Der alternde Mann ist auf der Suche. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er braucht einen roten Faden, an dem er sich entlanghangeln kann. Schritt für Schritt, auf direktem Wege ins Grab. Er sucht insbesondere in den Kneipen und Clubs der Stadt danach, doch er ist bisher nicht fündig geworden. Immer und immer wieder hat er sich in eine Geschichte verrannt und ist danach unglücklicher als er es vorher war, aus der Sache hinaus geschlittert. Eine Episode nach der anderen, auf deren Verlauf und Ausgang er kaum Einfluss hatte.

Einmal war es eine junge Frau, in der er etwas gesehen hatte. Es lag tief verborgen in ihren grün-braunen, großen Augen. Hals über Kopf hatte er sich in die Frau mit den Sommersprossen, Stupsnase und zierlichen Körperbau verliebt. Sie war 30 Jahre jünger als er, studierte Geschichte und legte ein atemberaubendes Tempo vor.  In allen Belangen.  Ein paar Monate war er hin und weg. Auf Wolke sieben. Zahlte alles, was sie haben wollte und durfte zum Dank dafür an ihren Zehen lutschen, wenn ihm danach war. Als er unverschuldet seinen gut bezahlten Job verlor, ließ sie in sitzen. Im eigenen muffigen Sud.

Ein anderes Mal war es die neue Arbeit, die ihn derart forderte, dass er dachte, er hätte nun seine Bestimmung gefunden.

Ein anderes Mal war es die neue Arbeit, die ihn derart forderte, dass er dachte, er hätte nun seine Bestimmung gefunden. Mit dem schicken Firmenwagen düste er von Kunde zu Kunde, wickelte den einen oder anderen um den Finger und fühlte sich gut dabei. Zügig schaffte er es, die intern geführten Statistiken für Abschlüsse anzuführen. Bis in den späten Abend brauste er umher, nur um danach mit den anderen Haien aus dem Vertrieb um die Häuser zu ziehen, schicke Bars unsicher zu machen und ein paar Linien Koks durch den Kolben zu ziehen. Nach einiger Zeit hatte er aber nicht nur Freunde im Unternehmen. Wer Erfolg hat, hat Neider. Einer von Ihnen, ein erfolgshungriger Jungspund, hatte aberwitzige Intrigen gesponnen und sägte erfolgreich an seinem Stuhl. Erst flog er aus der Firma, dann in ein Loch. Tief und dunkel.

Da er eine gute Abfindung kassiert hatte, war er in der Lage es ruhig angehen zu lassen. Er beschloss, ein Sabbatical von einem Jahr einzulegen und sich vollkommen der Fitness und Gesundheit zu widmen. Er stellte seine Ernährung um, stemmte Gewichte, rannte wie ein Irrer im Park umher und entspannte beim Yoga. Da er es trotz der ganzen Anstrengung nicht schaffte seine Wohlstands-Plauze zur Gänze abzuarbeiten, legte er sich unters Messer und ließ sich übermäßiges Fett absaugen und weil es im Zusammenspiel günstiger daherkam, gleich noch die Tränensäcke entfernen. Als er mit sich fertig war, sah er 10 Jahre jünger aus und war immer noch unglücklich mit sich.

“Roter Faden, wo bist du?”

„Roter Faden, wo bist du? Ich brauche Halt und finde ihn nicht. Ich brauche Liebe und bekomme sie nicht.“, sprach er zu sich selbst, als er auf einer Bank im Park saß und vor sich hin sinnierte. Stoisch starrte er den vorbeilaufenden Passanten hinterher und richtete im Anschluss daran seinen Blick in die Ferne. Gelangweilt schickte er seine Augen auf Wanderschaft und ließ sie über die Dächer der Stadt, die man von seinem Platz gut sehen konnte, umherziehen. Er erkannte einige Wohnhäuser, die Leuchtreklame eines Supermarkts, das unter Denkmalschutz gestellte Rathaus und direkt daneben den Kirchturm mit dem eisernen Kreuz auf dem Dachfirst.

In der Nacht fand er sodann kaum Schlaf. Er drehte sich unruhig von einer Seite auf die andere und war, als endlich der Morgen anbrach, nassgeschwitzt. Er stand auf, machte sich fertig und da es Sonntag war, beschloss er kurzerhand zur Kirche zu gehen und dem Gottesdienst beizuwohnen. Eine Ewigkeit hatte er nicht mehr auf der hölzernen Bank gesessen. Beim letzten Mal war er vierzehn und einer der Konfirmanden in der ersten Reihe. Heute war er über 50 und der Pfaffe ein anderer als in seiner Kindheit. Doch der Geistliche erreichte ihn mit seinen Reden schnell.

Er fand zu Gott und erschien nun nicht nur jeden Sonntag in der Kirche, sondern engagierte sich zusätzlich in der Gemeinde…

Er fand zu Gott und erschien nun nicht nur jeden Sonntag in der Kirche, sondern engagierte sich zusätzlich in der Gemeinde und half, wo er konnte. Er verkaufte alte Bücher auf dem Basar, reparierte verschlissene Möbel im Gemeindehaus und klapperte umliegende Firmen und Geschäfte ab, um Spenden für die defekte Orgel in der Kirche zu sammeln. Er studierte die Bibel, betete täglich und führte ab sofort ein vorbildliches Leben eines bibeltreuen Christen.

Dann verstarb seine lebensfrohe Mutter innerhalb von wenigen Tagen an Lungenkrebs, obwohl sie niemals geraucht hatte. Der Vater kam mit dem Tod der Ehefrau nicht zurecht und schnitt sich ein paar Tage nach der Beerdigung die Pulsadern auf und verblutete elendig im eigenen Badezimmer. Der alternde Mann konnte nicht verstehen, warum ihn Gott derart hart bestrafte. Sodann ging er nicht mehr in die Kirche, verbrannte seine Bibel und hörte auf, die Hände zu falten.

Die Haare des Mannes sind mittlerweile ausgegangen und der Bart, den er sich wachsen ließ, grau.

Die Haare des Mannes sind mittlerweile ausgegangen und der Bart, den er sich wachsen ließ, grau. Das Gesicht ist faltig, seine Kleidung dreckig und verschlissen. Er sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden vor dem großen Kaufhaus der Stadt. Um ihm herum drei Plastiktüten und ein löchriger Schlafsack. Sein gesamtes Hab und Gut. Ihm geht es schlechter als jemals zuvor in seinem Leben, doch er hat den roten Faden gefunden. Jeden Abend, wenn er genug Geld erbettelt hat, folgt er ihn. Manchmal kann er den Faden vor seinem geistigen Auge sehen. Er weiß, dass es dann bitter notwendig ist ihn zu folgen. Direkt zum Dealer, bei dem er sein Geld gegen Heroin eintauscht. Jeden Tag, Schritt für Schritt auf direktem Weg bis ins Grab.