Morgens, wenn der alte Mann die Beine behäbig aus dem Bett schwingt, ist die Blase meist bis zum Bersten gefüllt. Das am gestrigen Abend nicht zu wenige Biere in den Schlund gekippt wurden, macht die Sache nicht besser. Schnell muss es also gehen, auch wenn die müden, alten Knochen nicht mehr so mitmachen wie sie sollten. Hurtig muss die Nasszelle aufgesucht werden, damit der Urin nicht in der schon jetzt besudelten Unterhose landet.

Mit klapprigen Beinen macht sich der Opa auf den Weg durch den Flur mit den alten, in die Tage gekommenen abgewetzten Teppich. Man kann richtig erkennen, dass in der Mitte des Läufers aus dem Orient nicht nur der Opa selbst über Jahre hinweg zum Scheißhaus geschlurft ist, sondern auch das angetraute Weib des Greises, als dieses noch nicht unter dem Torf war. Eine Furche haben sie gezogen, mit Hausschuhen und manchmal blanken, verhornten Füßen.

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist…

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist und die Tür geöffnet hat, schlägt ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Jahrelang hat der alte Mann das Badezimmer nicht mehr gründlich gereinigt. Eine verdammt lange Zeit wurde die Kloschüssel, das Waschbecken und die Dusche nicht mehr mit Reinigungsmittel benetzt. Eine kleine Ewigkeit hat kein Putzlappen das Reinigungsmittel erst behutsam und dann vehement von Keramik und Fliesen gerubbelt. Herbert ist dazu nicht mehr in der Lage. Kann es einfach nicht mehr.

Nichts kann Herbert mehr. Nur noch schlafen, saufen, fressen, kacken und pissen. Okay, fernsehen geht auch noch. Aber nur, wenn er ganz nah am Gerät sitzt und den Ton bis zum Anschlag aufgedreht hat. Es ist ohnehin niemand hier, der sich an der Lautstärke stört. Wohnt in einer Einöde auf dem Land der alte Mann. Niemand verirrt sich in diese gottverdammte, schäbige Gegend. Nicht einmal die eigenen Kinder oder die Enkel. Einsamkeit ist Herberts einziger Begleiter. Tagein und tagaus.

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends…

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends. Tiere hat er schon lange nicht mehr. Damals – für ihn scheint es gar nicht lange her – da herrschte hier das pure Leben. In guten Zeiten hatte er weit über fünfzig Milchkühe, zig Katzen und einen Hofhund. Auch ein paar Hühner, die ihm und seiner Familie mit frischen Eiern versorgten, nannte er sein Eigen. Die Kinder tollten auf dem Gelände herum und verbrachten eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land, fuhren mit dem Trecker und kümmerten sich gemeinsam mit Herbert um das Vieh.

Heute wohnen alle seine Nachkommen in der weit entfernten Stadt und scheren sich einen Dreck um ihren Erzeuger. Niemand hatte seinerzeit Interesse den Hof weiterzuführen. Alle wollten studieren und einen Anzug oder ein Kostüm tragen und sich nicht die manikürten Finger schmutzig machen. Als aus den Kindern Teenager wurden, war es vorbei mit der Freude, die sie auf den Hof hatten. Vergessen schienen die vielen tollen Erlebnisse aus der Kindheit und das Lächeln auf dem Gesicht der Kinder war verschwunden.

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase…

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase sich durch den Penis in die braune Schüssel entleert, legt sich erneut die Einsamkeit wie ein bleierner Mantel um die Schultern des ergrauten Mannes. Eine einzelne Träne läuft die faltige Wange herab und tropft auf den dünnen, knochigen Oberschenkel des Mannes, der einmal glücklich war.

Fahrig reinigt er sich nach dem Geschäft die Hände unter eiskalten Wasser und macht sich auf den Weg in die Küche. Wieder nimmt er den Weg über den alten Läufer, der damals viel Geld gekostet hat, geht aber am Schlafzimmer vorbei bis zur hölzernen Treppe, die ihn in den unteren Bereich des Bauernhauses führt. Jede einzelne Stufe nimmt er langsam und bedächtig. Er möchte nicht fallen, sich den Kopf blutig schlagen oder die Knochen brechen. Niemand würde ihn schreien hören, wenn er unten am Treppenabsatz liegen würde, wie ein Käfer auf dem Rücken.

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser…

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser und setzt ihn auf die Kochplatte. Während er darauf wartet, dass das Wasser kocht, denkt er an seine Frau zurück. Er hat sie immer geliebt. Bis ins hohe Alter waren sie ein Herz und eine Seele. Vor seinem geistigen Auge kann er sie nun sehen. Sie steht an der Arbeitsplatte mit ihrem geblümten Kittel, lächelt ihn an und bereitet einen Kuchen zu.

Sie war es, die alles zusammengehalten hat. Sie war es die, die Bezugsperson für die Kinder war. Als sie noch lebte, kamen sie regelmäßig zu Besuch. Doch als sie verstarb und sie unter der Erde war, wurde alles anders. Herbert hatte sich seinerzeit verändert. Hatte sich zurückgezogen und konnte den Tod seiner Frau niemals akzeptieren. Wenn die Kinder anfänglich zu Besuch kam, redete er nicht mit ihnen, saß nur in seinem Sessel und starrte vor sich hin. Niemand konnte ihn trösten. Niemand konnte den Verlust wettmachen. Später kamen sie nicht mehr und er wusste heute, dass er es ihnen nicht verübeln konnte.

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herde reißt Herbert aus den Gedanken…

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herd reißt Herbert aus den Gedanken und die Erscheinung seiner Frau an der Arbeitsplatte verblasst genauso schnell, wie sie aufgetaucht ist. Herbert steht nun auf und bereitet sich einen letzten Tee zu. Schweigend setzt er sich an den Küchentisch und ist sich bewusst, dass es nun an der Zeit ist allen zu vergeben.

Noch ein letztes Mal denkt er nun zurück an seine geliebte Frau. Ein letztes Mal denkt er an seine tollen, erfolgreichen Kinder, auf die er so stolz sein kann. Sie alle haben sich ein Leben aufgebaut. Sie alle funktionieren und haben es geschafft nach dem Tod der Mutter trotz der Traurigkeit, irgendwann wieder Mut zu fassen.
Mit Wehmut denkt er an seine Enkel, die er nie richtig kennengelernt und gibt sich an allem die Schuld. Er weiß es nun mit Sicherheit und hat endlich Klarheit darüber erlangt, wie die nächsten Schritte aussehen müssen.

Alles ist vorbereitet. Alles Nötige ist in die Wege geleitet. Auf die Kinder und Enkel werden keinerlei Kosten zukommen und auch sonst wird nicht viel zu erledigen sein. Die Briefe an die Kinder sind gestern von ihm zu Post gebracht worden. Sie werden heute per Einschreiben zugestellt. Niemand trifft eine Schuld. Ohne zu zögern, greift er nach den kalten stählernen Lauf der Schrotflinte, die er sich am gestrigen Abend zurechtgelegt hat, schiebt sich den Lauf in den zahnlosen Mund und drückt ohne ein weiteres Mal nachzudenken den Abzug durch und verteilt sein Gehirn an den Wänden und die Decke der alten Küche.