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Reichlich arm

Du hast gut lachen in deinen schicken Stiefeln. Dir geht es gut in deinen warmen, noblen Klamotten. Doch setz dich mal zu uns. Hier unten auf den ausgetretenen Stufen aus Beton. Spüre, wie die Kälte langsam in deinen Körper kriecht und von ihm Besitz ergreift. Richte den Blick aufwärts und schaue in die Gesichter, die dich verächtlich anstarren. Halte den Pappbecher hoch, damit ein paar Cent hineingesteckt werden können, von den Wenigen, die Mitleid haben.

Setz dich zu uns, aber nicht ohne vorher deine Klamotten gegen welche aus der Bahnhofsmission zu tauschen. Überwinde deinen Ekel und hilf uns bei der Suche nach essbarem in den Mülltonnen hinter dem Supermarkt. Fingere auch jede Pfandflasche aus dem Unrat, von uns aus, mit spitzen Fingern. Sprich fremde Leute im Bahnhof an und frage sie nach Geld für eine Fahrkarte. Lass dich vertreiben von den Männern in Uniform, von deiner warmen Bank in der U-Bahnstation.

Iss mit uns gemeinsam unser karges Mahl…

Iss mit uns gemeinsam unser karges Mahl, denn wir teilen gern. Trinke mit uns billiges Dosenbier und Wein aus dem Tetrapak, höre dir unsere Lebensgeschichte an und fang an zu verstehen, warum wir hier unten sitzen und du dort oben residierst. Lass dich treiben und deinen Gefühlen freien Lauf. Erzähle uns von deinem Leben, das dich zum reichen Mann gemacht hat und klammere dabei deine Kindheit, mit silbernen Löffel im Mund nicht aus. Sei dabei ehrlich zu dir und zu uns und sage uns, wie viele Menschen du auf dem Weg nach oben zurückgelassen hast.

Sage uns auch, mit welchen Tricks du gearbeitet hast, um es so weit zu schaffen, und welche Intrigen du initiiert hast. Erkläre, wie viele Menschen du von der Karriereleiter gestoßen hast, um immer ganz oben zu sein. Erzähle stolz von deiner Firma, mit den vielen Mitarbeitern, die du kaum beim Namen kennst und die du so schlecht bezahlst. Sinniere über die unzähligen Kontrahenten, die du in den Ruin getrieben hast, erkläre uns die Tricks, die du nutzt, um deine Kohle zu vermehren, und zeige dabei dein widerlichstes Lächeln.

Hör nicht weg, wenn wir über unsere Kindheit erzählen…

Hör nicht weg, wenn wir über unsere Kindheit erzählen. Höre genau hin und lass dich auf das Gehörte ein. Nimm einfach auf, dass unsere Eltern nicht reich waren, sondern zum Arbeitsamt oder zum Sozialamt gingen. Sammle Eindrücke von unseren Eltern, die immer besoffen waren und uns schlugen. Lies auch zwischen den Zeilen und höre den Missbrauch durch die eigenen Eltern oder den Verwandten heraus. Mach dir ein Bild von der schäbigen, engen Wohnung, in der wir mit unseren Geschwistern hausten. Erfahre von unseren falschen Freunden, die schon früh kriminell aber immer loyal waren. Erfahren von der Ausgrenzung, den ständigen Misserfolgen, den Aufenthalten in Heimen oder im Jugendknast. Stelle dir danach erneut die Frage nach unseren Chancen im Leben. Prüfe für dich erneut die These, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur will.

Beobachte unseren Jüngsten, wenn er zu einem älteren, vor Geilheit sabbernden Mann, hinter dem Bahnhof ins Auto steigt. Sieh in seine traurigen Augen, wenn er nach einer Stunde wieder zurückkommt, mit 20 Euro in der Hand. Erkenne dich wieder, in den Augen des Dealers, der das Geld gegen eine winzige Menge Crack tauscht, die uns für kurze Zeit dem Paradies ein wenig näher bringt. Trink mit uns Schnaps und lass dich nieder im alten Haus, das abgerissen werden soll. Kriech mit uns unter die vielen Decken und Schlafsäcke, die löchrig sind und stinken und lass dich nicht aus der Ruhe bringen, von den Ratten, die hier herumlaufen. Schlafe mit uns ein und lass dich wärmen von unseren Körpern.

Am nächsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht, darfst du dann gehen…

Am nächsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht, darfst du dann gehen. Steig in deinen Porsche, den du für drei Euro in der Stunde im Parkhaus am Bahnhof geparkt hast und drehe die Heizung auf. Fahre nach Hause in dein schickes Häuschen, stell dich unter die Dusche und spüre die wohltuende Wärme auf deinem Körper. Zieh dir wieder deinen Maßanzug an, gehe in dein Lieblings-Café, lass durchscheinen, dass du nichts gelernt hast, und lass dich bedienen. Gib dich, wie immer knauserig und verlasse den Ort ohne ein Trinkgeld dazulassen. Fahre in die Firma, bleib dir treu und mime den knallharten Chef und zeige keine Empathie.

Arbeite viel und ausgiebig, sei immer erreichbar. Zieh dir regelmäßig ein paar Linien Koks durch die Nase und trinke massenweise Kaffee, damit du geistig immer voll und ganz auf der Höhe bist. Betrüge deine Frau mit deiner Sekretärin, die sich erhofft so schneller Karriere zu machen, oder sich sogar in dich verliebt hat. Sei eiskalt und schmeiße Sie raus, wenn sie mehr von dir einfordert. Lebe ein erfolgreiches aber freudloses und kurzes Leben. Stirb früh an einem Herzinfarkt und lass dich von deiner Frau zu Grabe tragen aber wundere dich nicht, wenn niemand am Grab eine Träne vergießt. Vererbe all dein Geld und deine Besitztümer an deine Frau und beobachte aus dem Höllenfeuer, was die damit anstellt.

Sie genau hin, wie deine Frau…

Sieh genau hin, wie deine Frau die Firma führt. Beobachte wie sie mit Freundlichkeit, guter Bezahlung, humanen Arbeitszeiten und Menschenkenntnis mehr Erfolg hat als du. Sieh, wie sie den mittelständischen Betrieb zu einem Weltkonzern ausbaut. Nimm auch wahr, dass deine Frau einen großen Teil der erzielten Gewinne für etwas Gutes einsetzt. Werde Zeuge wie sie Menschen, wie uns von der Straße, eine Chance gibt und einige wenige von uns es wirklich schaffen. Bemitleide dich selbst und weine bitterlich, über das, was du siehst. Lass dich quälen von deinen gehörnten Peinigern und nimm endlich hin, dass du zu Lebzeiten immer ein Arschloch warst.

Das Blockflöten-Bootcamp

Lange ist es her, aber dennoch so präsent, dass es fast greifbar ist. Damals, in der grauenhaften Zeit meiner minderspaßigen Kindheit, griff ich gezwungenermaßen des Öfteren zur ledernen Schatulle mit der Blockflöte, klemmte mir diese unter dem Arm und stieg behäbigen Schritten die vielen Stufen meines Wohnhauses herab bis mich die, von grauen, rußigen Häusern gesäumte Straße empfing.

Sodann schlenderte ich langsam den holprig geteerten Gehweg entlang, schaute gelegentlich auf einer der Uhren, die ich mit einem Blick durch das Fahrerfenster eines jedweden Autos fand und erreichte mein Ziel, bedauernswerterweise, fast immer pünktlich.

Vor dem mehrstöckigen Gebäude…

Vor dem mehrstöckigen Gebäude der lokalen evangelischen Kirchengemeinde warteten bereits andere bemitleidenswerte, zierliche Gestalten mit ebenfalls kleinen Taschen, Etuis oder Jutebeutel in den Händen. Kaum einer von ihnen schien sich auf das bevorstehende Ereignis zu freuen. Die meisten, aber vor allem die Jungs, schauten missmutig aus der imaginären Wäsche.

Eine ganze Weile standen wir dann da und glotzen in der Gegend herum, bis sich schlussendlich, die hölzerne Eingangstür quietschend öffnete und den Blick freigab auf ein dunkles Treppenhaus, dass den direkten Weg in die Folterkammer garantierte. Noch langsamer als bei mir daheim die Stufen hinab, stieg ich diese hinauf und trottete den anderen Opfern hinterher.

Oben angekommen wurde uns Kinder schnell klar, dass…

Oben angekommen wurde uns Kindern schnell klar, dass das Grauen jetzt beginnen würde. Uns erwartete eine überlebensgroße Frau, die dürr war wie ein Skelett und um dies zu Kaschieren ein riesiges, knöchellanges, wallendes Blümchen-Kleid trug, das nur an den mit Puffärmeln ausgestatteten Armöffnungen den Blick auf ein wenig aschfahle Haut freigab. Mit grauenhaften, hasenzähnigen Lächeln empfing sie uns schon direkt an der Tür und deutete auf einen, von Flötotto ausgestatteten, Stuhlkreis und machte uns damit klar, dass wir uns setzten sollten.

Als endlich alle Kinder Platz genommen hatten, ließ ich meinen Blick schweifen und versuchte einzuordnen, in welcher Kaste ich mich Kleidungstechnisch wiederfand, konnte aber schon damals keine genaue Zuordnung finden. Die meisten Jungs trugen eine Jeans, ein buntes T-Shirt und dazu ein Paar Turnschuhe, häufig mit drei Streifen oder einer springenden Wildkatze an den Seiten. Auch die Mädels trugen Jeans, die oft mit einem Micky oder Mini Mouse-Aufnäher oder Barbie-Applikation daherkamen und dazu ein Shirt oder eine modische Bluse. Ich trug eine grobe Cordhose in Beige, dazu ein kariertes Hemd in blau-weiß, wie es in Bayern wohl üblich ist und Turnschuhe, der Marke Victory. Bedauerlicherweise hatten die Schuhe neben ihrem aufgesticktem, ausgrenzenden „V“ auf der Verse auch noch einen Klettverschluss, der eindeutig und ohne Umschweife verriet, das der Träger noch immer keine Schleife konnte.

Nun ging es aber ans Musizieren…

Nun ging es aber ans Musizieren. Die missgelaunte Dürre bedeutete ihren Schäfchen die Flöten aus ihren Verpackungen zu befreien und das untere Ende, nicht ohne vorher ein wenig Fett auf den Verschluss zu schmieren, auf das obere zu stecken. Dann wurde ein Overheadprojektor zurechtgerückt und ein paar Noten auf die extra für diesen Zweck, weiß getünchte Teilwand geschmissen. Die Olle im Blümchenkleid hob dann hurtig einen Dirigentenstab in die Höhe, schlug ein paar mal im Takt auf den Projektor ein und alle bliesen auf dieses Kommando durcheinander in Ihre mitgebrachten, hölzernen Blasinstrumente.

Der Krach der ertönte und wohl von Niemandem, der auch nur ansatzweise etwas von Musik verstand, als diese identifiziert werden konnte, brachte die gottesfürchtige Musiklehrerin dennoch fast in den psychischen Ausnahmezustand der Ekstase. Als das kurze Stück von uns zur Gänze gespielt war und auch der letzte Ton aus einer teuer aussehenden Flöte eines dickbäuchigen Kindes mit Brille und Pausbacken gekommen war, legte sie ihren Stab beiseite, hob die Hände und schlug diese zum Beifall, leise aber dennoch hörbar, aneinander.

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche…

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche mit christlich angehauchtem Hintergrund vollends zufrieden war, frenetisch und lautstark in die Hände klatsche und uns mit ihrem Pferdegebiss, wohlwollend aber irgendwie angsteinflößend anlächelte. Danach kramte sie eine weitere Folie aus einer Schublade, einer altersschwachen aber aus gutem, schweren Holz gezimmerte Kommode, legte auch diese auf den Projektor und machte uns mit einem neu einzustudierenden Werk Angst und Bange.

„Oh du lieber Augustin“, war das Lied, das sich die floral gekleidete Dame für uns ausgesucht hatte. Voller Überschwang und Inbrunst spielte sie uns dies auf Ihrer eigenen Flöte, die nicht nur schwarz-weiß, sondern viel größer als unsere war, vor und lächelte uns danach erneut furchterregend an. Wie gut sie sich auf diese Folterstunde vorbereitet hatte, zeigte sich als sie, praktisch wie aus dem Nichts, Kopien der Noten des von ihr favorisierten Liedes, aus ihrem Jutebeutel zog und in die Runde gab. Jeder von uns bemitleidenswerten Kreaturen sollte eines, der nach Lösungsmittel stinkenden Blättern, ergattern, damit er auch die daheimgebliebenen Mitbewohner mit einen wiederholt auftretendem, musikalischem Übungsszenario erfreuen könne.

Noch als wir bereits die Treppen, vor Angst und Niedergeschlagenheit fast weinend, hinunterstiegen ließ sie ein weiteres Mal gekonnt ihre Boshaftigkeit aufblitzen, indem sie uns den, in unseren Kinderohren mehr als verstörend klingenden, Satz mit auf den Weg gab: „Für den nächsten Donnerstag habe ich eine Überraschung für euch vorbereitet“ und entließ uns erst dann in die Freiheit, als sie mit blitzenden Augen und fiesem Lächeln anfügte: „Ich bin davon überzeugt, dass dieses eindrucksvolle Ereignis, nicht nur für euch der Höhepunkt der kommenden Woche wird, sondern auch für mich.“

Der unangefochtene Star auf dem Grill

Wurst. Bratwurst. Thüringer. Drei einfache Worte, die wenig aussagen. Könnte man meinen. Aber mal ernsthaft. Jedem von uns ist doch sicherlich ein Grillabend bei Freunden in Erinnerung geblieben, oder etwa nicht? Klar, der eine oder andere muss da schon etwas länger grübeln, oder gar komplett passen. Manch einer hat halt keine Freunde oder was noch viel schlimmer ist keinen Grill.

Alle anderen wissen sicherlich was es für ein anmutiges Gefühl sein kann, wenn die Holzkohle ganz langsam aus der Tüte in den Grill gleitet, die perfekt angeordneten Anzünder gierig nach der aufsteigenden Hitze des entfachten Feuerzeugs lechzen und schlussendlich die ersten Flammen um die Kohlen züngeln. Ein prickelnder Augenblick. Noch viel geiler wird es, wenn die ersten Thüringer, mit vor Vorfreude schweißnassen Händen, auf den Grill gelegt werden und schon nach ein paar Minuten der erste Duft, des reinen Handwerksprodukt im Naturdarm, in die Nase steigt.

Scheiß auf den Nachbarn…

Scheiß auf den Nachbarn, der sich in regelmäßigen Abständen überteuerte argentinische Steaks auf den Grill klatscht. Scheiß auf den vegetarischen Yuppie der seine Tofu-Würstchen brutzelt. Scheiß auf den Hipster der tagtäglich zum lokalen Sushi-Dealer rennt, um sich rohen Fisch in die Figur zu schaufeln. Nur die Wurst aus Thüringen ist das einzig Wahre.

Es dauert nicht lange, bis die erste Wurst fertig ist. Speichel bildet sich in deiner Mundhöhle und sucht sich den Weg in Freie. Alle Blicke sind auf dich und die Grillzange, in deinen Händen, gerichtet. Deine Freunde sehen angespannt aus, aber versuchen es vergebens zu verbergen. Jeder will eine haben. Jeder muss eine haben. Der mit Liebe gemachte Nudelsalat verkommt zur Nebensache. Die ersten Würste werden behutsam auf die Pappteller verfrachtet. Nun hat jeder Gast eine Wurst, aber alle warten bis auch der Gastgeber sitzt. Endlich, nach fast unerträglicher Wartezeit ist es so weit. Der erste Biss in die Thüringer bringt dich den Himmel ein wenig näher. Eine nicht wegzudiskutierende Menge, deiner Freunde, sieht aus, als hätten sie gerade ihren ersten Orgasmus erlebt. Die anderen schweigen und genießen den Moment des Triumphs. Guten Appetit.

Die mörderische Tastatur

Eines Abends saß ich vor dem Monitor,
doch er blieb leer.
Eines Abends, der Mond schien durch
mein Fenster, war ein Vakuum in meinem Kopf.

Irgendwann, es dauert nur ein paar
Minuten, überlegte ich mir, dass für jede
Zeile, die ich auf das imaginäre Papier bringen
würde, ein Mensch dran glauben müsse.

Sofort war ich Feuer und Flamme
und hämmerte mit feuchten Fingern
auf die Tastatur ein. Der scheiß Mond
schien noch immer durch die Scheibe.

Die erste Zeile die ich schrieb, war
grauenhaft. Sie durchtrennte die Halsschlagader
von M. Die Buchstaben hinterliessen
rote Schlieren auf dem Bildschirm.

Die zweite Zeile, die ich schrieb, war
auch nicht besser, doch sie brachte den
Tod von I. Er wurde erwürgt und sein
Röcheln klang wie Musik in meinen Ohren.

Die dritte Zeile kam recht laut daher.
Die Kugel einer Shotgun zertrümmerte
den Schädel von K. Gehirnmasse klatsche
zähflüssig auf dem Monitor. Ich fand Gefallen daran.

Die vierte Zeile war gemein. Sie schlich
sich an und näherte sich N. von hinten.
Eine Plastiktüte fand den Weg über ihren Kopf.
Ihr Körper erschlaffte rasant.

Die fünfte Zeile hat mich erschreckt, so
gewaltig war sie. Mit einer Motorsäge wurde S.
zerteilt. In vielen kleinen Stücken lag er dann da,
in einem Meer aus Blut. Ich stand auf und
übergab mich auf dem Klo.

Als ich zurück kam und die ersten fünf Zeilen las,
schrieb ich die sechste nicht mehr.
Der Mond war weg und die Sonne ging auf
und ich zu Bett. Ich schlief schnell
und friedlich ein und träumte – bittersüß.

Beim Schaller in der Muckibude

Auch ich habe mich jetzt angemeldet. Ich will Fit werden wie ein Turnschuh und ein Sixpack haben wie Brad Pitt in seinen besten Zeiten, weiß aber schon vorher das es nicht funktionieren wird. Trotzdem, ein bisschen weniger von der Wohlstands-Plauze wäre schon etwas Feines. Also ab in den SUV und die wenigen Kilometer bis zur Fitnessbude herunterrasseln. Sicherlich, man könnte auch mit dem Fahrrad hinschaukeln, aber man soll es am Anfang ja nicht gleich übertreiben, mit dem Sport, habe ich mir sagen lassen. Außerdem haben die Wetter-Experten, in einer der vielen Wetter-Apps, die ich auf meinem Smartphone, fein säuberlich, direkt auf der zweiten Seite angeordnet habe, bestimmt irgendwo was von Regen gesagt. Wenn ich ein Türke wäre, würde ich jedenfalls darauf schwören. „Vallah“.

Als ich also den Panzer auf dem Parkplatz der Bude vom Schaller, dem ehemaligen Geschäftspartner und/oder Busenfreund von Dr.Motte abstelle, erwartet mich die erste Freude des schweißtreibenden Abenteuers. Hier, an dieser Stelle ist eine Parkscheibe vonnöten, sagt mir ein überlebensgroßes Schild direkt am Anfang des Platzes. Ein bisschen kleiner, darunter stand noch irgendwas wie: „Ansonsten könnte es teuer werden“, oder dergleichen. Dass ich keines dabei habe erschließt sich dem geneigten Leser, respektive Zuhörer, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, schon im vorausgegangenem Satzbaustein. „Scheiß darauf“, sage ich zu mir selbst und denke: „Wird wohl schon keine von den Zettel-Tanten vorbeischauen, in der halben Stunde, die es braucht, bis meine Muskeln vor schmerzen schreien.“

Gesagt getan. Karre verriegeln und hinein ins Vergnügen…

Gesagt getan. Karre verriegeln und hinein ins Vergnügen. Am Drehkreuz zeigt sich das die Mitgliedskarte funktioniert, denn ein grünes Licht signalisiert mir, das mir Einlass gewährt wird in den heiligen Hallen der gestählten Arme. Das grüne LED-Biernchen sollte aber auch das einzige offizielle Feedback des Tages sein, das ich erhalte, denn einen Mitarbeiter der Bude, geschweige denn einen ausgebildeten Fitness-Trainer sucht man hier, um diese Uhrzeit, vergebens. Eine Dame, die in Ansätzen dann doch was mit dem Schaller oder zumindest seine Firma zu tun hat, bekomme ich dann doch noch vor das Gesicht. Nämlich dann, als ich schon schwitzend vor Anstrengung, die Treppe zur ersten Etage hinter mir gelassen habe und den Umkleideraum für Herren betrete.

Die Dame wird so um die sechzig sein, schiebt einen dieser Reinigungskarren, die gefüllt sind mit den Utensilien, die es braucht, um Böden, Wände und Scheißhäuser zu reinigen vor sich her und sieht nicht nur aus wie eine Putze, sondern ist auch eine. Sie schaut beim Wischen des gefliesten Bodens mit einem Auge auf den Selbigen und mit dem anderen auf den schrumpeligen Schwanz eines aufgepumpten Mannes um die vierzig, der sich ungeniert vor der Alten entblößte, um unter die Dusche zu springen und sich die Sonnenstudio-gebräunte Haut sauber zu rubbeln.

Ich bin froh, das ich mich schon daheim in den Trainingsanzug gequetscht habe…

Ich bin froh, dass ich mich schon daheim in den Trainingsanzug gequetscht habe und nur noch die Schuhe tauschen muss und hoffe das die notgeile, glotzende Schreckschraube, wenn ich mit meiner Einheit fertig bin, ihre Arbeit zur Gänze verrichtet hat. Ein weiteres Mal nehme ich die Treppe und gelange auf kürzestem Wege in den Fitness-Raum und lasse diesen am Absatz der Treppe kurz auf mich einwirken. Hier scheinen tatsächlich Menschen, die etwas von Ihrer Arbeit verstehen und nach dem Abschluss der Klötzchen-Aufbau-Schule, auf dem dritten Bildungsweg ihren Master in: „Wie lasse ich eine Mucki-Bude anschaulich erscheinen“, nachgeholt haben am Werke gewesen zu sein. „Nicht schlecht Herr Specht, sieht gut aus, Rainer!“

Nun aber genug des Lobes und ran an den Bauchspeck und zum warm werden ein bisschen aufs Laufband. Ich habe gehört das einige das tun und aus der Ferne sehe ich auch schon ein paar von Denen in Reih und Glied auf der Stelle laufen. Dass ich das auch draußen in freier Natur haben könnte, ist mir im übrigen durchaus bewusst, allerdings verzichte ich gerne auf die Scheiß-Sonne, die mir einen Sonnenbrand auf die wenig behaarte Birne zaubert, wenn ich obendrauf nicht eine Mütze drapiere, oder mir nicht eines dieser bescheuerten Kopftücher um die Murmel wickele.

Also rauf auf eines der Laufbänder…

Also rauf auf eines der Laufbänder, zwischen einer fetten Ollen in den Wechseljahren und einen dicklichen Mann in meinem Alter, deren Deo schon vor einer ganzen Weile versagt haben muss. Hier bin ich also in bester Gesellschaft und kann, nachdem ich mit meinen Wurstfingern das Programm am Display auf: „Absoluter Anfänger“ eingestellt habe, endlich loslegen. Das Band läuft an und meine Beine bewegen sich im Schneckentempo vor und zurück. Bei diesem Tempo kommt ja nicht einmal meine Oma ins Schwitzen, denke ich und fingere erneut am Display herum, bis ich schlussendlich eine Geschwindigkeit gefunden habe, die Augenscheinlich deutlich schneller ist, als die nebenan bei der Dame auf der linken Seite und auch ein bisschen beim unappetitlich riechenden Mann auf der rechten. Euch werde ich es zeigen.

Tatsächlich perlen mir aber schon nach kurzer Zeit, die ersten Schweißtropfen von der Stirn und tropfen ungalant auf das Display. Mein Atem geht schnell und ich spüre das meine Beine, langsam aber sicher, schweren werden. Der Stinker, neben mir auf dem Fließband des Grauens, scheint das Ganze besser zu verkraften als ich, denn aus dem Augenwinkel kann ich erkennen das sein Atem ganz ruhig geht und er konzentriert gerade aus schaut, und dabei unverständlicherweise lächelt, wie ein Idiot.

Doch noch gebe ich nicht auf…

Doch noch gebe ich nicht auf. Diese Blöße will ich mir nicht geben. Mindestens 15 Minuten, will ich in diesem Tempo auf dem Laufband verbringen. Erst nach Ablauf dieser von mir selbst gesetzten Frist hat mein Arsch wieder Pause. „Keine Sekunde vorher“, denke ich voller Überzeugung, stelle sodann aber entsetzt fest, das gerade einmal vier Minuten vergangen sind. „Das wird haarig, das wird schwer. Danach werde ich fertig sein, mit meinem Training“, denke ich und schäme mich schon jetzt für meine Unsportlichkeit. Ich werde wahrscheinlich aus den Laden schleichen ohne ein einziges, stählernes, Gewichte in die Höhe gestreckt zu haben und frustrierter sein als jemals zuvor in meinem Leben.

Nach acht vergangenen Minuten auf dem Folterband denke ich ans aufhören. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei und das Shirt, dass ich träge, ist bereits komplett durchgeschwitzt. „Vielleicht soll es heute noch nicht sein. Eventuell brauche ich noch ein bisschen Zeit. Jeder fängt halt klein an, und es ist auch noch kein Meister vom Himmel gefallen“, murmele ich leise vor mich hin und bin verzweifelt.
„Ich brauche mich nicht zu schämen. Vor nichts und niemanden brauche ich, als erwachsener Mann, Rechenschaft abzulegen“, hänge ich noch dran und habe mich fast selbst überzeugt. Doch noch laufe ich auf der Stelle und habe noch nicht den großen roten, an einen Not-Aus-Schalter an einer Maschinen erinnernden, Knopf gedruckt, der das Band zum Stoppen bringt.

Es taucht eine junge Frau in meinem Blickfeld auf…

Es taucht eine junge Frau in meinem Blickfeld auf. Sie geht zu einem Crosstrainer, der direkt vor meinem Laufband platziert ist. Trotz das meine Wadenmuskulatur brennt wie ein trockener Weihnachtsbaum und ich schnaufe wie eine alte Dampflok, versuche ich locker und lässig auszusehen. Die blondierte Schönheit stellt ihre riesige Wasserflasche auf den Boden und präsentiert mir dabei ihren perfekten, in einer hautengen Leggings verpackten Hintern und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. In diesem Augenblick sehe ich wahrscheinlich genauso bescheuert aus, wie das Stinktier nebenan, doch es ist mir mehr als egal.

Es gibt sie also wirklich. Frauen die genauso hübsch sind, wie die auf den Plakaten von dieser Bude und ich habe das Glück das so eine, direkt vor mir ihren hübschen Körper in Wallung bringen möchte. Nun verspüre ich wieder neue Energie. Die junge Göttin in der engen Buchse, wird unbewusst dafür Sorge tragen, dass ich die 15 Minuten schaffe. Mindestens. Endlich steigt sie auf das Gerät und bewegt ihre langen Beine auf den Pedalen nach vorne und hinten. Endlich kommt auch ihr Po in Bewegung und mir kommt es so vor, als würde die Leggings an einigen Stellen durchsichtig werden, wenn sie der durchtrainierte Körper dehnt. „Das muss ein Material aus der Weltraumforschung sein“, denke ich und versuche trotz meiner heraushängenden Zunge und meiner animalischen Geilheit, die nötige Contenance zu bewahren.

Als ich endlich mein Ziel erreich habe und das Band zum Stillstand bringe…

Als ich endlich mein Ziel erreicht habe und das Band zum Stillstand bringe, schnaufe ich tief durch und glotze weiterhin auf die sich schnell bewegenden Arschbacken der blonden Amazone, vor mir. Beton lässig, schwinge ich sodann mein Handtuch über die Schulter, schlendere so cool es mir mit den schmerzenden Beinen möglich ist, an den geilen Hintern vorbei und schenke dem dazugehörigen Gesicht mein freundlichstes aber anzüglichstes Lächeln und ernte dafür den ausgestreckten Mittelfinger, der Göttin in Pink. Fuck.

Nach dieser Niederlage, gebe ich mich für heute geschlagen, beschließe aber am nächsten Tag, um die gleiche Uhrzeit wiederzukommen. Instinktiv erhoffe ich mir, dass die Blondine mit der engen Hose wieder da ist. Ich mag es, wenn Frauen ihre Krallen ausfahren und lächele, während ich langsam die Treppen zur Umkleide hoch schleiche. Oben angekommen stelle ich erleichtert fest, dass die Reinigungsfrau tatsächlich nicht mehr da ist. Der Tag scheint also doch nicht so schlecht zu werden, wie es den Anschein gemacht hat. Ich ziehe mich aus, reinige meinen schmerzenden Körper unter der Dusche und fühle mich, nach der Reinigung, erfrischt und vital wie niemals zuvor. Beim Anblick meines nackten Körpers im Spiegel der Umkleide, scheint es mir, als hätte sich der Umfang meines stattlichen Bauches tatsächlich schon ein wenig verringert, doch mein Gehirn trübt meine Freude, indem es mir sagt, das ich mich täusche.

Trotzdem bin ich stolz auf mich und bringe…

Trotzdem bin ich stolz auf mich und bringe, als ich wieder angezogen bin, die wenigen Haare auf meinem Kopf, mit einem Kamm wieder in Form. Danach steige ich die Treppen herunter erhasche einen letzten Blick auf meinen „Crush“, wie die heutige Jugend wohl sagen würde und beobachte wie die Frau, die gefühlt zwanzig Jahre jünger ist als ich selbst, ihre Brustmuskulatur auf dem Butterfly in Form bringt. Gerne würde ich eine Kusshand zuwerfen, oder ihr zumindest zuwinken, verzichte aber darauf als ich ihren bösen Blick sehe, den sie aufgesetzt hat, als sie mich erblickte.

Ein bisschen frustriert, aber dennoch stolz auf meine sportliche Betätigung und mit der vollen Überzeugung in der Brust, dass ich die junge Frau in den nächsten Tagen wiedersehen werde, verlasse ich den Fitness-Tempel. Gemütlich schlendere ich über den Parkplatz zu meinem Auto, betätige die Zentralverriegelung und schmeiße lässig meine Sporttasche in den Kofferraum des SUVs. Mit der linken Hand öffne ich sodann die Fahrertür, schwinge meine Hintern lässig in die Furzkuhle des Fahrersitzes, schnalle mich an und starte mein Fahrzeug. Erst jetzt, entdecke ich das Knöllchen, das hinter den Scheibenwischer meine Windschutzscheibe, geklemmt ist, bringe den Motor wieder zum Stillstand und steige aus.

Der Blick auf den Betrag, den ich blechen soll…

Der Blick auf den Betrag, den ich blechen soll, weil ich keine Parkscheibe in mein Vehikel gelegt habe, bringt mich zum erschaudern. 30 Euro soll ich überweisen und das bitte schnellstmöglich, muss ich lesen und kann aus den Augenwinkeln erkennen, wie eine junge Frau, mit perfekten Körper, der auf dem Butterfly gestählt wird, lauthals zu lachen scheint, während sie in meine Richtung schaut. Wahrscheinlich kann sie sogar aus der Ferne, durch die Glasfassade der Fitnessbude erkennen, wie dem alternden Idioten, der sie gerade noch dämlich angemacht hat und lüstern ihren Körper begutachtete, sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen ist.

Wütend schmeiße ich den Schrieb auf den Beifahrersitz, starte erneut den Motor und brause vom Parkplatz. Verflogen ist all die Freude über meinen gestählten Körper. Verflogen ist die Vorfreude auf dem morgigen Tag, den ich wieder hier verbringen wollte. Unsympathisch erscheint mir die junge Fitness-Göre, mit ihrem leckeren Figürchen nun und egal ist mir meine fette Wampe. Tatsächlich spiele ich mit dem Gedanken, den ganzen Mist einfach ad acta zu legen und noch heute meine Vertrag, den ich mit Herrn Schaller geschlossen habe, zu kündigen, gestehe mir aber das Recht zu, mindestens noch eine Nacht drüber zu schlafen.

Urlaub auf Balkonien

Nichts ist schöner als die Sommerabende auf dem eigenen Balkon, unter dem Sonnenschirm mit einer kühlen Maurerbrause in der Hand zu verbringen und den Tag ausklingen zu lassen. Ein unverbauter Blick auf einen zehn Meter breiten Wiesenstreifen, mit einer großen alten Birke, die Häuserwand des Nachbarhauses und deren Mülltonnen davor, lässt einem die trüben Gedanken, an die hassenswerte Maloche, am dritten Tag des absolut verdienten Urlaubs, endgültig vergessen. Wenn dann noch drei bis fünf von den dicken, billigen Bratwürstchen und den leckeren abgepackten Nudelsalat, im Plastikeimer, aus dem hiesigen Discounter von der Dame des Hauses kredenzt werden, ist das Leben wieder in Ordnung.

Damit der herzhafte Fraß noch besser mundet, wird nach jedem Bissen eilig ein riesiger Schluck des Bieres, aus der Plastikflasche, in den Hals geschüttet und danach ein donnernder Rülpser in die Abendluft entlassen. Ist der Mann endlich, nach dem dritten Teller, gesättigt wird geschwind der Gürtel und der Knopf der abgewetzten, gammeligen Jeanshose geöffnet, damit noch ein paar Bier in Schlund gekippt werden können. Dabei raucht er, wie immer, eine Roth-Händle ohne Filter, verweilt regungslos in dem gepolsterten Kunststoffstuhl, und richtet seinen trüben, glasigen Blick auf die Mülltonen des Hauses gegenüber.

Hier herrsch wie jedem Abend ein reges Treiben…

Hier herrscht wie jedem Abend ein reges Treiben, das der Wohnungsinhaber aus dem Erdgeschoss des Sozial-Baus wie kein anderer kennt. Zuerst, so um viertel nach sechs, taucht der senile Opa aus der dritten Etage vor den Containern auf. Wie immer schlurft er in Pantoffeln und Bademantel auf die Unrat-Behälter zu und hält dabei drei Plastiktüten, die alle eine andere Farbe haben, zum Entsorgen in der rechten Hand bereit. Als Erstes wird die dunkelbraune, blickdichte Tüte, die einem stark an den letzten Besuch im Pornolädchen um die Ecke erinnert, entleert. Das innere, wie Kartoffelschalen, Blumenerde, Kaffeesatz, altes Obst und alles andere, was irgendwie verfaulen könnte, wird dann mit der bloßen Hand aus der Tüte in den braunen Container verbracht. Ist der Beutel leer werden die besudelten Hände am karierten Bademantel abgewischt und der leere Beutel in die Tasche des selbigen gesteckt!

Danach ist die Aldi-Tüte an der Reihe. Hier drin befinden sich alte Zeitschriften und eine Sammlung unendlich vieler Werbeprospekte, die der Alte anscheinend für alle anderen Bewohner des Hauses sammelt um sie, von Ihnen unentdeckt, nun eiligst den Papiercontainer zuzuführen. Bevor der Papiermüll allerdings den Weg in die Tonne findet, wird das Altpapier, das sich bereits im Container befindet, genauestens unter die Lupe genommen. Tatsächlich findet der alte Mann gelegentlich ein abgenutztes Wichsheftchen, das dann schnell in den Hosenbund der Jogginghose, nicht ohne sich vorher umgesehen zu haben, gesteckt wird. Doch heute geht der Mann leer aus und dem stillen Beobachter vom Balkon tut der alte, geile Bock ein wenig leid. Zuletzt wird, die noch verbliebene Lidl-Tüte entleert und der Mann macht sich mit hängendem Kopf wieder zurück in seine Wohnkaschemme.

Als nächstes betritt Fred die Bühne…

Als nächste betritt Fred die Bühne. Fred ist Mitte vierzig, arbeitslos und sieht aus, als hätte er bereits die besten Zeiten seines Lebens hinter sich. Die Haare sind fettig und die Klamotten triefen vor Dreck, aber Fred macht das nichts aus. Fred lässt sich, solange noch ein paar Dosen Bier im Kühlschrank sind und der billige Fusel im Barschränkchen noch nicht komplett zur Neige gegangen ist, von Nichts und niemanden die Laune verderben. Nicht einmal die nervigen Gänge zum Jobcenter und die unzähligen Bewerbungen, die er gezwungenermaßen mit einigen Rechtschreibfehlern und ein paar Fettflecken frisiert, bringen ihn aus der Ruhe. Wie immer kommt er grinsend um die Ecke, winkt den lauernden Detektiv auf Balkonien freundlich zu, reißt den Deckel zur Restmülltonne auf und wirft beschwingt den riesigen blauen Müllsack, im hohen Bogen, ins Innere und kippt dabei, alkoholbedingt, fast aus dem Latschen. Immer noch gewinnend lächelnd, entblößt Fred seine verfaulten, schiefen Zähne und verschwindet, genauso schnell wie er gekommen ist, wieder von der Bildfläche.

In der nächsten Stunde passiert nicht viel und der Mann im Urlaub vertreibt sich die Wartezeit mit trinken und rauchen, währenddessen seine übergewichtige Göttergattin klappernd die Stricknadeln aneinander schlägt und dabei täglich bis zu drei Kilo Wolle in Pullover, Schals und Pudelmützen verwandelt. Während langsam die Sonne untergeht, streift eine braun-gescheckte Katze über die Wiese und versucht tollpatschig eine Meise zu überrumpeln, gibt aber nach dem vierten Versuch auf und verschwindet in ein nahegelegenes Gebüsch. Nach der siebten Flasche Bier, der Mann kann schon kaum noch gerade aus gucken, ist es endlich so weit. Lange musste er heute warten und er wollte schon aufgeben, doch endlich betritt die hübsche Studentin, Tina, den Weg und steuert die Mülltonnen an. Die warme Sommerluft hat sie heute in ein Neon-gelbes Top, mit unnatürlich großen Ausschnitt und eine Hot Pants, die aus mehr Löchern als Stoff zu bestehen scheint, gezwungen. Der wenige Stoff endet knapp unter dem Arsch der Blondine und bietet einen erotisierenden Anblick auf ganz viel Haut.

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist…

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist, trägt sie ihren, wenigen, Müll auch heute in einer braunen Papiertüte zum Mülleimer. Langsam, mit wippenden Busen und kreisenden Hintern, schlendert sie den kleinen Weg entlang und jede ihrer Bewegungen brennt sich auf die Netzhaut des besoffenen Spanners im Urlaub. Als sie den Container erreicht und mit der freien Hand, ein wenig unbeholfen, den Deckel öffnen will reißt der Papierbeutel und entleert seinen Inhalt auf den Boden. Fluchend schmeißt sie die nun leere Papiertüte in den Altpapiercontainer und macht sich danach daran den Müll vom Boden aufzusammeln.

Mit offenem, sabberndem Mund erhascht der Urlauber nun gelegentliche Blicke auf den prallen Hintern und ins Dekolleté der Blondine und schätzt dabei, unterbewusst, die Körbchengröße der Kommilitonin, mit der runden Harry-Potter-Brille, auf Doppel D. Nur der kräftige Schlag einer wurstigen Hand, in den Nacken des brünstigen Ehegatten, verhindert eine spontane Erektion beim Malocher im wohlverdienten Urlaub. So muss er auch heute den Blick abwenden, den Balkon verlassen und nach einem zünftigen Ehestreit seinen Rausch ausschlafen um nach süßen Träumen, am nächsten Urlaubstag wieder den Balkon zu betreten, um zu beobachten, um zu staunen und um in seiner Fantasie ein nettes Schäferstündchen, mit der prallen Blondine, mit der Harry-Potter-Brille, zu verbringen.

Das neue Gewand

Neulich, es ist gar nicht lange her, da bin ich in einen Laden gegangen. Einen mit enorm viel Auswahl an den verschiedensten Kleidungsstücken. Einen von den ganz großen, die es bei uns in der lokalen Einkaufsstraße gibt. Den Laden habe ich mir explizit ausgesucht, denn ich hoffte in den vielen Menschen unterzugehen. Dort war eigentlich immer viel los aber besonders um jene Jahreszeit. Ich wollte nicht auffallen, während ich nach neuen Klamotten stöberte und unbedingt einer Beratung durch das Verkaufsfachpersonal entgehen und witterte meine Chance im vorweihnachtlichen Trubel.

Aber im Grunde war es die Notwendigkeit, die mich nicht nur vor die Tür, sondern in genau diesen Laden zwang. Ich besitze zwei Jeanshosen, die ich täglich trage und die langsam aber sicher verschlissen sind. Immer im Wechsel. Eine dunkler, eine heller, ansonsten sind sie baugleich, um es mal im Jargon eines Arbeiters zu sagen. Die gleiche Marke, der gleiche Schnitt und auch der gleiche Preis. Beide wurden am selbigen Tag angeschafft und die vorherigen zwei, am gleichen Abend in die Tonne geschmissen. So bin ich jahrelang gut gefahren und genau so soll es bleiben. Auf gar keinen Fall anders.

Ich liebe die Konstanz…

Ich liebe die Konstanz. Es ist mir wichtig, das alles seinen geregelten Lauf nimmt. Auch will ich immer sauber sein, nicht nur am Körper, sondern auch die Klamotten müssen dezent nach parfümierten Waschmittel duften. Ich will nicht abgestempelt werden. Ich will ein gut riechender, sauber gekleideter Normalmensch sein und nicht aus dem Rahmen fallen, wie beispielsweise mein Nachbar aus der vierten, mit dem Ring in der Nase und den vielen Tätowierungen an den Armen. Wie ein Verbrecher sieht er aus. Wie einer, den man Abends nicht über den Weg laufen möchte. Ich bin jedes Mal aufs neue erstaunt, wenn er mich Abends im Hausflur freundlich grüßt und dabei lächelt. Diese Verhaltensweise wird aber nur eine Masche sein, denn es ist ja hinlänglich bekannt, dass selbst der Teufel sich gut verstellen kann, wenn er nach seinem nächsten Opfer fahndet.

Im Übrigen verfahre ich nicht nur mit den Hosen so. Auch Pullis, Hemden, Shirts, Pyjamas Unterhemden, Pullunder, Strickjacken, Unterhosen und Socken sind nicht nur abgezählt, sondern auch farblich mit den anderen Klamotten abgestimmt. Kombiniert werden diese immer gleich. Keinerlei Abweichungen duldet mein ausgefeiltes System, das ich an einer der Türen, im inneren des penibel aufgeräumten Schrankes, angebracht habe.

Der Laden war wirklich sehr voll…

Der Laden war wirklich sehr voll. Niemand sprach mich an und keiner beachtete mich. Genauso wie ich es wollte. Langsam aber zielstrebig näherte ich mich der Herrenabteilung in der dritten Etage. Auf der Rolltreppe vermied ich weitestgehend das Anfassen des gummierten Handlaufs und jegliche Berührung anderer Personen. Es war nicht einfach. Viele der Menschen drängten unbedarft und ohne jegliche Rücksicht auf die stählernen Treppenstufen der Rolltreppe. Irgendwie kam ich dennoch an und hatte auch dort oben noch immer das Gefühl nicht kontaminiert zu sein. Trotzdem nahm ich mir vor, daheim direkt unter die Dusche zu gehen und den unsichtbaren Dreck mit kochend heißem Wasser abzuwaschen, bis meine Haut rot würde, von der Hitze.

Die Auswahl war einfach überwältigend. Hunderte, ach was sage ich, tausende Jeanshosen werden hier gelagert und zum Verkauf feilgeboten. Einen geraden Schnitt sollten die zwei Hosen haben, die ich kaufen würde. Ich gehe nicht mit der Mode. Aus diesem Alter bin ich raus, sage ich mir immer. Dreißig Jahre bin ich alt. Zwar noch jungfräulich, aber Weise genug um entscheiden zu können, was gefällt und was nicht. Auch bei Frauen kenne ich durchaus meinen Geschmack, allerdings hatte ich bisher nicht die Traute, einer jungen Dame ein Auge zuzukneifen oder sie sogar anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen.

Trotz der immensen Auswahl hatte ich…

Trotz der immensen Auswahl hatte ich recht schnell eine Hose gefunden, die mir zusagte. Es ist definitiv einfacher eine Jeans zu kaufen, als eine Frau ins Bett zu bekommen, dachte ich, während ich die Hose an meine Beine hielt, um zu begutachten, ob sie passen würde und lachte innerlich bitter auf. Ich fand auch eine zweite, von der gleichen Sorte, die ein bisschen dunkler war und triumphierte über all die elenden Loser, die stundenlang den Laden durchforsteten, sich nicht entscheiden konnten und frustriert, ohne irgendetwas gekauft zu haben, nach Hause gingen. Da ich nun wusste, dass ich diese Tortur im Laden bald überstanden hatte, lächelte ich und machte mich auf den Weg zur Kasse.

Ich überwand das Warten in der Schlange, vor der Kasse, ohne Berührungen. Auch der Kassiervorgang selbst, ging erschreckend einfach vonstatten. Ich schaute der jungen, hübschen Kassiererin nicht ins Dekolleté und vermied auch den direkten Blick in ihre wunderschönen, strahlend blauen Augen. Mit zarten, gepflegten Händen stopfte sie behutsam meine neuen Hosen, mit einer eingeübten Bewegung, in die Plastiktüte. Danach schob sie auch den Einkaufsbon hinterher, lächelte mich an und wünschte mir einen schönen Tag. Ehrlicherweise, war ich hin und weg von der blonden Schönheit hinter der Kasse von C&A.

Als ich den Laden verlassen hatte…

Als ich den Laden verlassen hatte, hätte ich eigentlich glücklich sein sollen. Ich hatte bekommen was ich wollte. Ich hatte es wieder einmal geschafft einen Tag zu verbringen, an denen ich allen Menschen weitestgehend aus dem Weg gegangen war. Ich würde meinen Schrank wieder füllen können, mit zwei neuen Hosen, die aussahen wie die Alten, aber brandneu waren. Mein System würde aufrechterhalten bleiben und das Konstrukt meines Lebens würde nicht ins Wanken geraten. Ich war der normalste, sauberste, gepflegtester, wahrscheinlich penibelste Mann auf Gottes Erden, aber ich war nicht glücklich und hatte eine vage Vorstellung davon, warum es so war.

In den folgenden Tagen ging es mir nicht gut. Ich konnte schlecht schlafen, ich hatte keinen Hunger und keinen Durst. Die Hosen, die ich gekauft hatte, lagen noch immer unangetastet in der Kunststofftüte und ich trug weiterhin die verschlissenen. Ich verließ die Wohnung nur dann, wenn es wirklich nicht anders ging. Ich musste wieder klarkommen, mit dem Leben, mit mir und mit allem anderen auch. Irgendwas war geschehen im Kaufhaus, doch es war für mich noch nicht greifbar.

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen…

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen. In dieser relativ kurzen Zeit habe ich zwölf Kilogramm abgenommen, weil ich so wenig gegessen habe. Die neuen Hosen passten nicht mehr. Ich packte sie also wieder in die Tüte und machte mich auf den Weg in die Stadt, um in den Laden zu gehen und die Hosen umzutauschen. Ich wollte dies unbedingt, bei der gleiche blonden Dame, bei der ich sie auch bezahlt hatte, erledigen. Ich nahm mir vor zu lächeln, ihr dabei in die Augen zu schauen und ihr ein Kompliment zu machen.

Als ich im Laden ankam, traf ich sie tatsächlich an. Wieder an der gleichen Stelle, in der dritten Etage, hinter der Kasse und freundlich lächelnd. Ich liebte sie alleine für die Tatsache, dass sie wieder genau dort stand. Es war ihre Stelle. Niemand anderer sollte dort stehen. Nur die namenlose Blondine, in der ich mich verliebt hatte, beim Bezahlen zweier Hosen, die ich niemals getragen hatte. Als ich die etwas kürzere Schlange hinter mir gelassen hatte und ich vor ihr stand, bemerkte ich, dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich tauschte die Hosen um, bekam mein Geld zurück, schaute ihr nicht in die Augen und machte ihr kein Kompliment.

Wieder ging ich nach Hause…

Wieder ging ich nach Hause und war unglücklich. Ich hatte versagt, auf ganzer Stelle. Ich hatte weder neue Hosen, noch eine Frau mit nach Hause gebracht. Ich war ein elender Loser und nahm mir vor nie wieder in den Laden zu gehen. Ich nahm mir weitergehend vor, nie wieder zu Essen und genau das tat ich dann auch.

Heute sitze ich hier im großen Garten der Anstalt, schaue den anderen Patienten beim Spielen zu und lasse mir die Sonne auf den Kopf scheinen. Ich bin dünn geworden, habe eingefallene Wangen und trage eine beschissene Jogginghose, die nicht zum Oberteil passt. Ich stinke unter den Achseln, bin nicht sauber und meine Klamotten duften nicht dezent nach parfümierten Waschmittel, sondern muffeln.

Ein wenig Speichel läuft mir…

Ein wenig Speichel läuft mir am Kinn herab. Das kommt von den Medikamenten, die sie mir täglich verabreichen. Sie machen, dass ich Appetit bekomme und wieder esse. Die Tabletten sind es, die mich vergessen lassen das ich mein Leben nicht auf die Reihe bekommen habe. Doch manchmal, wenn die Wirkung nachlässt komme ich ins Grübeln, so wie jetzt. Dann fällt mir auch wieder ein, wer es damals war, der die Tür eingetreten hat. Es war der verwegen aussehende Mann aus der vierten Etage, als ich nicht auf sein Klingeln reagierte. Der Mann mit dem Ring in der Nase. Er war es auch, der die 112 wählte, als er mich auf dem Bett liegend, fast verhungert, fand.

Er besucht mich noch heute. Ich aber sehe keinen Grund dankbar zu sein. Im Gegenteil. Ich hasse ihn, weil er es ist der nicht normal ist. Ich spreche nicht mit ihm. Ich reiche ihm nicht die Hand zur Begrüßung. Ich rede auch nicht mit ihm und trotzdem kommt er immer wieder und hält meine Hand. Er müsste hier sitzen. Er müsste hier sitzen und nicht ich, denke ich, während mir eine einzelne Träne die Wange herunterläuft, sich mit dem Speichel vermischt und auf den hässlichen Pullover tropft, der nicht zur Hose passt.

Gescheitert und doch gewonnen

Ich wusste es schon morgens. Ich spürte es, sobald ich den ersten, nackten Fuß auf den billigen Laminatboden gesetzt hatte. Es war ein Tag, an den man sich später, wenn man sein Leben subsumiert, erinnern wird. Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, warum ich damals schon morgens spürte, dass mir an diesem einen, wegweisendem Tag, so viel Elendes und doch wunderbares passieren würde.

Eigentlich war alles wie immer. Ich bin aufgewacht in meinem kleinen, unaufgeräumten Zimmer, hatte eine Morgenlatte und stolperte nacktem Fußes aus dem Bett. Ich musste zur Schule, war schon spät dran und meine Hausaufgaben schlummerten noch unangetastet im zerfledderten Rucksack. Doch die Aufgaben bereiteten mir keine Sorge. Mehr hatte ich Angst davor, den weiten Weg zu Fuß bestreiten zu müssen, wenn ich es nicht rechtzeitig in den völlig überfüllten Bus schaffte, der hier am Arsch der Welt, nur jede Stunde fuhr.

Ich beeilte mich also…

Ich beeilte mich also. Nachdem ich zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster geschoben hatte, hielt ich meinen Kopf unter Wasser, rubbelte mir fahrig die Zähne sauber und schaffte es sogar noch eine frische Unterhose über den Hintern zu ziehen und mit dem Deo-Roller den herben Moschus-Duft eines Teenagers, unter den Achseln, zu übertünchen. Dann verschlang ich die Toast-Scheiben, auf denen ich je zwei Scheiben Salami aus der Plastikverpackung drapiert hatte und sprang in meine Klamotten.

Hurtig verließ ich mit geschultertem Rucksack die Wohnung, ließ die Tür ins Schloss fallen und vergaß auch nicht die selbige mit meinem Schlüssel, zweifach, zu verriegeln. Meine Eltern legten gesteigerten Wert auf das Verschließen der Wohnungstür, denn sie hatten nahezu Panik vor einem Einbruch in unsere vier Wände. Das hier, bei uns nichts zu holen war und selbst die Diebe – wenn es denn hier welche gab – in dieser Einöde bessere Baracken vorfinden würden, ließen sie in ihren Überlegungen, unverständlicherweise, nicht mit einfließen.

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren…

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren. Ich musste zur Bushaltestelle, und zwar schnell. Mir blieben nur wenige Augenblicke bis der Bus hier vorbeisausen würde. Er würde nicht halten, wenn ich nicht dastand und wartete, am Häuschen mit dem „H“ auf dem Dach und den vielen Aufklebern und Graffiti im Inneren. Er würde auch dann daran vorbeifahren, wenn ich angerannt kam und mit den Armen, auf halber Stecke, wedelte um den Fahrer zu bedeuten das auch ich mich anschickte mitzufahren. Der Angestellte hinter dem Lenkrad war ein Arschloch und hatte Freude daran zu sehen, wie eine Nulpe wie ich, auf der Stecke blieb.

Ich blieb auf der Stecke. Der Stricher mit Oberlippenbart fuhr an mir vorbei, während ich wie ein Verrückter auf dem Trottoir auf die Bushaltestelle zuhielt, mit den oberen Extremitäten fuchtelte und vor Anstrengung schwitze. Ich könnte schwören, dass ich ein Lächeln auf seinen schmalen Lippen erkennen konnte, während er an mir vorbeibrauste. Abrupt blieb ich stehen, warf vor Wut meinen Rucksack auf den Boden, hob meinen mittleren Finger in die Luft und schaute den sich schnell entfernenden Omnibus, mit Gelenk in der Mitte, hinterher.

Als ich mich wieder beruhigt hatte…

Als ich mich wieder beruhigt hatte, hob ich meinen Rucksack auf und machte mich zu Fuß auf dem Weg zur Penne. Das Gebäude in das eine wahrer Rebell, wie ich es einer werden wollte, niemals freiwillig gehen würde, war knapp fünf Kilometer entfernt. Auch dann, wenn ich einen strammen Schritt an den Tag legte, würde ich zu spät erscheinen und ein Eintrag ins Klassenbuch kassieren. Wenn der alte Sack, der sich tagein und tagaus vor der Tafel breit macht einen schlechten Tag hatte, auch mehr. Ein Anruf oder ein Brief, der unterschrieben zurückgebracht werden musste, waren hier die Mittel, die der Pädagoge zur Erziehung heranzog.

Ich ließ es also langsam gehen. Brachte sowieso nichts. Eine halbe oder eine ganze Stunde später machten den Braten nicht fett. Ich schlenderte also den Gehweg entlang und konzentrierte mich darauf nicht erneut ins Schwitzen zu geraten. Ich hatte vor, nach der ersten Schulstunde zu erscheinen. Der perfekte Augenblick um der Moralpredigt von dem Geschichtsunterricht-Pauker, der seine Arme immer so unmenschlich verbog, zu entgehen.

Als ich an der Unterführung vorbeikam…

Als ich an der Unterführung vorbeikam, die zum Innenhof eines Wohnkomplexes führte, hörte ich lautes Gelächter. Ich blieb stehen, hielt inne und horchte erneut. Wieder drang dieses Lachen, das die pure Freude auszustrahlen schien, an mein Ohr. Ich konnte nicht anders. Ich musste nachschauen, wer dort, um diese Uhrzeit so gute Laune hatte, auch wenn ich damit billigend im Kauf nahm noch später zur Schule zu kommen. Es würde nicht lange dauern, sagte ich mir. Nur kurz nachschauen. Einen Blick werfen auf den oder die glückliche Frohnatur um sodann wieder weiterzuziehen.

Ich straffte meine Schultern, zog den Kragen hoch und durchquerte entschlossen die Unterführung. Hier war ich noch nie. Ich hatte einfach nie einen Grund, hier entlang zumarschieren. Meistens fuhr ich mit dem Bus, der eine andere Strecke nahm und wenn ich doch mal zu Fuß ging, hatte ich es eilig. Doch heute war es anders. Der Tag heute war besonders. Ich wusste es jetzt, in diesem Augenblick als ich sah was sich im Innenhof befand, ganz genau. Ich blickte auf einen Spielplatz, doch der war es nicht der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war die Gruppe junger Menschen – kaum älter als ich – die sich auf der Tischtennisplatte bequem gemacht hatten, rauchten und lachten.

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe…

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe. Man war angeraten behutsam vorzugehen. Es gab durchaus Einige hier in der Gegend, die der Schule verbotenerweise fernblieben. Die meisten von ihnen waren kleine Ganoven. Immer darauf aus, Gruppenfremden und Andersdenkenden schmerzen zuzufügen. Viele hatten ein Butterfly-Messer in der Tasche, andere eine Dose CS-Gas. Doch diese Menschen waren anders. Ich spürte es immer deutlicher, während ich mich ihnen langsam näherte.

Man lächelte mich freundlich an. Es waren fünf Personen, die dort um den Tisch standen, oder auf ihm saßen. „Komm doch näher und setz dich zu uns“, hörte ich einen von ihnen sagen. Ich tat wie geheißen und stellte mich vor. Wieder lächelten alle und ich wusste das ich hier richtig war. Ich ließ meinen Rucksack nieder und ahnte, dass es doch länger dauern würde. Ich konnte nicht so schnell wieder gehen wie ich gekommen war. Die Gruppe hatte mich aufgenommen, binnen weniger Augenblicke und ich fühlte mich wieder wie der kleine Junge, auf Mamas Schoß.

Sie ließen einen Joint kreisen…

Sie ließen einen Joint kreisen. Ich war entsetzt. Es war doch erst morgens um kurz nach acht. Als ich an der Reihe war, schüttelte ich den Kopf, aber das schwarzhaarige Mädchen mit den Mandelaugen nickte mir aufmunternd zu und zeigte beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne. Ich konnte nicht Wiedersprechen. Ich hatte keine Wahl. Ich war geliefert und inhalierte das Marihuana tief und gab den Joint dann weiter. Alle strahlten mich an und ich funkelte zurück. Es dauerte nicht lang bis ich wieder am Zug war. Dieses Mal lehnte ich nicht ab. Nach diesem, zweiten Zug lachte ich laut auf. Ich konnte nicht mehr aufhören, denn es war genau dieses Lachen, dass mich zum Innehalten auf dem Schulweg gebracht hatte.

Es hörte sich nicht nur so an. Es war genau dasselbe Lachen. Ich wusste es, doch kam nicht dahinter, wie dies möglich war. Ich zermarterte mir den Kopf, aber die zündende Idee wollte einfach nicht kommen. Dieses, mein eigenes Lachen, hatte mich zum Kiffer gemacht. Dieses Lachen, das ich nie mehr gelacht habe, aber immer noch genau weiß, wie es klang. Auch heute, fast dreißig Jahre danach muss ich daran denken, wenn ich am späten Abend am Strand sitze, den Wellen zuhöre genüsslich am Joint ziehe und in die Mandelaugen meine schwarzhaarigen Frau sehe und sie mir beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne zeigt.

Gefangen auf dem Frisierstuhl

Immer wenn wir Menschen nicht wissen über was wir wirklich reden sollen, betreiben wir Smalltalk. Häufig sinnfreies Geschwätz mit unbekannten oder Kollegen über das Wetter, den hiesigen Fußballverein oder andere Belanglosigkeiten. Smalltalk ist immer unverbindlich und dient lediglich ein sonst eher unangenehmes Schweigen oder eine unvermeidliche Wartezeit zu überbrücken. In Raucherecken, an Bus- und Bahnhaltestellen, in der Schlange an der Supermarktkasse, im Warteraum des Arztes, beim Friseur und an vielen anderen Orten, an denen sich fremde Menschen begegnen, kommt er zur Anwendung.

Die für mich privat wohl schlimmste Form…

Die für mich privat wohl schlimmste Form des Smalltalk ist der beim Friseur. Gefangen auf dem Frisierstuhl, mit einer Decke behängt, schnattert die Gans, mit der klappernden Schere, ohne Punkt und Komma auf mich ein. Entweder erzählt sie aus ihrem Privatleben, das mich nicht die Bohne interessiert, oder bombardiert mich mit Fragen über mein eigenes. Ob ich denn heute freihatte, was ich heute noch vorhabe, ob ich schon Weihnachtsgeschenke gekauft habe, ob ich denn Haustiere (wie sie selbst) habe, was ich beruflich mache, wie viel Kinder ich habe, ob ich regelmäßig Stuhlgang habe und ob ich mir vorstellen könnte irgendwann einmal auszuwandern. Ich antworte dann immer möglichst einsilbig und betont gelangweilt, um ihr deutlich zu machen, das ich auf diese Art der Konversation nicht erpicht bin, doch ihre zwei, maximal drei grauen Zellen weigern sich vehement meiner unausgesprochenen Aufforderung, den Mund zu halten, nachzukommen. Wirklich sinnvolle Fragen über die Dienstleistung, die hier angeboten wird, bleiben meist komplett aus.

Trotz alledem beherrscht die Tussi…

Trotz alledem beherrscht die Tussi, mit der etwas zu engen Hose und dem zu tiefen Dekolleté, ihr Handwerk perfekt. Meine kurzen, präzisen Anweisungen, wie das Haar geschnitten werden soll, kommt sie in Windeseile nach. Ein bisschen Rasieren hier, die Länge kürzen da und auch die gezackte Schere, zum ausdünnen der Haare, kommt mit flinken Fingern zum Einsatz. Nach knapp 15 Minuten habe ich die Prozedur, inbegriffen des obligatorischen Waschens der Haare vor dem eigentlichen Schneiden, überstanden. Der Blick in den Runden Spiegel, der mir das Ergebnis von allen Seiten präsentiert, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. An der Kassentheke zahle ich den geforderten Betrag ohne Murren und gebe artig ein, nicht übermäßiges aber angemessenes Trinkgeld und lasse mir einen Stempel auf ein Kärtchen, das mir den zehnten Haarschnitt für Lau einbringt, geben. So werde ich wohl auch das nächste Mal wieder auf dem gleichen Frisierstuhl Platz nehmen, das unangemessene Geschwafel ertragen, den einen oder anderen verstohlenen Blick, durch den Spiegel, auf ihren ausladenden Busen werfen und hinterher trotzdem gut gestylt und fröhlich den Laden verlassen.

Die schönste Nebensache der Welt

Es ist schon mehr als verwunderlich. Es ist einfach nicht normal, irgendwie vom anderen Stern und ein Fehler in der Matrix. Da laufen elf Jungs, die gerade einmal der Pubertät entsprungen sind, auf dem Platz herum und haben die Aufgabe ein rundes Leder, möglichst geschickt im Tor der gegnerischen Mannschaft zu platzieren. Wichtig ist den Kickern dabei, dass die atemberaubende Frisur, die man selbst beim Nobelfriseur nur unter der Hand bekommt, auch nach und während der sportlichen Betätigung noch gut liegt. Damit die Frisur wirklich so bleibt, wird vor dem Spiel ein Gemisch aus Haarspray, Haarwachs, Haargel und eine geheime Substanz zusammengemischt und ins Haupthaar einmassiert. Die Herstellung und Zusammensetzung dieser Tinktur ist äußerst schwierig und wird ausschließlich in einem der vielen Fußballinternate geleert. Weitergehend ist es wichtig, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers an diversen Stellen mit Tattoos versehen ist, denn nur so ist es dem Balltreter möglich auch in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abzugeben und die Zahl, seiner unterbelichteten Follower, über die Demarkationslinie zu manövrieren.

Interessant ist, dass der Fußball auch in Sachen Bezahlung völlig anderes umgeht als jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Hier bekommt nämlich der Chef der Truppe, also der Trainer, nur ein Bruchteil dessen was der kleine Arbeitnehmer an der Bälle-Front verdient. Adaptiert auf ein kleines mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal in der Metallindustrie, würde das bedeuten, das montagmorgens der Dreher, der Schlosser und all die anderen Schergen mit ihren Porsches und Ferraris auf den Firmenparkplatz brausen und ihre Nobelkarossen auf die reservierten Parkplätze bugsieren und der Chef in einem zehn Jahre alten Opel Corsa auf das Gelände rollt. Diesen stellt er dann auf einen der hinteren Plätze, des Firmengeländes, weit weg vom Eingang der Ballerbude, unter einem der Bäume, dort wo einem immer die Vögel auf die Karre scheißen und schleicht mit gesenktem Blick ins Gebäude.

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack…

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack, zumindest was das optische Erscheinungsbild ihrer Begleiterinnen angeht. Aufgrund der immer gut gefüllten Brieftasche vom Kicker, bekommt auch der hässlichste Vogel in der Bundesliga eine Dame ab deren Figürchen durchaus, als Lecker zu bezeichnen ist. Tatsächlich sehen die meisten der Spielerfrauen dermaßen gut aus, das sie irgendeinen Job als Model oder Schauspielerin abgreifen konnten und dass in den meisten Fällen sogar ohne den kleinen Umweg über die Besetzungscouch zu nehmen. Selbst wenn am Abend die Schminke aus dem Gesicht geschabt wurde und sich das holde Weibchen, nackt wie Gott sie schuf, für den unausweichlichen Paarungsakt mit dem krummbeinigen Ballsportler auf die Chaiselongue niederlegt, ist der Kicker in der komfortablen Situation, auch beim Liebesspiel in der Missionarsstellung, das Gesicht der Gespielin nicht mit einem Handtuch abdecken zu müssen.

Selbst ein mittelmäßiges Spielerexemplar bekommt wöchentlich, im Durchschnitt, ungefähr die gleiche Kohle, die der kleine Malocher an der Werkbank im Jahr kassiert und das völlig zurecht. Ist der Spieler doch dermaßen hohen Belastungen ausgesetzt, die nur durch übermäßig viel Geld zu kompensieren sind. Darunter zählen die dauerhafte Trainings- und Spielbelastung, Reisebereitschaft im Privatjet und Unterbringung im Nobelhotel, Massagen und die beste ärztliche Betreuung, die es in der Bundesrepublik zu haben gibt, ausgewählte und exquisite Speisen, die von einem Sternekoch zubereitet werden, dauerhafte Avancen von willigen und hübschen Frauen und eine überdurchschnittliche Belastung der Schreibhand durch ständiges Unterschreiben von Kärtchen, mit eigenem Konterfei und vieles mehr. Bei diesem physischen und psychischen Stress verzeiht der geneigte Fan auch schon mal den einen oder anderen Fehltritt abseits des Platzes, des angebeteten Spielers. Dönerweitwurf im Delirium, jahrelanges Fahren ohne Führerschein in der Tasche, Pinkeln in der Hotellobby und das Vögeln von minderjährigen Prostituierten, die man extra für den Beischlaf hat einfliegen lassen, sind da nur einige wenige Beispiele. Dem Fan macht es nichts aus, solange der Kicker nur genügend Tore für die eigene Mannschaft schießt, oder wenigstens einen der gegnerischen Spieler, krankenhausreif, weg grätscht.

Lässt mein seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen…

Lässt man seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen, findet der interessierte Beobachter eine merkwürdige Zusammenstellung. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die alle aus dem gleichen Grund den Weg ins Stadion gefunden haben und sich irgendwie, für die knapp 2 Stunden, unerklärlicherweise, gut verstehen. Da gibt es den malochenden Proleten, der sein letzte Hemd für den Verein geben würde, stolzer Dauerkartenbesitzer ist und jede Saison erneut den Fanshop aufsucht, sich das neueste Trikot über den Balg zerrt und auch sonst alles kauft, was irgendwie in den Farben des frenetisch unterstützen Vereins getüncht wurde. Dass die Familie daheim, auch in diesem Jahr mal wieder, auf den lang ersehnte Urlaub im Süden verzichten muss, die Kinder nicht den Nintendo, oder das neue Fahrrad zum Geburtstag bekommen und auch die Ehefrau zum Hochzeitstag zum wiederholten Male leer ausgeht, ist ihm dabei egal. Direkt neben dem Proleten findet sich ein finanziell etwas besser gestelltes Fan-Exemplar. Dieser Fan hat es irgendwie geschafft die mittlere Reife oder sogar das Abitur zu ergattern, sitzt auf der Arbeit in einem gepflegten Büro und delegiert hauptsächlich seine Untergebenen. Körperliche Arbeit lehnt er ab und selbst wenn in seinem Reiheneckhaus, in der etwas schöneren Ecke der Stadt arbeiten anfallen, führt er diese nicht selbst aus. Nein, er bestellt selbst für das Aufhängen eines Wandregals einen Handwerker, mit dem er nach der ausgeführten Tätigkeit, wie auf dem türkischen Basar, über den Preis feilscht. In Sachen Fanutensilien ist er nicht so gut ausgestattet wie der Prolet. Da aber auch der Mittelschichtler seine Zugehörigkeit, für jeden ersichtlich, zur Schau stellen möchte, trägt er über den Boss- oder Gant-Pullover einen dezenten Schal in Vereinsfarben, den er zu einem eleganten Knoten gebunden hat.

Ein mittlerweile selten gewordenes Fanexemplar ist der mit der Kutte und irgendeinen albernen Hut auf dem Kopf. Der meist männliche Fan, der mit einer Jeansweste, die über der eigentlichen Jacke getragen wird und mit Aufnähern des eigenen Vereins übersät ist und häufig bis zum Boden reicht, findet sich immer seltener. Übrig geblieben aus den 80er-Jahren, kommt aber auch er immer wieder auf die Tribüne, trinkt literweise Bier und ist voll und ganz auf die Mannschaft auf dem Platz fixiert. Die Weste, die er trägt, ist nicht nur von den darauf befindlichen Aufnähern, sondern auch von dem Schweiß, dem Bier, der Kotze und dem Blut der vergangenen Jahrzehnte dermaßen steif, das der Besitzer sie nach dem Spiel zu Hause nicht in den Schrank hängt, sondern einfach in eine Ecke des Wohnzimmers stellt. Ausschließlich emotionale Beweggründe hindern den alternden Fan daran die Kutte zu waschen. Früher hat er gerne vor dem Stadion randaliert und sich mit gleichartigen Exemplaren aus der gegnerischen Fangruppierung geprügelt. Heutzutage ist er aber meist friedlich, kommt zwar unrasiert und ungewaschen zum Fußballevent aber begnügt sich, freundlicherweise, mit Pöbeln und Saufen.

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan…

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan, der meist gänzlich auf Fankleidung verzichtet und auch sonst und im Allgemeinen gegen Kommerz und den Ausverkauf des Fußballs ist. Meist kommt er dafür aber mit riesengroßen Fahnen und Bannern ins Stadion, deren Lettern auch von der gegnerischen Tribüne ohne Fernglas zu lesen sind, aber dem heimischen Fan, der bemitleidenswerter Weise einen Platz hinter ihm hat, die komplette Sicht auf das Spielfeld nimmt. Er ist nicht nur für das nett anzusehende Feuerwerk, das er irgendwie an dem Ordner vorbei auf die Tribüne geschmuggelt und neben einem Familienvater mit Anhang entzündet, sondern auch für farbenfrohe, ausgeklügelte Choreografien, die er mit seinen Kumpels in einer abgedunkelten Garage zusammenklöppelt, häkelt oder sonst irgendwie zusammenschustert, verantwortlich. Gerne gibt er all sein Geld für Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft, gerne auch ins Ausland aus, schmeißt sich gelegentlich ein paar Wachmacher in die Figur und ist auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Ferner steht er auch im Winter gerne mit freien Oberkörper auf der Tribüne und schreit und singt voller Inbrunst alles nach was der Vorsänger, der es sich auf einem Tribünenzaun gemütlich gemacht hat, in sein Megafon plärrt.

Weitergehend tummeln sich auch ein paar Akademiker auf der Tribüne. Diese mischen sich gerne unerkannt in die Menschenmassen und sind kleidungstechnisch kaum in dem Pulk auszumachen. Gelegentlich „verkleiden“ sie sich wie der Prolet mit allem, was der Fanshop so hergibt, manchmal tragen sie nur einen Schal der Mannschaft um den Hals und selten kommen sie mit einer goldenen Anstecknadel mit Vereinsemblem, das sie am Revers ihres schwarzen Mantels oder Jacke tragen, daher. Der Akademiker nutzt das Stadion, um sich wenigstens alle zwei Wochen wie ein normaler Mensch zu fühlen. Hier braucht er sich nicht in Zurückhaltung zu üben, hier kann er saufen, ohne dass ihn jemand schräg anschaut, hier kann er ungestraft fluchen und lauthals Lieder singen. Lieder, deren Melodien er aus der Kindheit kennt, deren Texte aber ungehobelt, ja derb und wenn es um die gegnerische Mannschaft oder deren Fans geht, blutrünstig sind.

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe…

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe zum meist heimischen Verein, die unumstößliche Toleranz gegenüber den unterbelichteten Spielern, mit den komischen Frisuren auf dem Platz und den Hass auf die gegnerischen Fans. Wenn es auf dem Platz mal nicht so läuft und das eigene Team schlecht spielt, sind nur selten die Spieler Schuld. Immer ist es der Schiedsrichter, der einen Elfer nicht gegeben hat, der die Abseitsregel nicht kennt oder der den Spieler mit den meisten Tattoos, der gerade eben, dem Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft einen offenen Schienbeinbruch zugefügt hat, völlig unberechtigt vom Platz stellt. Die Fans sind sich einig, fühlen sich nicht nur auf dem Schlips getreten, sondern persönlich angegriffen und geben dem Arschloch in Schwarz alle Schuld dieser Welt und schreien heraus, dass sie wissen, wo sein Auto steht.