“Hey du. Genau, dich meine ich. Komm doch mal rüber zu mir. Ich beobachte dich schon die ganze Weile von meinem Balkon aus. Wir kennen uns noch nicht gut, aber ich kann erkennen das du nicht nur gut aussiehst, sondern auch nett bist. Ich sehe so etwas sofort. Eine nette Nachbarin ist etwas Feines. Also gib dir einen Ruck, verlasse deine und komm in meine Wohnung. Ich habe auch Wein und Sekt und die neueste Scheibe von Rick Astley läuft bei mir rauf und runter.“

„Du kannst dir aber auch was mitbringen. Ein Getränk meine ich. Hier gibt es nur Wein und Perlwein. Es ist aber ein guter Wein. Ein leckeres, edles Tröpfchen. Aber vielleicht stehst du nicht auf Alkohol. Wenn du was Essen willst, ist das aber kein Problem. Es sei denn, du bist eine Vegetarierin, aber das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Aber auch ich kann mich mal irren, das ist ganz klar. Niemand ist perfekt. Ich schon gar nicht. Du, ja genau du, bist aber nahe dran. Also an der Perfektion, meine ich. Kommst du nun? Komm schon. Zier dich nicht. Ich habe gerade ein Hähnchen im Ofen. Dauert nicht mehr lange, bis die Schenkel und Flügel kross sind und das weiße Fleisch saftig.“

“Wir könnten und den Flattermann munden lassen…”

“Wir könnten uns den Flattermann munden lassen und ein Glas trinken. Wir könnten danach eine Zigarette rauchen, oder einen Joint und es uns gut gehen lassen. Wir könnten reden über die Roten, oder den Nachbarn aus der Dritten, der so stinkt und seinen Drahtesel ständig im Hausflur stehen lässt. Vielleicht würde dir auch eine Diskussion über das kapitalistische System, in das wir hineingeboren wurden, Freude bereiten. Ich bin da für fast alles offen. Klar, irgendwo sind Grenzen. Die hat sich ja jeder von uns gesetzt. Bewusst oder unbewusst. Da kann man schnell ins Fettnäpfchen treten und dem Anderen seine Gefühle verletzen.“

“Manchmal ist es besser sein Maul zu halten. Auch du solltest besser still sein, wenn du merkst, dass das Gespräch in eine falsche Richtung läuft. Du wirst merken, wann die Zeit fürs Schweigen gekommen ist. Ich halte dich für klug genug. Ich bin ein schlechter Schauspieler und kann meine Wut nur schlecht verbergen. Würde ein blinder mit dem Krückstock sehen, wenn mir etwas gegen den Strich geht und sich schnell aus dem Staub machen. Die Person würde es nicht wagen die Fresse aufzureissen und sich meiner Meinung entgegenzustellen.“

“Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch.”

„Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch. Ich möchte nicht, dass du bereits jetzt einen schlechten Eindruck gewinnst. Ich möchte nur direkt Klarheit schaffen. Bin ich immer gut gefahren, mit dieser Taktik. Ich hoffe, das kommt auch bei dir gut an. Nette Menschen bleiben halt bei der Wahrheit und lügen auch dann nicht, wenn es für eine Beziehung besser wäre. Einige behaupten aus diesem Grund, dass ich kein Taktgefühl habe und haben die Freundschaft mit mir aufgekündigt. Verlogene Menschen, die ich nicht benötige. Aber dich könnte ich gut gebrauchen. Zum Essen, zum Trinken zum Reden. Komm schon rüber. Ich bin einsam und sehne mich nach einem Menschen, der wie du bist.“

„Warum stehst du noch immer im Türrahmen deiner Wohnung und regst dicht nicht? Warum bewegst du dich nicht endlich, schmeißt dir auf die Schnelle einen Bademantel über dein kurzes Nachthemd und kommst mit rüber zu mir. Ich nehme dich gerne an die Hand. Wie gesagt, ist alles vorbereitet da drüben. Kannst du den Duft des frischen Fleisches im Ofen nicht wahrnehmen? Was gibt es noch für einen Grund zu zögern? Lass dich nicht täuschen von meinem Aussehen und von meinem Alter. Ich will heute lieb zu dir sein. Ich verspreche es dir.“

“Am Anfang ist es immer schwer.”

„Am Anfang ist es immer schwer. Man kennt sich nun mal nicht und weiß nicht wie der andere so tickt. Ich glaube dich zu kennen, weil ich dich vom ersten Tag an beobachtet habe. An dem Tag als du die schweren Kartons in die kleine Wohnung geschleppt hast und dir die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Eventuell kannst du dich erinnern, dass ich dich im Hausflur begrüßt habe. Ich habe dabei deinen Duft eingesogen. Erotisierend. Einen so gutriechenden, schönen Menschen muss man einfach immer ansehen. Eine Augenweide bist du und ich der Bulle der langsam über diese duftende Weide schlendert und sich am saftigen Gras labt. Niemals würde ich diesen Ort verlassen. Nie und nimmer.“

„Okay. Ich merke dir an, dass du noch nicht überzeugt bist. Ich bin ein reifer, erwachsener Mann und spüre deine ablehnende Haltung. Ich kann das für heute hinnehmen. Ich verzeihe dir und verstehe dich. Du bist ein gutes, wohlerzogene Mädchen. Du willst dich nicht so schnell hergeben. Das ist gut. Das ist eine Einstellung die mir gefällt und die mir dennoch noch mehr sagt, dass wir für einander geschaffen sind. Eine Studentin der Geisteswissenschaften. Eine Frau die weiß, was sie will. Doch ich bin mir sicher, dass du dich irgendwann für mich entscheiden wirst. Früher oder später werden wir vereint sein.“

“Ich werde nun gehen.”

„Ich werde nun gehen. Esse ich das Hähnchen eben allein. Tue mir bloß den einen Gefallen und leg dich wieder ins Bett und nimm mich mit, in deinen Träumen. Ich werde dir nichts antun, in dieser Nacht. Also ruf nicht wieder die Bullen. Mach das nicht. Du weißt, dass sie wieder fahren und nichts mit mir anstellen werden. Sie werden dir sagen, dass sie keine Handhabe haben. Es ist doch nichts passiert. Verriegele ruhig deine Tür. Ich werde nicht versuchen sie aufzubrechen, das liegt mir fern. Doch behalte immer im Hinterkopf, dass du mich nicht mehr loswirst. Ich bin immer bei dir.“

„Geh nun ins Bett und träume süß. Ich werde Essen und trinken und an dich denken. Du bist immer bei mir, auch wenn uns ein paar Türen trennen. Selbst wenn du es wagen solltest deine Wohnung heimlich zu verlassen, um dir eine neue Behausung zu suchen, bleibe ich bei dir. Nichts und niemand kann uns trennen. Ich werde dich aufspüren. In jeder Stadt, in jedem Land und auf jedem Kontinent. Liebe kennt keine Entfernung und Liebe kennt auch keine Grenzen. Meine Liebe zu dir ist Grenzenlos.“