Heute ist es so weit. Ich habe mich Wirklich und wahrhaftig in den viel zu engen Jogginganzug gequetscht und stopfe mir, just in diesem Augenblick, die teueren kabellosen Kopfhörer in die Ohrmuscheln.

Schon gestern habe ich angefangen, an meinen suboptimalen Lebensstil zu feilen und bewusst die vier großen Bier, die ich mir sonst so allabendlich in dem Leib schütte, auf drei reduziert. Weitgehend habe ich darauf verzichtet beim Fernsehen Chips, Schokolade und Erdnüsse in den Rachen zu schmeißen. Da ich zwar darauf erpicht bin mein Selbstwertgefühl zu steigern und mein Gewicht zu verringern, mein Durchhaltevermögen aber noch nicht zur Gänze ausgeprägt ist, konnte ich dennoch nicht ganz auf die Knabbereien vor der Glotze verzichten. Kompromissbereit wie ich nun einmal bin, habe ich vor der Flimmerkiste aber wirklich nur drei kleine Müsli-Riegel, die zugegebenermaßen dick mit weißer Schokolade umzogen waren, in ganz kleine Bissen weggemümmelt und dabei nicht vergessen jeden Happen gut durchzukauen.

Als ich dann heute Morgen aus den roten, ledernem Boxspringbett gestiegen bin…

Als ich dann heute Morgen aus den roten, ledernem Boxspringbett gestiegen bin, habe ich mich dann irgendwie schon ganz leicht und nicht so träge und verkatert wie sonst gefühlt. Der einzige Nachteil war, dass mein Magen geknurrt hat, wie ein räudiger, altersschwacher Schäferhund, der seine Rente als Wachhund auf dem Bauernhof, aufbessert. Auch das leckere Frühstück, dass aus einer kleinen Schüssel Müsli gemischt mit fettarmem Joghurt und frischen Apfelstückchen bestand, sorgte nicht für eine deutliche, wahrnehmbare Besserung. Dennoch blieb ich standhaft und quetschte mich, wie bereits erwähnt, in den Jogginganzug.

Sicherlich, die fette Wampe und die Biertitten, die ich mir im Laufe meines Lebens angefressen und angesoffen hatte, machten mich in den total bunten, ballonseidenen Jogginganzug, den ich ganz unten in meinem Schrank gefunden hatte, noch nicht zu dem Adonis auf der Laufstrecke im Park, der ich sein wollte. Dennoch fand ich mich attraktiv genug, dass mir mein eigener Anblick, beim prüfenden Blick in den Spiegel, ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Als ich endlich das Handy in eine Klarsichthülle geschoben und mir um den Arm gebunden hatte, war ich bereit für die erste sportliche Betätigung nach dem Schulsport in der 10. Klasse.

Schwungvoll und voller Begeisterung öffnete…

Schwungvoll und voller Begeisterung öffnete ich die Tür, trat vor die selbige, wurde empfangen vom azurblauen Himmel des goldenen Oktobers und brachte, voller Elan, die wenigen Schritte bis zum Auto hinter mich. Nun quetsche ich mich hinter das Lenkrad, startete den Wagen und fuhr in meinem 80er-Jahre-Outfit die wenigen hundert Meter zum nahegelegenen Park. Dort angekommen, stellte ich mein Fahrzeug zu den anderen, die hier in beachtlicher Anzahlt den Seitenstreifen blockierten und machte mich sodann auf den Weg zur Laufstrecke.

Dort angekommen griff ich nach dem Smartphone, startete gekonnt, mit einer legeren Bewegung, die Musik-App und wartete den kurzen Augenblick bis Mick Jagger seinen Mund dermaßen weit aufgerissen hatte, dass sein Gesang direkt aus Amerika, quasi bis über den großen Teich, im weit entfernten Deutschland ankam und in meinen Ohren zu hören war. Erst dann war ich fertig und startet meinen Lauf.

Gewohnt gemütlich, wie ich nun einmal bin…

Gewohnt gemütlich, wie ich nun einmal bin, startete ich meinen Lauf, im gemäßigten, meinem Alter entsprechenden, Tempo und steigerte die Geschwindigkeit erst dann, als mich von hinten, eine uralte Dame mit Hund überholte. Dem Anschein nach war die grau melierte mindestens doppelt so alt wie ich und nur hier draussen, in der freien Natur, weil der an der Leine geführte Rauhaardackel seinen Darm und Blase entleeren musste. Die erhöhte Geschwindigkeit hatte allerdings zur Folge, dass mein Bauch und auch die Titten dermaßen in Wallung gerieten, dass ich das Gleichgewicht verlor, von der Strecke abkam und sich meine überteuerten Laufschuhe, die ich mir extra für dieses Ereignis besorgt hatte, in der riesigen Tretmine eines, erheblich größeren als den eben gesehenen Vierbeiner, wiederfanden.

Mit Scheiße an den Schuhen und auch ein paar Spritzer davon an der Hose nahm ich, nachdem ich mich auf die Strecke zurückgekämpft hatte, meinen Lauf wieder auf. Schnaufend, wie eine Dampfwalze erreichte ich mein, selbst gewähltes und in Sichtweite entferntes Etappenziel, gerade eben. Dort an der mit Graffiti übersäten Parkbank und der mit Kotbeutelchen überfüllten Mülltonne hielt ich kurz Inne, setzte mich und fingerte mit hochrotem Kopf den zerknautschten, mitgebrachten Proteinriegel aus der schweißgetränkten Tasche meiner Jogginghose. Rasch befreite ich die Verpflegung aus der Folie und stopfte mir, unbedacht und jegliche Ernährungsregeln missachtend, den Riegel komplett in den Mund.

Noch kauend dachte ich nach, wie es weitergehen sollte…

Noch kauend dachte ich nach, wie es weitergehen sollte. Ich hatte mich körperlich bewegt, ich hatte weniger gefressen und gesoffen und ich würde weiter machen. Ich hatte die Stones gehört, mich in einen Trainingsanzug gequetscht und mich wieder jung gefühlt. Ich hatte die alte Dame mit dem Hund wieder eingeholt und ihr beim Überholvorgang den Stinkefinger gezeigt. Ich war wieder ein Mann, der es mit fast allen aufnehmen konnte und entschied genau in diesem Moment, dass ich es am Anfang nicht gleich übertreiben sollte.

Voller Genugtuung stand ich also auf und machte mich auf den Weg zurück zum Auto. Zwar konnte ich meine Karre von hier noch immer am Seitenstreifen stehen sehen und auch die Oma mit dem Köter, kam mir just in diesem Augenblick ein drittes Mal entgegen, dennoch war ich mit meiner Leistung durchaus zufrieden. Ganz langsam setze ich einen Schritt vor den anderen, lächelte die Greisin, während ich an ihr vorbeitrottete, freundlich an und ordnetet den von ihr gezeigten „Scheibenwischer“ innerlich als Schabernack ein. Mit Kot bekleckert, schweißgetränkt aber glücklich erreichte ich sodann mein Auto, setze mich hinter das Steuer und es kam mir so vor als hätte sich der Raum, zwischen meinem Bauch und Lenkrad, tatsächlich ein wenig vergrößert.