Die Jalousien sind halb geschlossen und tauchen das Wohnzimmer, mit der orange-braunen Mustertapete in fahles Licht. Der betagte Ohrensessel, mit dem abgewetzten Sitzpolstern, steht in einer Ecke und ist genau auf dem diagonal positionierten Fernseher ausgerichtet. Neben dem Sitzmöbel findet sich eine große Stehlampe, die mit riesigem Fransen-Schirm daherkommt. Die wuchtige, Echtholz-Schrankwand und mehrere alten Teppiche, die den Fußboden zieren, lassen den Raum klein und beengt wirken. Im Sessel findet man eine Frau. Eine alte Frau, die ihre wulstigen Beine auf das kleine Höckerchen abgelegt hat. Den ganzen lieben Tag schaut sie in die Röhre und dreht dabei Däumchen. Sie legt dabei einen dermaßen perfiden Perfektionismus an den Tag, dass die Haut rund um den Daumen schon ganz dünn ist und sich, an den immer wieder aneinander reibenden Stellen, eine Hornhaut gebildet hat.

Sie kennt fast jede Sendung, die auf den Programmen läuft, die sie empfangen kann. Besonders toll findet sie das „Glücksrad“ und „Hans Meiser“. Zwei Sendungen und zwei Männer, die ihr derart ans Herz gewachsen sind, das sie keine Sendung verpassen wird. Nie und nimmer, das hat sie sich geschworen. Insgeheim schwärmt sie ein bisschen für den vornehmen Peter Bond und ertappt sich gelegentlich dabei neidisch zu sein. Neidisch auf die Assistentin, Maren Gilzer, die immer so eine tolle Figur macht und in feschen Kleidern, elegant die Buchstaben umdrehen darf, an der Seite ihres Helden.

Doch wenn sie dann an sich herabschaut…

Doch wenn sie dann an sich herabschaut und den ballongroßen Busen, der im Stehen fast bis zu den Knien hängt, den wabbeligen Bauch und die von Krampfadern und Krähenfüßen übersäten Beine erblickt, bekommt sie Zweifel. Wäre sie wirklich ein perfekter Ersatz für die schöne Maren? Könnte sie die leuchtenden Buchstaben, im geblümten Kleid, mit tief ausgeschnittenen Dekolleté, genauso vornehm drehen? Würde Peter sie tatsächlich während der Sendung loben und seine perfekten Zähne aufblitzen lassen, während er ihr bei der Arbeit zuschaut? Würde er sich, nach der Sendung, hinter der Bühne, womöglich auf ein kleines Stelldichein mit ihr einlassen? Wahrscheinlich nicht.

Dann lieber der Einladung von Heins Meiser, die vorgestern in ihrem Briefkasten gelandet ist, folgen. Endlich hat er auf ihre endlosen Bewerbungen reagiert. Endlich darf sie auf einen der Stühle im Studio Platz nehmen und berichten. Berichten über ihr Problem mit den Daumen über die wunden Stellen und über die Unfähigkeit aufzuhören. Sie wird dann, eine oder mehrere Tränen vergießen, sich vom Hans trösten lassen und sein Hemd mit ihren Tränen benetzen. In diesem einen, kurzen Augenblick wird sie glücklich sein, wird sich geborgen fühlen und dabei vergessen die Daumen kreisen zu lassen.