Endlich hat die Glocke geklingelt und die Schicht ist vorbei. Bei uns in der Firma gibt es tatsächlich noch ein akustisches Signal, das das Ende der einen Schicht und den Start der nachfolgenden signalisiert. Das Ganze erinnert mich irgendwie immer an den Zweiten Weltkrieg. Keine Ahnung wieso das so ist. Ich denke nur immer das die Arbeiter, damals bei Krupp oder Thyssen auch so ein Signal zu hören bekamen, wenn sie für diesen einen Tag genug Bomben produziert hatten. Hat aber sicherlich noch was länger gedauert, bis der so befreiende Ton, seinerzeit ertönte.

Wie dem auch sei. Ich habe Feierabend und nicht nur das, sondern Wochenende. Genial. Heute Abend erwarte ich ein paar Freunde in meiner kleinen Butze. Wir haben uns vorgenommen ein paar Pizzen, erst in den Ofen und dann in unsere Münder zu schieben, ein paar Jägermeister in den Schlund zu kippen und das Ganze mit diversen Bieren herunterzuspülen und dabei zu pokern. Doch wie es der Teufel will, ist nicht nur das Gefrierfach meines Kühlschranks zur Gänze geleert, sondern auch Bier und Schnaps sind nicht im Haus. Was für eine Tragödie.

Es führt also kein Weg daran vorbei…

Es führt also kein Weg daran vorbei, dass ich auf den Weg nach Hause, noch schnell am Einkaufscenter halt mache und die wenigen Dinge, die der Wochenend-Grundversorgung dienen und auch in einer nationalen Krise als Systemrelevant anzusehen sind, zu shoppen. Ich schiebe also meine altersschwache Karre, von der ich noch nicht weiß wie ich sie durch die anstehende TÜV-Prüfung bekommen soll, durch die vollgestopften Straßen bis ich endlich am Einkaufscenter meines Vertrauens angekommen bin.

Hier gibt es einfach alles, was man zum Leben braucht. Ein Discounter für Leute wie mich, einen Supermarkt für die etwas betuchtere Klasse, eine Apotheke, einen Getränkemarkt, einen Blumenladen, mehrere kleinere Boutiquen mit Mode für den kleinen Geldbeutel, einen Tabak- und Lottoladen, einen Schuhladen, einen Ein-Euro-Shop und noch diverse Läden mehr. Alles da also, könnte man meinen, nur genügend Parkplätze sind hier Mangelware, besonders am Wochenende, wie ich wieder einmal mit Entsetzen feststellen muss, als die Front meines Kleinwagens bereits in die Zufahrt zum Parkplatz eingebogen ist.

Nun geht das Gerangel los…

Nun geht das Gerangel los, auf das nicht nur ich keine Lust habe, sondern alle anderen auch, die mit mir im Kreis herumfahren, schlechte Laune haben und auf ihre Chance wittern, einen dieser begehrten Parkplätze zu ergattern. Das Ganze erinnert mich stark an dieses saudumme Partyspiel: die Reise nach Jerusalem. Ich drehe weitere meine Runden und dabei haben sich meine Hände fest um das Lenkrad gekrallt. Ich habe nicht nur die stehenden Fahrzeuge im Blick, sondern beobachte auch das weitere Geschehen auf dem Parkplatz. Man muss das gesamte Areal im Auge behalten, damit man nicht diesen einen wichtigen Augenblick verpasst, wenn eine Person mit einem Einkaufswagen den Supermarkt verlässt und auf ein Auto zusteuert.

Aus dem Blickwinkel habe ich eine vielversprechende Kandidatin entdeckt. Eine Dame zwischen 35 und 40 steuert auf einen überteuerten SUV der Bayrischen Motorenwerke zu und schiebt dabei einen vollen Einkaufswagen vor sich her. Die Milf, wie wir unter uns Kollegen zu sagen Pflegen, ist eine von der Sorte die Kohle haben, oder zumindest ihr Stecher. Man sieht es an ihrem vornehmen Gehabe und auch der Fummel, den Sie trägt, ist nicht von Klamotten Anton, oder KIK. Jetzt heißt es geschickt agieren, denn es ist noch ein wenig Zeit zu überbrücken, bis sie endlich ihr riesiges, schwarzes Monstrum aus der Parklücke bugsiert. Alle Lebensmittel, die sie gekauft hat, sind nicht bereits in Tüten verpackt, sondern fristen ihr elendes Dasein einzeln und gefühlt zu hunderten, im drahtigen Transportvehikel. Eine Schande.

Als sie ihren Einkaufswagen endlich neben dem schwarzen Panzer abstellt…

Als sie ihren Einkaufswagen endlich neben dem schwarzen Panzer abstellt, mit einem ihrer Füße eine eingeübte Wischbewegung unterhalb des Hecks ausführt und damit den Kofferraum öffnet, fängt sie mit einer beängstigenden Gelassenheit an, jedes Teil einzeln in die mitgeführten Boxen, im Inneren des Fahrzeugs zu packen. Gezwungenermaßen drehe ich noch eine weitere Ehrenrunde auf dem Parkplatz und erhasche beim Vorbeifahren ein Blick auf einen ihrer pedikürten Füße, deren Zehen aus einer blumigen Sandalette herausschauen, mit dem sie gerade noch so elegant den Kofferraum geöffnet hat und erschaudere beim Anblick.

Als ich die vierte Runde gedreht habe und jedes Mal beim Vorbeifahren den Blick nicht abwenden kann, von ihren Füßen, scheint sie endlich ein Ende zu finden und steht kurz vor dem grandiosen Finale der Einpack-Arie. Kurz danach steigt sie in ihrem SUV und schafft es nach mehreren unglücklichen Versuchen, gerade eben so, aus der Parklücke. Jetzt kommt es darauf an. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, indem man nicht zögern darf. Zügig drehe ich eine letzte, finale Runde, hupe genervt als mir ein Kind, mit einem dieser modernen Scooter vor die Motorhaube rollt und schaffe es tatsächlich, vor einem fluchenden, ergrauten Cabrio-Fahrer mit ähnlich, gekonnt gezwirbelten Schnauzbart wie der von Horst Lichter, meine altersschwache Karre auf den Parkplatz zu stellen.

Mit gewinnenden Lächeln steige ich aus…

Mit gewinnendem Lächeln steige ich aus, verschließe mein Auto, zeige dem grau meliertem Cabrio-Fahrer einen Stinkefinger und verschwinde im Discounter, mit blauen A im Logo. Drinnen angekommen, bewaffne ich mich mit einen rotem Körbchen, das augenscheinlich genug Platz bietet, für ein paar Pizzen, Nüsse, Chips, Schokolade und alles was sonst noch zu einer gesunden Ernährung dazugehört. Hurtig sprinte ich durch die Gänge und werfe die wenigen Brocken, die es braucht, um die Freunde und einem Selbst nicht nur satt, sondern auch glücklich zu stimmen, in das Körbchen und eile beschwingten Schrittes zur Kasse. Dort angekommen heißt es wieder Geduld aufbringen. Augenscheinlich war ich nicht der Einzige, der es nicht auf die Reihe bekommen hat, seinen Kram an normalen Wochentagen zu shoppen.

Jede Menge Rentner, die alle Zeit der Welt zu scheinen haben, versperren mir den Weg zum Paradies und rauben mir den letzten Verstand. Angeekelt muss ich beobachten, wie die Greise im Schneckentempo ihr Mümmelfutter auf das Warenband legen, den Warentrenner im gleichen Tempo dahinter drapieren und dann, wenn der große Moment des Zahlens gekommen ist, noch langsamer ihre Geldbörse öffnen. Natürlich wollen die Tattergreise in Bar zahlen, denn der Wahlspruch: „Nur Bares ist Wahres“, wurde ihnen schon damals, von Onkel Otto, mit in die Wiege gelegt. Einzeln werden sodann die grünspannigen Cent-Münzen behutsam in die ausgestreckte Hand, der gequält lächelnden Kassiererin gelegt, bis schlussendlich der Betrag von 19,54 Euro, bis auf den Cent genau, erreicht wurde.

Als ich endlich meinen Kram in die Plastiktüte gestopft…

Als ich endlich meinen Kram in die Plastiktüte gestopft und die Rechnung mit meiner EC-Karte beglichen habe, sieht die Welt schon ein wenig besser aus. Nachdem ich genug Pizzen für alle, Knabbereien für eine ganze Kompanie und des Geldes wegen, einen nachgemachten Jägermeister mein Eigen nenne, brauche ich nur noch einen Kasten Bier. Hier muss aber Qualität her, sonst laufen meine Freunde Amok. Beim Bier hört der Spaß, hier im Ruhrgebiet, bekanntlich auf. Günstig darf es sein, aber bitte mit Niveau und nicht aus der Dose und schon gar nicht aus der Plastikflasche. Also muss ich noch in den Getränkemarkt. Was für ein Drama.

Es nützt nichts. Einmal quer über den Parkplatz, mit Zwischenstopp am Auto, wo ich die Plastiktüte verstaue und mindestens drei anderen Parkplatz-Suchenden den ausgestreckten Mittelfinger zeige, meinen Kofferraum wieder verschließe und mich auf den Weg in den Getränkeshop mache. Hier angekommen werde ich fast erschlagen von der unmenschlich daherkommenden Auswahl an verschiedene Bier- und Biermixgetränken. Zum meinigen völligen Unverständnis scheinen auch Sorten, die keinerlei Alkohol enthalten und isotonisch daherkommen total in Mode zu sein, denn auch davon gibt es, ohne Übertreibung, mindestens 15 verschiedene Sorten, in diesem extrem kleinen Shop. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wer diese Brühe eigentlich säuft, mache es aber dann doch und vor meinem geistigen Auge erscheint einer dieser bescheuerten von oben bis unten tätowierten Hipster, mit Fussel-Bart im Gesicht und Dutt auf dem Kopf, aber null Gehirnmasse im Inneren.

Ich lasse mich nicht beirren…

Ich aber lasse mich nicht beirren. Es gibt nur wenige Sorten mit denen ich mich und meine Kollegen abfinde. Die erste Wahl kommt aus Dortmund, wobei man sich da heutzutage auch nicht mehr ganz sicher sein kann. Ist doch alles eine Brühe denke ich mir, und greife dennoch, aus Gewohnheit und auch ein bisschen aus Überzeugung, zum Kronen. Ich habe dabei kein schlechtes Gewissen, auch wenn ich lieber zum leckeren Dortmunder Bier aus einer kleinen Privatbrauerei greifen wurde, es mein Portmonee aber nicht zulässt.

Ohne weitere Komplikationen verlasse ich bewaffnet mit allem, was es braucht, den Ort des Geschehens und fahre nach Hause. Über eine Stunde habe ich gebraucht, um die wenigen Teile zu besorgen, die es braucht um mit meinen Kumpels einen gemütlichen, bierseligen Abend zu verbringen. Als ich endlich, direkt vor meiner Tür, einen Parkplatz finde, vor Vorfreude grinsend meinen Gurt abnehme und nur noch schnell unter die Dusche möchte, bis mir die Saufkumpanen die Tür einrennen, fällt mir brühend heiß ein, dass ich heute Geburtstag habe.

Meine Kumpels haben versprochen…

Meine Kumpels haben versprochen, dass sie mir genau heute eine Freude machen wollen. Sie haben versprochen alles zu besorgen. Sie haben gesagt, dass ich mich um nichts kümmern müsse, sondern direkt nach der Arbeit nach Hause fahren kann, mich ein wenig ausruhen und unter die Dusche steigen dürfe. Ich weiß nicht genau was ich jetzt tun soll. Soll ich weinen, oder lachen? Auf jeden Fall nehme ich mir vor heute Abend richtig derbe die Kante zu geben, denn es ist ja von allem das Doppelte da …