Bald ist die Woche schon wieder vorbei und das Wochenende steht direkt vor der hölzernen, vom Portas-Mann aufgemöbelten, Haustür. Die Frau hat daheim, in der überheizten, warmen Kaschemme nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch einen Einkaufszettel geschrieben. Das macht sie immer am Freitagabend der Vorwoche und hat dabei nicht nur die einzelnen Tage, und die Gerichte, die an diesen gekocht werden sollen im Blick, sondern auch das Budget, das ihr vom angetrauten Göttergatten dafür zur Verfügung gestellt wird. Penibel und hoch konzentriert reiht sie zuerst, um den Überblick zu behalten, alle Wochentage der kommenden Woche in Spalten und ordnet die Gerichte in den darunter liegenden Zeilen an. Hat sie diese Aufgabe zu ihrer eigenen Zufriedenheit erledigt, kann sie auch schon mit der eigentlichen Liste, der am Samstag zu besorgenden Utensilien und Fressalien, beginnen.

Wie immer wird die Liste lang und die Dame des Hauses braucht einige Zeit dafür. Zwischendurch schiebt sie ihre Lesebrille immer mal wieder auf die Stirn, um keine der Handlungen der Silhouette des Bergdoktors, die über die riesige, an der Wand montierte Mattscheibe flimmert zu verpassen und stopft sich dabei einen Schoko-Brownie in den Mund. Gerne wäre sie auch mit so einen tollen, charmanten und erfolgreichen Mann verheiratet, der ihr die Welt zu Füßen legen würde. Doch ein Blick auf die Couch gegenüber, wo ihr eigener Mann gerade eben, nach dem dritten Bier im Sitzen eingeschlafen ist, holt sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen angeekelt stellt sie dabei fest, dass ein dünner Speichelfaden im Winkel, seines mit Oberlippenbart verzierten Mundes hängt und dieser nun geräuschlos auf die aus Polyesterfasern bestehende, moosgrüne Strickjacke tropft.

“Es ist so wie es ist”, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt…

„Es ist so wie es ist“, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt und ihren Mann unsanft, mit einem Schlag auf dessen Oberschenkel, aus dem Schlaf holt. Auch der Bergdoktor hat seine Aufgaben heuer erledigt und braucht zumindest heute keine Herzen mehr zu brechen. Ehemann und Ehefrau begeben sich schweigend zum Badezimmer, um an den zwei nebeneinander angebrachten Waschbecken, die Abendtoilette zu erledigen. Beisser werden gereinigt, Ohrringe aus Ohrläppchen geholt, Wasser und Seife ins Gesicht geschmiert nur, um nachher mit dem Handtuch wieder abgerubbelt zu werden. Die Dame des Hauses legt, nach dieser Prozedur, noch eine Nachtcreme auf. Der Mann hat das Schlafgemach bereits erreicht und ist längst aus seinen Klamotten geschlüpft, hat sich ausgiebig am Gemächt gekratzt und ist danach in den Schlafanzug aus grober Baumwolle geschlüpft.

Als die Ehefrau das Schlafzimmer betritt, schläft der Mann bereits. Man hört es am lauten Schnarchen und wird unweigerlich an den letzten Ausflug in den nahegelegenen Park erinnert, wo einige vom Borkenkäfer befallenen Bäume mittels Kettensäge von ihrem Leiden erlöst wurden. Auch die Ehefrau zieht nun ihre Kleider aus und schlüpft in ihr Nachthemd. Der total bunte Fetzen Stoff zeigt auf frappierender Weise eine enorm starke Ähnlichkeit mit dem Zelt des Zirkus, der auf dem Parkplatz vor dem Lidl-Mark seine Tore geöffnet hat und das nicht nur hinsichtlich der Farbauswahl, sondern bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Größe. Sodann wuchtet sie ihren Körper auf die Matratze, greift mit geübtem Griff in die Schublade des Nachttischchens, stopft sich die Stöpsel in die Ohren und verdeckt ihre Augen mit einer im Leoparden-Muster daherkommenden Schlafmaske. Als sie endlich ihre Lieblingsposition gefunden hat und das Schnarchen des Mannes zu einem dumpfen Hintergrundrauschen abebbt, schläft auch sie hurtig ein.

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen…

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen. Der Mann besorgt beim morgendlichen Gang mit dem Rauhaardackel namens Wigald, beim hiesigen Bäcker, Brötchen und die Dame des Hauses bereitet in dieser Zeit daheim alles für ein ausgiebiges, opulentes Frühstück vor. Am Wochenende wollen es sich die beiden Rentner besonders gut gehen lassen. Als ihr Gatte die Wohnung betritt, der Dackel es sich in der Ecke der Küche, neben der Heizung, in seinem Körbchen gemütlich gemacht hat, ist der Tisch bereits gedeckt. Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Quark und für jeden drei gekochte Eier warten darauf von dem Ehepaar vertilgt zu werden. Schnell werden drei dick belegte Brötchen in den Rachen gestopft, die Eier geköpft und verschlungen und das Ganze mit mindesten vier Tassen, wegen der Pumpe entkoffeinierten, Kaffee heruntergespült.

Sodann geht es auch schon ans Waschen und Anziehen. Allerdings macht sich der Magen des Mannes, deutlich hörbar, bemerkbar und er weiß, dass er nicht umhinkommt vorher etwas zu erledigen. Zügig verschwindet er, nicht ohne sich zuerst mit der Tageszeitung bewaffnet zu haben, auf die Gäste-Toilette und widmet sich voll und ganz dem Morgenschiss. Währenddessen ist die Frau aber nicht untätig. Sie schlüpft zur Gänze aus ihren Klamotten, zeigt sich nackt wie Gott sei einst schuf vor dem Spiegel und muss anerkennen, dass sich ihr Körper seit damals doch ein wenig verändert hat. Schnell schiebt sie aber den aufsteigenden Ekel zur Seite und zwängt sich in die Duschkabine, um sich mit einem, am Holzstiel befestigten, Schwamm sauber zu rubbeln.

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab…

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab, putzt sich die Zähne, steigt in Rock und Bluse, legt tonnenweise Schmuck an und benetzt alle freiliegenden Hautpartien mit Tosca-Parfüm. Danach noch Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift und fertig ist die Dame des Hauses. Nun wartet sie auf ihren geliebten Mann, der noch immer auf dem Kot-Thron für Besucher sitzt, gelegentlich mit der Zeitung raschelt und dann und wann mal einen Furz, deutlich hörbar, in die enge Kabine entlässt. Freundlich aber bestimmt hämmert sie gegen die hölzerne Tür und setzt ihren Mann damit bewusst unter Druck. Missmutig bricht der Mann sein morgendliches Geschäft ab, rubbelt sich fahrig die Kimme sauber und zieht sich danach die gammelige Cordhose und das Polohemd von gestern an. Auf die Morgentoilette verzichtet er, aus Protest, komplett.

Bewaffnet mit mehreren Taschen, Tüten und zwei Kisten Leergut macht man sich auf den Weg zur Garage. Der Mann öffnet das Tor, verschwindet im Innenraum und schmeißt achtlos das Leergut und die Tüten in den Kofferraum. Reimund ist schon jetzt bedient. Trotzdem befreit er nach kurzer Zeit den altersschwachen, aber zuverlässigen, Opel der Baureihe Club aus seinem Gefängnis, damit auch das angetraute Weibchen ins Vehikel einsteigen kann. Als Heidrun endlich ihren zarten Hintern im ausgesessenen Polster positioniert hat und der Sicherheitsgurt über Bauch und Möpse gespannt wurde, kann die kurze Fahrt zum nahegelegenen Einkaufscenter endlich beginnen.

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt…

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt erreichen sie das Einkaufsparadies und biegen auf den übervollen Parkplatz ein. Bis allerdings ein freier Abstellplatz für den grauen Liebling des Mannes gefunden wurde, vergehen weitere zehn Minuten. Endlich steht die Kiste. Reimund macht sich auf den Weg zum Supermarkt ihres Vertrauens, um einen Einkaufswagen zu holen. Die Ehefrau wartet so lange im Auto, damit ihre Knie nicht allzu lang, der ständigen Belastung ihres eigenen Gewichtes standhalten müssen. Als der Mann das Auto wieder erreicht hat, wuchtet auch seine Gattin die schweren Beine aus der Öffnung der Beifahrertür und Reimund befüllt den drahtigen Zwiebelporsche mit Leergut und Tragetaschen.

Dann geht es auch schon in den Laden. Direkt am Anfang muss allerdings schon Halt gemacht werden, denn hier befindet sich der einzige Automat für die Leergut-Abgabe. Leider steht direkt vor Heidrun und Reimund ein unzweideutig nach Knoblauch riechender Mann, der bewaffnet mit zwei prall gefüllten blauen Säcken, auf die Dienste der hochmodern erscheinenden Apparatur wartet. Reimund schwant böses und als der Stinker an der Reihe ist, bewahrheitet sich die unangenehme Vorahnung. Langsamer als eine Schnecke, fingert der vollbärtige Mann eine Plastikflasche nach der andere aus den Säcken und stopft diese in das dafür vorgesehene Loch im Automaten. Selbstredend ertönt, bevor der Übelriechende zu Ende gekommen ist, ein Alarm und eine rote Rundumleuchte signalisiert, dass der Bauch der Maschine zur Gänze gefüllt ist. Erst als nach einer kleinen Ewigkeit, sich ein untersetzter Mitarbeiter des Ladens dazu herablässt, den Automaten zu entleeren und entstören, kann der behaarte Iltis seine Arbeit zum Abschluss bringen und den Weg für Reimund und Heidrun freimachen.

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten…

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten in den Händen halten, kann es auch schon weitergehen. Man quetscht sich durch das Drehkreuz und gelangt in den perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüsebereich des Marktes. Reimund schiebt den Einkaufswagen nun gelangweilt hinter seiner Frau her. Gelegentlich nickt er zustimmend, wenn sein angetrautes Weib ihm eine Frage zu einem Produkt stellt und beobachtet ansonsten schweigsam wie Mandarinen, Äpfel, ein Kohlkopf, Zwiebeln und ein längliches Gemüse, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen will, in den Einkaufswagen gelegt werden.

Dann taucht man gemeinsam weiter in das innere des überfüllten Marktes ein. Die Frau arbeitet ihre Liste ab und Reimund konzentriert sich einzig und alleine darauf, den Einkaufswagen zielgerichtet durch die vielen anderen Einkaufswütigen zu steuern und seiner Frau, wie ihm der eigene Dackel beim Gassi-Gehen auch, ohne groß darüber nachzudenken zu folgen. Bedauerlicherweise ist Heidrun nicht in der Lage, die Produkte auf der Liste einfach aus dem Regal zu nehmen und in den Wagen zu verfrachten. Zum völligen Unverständnis des Mannes liest sich das Weibsbild, praktisch vom jeden Produktes, die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite durch und vergleicht diese mit einem vergleichbaren Fabrikat, eines anderen Herstellers.

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit…

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit auch einen Mitarbeiter des Ladens unter beschlag und stellt, ausschließlich zu ihrem Vergnügen, Fragen zum Preis, zur Herstellung und Auffindbarkeit der Produkte auf ihrer Liste. Reinhold schaut dann immer betreten zur Seite oder auf den Boden und tut so als würde er die Fragestellerin an seiner Seite nicht kennen. Erst als die Dame den Einkaufswagen fast bis zum Rand mit Fressalien und Artikeln aus dem Non-Food-Bereich gefüllt hat, erwacht die Aufmerksamkeit von Reimund wieder, denn sie haben den Bereich mit den Getränken erreicht.

Mit einem schnellen Handgriff greift Reimund sich die Kiste des billigen Mineralwassers und verfrachte sie unten, auf die Ablage unter dem Drahtkorb des Einkaufswagens und studiert sodann, mit geübtem Blick, die Preise der Biere die Heuer zum vergünstigten Preis angeboten werden. Bei der Auswahl des Bieres darf allerdings, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, nichts falsch gemacht werden. Das Bier muss schließlich schmecken und so darf die Auswahl nicht nur am Preis festgemacht werden. Meist sind nur die nicht so schmackhaften Biere im Angebot und so greift der Rentner auch heute, wie eigentlich jedes Mal, zum Bier von der lokal ansässigen Brauerei.

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln…

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln auf das Warenband und drapiert dabei, aus einem dem Mann unbekannt Grund, schwere Sachen nach vorn und die Leichten ans Ende des gummierten Fließbandes. Immer wieder lächelt sie dabei die genervt wartende Kassiererin an, stellt Fragen zu Rabattmarken und merkt dabei nicht wie Reimund heimlich einen Dreierpack Kräuterlikör unter die Waren mischt. Als sie endlich den Wagen geleert hat und ganz hinten einen sogenannten Warentrenner auf das Band stellt, sind wieder einige Minuten ins Land gegangen. Als die Verkäuferin die Waren endlich über den Scanner zieht und der Einkaufskorb langsam aber sicher wieder gefüllt wird, erntet Reimund einen bösen vernichtenden Blick, als der Dame des Hauses den Likör in den Wagen knallt. Reimund ist es egal.

Als sie schliesslich den Laden verlassen, kommt es Reimund so vor, als ob draussen die Sonne bereits untergeht. Er ist ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Schnurstracks eilt er zu seinem geliebten Auto und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, dass Heidrun ihm nicht so schnell folgen kann. Mit den Nerven am Ende verfrachtet er die Einkäufe zuerst in die mitgebrachten Tüten und dann in den Kofferraum. Penibel achtet er aber darauf, dass der leckre Kräuterlikör nicht in den Tüten landet, sondern direkt in die Jackentasche seiner Strickjacke gesteckt wird. Er wird das Gesöff brauchen, sobald er daheim ist. Als sodann auch die Kisten mit Wasser und Bier im Kofferraum verschwinden kommt auch das schwitzende Weib herbei und lässt sich wie ein nasser Sack auf das Furzpolster des Beifahrersitzes nieder.

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste…

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste, klemmt sich hinter das Lenkrad und startet den Motor, um nachfolgend auf schnellstem Wege nach Hause zu steuern, das Vehikel in die Garage zu stellen und die Einkäufe in die Küche zu tragen. Sofort danach verzieht er sich mit den Dreierpack Kräuterlikör und zwei Flaschen Bier in den Bastelkeller und kommt erst dann wieder heraus, wenn die Gattin ihn zum Essen ruft. Danach bewaffnet er sich erneut mit Bier und verzieht sich wieder, um in seinem Hobbykeller endlich zu realisieren, dass er erneut einen dieser grausigen Tage, an denen der Einkauf erledigt wird, überstanden hat und er ab jetzt, genau sieben Tage Zeit hat sich vom heute erlebten Grauen zu erholen.