ich falsch gemacht habe. Was ich besser hätte machen können, doch komme auf keinen grünen Zweig. Es war doch alles in Ordnung. Ich war glücklich, meine Frau zufrieden und den Kindern ging es gut. Nun ist alles futsch, wegen eines vermaledeiten Auftrages. Wer ist schuld an der Misere? Mein Chef, der Auftraggeber, mein Vorgesetzter, der mir die Kündigung übergab, die Tante beim Arbeitsamt, deren Name ich mir bis heute nicht merken kann, oder gar meine Frau die mich nicht weiter unterstützte?

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken…

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken. Ich mag überhaupt nichts mehr, nicht einmal den duftenden Kaffee, den ich mir aufgebrüht habe und wofür ich den letzten Löffel Kaffeepulver verbraucht habe. Ich kippe ihn weg. Ab damit in den Scheiß-Abfluss. Weg damit, für immer. Ich hole lieber wieder eine der mir wohlbekannten, mir liebgewonnenen, braune Karaffen aus dem Kühlschrank. Auch in der etwas größeren, durchsichtigen, ist noch was drin. Der Tag ist gerettet.

Es dauert nicht lange, bis der Alkohol wirkt. Mir wird warm und ich fühle mich wieder besser. Nun sind meinen Gedanken wieder geordnet und ich sehe alles klar vor meinen Augen. Das ganze Elend wirkt dann nur noch halb so beschissen, wie es in Wirklichkeit ist. Nur wenn ich an meine Kinder denke, laufen mir ab und an ein paar Tränen über der zerfurchten Wangen. Ich ziehe dann die Vorhänge zu. Den alten Säufer soll niemand heulen sehen. Wäre ja noch schöner. Ich brauche kein Mitleid. Ich brauche meine Kinder und eine Frau die mich liebt. Ich brauche eine Beschäftigung, wenn es denn sein muss auch eine Arbeit, die mir unbemerkt die verdammte Zeit stiehlt, wie ein Taschendieb auf dem Weihnachtsmarkt.