Lange ist es her, aber dennoch so präsent, dass es fast greifbar ist. Damals, in der grauenhaften Zeit meiner minderspaßigen Kindheit, griff ich gezwungenermaßen des Öfteren zur ledernen Schatulle mit der Blockflöte, klemmte mir diese unter dem Arm und stieg behäbigen Schritten die vielen Stufen meines Wohnhauses herab bis mich die, von grauen, rußigen Häusern gesäumte Straße empfing.

Sodann schlenderte ich langsam den holprig geteerten Gehweg entlang, schaute gelegentlich auf einer der Uhren, die ich mit einem Blick durch das Fahrerfenster eines jedweden Autos fand und erreichte mein Ziel, bedauernswerterweise, fast immer pünktlich.

Vor dem mehrstöckigen Gebäude…

Vor dem mehrstöckigen Gebäude der lokalen evangelischen Kirchengemeinde warteten bereits andere bemitleidenswerte, zierliche Gestalten mit ebenfalls kleinen Taschen, Etuis oder Jutebeutel in den Händen. Kaum einer von ihnen schien sich auf das bevorstehende Ereignis zu freuen. Die meisten, aber vor allem die Jungs, schauten missmutig aus der imaginären Wäsche.

Eine ganze Weile standen wir dann da und glotzen in der Gegend herum, bis sich schlussendlich, die hölzerne Eingangstür quietschend öffnete und den Blick freigab auf ein dunkles Treppenhaus, dass den direkten Weg in die Folterkammer garantierte. Noch langsamer als bei mir daheim die Stufen hinab, stieg ich diese hinauf und trottete den anderen Opfern hinterher.

Oben angekommen wurde uns Kinder schnell klar, dass…

Oben angekommen wurde uns Kindern schnell klar, dass das Grauen jetzt beginnen würde. Uns erwartete eine überlebensgroße Frau, die dürr war wie ein Skelett und um dies zu Kaschieren ein riesiges, knöchellanges, wallendes Blümchen-Kleid trug, das nur an den mit Puffärmeln ausgestatteten Armöffnungen den Blick auf ein wenig aschfahle Haut freigab. Mit grauenhaften, hasenzähnigen Lächeln empfing sie uns schon direkt an der Tür und deutete auf einen, von Flötotto ausgestatteten, Stuhlkreis und machte uns damit klar, dass wir uns setzten sollten.

Als endlich alle Kinder Platz genommen hatten, ließ ich meinen Blick schweifen und versuchte einzuordnen, in welcher Kaste ich mich Kleidungstechnisch wiederfand, konnte aber schon damals keine genaue Zuordnung finden. Die meisten Jungs trugen eine Jeans, ein buntes T-Shirt und dazu ein Paar Turnschuhe, häufig mit drei Streifen oder einer springenden Wildkatze an den Seiten. Auch die Mädels trugen Jeans, die oft mit einem Micky oder Mini Mouse-Aufnäher oder Barbie-Applikation daherkamen und dazu ein Shirt oder eine modische Bluse. Ich trug eine grobe Cordhose in Beige, dazu ein kariertes Hemd in blau-weiß, wie es in Bayern wohl üblich ist und Turnschuhe, der Marke Victory. Bedauerlicherweise hatten die Schuhe neben ihrem aufgesticktem, ausgrenzenden „V“ auf der Verse auch noch einen Klettverschluss, der eindeutig und ohne Umschweife verriet, das der Träger noch immer keine Schleife konnte.

Nun ging es aber ans Musizieren…

Nun ging es aber ans Musizieren. Die missgelaunte Dürre bedeutete ihren Schäfchen die Flöten aus ihren Verpackungen zu befreien und das untere Ende, nicht ohne vorher ein wenig Fett auf den Verschluss zu schmieren, auf das obere zu stecken. Dann wurde ein Overheadprojektor zurechtgerückt und ein paar Noten auf die extra für diesen Zweck, weiß getünchte Teilwand geschmissen. Die Olle im Blümchenkleid hob dann hurtig einen Dirigentenstab in die Höhe, schlug ein paar mal im Takt auf den Projektor ein und alle bliesen auf dieses Kommando durcheinander in Ihre mitgebrachten, hölzernen Blasinstrumente.

Der Krach der ertönte und wohl von Niemandem, der auch nur ansatzweise etwas von Musik verstand, als diese identifiziert werden konnte, brachte die gottesfürchtige Musiklehrerin dennoch fast in den psychischen Ausnahmezustand der Ekstase. Als das kurze Stück von uns zur Gänze gespielt war und auch der letzte Ton aus einer teuer aussehenden Flöte eines dickbäuchigen Kindes mit Brille und Pausbacken gekommen war, legte sie ihren Stab beiseite, hob die Hände und schlug diese zum Beifall, leise aber dennoch hörbar, aneinander.

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche…

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche mit christlich angehauchtem Hintergrund vollends zufrieden war, frenetisch und lautstark in die Hände klatsche und uns mit ihrem Pferdegebiss, wohlwollend aber irgendwie angsteinflößend anlächelte. Danach kramte sie eine weitere Folie aus einer Schublade, einer altersschwachen aber aus gutem, schweren Holz gezimmerte Kommode, legte auch diese auf den Projektor und machte uns mit einem neu einzustudierenden Werk Angst und Bange.

„Oh du lieber Augustin“, war das Lied, das sich die floral gekleidete Dame für uns ausgesucht hatte. Voller Überschwang und Inbrunst spielte sie uns dies auf Ihrer eigenen Flöte, die nicht nur schwarz-weiß, sondern viel größer als unsere war, vor und lächelte uns danach erneut furchterregend an. Wie gut sie sich auf diese Folterstunde vorbereitet hatte, zeigte sich als sie, praktisch wie aus dem Nichts, Kopien der Noten des von ihr favorisierten Liedes, aus ihrem Jutebeutel zog und in die Runde gab. Jeder von uns bemitleidenswerten Kreaturen sollte eines, der nach Lösungsmittel stinkenden Blättern, ergattern, damit er auch die daheimgebliebenen Mitbewohner mit einen wiederholt auftretendem, musikalischem Übungsszenario erfreuen könne.

Noch als wir bereits die Treppen, vor Angst und Niedergeschlagenheit fast weinend, hinunterstiegen ließ sie ein weiteres Mal gekonnt ihre Boshaftigkeit aufblitzen, indem sie uns den, in unseren Kinderohren mehr als verstörend klingenden, Satz mit auf den Weg gab: „Für den nächsten Donnerstag habe ich eine Überraschung für euch vorbereitet“ und entließ uns erst dann in die Freiheit, als sie mit blitzenden Augen und fiesem Lächeln anfügte: „Ich bin davon überzeugt, dass dieses eindrucksvolle Ereignis, nicht nur für euch der Höhepunkt der kommenden Woche wird, sondern auch für mich.“