Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.