Neulich, es ist gar nicht lange her, da bin ich in einen Laden gegangen. Einen mit enorm viel Auswahl an den verschiedensten Kleidungsstücken. Einen von den ganz großen, die es bei uns in der lokalen Einkaufsstraße gibt. Den Laden habe ich mir explizit ausgesucht, denn ich hoffte in den vielen Menschen unterzugehen. Dort war eigentlich immer viel los aber besonders um jene Jahreszeit. Ich wollte nicht auffallen, während ich nach neuen Klamotten stöberte und unbedingt einer Beratung durch das Verkaufsfachpersonal entgehen und witterte meine Chance im vorweihnachtlichen Trubel.

Aber im Grunde war es die Notwendigkeit, die mich nicht nur vor die Tür, sondern in genau diesen Laden zwang. Ich besitze zwei Jeanshosen, die ich täglich trage und die langsam aber sicher verschlissen sind. Immer im Wechsel. Eine dunkler, eine heller, ansonsten sind sie baugleich, um es mal im Jargon eines Arbeiters zu sagen. Die gleiche Marke, der gleiche Schnitt und auch der gleiche Preis. Beide wurden am selbigen Tag angeschafft und die vorherigen zwei, am gleichen Abend in die Tonne geschmissen. So bin ich jahrelang gut gefahren und genau so soll es bleiben. Auf gar keinen Fall anders.

Ich liebe die Konstanz…

Ich liebe die Konstanz. Es ist mir wichtig, das alles seinen geregelten Lauf nimmt. Auch will ich immer sauber sein, nicht nur am Körper, sondern auch die Klamotten müssen dezent nach parfümierten Waschmittel duften. Ich will nicht abgestempelt werden. Ich will ein gut riechender, sauber gekleideter Normalmensch sein und nicht aus dem Rahmen fallen, wie beispielsweise mein Nachbar aus der vierten, mit dem Ring in der Nase und den vielen Tätowierungen an den Armen. Wie ein Verbrecher sieht er aus. Wie einer, den man Abends nicht über den Weg laufen möchte. Ich bin jedes Mal aufs neue erstaunt, wenn er mich Abends im Hausflur freundlich grüßt und dabei lächelt. Diese Verhaltensweise wird aber nur eine Masche sein, denn es ist ja hinlänglich bekannt, dass selbst der Teufel sich gut verstellen kann, wenn er nach seinem nächsten Opfer fahndet.

Im Übrigen verfahre ich nicht nur mit den Hosen so. Auch Pullis, Hemden, Shirts, Pyjamas Unterhemden, Pullunder, Strickjacken, Unterhosen und Socken sind nicht nur abgezählt, sondern auch farblich mit den anderen Klamotten abgestimmt. Kombiniert werden diese immer gleich. Keinerlei Abweichungen duldet mein ausgefeiltes System, das ich an einer der Türen, im inneren des penibel aufgeräumten Schrankes, angebracht habe.

Der Laden war wirklich sehr voll…

Der Laden war wirklich sehr voll. Niemand sprach mich an und keiner beachtete mich. Genauso wie ich es wollte. Langsam aber zielstrebig näherte ich mich der Herrenabteilung in der dritten Etage. Auf der Rolltreppe vermied ich weitestgehend das Anfassen des gummierten Handlaufs und jegliche Berührung anderer Personen. Es war nicht einfach. Viele der Menschen drängten unbedarft und ohne jegliche Rücksicht auf die stählernen Treppenstufen der Rolltreppe. Irgendwie kam ich dennoch an und hatte auch dort oben noch immer das Gefühl nicht kontaminiert zu sein. Trotzdem nahm ich mir vor, daheim direkt unter die Dusche zu gehen und den unsichtbaren Dreck mit kochend heißem Wasser abzuwaschen, bis meine Haut rot würde, von der Hitze.

Die Auswahl war einfach überwältigend. Hunderte, ach was sage ich, tausende Jeanshosen werden hier gelagert und zum Verkauf feilgeboten. Einen geraden Schnitt sollten die zwei Hosen haben, die ich kaufen würde. Ich gehe nicht mit der Mode. Aus diesem Alter bin ich raus, sage ich mir immer. Dreißig Jahre bin ich alt. Zwar noch jungfräulich, aber Weise genug um entscheiden zu können, was gefällt und was nicht. Auch bei Frauen kenne ich durchaus meinen Geschmack, allerdings hatte ich bisher nicht die Traute, einer jungen Dame ein Auge zuzukneifen oder sie sogar anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen.

Trotz der immensen Auswahl hatte ich…

Trotz der immensen Auswahl hatte ich recht schnell eine Hose gefunden, die mir zusagte. Es ist definitiv einfacher eine Jeans zu kaufen, als eine Frau ins Bett zu bekommen, dachte ich, während ich die Hose an meine Beine hielt, um zu begutachten, ob sie passen würde und lachte innerlich bitter auf. Ich fand auch eine zweite, von der gleichen Sorte, die ein bisschen dunkler war und triumphierte über all die elenden Loser, die stundenlang den Laden durchforsteten, sich nicht entscheiden konnten und frustriert, ohne irgendetwas gekauft zu haben, nach Hause gingen. Da ich nun wusste, dass ich diese Tortur im Laden bald überstanden hatte, lächelte ich und machte mich auf den Weg zur Kasse.

Ich überwand das Warten in der Schlange, vor der Kasse, ohne Berührungen. Auch der Kassiervorgang selbst, ging erschreckend einfach vonstatten. Ich schaute der jungen, hübschen Kassiererin nicht ins Dekolleté und vermied auch den direkten Blick in ihre wunderschönen, strahlend blauen Augen. Mit zarten, gepflegten Händen stopfte sie behutsam meine neuen Hosen, mit einer eingeübten Bewegung, in die Plastiktüte. Danach schob sie auch den Einkaufsbon hinterher, lächelte mich an und wünschte mir einen schönen Tag. Ehrlicherweise, war ich hin und weg von der blonden Schönheit hinter der Kasse von C&A.

Als ich den Laden verlassen hatte…

Als ich den Laden verlassen hatte, hätte ich eigentlich glücklich sein sollen. Ich hatte bekommen was ich wollte. Ich hatte es wieder einmal geschafft einen Tag zu verbringen, an denen ich allen Menschen weitestgehend aus dem Weg gegangen war. Ich würde meinen Schrank wieder füllen können, mit zwei neuen Hosen, die aussahen wie die Alten, aber brandneu waren. Mein System würde aufrechterhalten bleiben und das Konstrukt meines Lebens würde nicht ins Wanken geraten. Ich war der normalste, sauberste, gepflegtester, wahrscheinlich penibelste Mann auf Gottes Erden, aber ich war nicht glücklich und hatte eine vage Vorstellung davon, warum es so war.

In den folgenden Tagen ging es mir nicht gut. Ich konnte schlecht schlafen, ich hatte keinen Hunger und keinen Durst. Die Hosen, die ich gekauft hatte, lagen noch immer unangetastet in der Kunststofftüte und ich trug weiterhin die verschlissenen. Ich verließ die Wohnung nur dann, wenn es wirklich nicht anders ging. Ich musste wieder klarkommen, mit dem Leben, mit mir und mit allem anderen auch. Irgendwas war geschehen im Kaufhaus, doch es war für mich noch nicht greifbar.

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen…

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen. In dieser relativ kurzen Zeit habe ich zwölf Kilogramm abgenommen, weil ich so wenig gegessen habe. Die neuen Hosen passten nicht mehr. Ich packte sie also wieder in die Tüte und machte mich auf den Weg in die Stadt, um in den Laden zu gehen und die Hosen umzutauschen. Ich wollte dies unbedingt, bei der gleiche blonden Dame, bei der ich sie auch bezahlt hatte, erledigen. Ich nahm mir vor zu lächeln, ihr dabei in die Augen zu schauen und ihr ein Kompliment zu machen.

Als ich im Laden ankam, traf ich sie tatsächlich an. Wieder an der gleichen Stelle, in der dritten Etage, hinter der Kasse und freundlich lächelnd. Ich liebte sie alleine für die Tatsache, dass sie wieder genau dort stand. Es war ihre Stelle. Niemand anderer sollte dort stehen. Nur die namenlose Blondine, in der ich mich verliebt hatte, beim Bezahlen zweier Hosen, die ich niemals getragen hatte. Als ich die etwas kürzere Schlange hinter mir gelassen hatte und ich vor ihr stand, bemerkte ich, dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich tauschte die Hosen um, bekam mein Geld zurück, schaute ihr nicht in die Augen und machte ihr kein Kompliment.

Wieder ging ich nach Hause…

Wieder ging ich nach Hause und war unglücklich. Ich hatte versagt, auf ganzer Stelle. Ich hatte weder neue Hosen, noch eine Frau mit nach Hause gebracht. Ich war ein elender Loser und nahm mir vor nie wieder in den Laden zu gehen. Ich nahm mir weitergehend vor, nie wieder zu Essen und genau das tat ich dann auch.

Heute sitze ich hier im großen Garten der Anstalt, schaue den anderen Patienten beim Spielen zu und lasse mir die Sonne auf den Kopf scheinen. Ich bin dünn geworden, habe eingefallene Wangen und trage eine beschissene Jogginghose, die nicht zum Oberteil passt. Ich stinke unter den Achseln, bin nicht sauber und meine Klamotten duften nicht dezent nach parfümierten Waschmittel, sondern muffeln.

Ein wenig Speichel läuft mir…

Ein wenig Speichel läuft mir am Kinn herab. Das kommt von den Medikamenten, die sie mir täglich verabreichen. Sie machen, dass ich Appetit bekomme und wieder esse. Die Tabletten sind es, die mich vergessen lassen das ich mein Leben nicht auf die Reihe bekommen habe. Doch manchmal, wenn die Wirkung nachlässt komme ich ins Grübeln, so wie jetzt. Dann fällt mir auch wieder ein, wer es damals war, der die Tür eingetreten hat. Es war der verwegen aussehende Mann aus der vierten Etage, als ich nicht auf sein Klingeln reagierte. Der Mann mit dem Ring in der Nase. Er war es auch, der die 112 wählte, als er mich auf dem Bett liegend, fast verhungert, fand.

Er besucht mich noch heute. Ich aber sehe keinen Grund dankbar zu sein. Im Gegenteil. Ich hasse ihn, weil er es ist der nicht normal ist. Ich spreche nicht mit ihm. Ich reiche ihm nicht die Hand zur Begrüßung. Ich rede auch nicht mit ihm und trotzdem kommt er immer wieder und hält meine Hand. Er müsste hier sitzen. Er müsste hier sitzen und nicht ich, denke ich, während mir eine einzelne Träne die Wange herunterläuft, sich mit dem Speichel vermischt und auf den hässlichen Pullover tropft, der nicht zur Hose passt.