Es ist Freitag. Sieben Uhr in der Früh. Der junge Mann, der versucht sein Leben auf die Reihe zu bekommen, betritt übermüdet, mit zerzausten Haaren, aber pünktlich den Umkleideraum des Umzugsunternehmens. Er trägt die beige Latzhose, die als Arbeitskleidung verpflichtend getragen werden muss. Da es heute sehr warm werden soll, hat er die unmoderne und weit geschnittene Hose bis kurz unter die Knie hochgekrempelt und hofft, dass der Kolonnenschieber nichts dagegen hat.

Der erste Gang führt Peer direkt an das Schwarze Brett. Hier ist aufgelistet, welcher Kolonne er heute zugeteilt ist. Ganz oben steht der Schieber der Truppe, darunter folgen die Knechte. Er steht als Aushilfe ganz unten in der Liste. Wo er eingeteilt wird, ist ihm egal. Scheißegal, um es genauer zu sagen. Die meisten, die hier arbeiten, sind Abschaum in seinen Augen. Alkoholiker, ehemalige Knastbrüder oder Versager ohne Abschluss. Nun gehört auch er dazu.

Nur der Kolonnenschieber, der meist auch den LKW fährt, weiß wer der Auftraggeber ist und wo es hingeht.

Nur der Kolonnenschieber, der meist auch den LKW fährt, weiß wer der Auftragsgeber ist und wo es hingeht. Das wird so gehandhabt, damit es nicht schon im Vorfeld Streit am Schwarzen Brett gibt. Es gibt körperlich sehr belastende Aufträge und solche, wo eine ruhige Kugel geschoben werden kann. Es gibt Aufträge die lange dauern und solche bei denen man früher nach Hause geschickt wird. Da man nur für abgeleistete Stunden bezahlt wird, sind die lang andauernden Aufträge bei den meisten gefragter.

Sein heutiger Kolonnenschieber heißt Markus. Markus ist der Vater des Chefs und ein ZENSIERT vor dem Herrn. Er fährt den LKW und schiebt die Möbel, die seine Knechte herunterschleppen, an die richtige Stelle im LKW. Wenn notwendig zurrt er sie mit einem Gurt fest, oder wickelt eine Decke herum, damit die edlen Teile nicht zerkratzt oder anderweitig beschädigt werden. Er hat den besten Job hier, steht auf dem LKW im Schatten und muss die Möbel und Kartons nicht über oft steile, enge Treppen behutsam erst ins Freie und dann auf die Ladefläche des Wagens wuchten.

Heute haben Peer und seine Truppe ein gutes Los gezogen.

Heute haben Peer und seine Truppe ein gutes Los gezogen. Sie haben einen Privatumzug vor der Brust. Meist ein Job, bei dem es länger dauert und der Auftraggeber häufig nicht nur Getränke und etwas zu Essen stellt, sondern zum Abschluss, wenn alles gut gelaufen ist, den Malochern gönnerhaft ein Trinkgeld in die schwieligen Hände legt. Peer ist zufrieden, auch wenn er heute wahrscheinlich erst spät in das Wochenende gehen kann.

Da Markus noch im Büro ist und sich um die Papiere kümmert, hat Peer noch Zeit sich einen Kaffee zu trinken. Er setzt sich auf einer der beiden langen Bänke, die vor zwei ebenso langen Tischen stehen und packt seine Thermoskanne aus, schüttet sich die heiße Brühe erst in den Becher und dann in den Schlund. Die Bänke erinnern an die hellen, hölzernen Sitzgelegenheiten, die jedermann aus nahezu allen deutschen Sporthallen kennt. Neben ihm sitzt Waschmaschinowski, der Pole ist und eigentlich ganz anders heißt. Da aber niemand seinen richtigen Namen aussprechen kann, wurde er kurzerhand umbenannt. Waschmaschinowski nimmt es gelassen.

Ihm gegenüber sitzt Kalle.

Ihm gegenüber sitzt Kalle. Auch Kalle ist in seinem Team eingeteilt. Kalle hat einen riesigen Bierbauch, ist fast zwei Meter groß und an Armen, Beinen und im Gesicht tätowiert. Er hat keine Haare mehr auf dem Kopf, dafür mehr im Gesicht. Kalle sieht nicht nur aus wie ein Verbrecher, er ist auch einer. Hat lange wegen Totschlags im Knast an der Lübecker Straße gesessen. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist Kalle einer der Wenigen, die Peer nicht nur mit Wertschätzung begegnen, sondern gelegentlich ein Wort mit ihm wechselt.

Zwei weitere elende, unsympathische Typen warten auf Markus im Umkleideraum. Anscheinend gehören auch diese Beiden zur Truppe. Peer kennt sie noch nicht und hat nicht vor, diese Tatsache in Kürze zu ändern. ZENSIERT. Alle Anwesenden rauchen. Da kein Fenster im Raum geöffnet ist, kann man die Luft im Zimmer praktisch schneiden. Niemand scheint sich daran zu stören. Auch Peer schiebt sich eine Selbstgedrehte zwischen die Lippen und entzündet die selbige mit einem Streichholz. Durch die Rauchschwaden blickt Peer auf den monströsen Umzugskarton in der Ecke des Raumes. Er ist voll mit leeren Bierflaschen. Die Sammlung der emsigen Mitarbeiter der Firme von nur einer Woche.

Markus betritt den Umkleideraum.

Markus betritt den Umkleideraum. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm und dem LKW-Schlüssel in der Hand raunzt er Peer und den anderen zu, dass er losgeht. „Der 377er muss vorbereitet werden. 40 Decken, ausreichend Gurte und 6 Kleiderkisten müssen auf den Wagen“, brüllt er und zeigt auf Peer und Waschmaschinowski. Hurtig schraubt Peer seien Deckel auf die Flasche und steht auf. Auch der Pole schickt sich an, den Anweisungen Folge zu leisten. Die anderen drei bleiben sitzen und rauchen. Nach 15 Minuten ist der 377er fertig und auch Kalle und die zwei Neuen steigen ein.

Auf dem Weg zum Kunden hält Markus den kleinen LKW an einem nahegelegenen Kiosk an. Der eine kauft eine Flasche Wasser, der nächste Kippen und eine Bulette, ein Weiterer Blättchen, Tabak und Streichhölzer und Waschmaschinowski zwei Flaschen eisgekühltes Bier. Wieder im hinteren Bereich des Wagens angelangt, holt der Pole aus seinem Rucksack eine leere Thermoskanne und öffnet erst die eine Bierflasche und kippt den Inhalt hinein und dann die andere. „Passen genau zwei Flaschen rein. Man muss nur langsam kippen. Bleibt schön kalt“, sagt Waschmaschinowski und lächelt vielsagend in die Runde.

Beim Kunden angekommen, heißt es schleppen.

Beim Kunden angekommen, heißt es schleppen. Das Ehepaar mit zwei Kindern zieht aus einer Wohnung in der vierten Etage in ein schickes Reihenhäuschen am Stadtrand. Wenigstens die haben irgendwas auf die Kette gebracht in ihrem Leben, denkt Peer und ist traurig über sein eigenes. Unzählige Kartons, teurer aussehende Möbel und eine High-End-Stereoanlage werden erst in den LKW und dann ins neue Haus gebracht. Kleiderkisten werden gefüllt, Kissen, Decken und Stofftiere in Säcke gestopft und Möbel behutsam die vielen Treppen heruntergetragen.

Alle passen schön auf, dass man nirgendwo aneckt. Schließlich will keinen Ärger mit dem Sohn vom Chef und ein möglichst dickes Trinkgeld vom Kunden. Alle schwitzen und schnaufen. Der schlaksig wirkende Pole hat Kraft ohne Ende, kann arbeiten wie ein Pferd und bewegt sich, nachdem er seine Thermoskanne geleert hat, grazil wie eine Balletttänzerin auf der Treppe. Auch der ehemalige Straftäter haut richtig rein. Kalle ist nicht der schnellste, kann aber geschickt mit großen, wuchtigen Möbelstücken auf der Treppe hantieren, ohne irgendetwas zu zerstören.

Die beiden Neuen sind bemüht, aber stellen sich doof an.

Die beiden Neuen sind bemüht, aber stellen sich doof an. Markus merkt das sofort. Damit nichts kaputtgeht, gibt er die Anweisung aus, dass die beiden „Flitzpiepen“ nur Kartons und Pflanzen tragen dürfen. Beide sind beleidigt, tun aber dennoch, was der Kolonnenschieber sagt. Besser für sie. In der Pause gibt es belegte Brötchen, Obst und Wasser. Alle langen kräftig zu. Waschmaschinowski verschwindet zur nächsten Bude, um seine Thermoskanne wieder aufzufüllen. Kalle raucht Kette und Peer nutzt die Gelegenheit, um ein paar Minuten des Schlafes nachzuholen, den er in der vorherigen Nacht nicht bekommen hat.

Eine Stunde nach der Pause ist der LKW endlich komplett voll und die ehemalige Behausung der Familie leer und besenrein. Abfahrt. Alle Malocher quetschen sich auf die freien Plätze neben und hinter dem Fahrer. Markus manövriert den rot-blauen Schlitten geschickt durch die Innenstadt, trinkt dabei einen Underberg, den er aus dem Handschuhfach gefingert hat, spült den Magenbitter mit einem Bier hinunter und lacht lautstark über die Schmuddel-Witze, die der Pole aus der hinteren Reihe herausposaunt. Kalle und Peer rauchen Selbstgedrehte und Lachen ab und zu. Die Neunen schauen gequält aus dem Fenster und halten angestrengt die Fresse.

An der neuen Butze angekommen, werden Möbel, Kisten, Koffer…

An der neuen Butze angekommen, werden Möbel, Kisten, Koffer, Kartons, Elektrogeräte und der ganze andere Plunder wieder ausgepackt und nach Anweisung der Dame des Hauses in die jeweiligen Zimmer geschleppt und dort mehrmals hin- und hergeschoben. Peer ist richtig neidisch auf das Oberhaupt der Familie. Nicht nur, dass der Familienvater nun in einem großartigen Haus mit riesigem Garten leben kann, seine Kinder anscheinend friedlich und wohlerzogen sind, auch seine Gattin ist optisch eine absolute Augenweide und macht auch im gehobenen Alter richtig was her. Peer würde, ohne mit der Wimper zu zucken sein eigenes Leben, gegen das vom Auftraggeber tauschen.

Als gegen halb sechs endlich alles an Ort und Stelle steht, der Glückspilz seine Unterschrift unter dem Arbeitspapier gesetzt hat, zückt er sein Portemonnaie und drückt jedem der Arbeiter ein zwanzig Mark Schein in die Hand. Auf der Rückfahrt ist es im LKW deutlich ruhiger. Alle sind ausgepowert, geschafft und freuen sich auf den Feierabend. Markus hält ein letztes Mal vor dem Kiosk. Alle bis auf die beiden neuen kaufen sich Bier. Peer zwei Flaschen, Kalle und Waschmaschinowski jeweils vier und Markus drei und ein paar Underberg. Am Firmengelände angekommen, muss der LKW entladen und gefegt werden. Das müssen die Neuen übernehmen.

Da heute Freitag ist, müssen alle Aushilfen ins Büro. Zahltag.

Da heute Freitag ist, müssen alle Aushilfen ins Büro. Zahltag. Ausgezahlt wird immer freitags. Die Auszahlung erfolgt in Bar. 10 Mark pro Stunde gibt es, wenn man versichert arbeiten möchte, verzichtet man auf diesen Schutz, gibt es 15 Mark. Peer hat sich für die zweite Variante entschieden. Ein bisschen Risiko muss sein. Auch die beiden Neuen stehen hinter ihm an und warten vor der Glasscheibe, hinter dem die Dame aus dem Büro sitz und die Kohle ausgibt. Peer bekommt mit, dass die beiden Nulpen sich versichert haben. Selbst schuld.

Nachdem er seine Lohntüte erhalten hat, geht er zurück in den Aufenthaltsraum. Die Neuen haben das Gelände bereits verlassen. Peer bezweifelt, dass sie am Montag wiederkommen werden. Waschmaschinowski erzählt dreckige Witze, Markus lacht und Kalle raucht Kette. Alle trinken Bier und auch Peer öffnet sich nun eine Flasche und genießt das kalte Gesöff. Auch einige aus den anderen Kolonnen sind anwesend und saufen.

Nach und nach löst sich die Versammlung auf.

Nach und nach löst sich die Versammlung auf. Auch Peer verlässt gegen 19 Uhr das Gelände und fährt mit dem Fahrrad in seine kleine Wohnung. Am Montag wird er wieder hier sein, um Geld zu verdienen. Er wird wieder schleppen, schwitzen, über dreckige Witze lachen und mit ehemaligen Verbrechern Hand in Hand arbeiten. Er wird am Freitag wieder seine Lohntüte erhalten. Schwarz versteht sich. Am Fiskus vorbei. Geld, dass er braucht, um sein Studium zu finanzieren. Irgendwann wird es ihm besser gehen. Er wird eine Familie gründen und in einem Haus am Stadtrand wohnen, ebenso wie der Glückspilz, für den er heute tätig werden durfte.