Es ist schon mehr als verwunderlich. Es ist einfach nicht normal, irgendwie vom anderen Stern und ein Fehler in der Matrix. Da laufen elf Jungs, die gerade einmal der Pubertät entsprungen sind, auf dem Platz herum und haben die Aufgabe ein rundes Leder, möglichst geschickt im Tor der gegnerischen Mannschaft zu platzieren. Wichtig ist den Kickern dabei, dass die atemberaubende Frisur, die man selbst beim Nobelfriseur nur unter der Hand bekommt, auch nach und während der sportlichen Betätigung noch gut liegt. Damit die Frisur wirklich so bleibt, wird vor dem Spiel ein Gemisch aus Haarspray, Haarwachs, Haargel und eine geheime Substanz zusammengemischt und ins Haupthaar einmassiert. Die Herstellung und Zusammensetzung dieser Tinktur ist äußerst schwierig und wird ausschließlich in einem der vielen Fußballinternate geleert. Weitergehend ist es wichtig, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers an diversen Stellen mit Tattoos versehen ist, denn nur so ist es dem Balltreter möglich auch in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abzugeben und die Zahl, seiner unterbelichteten Follower, über die Demarkationslinie zu manövrieren.

Interessant ist, dass der Fußball auch in Sachen Bezahlung völlig anderes umgeht als jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Hier bekommt nämlich der Chef der Truppe, also der Trainer, nur ein Bruchteil dessen was der kleine Arbeitnehmer an der Bälle-Front verdient. Adaptiert auf ein kleines mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal in der Metallindustrie, würde das bedeuten, das montagmorgens der Dreher, der Schlosser und all die anderen Schergen mit ihren Porsches und Ferraris auf den Firmenparkplatz brausen und ihre Nobelkarossen auf die reservierten Parkplätze bugsieren und der Chef in einem zehn Jahre alten Opel Corsa auf das Gelände rollt. Diesen stellt er dann auf einen der hinteren Plätze, des Firmengeländes, weit weg vom Eingang der Ballerbude, unter einem der Bäume, dort wo einem immer die Vögel auf die Karre scheißen und schleicht mit gesenktem Blick ins Gebäude.

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack…

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack, zumindest was das optische Erscheinungsbild ihrer Begleiterinnen angeht. Aufgrund der immer gut gefüllten Brieftasche vom Kicker, bekommt auch der hässlichste Vogel in der Bundesliga eine Dame ab deren Figürchen durchaus, als Lecker zu bezeichnen ist. Tatsächlich sehen die meisten der Spielerfrauen dermaßen gut aus, das sie irgendeinen Job als Model oder Schauspielerin abgreifen konnten und dass in den meisten Fällen sogar ohne den kleinen Umweg über die Besetzungscouch zu nehmen. Selbst wenn am Abend die Schminke aus dem Gesicht geschabt wurde und sich das holde Weibchen, nackt wie Gott sie schuf, für den unausweichlichen Paarungsakt mit dem krummbeinigen Ballsportler auf die Chaiselongue niederlegt, ist der Kicker in der komfortablen Situation, auch beim Liebesspiel in der Missionarsstellung, das Gesicht der Gespielin nicht mit einem Handtuch abdecken zu müssen.

Selbst ein mittelmäßiges Spielerexemplar bekommt wöchentlich, im Durchschnitt, ungefähr die gleiche Kohle, die der kleine Malocher an der Werkbank im Jahr kassiert und das völlig zurecht. Ist der Spieler doch dermaßen hohen Belastungen ausgesetzt, die nur durch übermäßig viel Geld zu kompensieren sind. Darunter zählen die dauerhafte Trainings- und Spielbelastung, Reisebereitschaft im Privatjet und Unterbringung im Nobelhotel, Massagen und die beste ärztliche Betreuung, die es in der Bundesrepublik zu haben gibt, ausgewählte und exquisite Speisen, die von einem Sternekoch zubereitet werden, dauerhafte Avancen von willigen und hübschen Frauen und eine überdurchschnittliche Belastung der Schreibhand durch ständiges Unterschreiben von Kärtchen, mit eigenem Konterfei und vieles mehr. Bei diesem physischen und psychischen Stress verzeiht der geneigte Fan auch schon mal den einen oder anderen Fehltritt abseits des Platzes, des angebeteten Spielers. Dönerweitwurf im Delirium, jahrelanges Fahren ohne Führerschein in der Tasche, Pinkeln in der Hotellobby und das Vögeln von minderjährigen Prostituierten, die man extra für den Beischlaf hat einfliegen lassen, sind da nur einige wenige Beispiele. Dem Fan macht es nichts aus, solange der Kicker nur genügend Tore für die eigene Mannschaft schießt, oder wenigstens einen der gegnerischen Spieler, krankenhausreif, weg grätscht.

Lässt mein seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen…

Lässt man seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen, findet der interessierte Beobachter eine merkwürdige Zusammenstellung. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die alle aus dem gleichen Grund den Weg ins Stadion gefunden haben und sich irgendwie, für die knapp 2 Stunden, unerklärlicherweise, gut verstehen. Da gibt es den malochenden Proleten, der sein letzte Hemd für den Verein geben würde, stolzer Dauerkartenbesitzer ist und jede Saison erneut den Fanshop aufsucht, sich das neueste Trikot über den Balg zerrt und auch sonst alles kauft, was irgendwie in den Farben des frenetisch unterstützen Vereins getüncht wurde. Dass die Familie daheim, auch in diesem Jahr mal wieder, auf den lang ersehnte Urlaub im Süden verzichten muss, die Kinder nicht den Nintendo, oder das neue Fahrrad zum Geburtstag bekommen und auch die Ehefrau zum Hochzeitstag zum wiederholten Male leer ausgeht, ist ihm dabei egal. Direkt neben dem Proleten findet sich ein finanziell etwas besser gestelltes Fan-Exemplar. Dieser Fan hat es irgendwie geschafft die mittlere Reife oder sogar das Abitur zu ergattern, sitzt auf der Arbeit in einem gepflegten Büro und delegiert hauptsächlich seine Untergebenen. Körperliche Arbeit lehnt er ab und selbst wenn in seinem Reiheneckhaus, in der etwas schöneren Ecke der Stadt arbeiten anfallen, führt er diese nicht selbst aus. Nein, er bestellt selbst für das Aufhängen eines Wandregals einen Handwerker, mit dem er nach der ausgeführten Tätigkeit, wie auf dem türkischen Basar, über den Preis feilscht. In Sachen Fanutensilien ist er nicht so gut ausgestattet wie der Prolet. Da aber auch der Mittelschichtler seine Zugehörigkeit, für jeden ersichtlich, zur Schau stellen möchte, trägt er über den Boss- oder Gant-Pullover einen dezenten Schal in Vereinsfarben, den er zu einem eleganten Knoten gebunden hat.

Ein mittlerweile selten gewordenes Fanexemplar ist der mit der Kutte und irgendeinen albernen Hut auf dem Kopf. Der meist männliche Fan, der mit einer Jeansweste, die über der eigentlichen Jacke getragen wird und mit Aufnähern des eigenen Vereins übersät ist und häufig bis zum Boden reicht, findet sich immer seltener. Übrig geblieben aus den 80er-Jahren, kommt aber auch er immer wieder auf die Tribüne, trinkt literweise Bier und ist voll und ganz auf die Mannschaft auf dem Platz fixiert. Die Weste, die er trägt, ist nicht nur von den darauf befindlichen Aufnähern, sondern auch von dem Schweiß, dem Bier, der Kotze und dem Blut der vergangenen Jahrzehnte dermaßen steif, das der Besitzer sie nach dem Spiel zu Hause nicht in den Schrank hängt, sondern einfach in eine Ecke des Wohnzimmers stellt. Ausschließlich emotionale Beweggründe hindern den alternden Fan daran die Kutte zu waschen. Früher hat er gerne vor dem Stadion randaliert und sich mit gleichartigen Exemplaren aus der gegnerischen Fangruppierung geprügelt. Heutzutage ist er aber meist friedlich, kommt zwar unrasiert und ungewaschen zum Fußballevent aber begnügt sich, freundlicherweise, mit Pöbeln und Saufen.

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan…

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan, der meist gänzlich auf Fankleidung verzichtet und auch sonst und im Allgemeinen gegen Kommerz und den Ausverkauf des Fußballs ist. Meist kommt er dafür aber mit riesengroßen Fahnen und Bannern ins Stadion, deren Lettern auch von der gegnerischen Tribüne ohne Fernglas zu lesen sind, aber dem heimischen Fan, der bemitleidenswerter Weise einen Platz hinter ihm hat, die komplette Sicht auf das Spielfeld nimmt. Er ist nicht nur für das nett anzusehende Feuerwerk, das er irgendwie an dem Ordner vorbei auf die Tribüne geschmuggelt und neben einem Familienvater mit Anhang entzündet, sondern auch für farbenfrohe, ausgeklügelte Choreografien, die er mit seinen Kumpels in einer abgedunkelten Garage zusammenklöppelt, häkelt oder sonst irgendwie zusammenschustert, verantwortlich. Gerne gibt er all sein Geld für Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft, gerne auch ins Ausland aus, schmeißt sich gelegentlich ein paar Wachmacher in die Figur und ist auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Ferner steht er auch im Winter gerne mit freien Oberkörper auf der Tribüne und schreit und singt voller Inbrunst alles nach was der Vorsänger, der es sich auf einem Tribünenzaun gemütlich gemacht hat, in sein Megafon plärrt.

Weitergehend tummeln sich auch ein paar Akademiker auf der Tribüne. Diese mischen sich gerne unerkannt in die Menschenmassen und sind kleidungstechnisch kaum in dem Pulk auszumachen. Gelegentlich „verkleiden“ sie sich wie der Prolet mit allem, was der Fanshop so hergibt, manchmal tragen sie nur einen Schal der Mannschaft um den Hals und selten kommen sie mit einer goldenen Anstecknadel mit Vereinsemblem, das sie am Revers ihres schwarzen Mantels oder Jacke tragen, daher. Der Akademiker nutzt das Stadion, um sich wenigstens alle zwei Wochen wie ein normaler Mensch zu fühlen. Hier braucht er sich nicht in Zurückhaltung zu üben, hier kann er saufen, ohne dass ihn jemand schräg anschaut, hier kann er ungestraft fluchen und lauthals Lieder singen. Lieder, deren Melodien er aus der Kindheit kennt, deren Texte aber ungehobelt, ja derb und wenn es um die gegnerische Mannschaft oder deren Fans geht, blutrünstig sind.

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe…

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe zum meist heimischen Verein, die unumstößliche Toleranz gegenüber den unterbelichteten Spielern, mit den komischen Frisuren auf dem Platz und den Hass auf die gegnerischen Fans. Wenn es auf dem Platz mal nicht so läuft und das eigene Team schlecht spielt, sind nur selten die Spieler Schuld. Immer ist es der Schiedsrichter, der einen Elfer nicht gegeben hat, der die Abseitsregel nicht kennt oder der den Spieler mit den meisten Tattoos, der gerade eben, dem Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft einen offenen Schienbeinbruch zugefügt hat, völlig unberechtigt vom Platz stellt. Die Fans sind sich einig, fühlen sich nicht nur auf dem Schlips getreten, sondern persönlich angegriffen und geben dem Arschloch in Schwarz alle Schuld dieser Welt und schreien heraus, dass sie wissen, wo sein Auto steht.