Schlagwort: Alkohol (Seite 1 von 1)

Landleben deluxe

Morgens, wenn der alte Mann die Beine behäbig aus dem Bett schwingt, ist die Blase meist bis zum Bersten gefüllt. Das am gestrigen Abend nicht zu wenige Biere in den Schlund gekippt wurden, macht die Sache nicht besser. Schnell muss es also gehen, auch wenn die müden, alten Knochen nicht mehr so mitmachen wie sie sollten. Hurtig muss die Nasszelle aufgesucht werden, damit der Urin nicht in der schon jetzt besudelten Unterhose landet.

Mit klapprigen Beinen macht sich der Opa auf den Weg durch den Flur mit den alten, in die Tage gekommenen abgewetzten Teppich. Man kann richtig erkennen, dass in der Mitte des Läufers aus dem Orient nicht nur der Opa selbst über Jahre hinweg zum Scheißhaus geschlurft ist, sondern auch das angetraute Weib des Greises, als dieses noch nicht unter dem Torf war. Eine Furche haben sie gezogen, mit Hausschuhen und manchmal blanken, verhornten Füßen.

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist…

Als Herbert endlich am stillen Örtchen angelangt ist und die Tür geöffnet hat, schlägt ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Jahrelang hat der alte Mann das Badezimmer nicht mehr gründlich gereinigt. Eine verdammt lange Zeit wurde die Kloschüssel, das Waschbecken und die Dusche nicht mehr mit Reinigungsmittel benetzt. Eine kleine Ewigkeit hat kein Putzlappen das Reinigungsmittel erst behutsam und dann vehement von Keramik und Fliesen gerubbelt. Herbert ist dazu nicht mehr in der Lage. Kann es einfach nicht mehr.

Nichts kann Herbert mehr. Nur noch schlafen, saufen, fressen, kacken und pissen. Okay, fernsehen geht auch noch. Aber nur, wenn er ganz nah am Gerät sitzt und den Ton bis zum Anschlag aufgedreht hat. Es ist ohnehin niemand hier, der sich an der Lautstärke stört. Wohnt in einer Einöde auf dem Land der alte Mann. Niemand verirrt sich in diese gottverdammte, schäbige Gegend. Nicht einmal die eigenen Kinder oder die Enkel. Einsamkeit ist Herberts einziger Begleiter. Tagein und tagaus.

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends…

Der alte Hof, den Herbert bewohnt, verfällt zusehends. Tiere hat er schon lange nicht mehr. Damals – für ihn scheint es gar nicht lange her – da herrschte hier das pure Leben. In guten Zeiten hatte er weit über fünfzig Milchkühe, zig Katzen und einen Hofhund. Auch ein paar Hühner, die ihm und seiner Familie mit frischen Eiern versorgten, nannte er sein Eigen. Die Kinder tollten auf dem Gelände herum und verbrachten eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land, fuhren mit dem Trecker und kümmerten sich gemeinsam mit Herbert um das Vieh.

Heute wohnen alle seine Nachkommen in der weit entfernten Stadt und scheren sich einen Dreck um ihren Erzeuger. Niemand hatte seinerzeit Interesse den Hof weiterzuführen. Alle wollten studieren und einen Anzug oder ein Kostüm tragen und sich nicht die manikürten Finger schmutzig machen. Als aus den Kindern Teenager wurden, war es vorbei mit der Freude, die sie auf den Hof hatten. Vergessen schienen die vielen tollen Erlebnisse aus der Kindheit und das Lächeln auf dem Gesicht der Kinder war verschwunden.

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase…

Als Herbert endlich auf der dreckigen Klobrille platzgenommen hat und die Blase sich durch den Penis in die braune Schüssel entleert, legt sich erneut die Einsamkeit wie ein bleierner Mantel um die Schultern des ergrauten Mannes. Eine einzelne Träne läuft die faltige Wange herab und tropft auf den dünnen, knochigen Oberschenkel des Mannes, der einmal glücklich war.

Fahrig reinigt er sich nach dem Geschäft die Hände unter eiskalten Wasser und macht sich auf den Weg in die Küche. Wieder nimmt er den Weg über den alten Läufer, der damals viel Geld gekostet hat, geht aber am Schlafzimmer vorbei bis zur hölzernen Treppe, die ihn in den unteren Bereich des Bauernhauses führt. Jede einzelne Stufe nimmt er langsam und bedächtig. Er möchte nicht fallen, sich den Kopf blutig schlagen oder die Knochen brechen. Niemand würde ihn schreien hören, wenn er unten am Treppenabsatz liegen würde, wie ein Käfer auf dem Rücken.

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser…

In der Küche angekommen füllt er den blechernen Teekessel mit Wasser und setzt ihn auf die Kochplatte. Während er darauf wartet, dass das Wasser kocht, denkt er an seine Frau zurück. Er hat sie immer geliebt. Bis ins hohe Alter waren sie ein Herz und eine Seele. Vor seinem geistigen Auge kann er sie nun sehen. Sie steht an der Arbeitsplatte mit ihrem geblümten Kittel, lächelt ihn an und bereitet einen Kuchen zu.

Sie war es, die alles zusammengehalten hat. Sie war es die, die Bezugsperson für die Kinder war. Als sie noch lebte, kamen sie regelmäßig zu Besuch. Doch als sie verstarb und sie unter der Erde war, wurde alles anders. Herbert hatte sich seinerzeit verändert. Hatte sich zurückgezogen und konnte den Tod seiner Frau niemals akzeptieren. Wenn die Kinder anfänglich zu Besuch kam, redete er nicht mit ihnen, saß nur in seinem Sessel und starrte vor sich hin. Niemand konnte ihn trösten. Niemand konnte den Verlust wettmachen. Später kamen sie nicht mehr und er wusste heute, dass er es ihnen nicht verübeln konnte.

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herde reißt Herbert aus den Gedanken…

Das Pfeifen des Kessels auf dem Herd reißt Herbert aus den Gedanken und die Erscheinung seiner Frau an der Arbeitsplatte verblasst genauso schnell, wie sie aufgetaucht ist. Herbert steht nun auf und bereitet sich einen letzten Tee zu. Schweigend setzt er sich an den Küchentisch und ist sich bewusst, dass es nun an der Zeit ist allen zu vergeben.

Noch ein letztes Mal denkt er nun zurück an seine geliebte Frau. Ein letztes Mal denkt er an seine tollen, erfolgreichen Kinder, auf die er so stolz sein kann. Sie alle haben sich ein Leben aufgebaut. Sie alle funktionieren und haben es geschafft nach dem Tod der Mutter trotz der Traurigkeit, irgendwann wieder Mut zu fassen.
Mit Wehmut denkt er an seine Enkel, die er nie richtig kennengelernt und gibt sich an allem die Schuld. Er weiß es nun mit Sicherheit und hat endlich Klarheit darüber erlangt, wie die nächsten Schritte aussehen müssen.

Alles ist vorbereitet. Alles Nötige ist in die Wege geleitet. Auf die Kinder und Enkel werden keinerlei Kosten zukommen und auch sonst wird nicht viel zu erledigen sein. Die Briefe an die Kinder sind gestern von ihm zu Post gebracht worden. Sie werden heute per Einschreiben zugestellt. Niemand trifft eine Schuld. Ohne zu zögern, greift er nach den kalten stählernen Lauf der Schrotflinte, die er sich am gestrigen Abend zurechtgelegt hat, schiebt sich den Lauf in den zahnlosen Mund und drückt ohne ein weiteres Mal nachzudenken den Abzug durch und verteilt sein Gehirn an den Wänden und die Decke der alten Küche.

Franky Red

Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.

Familienväter auf Abwegen

Neulich war es laut. Neulich war es blutig. Neulich war ich auf Hundertachtzig. Alkohol macht frei, macht enthemmt und macht unbedeutend. Eine mickrige, armselige Figur, die den Mund aufreißt und mit Schimpfwörtern um sich schmeißt. Alles gequirlte Kacke. Für einen nüchternen Menschen nicht zu begreifen und kaum zu ertragen. Ein Treffen mit alten Freunden. Alles Familienväter, die von ihren Frauen Ausgang bekommen haben. Das Bier fließt in Strömen. Fußball läuft. Dortmund gewinnt. Hier ein Schnaps da ein Bier. Herrengedeck. Alle sind redselig, ja freizügig in ihren Äußerungen. Gespräche über Familie und Beruf. Schimpfen über die Firma und Kritik am Handeln der Frau.

Immer wieder herausgehen zum Rauchen. Draußen mit anderen Rauchern über das Spiel diskutieren. Zu viele Chancen vergeben, trotzdem gewonnen. Die Meisterschaft ist noch weit weg, aber immer möglich. Kneipe wechseln. Durch die nächtliche Stadt irren und im schummrigen Licht am Baum urinieren. Die anderen sind schon weit voraus. Keiner wartet. Schnell pinkeln und laufen um die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Tropfen des warmen Urins landen in der Unterhose.

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden…

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden. Feindselige, bösartige Blicke. Niemand mag Männer mit Bärten, die unberechenbar aussehen. Platz nehmen. Direkt an der Quelle. Kein Tisch in weiter Ferne. Die Bar muss es sein. Die neue Weltordnung hat Einzug erhalten. Stammgäste, die seit Jahren hier stehen, spielen ab jetzt die zweite Geige. Drängeln, Platz wegnehmen und die Dame am Zapfhahn in Beschlag nehmen. Lauthals bestellen. Trinkgeld geben, denn hier muss direkt bezahlt werden. Striche auf Deckeln gibt es für uns nicht. „Schnell, schnell, wir haben Durst, du alte Hippe“. Die Zeit ist knapp, Frau und Kinder warten. Nach drei Bier müssen wir wieder gehen. Zu laut war man, unkultiviert und unfreundlich. Man kann nun mal nicht immer nett sein.

Der nächste Laden ist klein und schummrig. Bier und Schnaps gibt’s hier auch. Alle Gäste sind betrunken und selbst fühlt man sich gleich heimisch. Die wenigen Frauen im Laden sind alt und abgewrackt, aber wen stört es, daheim wartet schließlich ein Topmodel auf einem.

Wieder drängt man sich an den Tresen…

Wieder drängt man sich an den Tresen. Würfelbecher müssen her. Schocken ist der Sport des Abends. Mit Jule und pflücken. Zwei unbekannte wollen mitspielen. Klaus und Peter heißen die unsympathischen Gestalten. Peter ist drahtig und tätowiert. Klaus hat einen mächtigen Bierbauch und stinkt nach Knoblauch. Opfer. Der eigene Geldbeutel ist fast leer. Trotzdem spielt man mit. Was muss, das muss. Becher drehen. Mühsam eine Straße zusammenwürfeln und verlieren. Runde geben. Bier und Schnaps für alle Beteiligten. Neue Runde, neues Glück. Würfel fallen lassen. Eine Runde Schnaps geben. Abgemacht ist abgemacht. Erneut verlieren und Bier bestellen. Der Deckel ist voll. Aussteigen. Man betritt die Toilette. Es stinkt nach Pisse. Alles ist bekritzelt. Ein defekter Kondomautomat verschönert eine Wand. Man nähert sich dem Urinal. „Komm näher, er ist kleiner, als du denkst.“ Doofer Spruch. Trotzdem bemüht man sich zu treffen, doch es ist vergebens. Knapp die Hälfte geht daneben. Scheiß darauf. Stinkt ja eh schon wie in der Kanalisation. Den Schankraum erneut betreten. Umsehen und Denken: „Mein Gott, wie bin ich nur in dieser Kaschemme gelandet?“
Voll wie ein Eimer. Beschließen klug zu sein und nach Hause zu gehen. „Zahlen, bbidddee“. Die letzten Kröten werden zusammengerafft und auf den Tresen geklatscht. 32,80 €. Geht ja noch.

Verabschieden und auf den Gehweg taumeln. Die Sonne geht bereits auf. Direkt vor der Kneipe steht ein Taxi, aber das Geld reicht nicht mehr aus. Zur nahegelegenen U-Bahn wanken. Ticket kaufen und mit viel Glück die richtige Bahn erwischen. Man kann die Zahlen, die vorn darauf stehen, ja kaum noch lesen. Die U-Bahn ist gut besetzt. Junge Menschen, die genauso besoffen sind, wie man selbst, sitzen auf den abgewetzten Polstern. Einige haben „Knöpfe“ im Ohr und die Augen geschlossen. Die anderen singen oder besser gesagt, grölen herum. „Lasst mich bloß in Ruhe Kinder.“ Drei, vier Stationen weiter wird man unsicher. War es wirklich die richtige Bahn? Die letzte Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon ewig her. Kein Plan, an welcher Haltestelle man aussteigen muss. Die Bahn verlässt den Tunnel. Ab jetzt geht es oberirdisch weiter. Ein großer Vorteil. Aus dem Fenster gucken und nach irgendwelchen markanten Punkten, die man kennt, suchen. Etwas erkennen, aussteigen und merken das man drei Stationen zu früh ausgestiegen ist. Scheiße.

Eine Steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale…

Eine steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale Fußgängerbrücke. Hier muss jeder Fahrgast rüber. Die Schienen der Stadtbahn verlaufen direkt in der Mitte der Schnellstraße. Der Ruhrschleichweg ist auch mitten in der Nacht noch recht stark befahren, sodass man es mit mehr als 2 Promille Alkohol im Blut, eher schlecht und, vor allem, nicht zur Gänze unverletzt auf die andere Seite schafft. Also die Treppe rauf. Oben angekommen ist man fix und fertig von der Anstrengung. Irgendetwas drückt. Irgendwo unterhalb des Magens. Es dauert einen langen Augenblick, bis man realisiert, dass es wohl die Blase ist, die hier für Unbehagen sorgt. Schnell wird der Hosenstall geöffnet und wankend nach dem schrumpeligen Glied im inneren gefingert. Mit einer Hand wird sich nun am Geländer festgehalten, um beim Pinkeln nicht den Halt zu verlieren.

Der Prengel in der anderen Hand fühlt sich klebrig an und ein muffiger Duft steigt einem in die Nase. Hurtig verlässt der Druck verursachende Urin die Blase und nimmt den kleinen, aber unausweichlichen, Umweg über die Harnröhre, nur um im hohen Bogen über den Handlauf zu spritzen und platschend auf der Bundesstraße zu landen. Auch einige Windschutzscheiben, der vorbeisausenden Autos, leiden unter Urinbeschuss. Noch während man pinkelt, wird einem schlecht. Das ganze Bier, die ranzigen Nüsse aus der Kneipe und der Döner, den man irgendwo gegessen hat, wollen einfach nicht länger im Magen bleiben. Die Hose ist noch offen und der Dödel hängt an der freien Luft und schon ergießt sich ein Schwall warmer Kotze über den Brückenboden. Auch die eigene Hose und die sündhaft teuren Markenturnschuhe gehen nicht leer aus. Man würgt, bis sich der komplette Mageninhalt auf den Boden verteilt hat und zum Schluss nur noch Rotze und Magensäure zum Vorschein kommt. Einmal tief durchatmen.

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und…

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und beschließt voller Tatendrang die letzten drei Stationen bis zur heimatlichen Behausung zu Fuß zurückzulegen. Immer noch schaukelnd, wie ein Fischerboot auf der Nordsee, bei starkem Seegang, nähert man sich den Treppenabgang. Voller Konzentration versucht man den rechten Fuß mittig auf der ersten Stufe zu platzieren. Doch der Blick ist noch immer getrübt, alles verschwimmt vor den Augen. Der Fuß trifft die Stufe nicht richtig. Irgendwas sagt einem, dass es so kommen musste. Hart schlägt man auf und purzelt unkontrolliert die Treppe herab. Der Abstieg ist häufig einfacher als der Aufstieg und gelegentlich schneller als gewünscht. Unten angekommen begibt man sich aus der liegenden Position in eine sitzende. Die Hose hat, am Knie ein großes Loch und Blut färbt die Jeans rapide Rot. Der Kopf schmerzt und der kontrollierende Griff an die Stirn fördert auch hier, die rote Soße zum Vorschein. Scheiße.

Man versucht aufzustehen, aber das schmerzende Knie lässt dies nicht zu. Das Handy wird aus der Hosentasche geholt. Der Blick auf die Anzeige sagt einen, dass es noch funktioniert. Mit mulmigem Gefühl und Tränen in den Augen wählt man die Nummer der Gattin, die einem nach einer Schimpftirade später mit dem Auto abholt, daheim unter die Dusche steckt und drei Tage nicht mit einem spricht. Ein paar Wochen werden die Wunden geleckt, bis man dann doch wieder zum Handy greift, die Kumpels anruft, sich zum Fußball verabredet und der Frau daheim „hoch und heilig“ verspricht nicht zu viel zu trinken. Voll freudiger Erwartung betritt man dann die erste Kneipe. Stammgäste werden vom Tresen vertrieben, unfreundlich ist man und natürlich werden jede Menge der leckeren Getränke in die eigene Figur geschüttet bis man schlussendlich wieder besoffen ist und irgendwie nach Hause kommen muss. Prost.

Die schönste Nebensache der Welt

Es ist schon mehr als verwunderlich. Es ist einfach nicht normal, irgendwie vom anderen Stern und ein Fehler in der Matrix. Da laufen elf Jungs, die gerade einmal der Pubertät entsprungen sind, auf dem Platz herum und haben die Aufgabe ein rundes Leder, möglichst geschickt im Tor der gegnerischen Mannschaft zu platzieren. Wichtig ist den Kickern dabei, dass die atemberaubende Frisur, die man selbst beim Nobelfriseur nur unter der Hand bekommt, auch nach und während der sportlichen Betätigung noch gut liegt. Damit die Frisur wirklich so bleibt, wird vor dem Spiel ein Gemisch aus Haarspray, Haarwachs, Haargel und eine geheime Substanz zusammengemischt und ins Haupthaar einmassiert. Die Herstellung und Zusammensetzung dieser Tinktur ist äußerst schwierig und wird ausschließlich in einem der vielen Fußballinternate geleert. Weitergehend ist es wichtig, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers an diversen Stellen mit Tattoos versehen ist, denn nur so ist es dem Balltreter möglich auch in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abzugeben und die Zahl, seiner unterbelichteten Follower, über die Demarkationslinie zu manövrieren.

Interessant ist, dass der Fußball auch in Sachen Bezahlung völlig anderes umgeht als jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Hier bekommt nämlich der Chef der Truppe, also der Trainer, nur ein Bruchteil dessen was der kleine Arbeitnehmer an der Bälle-Front verdient. Adaptiert auf ein kleines mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal in der Metallindustrie, würde das bedeuten, das montagmorgens der Dreher, der Schlosser und all die anderen Schergen mit ihren Porsches und Ferraris auf den Firmenparkplatz brausen und ihre Nobelkarossen auf die reservierten Parkplätze bugsieren und der Chef in einem zehn Jahre alten Opel Corsa auf das Gelände rollt. Diesen stellt er dann auf einen der hinteren Plätze, des Firmengeländes, weit weg vom Eingang der Ballerbude, unter einem der Bäume, dort wo einem immer die Vögel auf die Karre scheißen und schleicht mit gesenktem Blick ins Gebäude.

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack…

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack, zumindest was das optische Erscheinungsbild ihrer Begleiterinnen angeht. Aufgrund der immer gut gefüllten Brieftasche vom Kicker, bekommt auch der hässlichste Vogel in der Bundesliga eine Dame ab deren Figürchen durchaus, als Lecker zu bezeichnen ist. Tatsächlich sehen die meisten der Spielerfrauen dermaßen gut aus, das sie irgendeinen Job als Model oder Schauspielerin abgreifen konnten und dass in den meisten Fällen sogar ohne den kleinen Umweg über die Besetzungscouch zu nehmen. Selbst wenn am Abend die Schminke aus dem Gesicht geschabt wurde und sich das holde Weibchen, nackt wie Gott sie schuf, für den unausweichlichen Paarungsakt mit dem krummbeinigen Ballsportler auf die Chaiselongue niederlegt, ist der Kicker in der komfortablen Situation, auch beim Liebesspiel in der Missionarsstellung, das Gesicht der Gespielin nicht mit einem Handtuch abdecken zu müssen.

Selbst ein mittelmäßiges Spielerexemplar bekommt wöchentlich, im Durchschnitt, ungefähr die gleiche Kohle, die der kleine Malocher an der Werkbank im Jahr kassiert und das völlig zurecht. Ist der Spieler doch dermaßen hohen Belastungen ausgesetzt, die nur durch übermäßig viel Geld zu kompensieren sind. Darunter zählen die dauerhafte Trainings- und Spielbelastung, Reisebereitschaft im Privatjet und Unterbringung im Nobelhotel, Massagen und die beste ärztliche Betreuung, die es in der Bundesrepublik zu haben gibt, ausgewählte und exquisite Speisen, die von einem Sternekoch zubereitet werden, dauerhafte Avancen von willigen und hübschen Frauen und eine überdurchschnittliche Belastung der Schreibhand durch ständiges Unterschreiben von Kärtchen, mit eigenem Konterfei und vieles mehr. Bei diesem physischen und psychischen Stress verzeiht der geneigte Fan auch schon mal den einen oder anderen Fehltritt abseits des Platzes, des angebeteten Spielers. Dönerweitwurf im Delirium, jahrelanges Fahren ohne Führerschein in der Tasche, Pinkeln in der Hotellobby und das Vögeln von minderjährigen Prostituierten, die man extra für den Beischlaf hat einfliegen lassen, sind da nur einige wenige Beispiele. Dem Fan macht es nichts aus, solange der Kicker nur genügend Tore für die eigene Mannschaft schießt, oder wenigstens einen der gegnerischen Spieler, krankenhausreif, weg grätscht.

Lässt mein seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen…

Lässt man seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen, findet der interessierte Beobachter eine merkwürdige Zusammenstellung. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die alle aus dem gleichen Grund den Weg ins Stadion gefunden haben und sich irgendwie, für die knapp 2 Stunden, unerklärlicherweise, gut verstehen. Da gibt es den malochenden Proleten, der sein letzte Hemd für den Verein geben würde, stolzer Dauerkartenbesitzer ist und jede Saison erneut den Fanshop aufsucht, sich das neueste Trikot über den Balg zerrt und auch sonst alles kauft, was irgendwie in den Farben des frenetisch unterstützen Vereins getüncht wurde. Dass die Familie daheim, auch in diesem Jahr mal wieder, auf den lang ersehnte Urlaub im Süden verzichten muss, die Kinder nicht den Nintendo, oder das neue Fahrrad zum Geburtstag bekommen und auch die Ehefrau zum Hochzeitstag zum wiederholten Male leer ausgeht, ist ihm dabei egal. Direkt neben dem Proleten findet sich ein finanziell etwas besser gestelltes Fan-Exemplar. Dieser Fan hat es irgendwie geschafft die mittlere Reife oder sogar das Abitur zu ergattern, sitzt auf der Arbeit in einem gepflegten Büro und delegiert hauptsächlich seine Untergebenen. Körperliche Arbeit lehnt er ab und selbst wenn in seinem Reiheneckhaus, in der etwas schöneren Ecke der Stadt arbeiten anfallen, führt er diese nicht selbst aus. Nein, er bestellt selbst für das Aufhängen eines Wandregals einen Handwerker, mit dem er nach der ausgeführten Tätigkeit, wie auf dem türkischen Basar, über den Preis feilscht. In Sachen Fanutensilien ist er nicht so gut ausgestattet wie der Prolet. Da aber auch der Mittelschichtler seine Zugehörigkeit, für jeden ersichtlich, zur Schau stellen möchte, trägt er über den Boss- oder Gant-Pullover einen dezenten Schal in Vereinsfarben, den er zu einem eleganten Knoten gebunden hat.

Ein mittlerweile selten gewordenes Fanexemplar ist der mit der Kutte und irgendeinen albernen Hut auf dem Kopf. Der meist männliche Fan, der mit einer Jeansweste, die über der eigentlichen Jacke getragen wird und mit Aufnähern des eigenen Vereins übersät ist und häufig bis zum Boden reicht, findet sich immer seltener. Übrig geblieben aus den 80er-Jahren, kommt aber auch er immer wieder auf die Tribüne, trinkt literweise Bier und ist voll und ganz auf die Mannschaft auf dem Platz fixiert. Die Weste, die er trägt, ist nicht nur von den darauf befindlichen Aufnähern, sondern auch von dem Schweiß, dem Bier, der Kotze und dem Blut der vergangenen Jahrzehnte dermaßen steif, das der Besitzer sie nach dem Spiel zu Hause nicht in den Schrank hängt, sondern einfach in eine Ecke des Wohnzimmers stellt. Ausschließlich emotionale Beweggründe hindern den alternden Fan daran die Kutte zu waschen. Früher hat er gerne vor dem Stadion randaliert und sich mit gleichartigen Exemplaren aus der gegnerischen Fangruppierung geprügelt. Heutzutage ist er aber meist friedlich, kommt zwar unrasiert und ungewaschen zum Fußballevent aber begnügt sich, freundlicherweise, mit Pöbeln und Saufen.

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan…

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan, der meist gänzlich auf Fankleidung verzichtet und auch sonst und im Allgemeinen gegen Kommerz und den Ausverkauf des Fußballs ist. Meist kommt er dafür aber mit riesengroßen Fahnen und Bannern ins Stadion, deren Lettern auch von der gegnerischen Tribüne ohne Fernglas zu lesen sind, aber dem heimischen Fan, der bemitleidenswerter Weise einen Platz hinter ihm hat, die komplette Sicht auf das Spielfeld nimmt. Er ist nicht nur für das nett anzusehende Feuerwerk, das er irgendwie an dem Ordner vorbei auf die Tribüne geschmuggelt und neben einem Familienvater mit Anhang entzündet, sondern auch für farbenfrohe, ausgeklügelte Choreografien, die er mit seinen Kumpels in einer abgedunkelten Garage zusammenklöppelt, häkelt oder sonst irgendwie zusammenschustert, verantwortlich. Gerne gibt er all sein Geld für Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft, gerne auch ins Ausland aus, schmeißt sich gelegentlich ein paar Wachmacher in die Figur und ist auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Ferner steht er auch im Winter gerne mit freien Oberkörper auf der Tribüne und schreit und singt voller Inbrunst alles nach was der Vorsänger, der es sich auf einem Tribünenzaun gemütlich gemacht hat, in sein Megafon plärrt.

Weitergehend tummeln sich auch ein paar Akademiker auf der Tribüne. Diese mischen sich gerne unerkannt in die Menschenmassen und sind kleidungstechnisch kaum in dem Pulk auszumachen. Gelegentlich „verkleiden“ sie sich wie der Prolet mit allem, was der Fanshop so hergibt, manchmal tragen sie nur einen Schal der Mannschaft um den Hals und selten kommen sie mit einer goldenen Anstecknadel mit Vereinsemblem, das sie am Revers ihres schwarzen Mantels oder Jacke tragen, daher. Der Akademiker nutzt das Stadion, um sich wenigstens alle zwei Wochen wie ein normaler Mensch zu fühlen. Hier braucht er sich nicht in Zurückhaltung zu üben, hier kann er saufen, ohne dass ihn jemand schräg anschaut, hier kann er ungestraft fluchen und lauthals Lieder singen. Lieder, deren Melodien er aus der Kindheit kennt, deren Texte aber ungehobelt, ja derb und wenn es um die gegnerische Mannschaft oder deren Fans geht, blutrünstig sind.

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe…

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe zum meist heimischen Verein, die unumstößliche Toleranz gegenüber den unterbelichteten Spielern, mit den komischen Frisuren auf dem Platz und den Hass auf die gegnerischen Fans. Wenn es auf dem Platz mal nicht so läuft und das eigene Team schlecht spielt, sind nur selten die Spieler Schuld. Immer ist es der Schiedsrichter, der einen Elfer nicht gegeben hat, der die Abseitsregel nicht kennt oder der den Spieler mit den meisten Tattoos, der gerade eben, dem Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft einen offenen Schienbeinbruch zugefügt hat, völlig unberechtigt vom Platz stellt. Die Fans sind sich einig, fühlen sich nicht nur auf dem Schlips getreten, sondern persönlich angegriffen und geben dem Arschloch in Schwarz alle Schuld dieser Welt und schreien heraus, dass sie wissen, wo sein Auto steht.

Leben ohne Charme

Es ist gerade mal halb acht. Bei mir im Schlafzimmer sind die Rollos noch unten und es ist dunkel. Mitten in der Nacht, könnte man meinen, wenn da draußen, direkt vor meinem Schlafzimmerfenster, nicht so ein Radau herrschen würde. Ich persönlich habe keine Ahnung was da los ist und mich würde es auch nur peripher tangieren, wenn ich doch nur wieder einschlafen könnte. Aber selbst das über den Kopf gezogene Kopfkissen bringt nicht den erwünschten Lautlos-Effekt.

Es hilft wohl nichts. Ich werde hinaus müssen, aus den Federn und mir einen anderen, friedlicheren Ort suchen, um meinen Rausch auszuschlafen. Gestern habe ich mir ein paar leckere, eiskalte Bierchen in den Hals geschüttet und dabei nicht so genau auf die Uhr geschaut. Eigentlich wie jedem Abend, nur gestern waren auch noch einige Kurze dabei. Ein Geschenk von meiner Ex-Frau zu meinem 52. Geburtstag. Ein Doppelkorn aus dem Discounter, für knapp fünf Euro. Nett von ihr. „Der Wille zählt“, oder wie lautet diese beschissene Weisheit?

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr…

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr meiner Arbeitslosigkeit. War es satt mit den wenigen Kröten im Monat auszukommen und nicht in den Urlaub zu fahren. Hat sich einfach einen neuen Gesucht. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ihr neuer Stecher ist nicht nett, nicht hübsch und nicht klug, aber er hat einen Job, bei Opel am Fließband, der feine Herr. Da kann ich nicht mithalten. Meine Kinder hat sie auch mitgenommen und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Immerhin war sie so freundlich, mir diesen Karton mit der Pulle vor die Tür zu legen. Das Dingen war sogar eingepackt in Geschenkpapier und eine Schleife hat sie auch drum gewickelt. Auf der Karte stand: Für Paul, in ihrer krakeligen Schrift. Danke. Vielen Dank sogar. Hab den Karton direkt vor der Tür aufgerissen und den Inhalt in den Gefrierschrank gelegt. Sollte schnell kalt werden, die Plörre. Ich hatte es eilig. Wollte schleunigst anfangen mit dem Saufen, denn ich fühlte mich scheiße, eigentlich wie jeden verdammten Tag.

Jetzt brummt mir der Schädel…

Jetzt brummt mir der Schädel und auch im Wohnzimmer, auf der abgewetzten Couch aus dem Sozial-Kaufhaus, herrscht keine Ruhe. Überall turnen sie herum, mit ihren Scheiß-Maschinen und Rasenmäher die so groß sind wie ein kleiner Traktor und mähen und schnippeln alles kurz und klein. Haben die denn kein Mitleid, mit einem armen alten Mann der einen über den Durst getrunken hat? Müssen die ihre Scheiß Arbeit so früh am Morgen erledigen?

Wird wohl alles seine Richtigkeit haben. Auch die Leute da draußen, an den Maschinen, müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nicht jeder kann vom Amt bezahlt werden. Geht einfach nicht. Auch bei mir war das mal anders. Auch ich hatte mal einen guten Job, in einer Druckerei. Haben richtig gut bezahlt und ich konnte dort mit dem Fahrrad hinfahren. Hab meiner Frau immer Blumen und Schmuck geschenkt und auch den Kindern fast jeden Wunsch erfüllt. Ich konnte mit einem Gehalt alle Rechnungen bezahlen und einmal im Jahr mit der Familie in den Urlaub. Das war was.

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen…

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen und die Chefs mussten kurzen Prozess machen, mit einigen von der Arbeiter. „Führt kein Weg dran vorbei“, sagte mir mein Vorarbeiter damals und drückte mir das Schreiben in die Hand. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, der Wichser. Nicht besonders emphatisch sagt man dann wohl dazu. Ich bin dann am selben Tag zum Arbeitsamt gegangen, mit der Kündigung in der Hand. Sollte so gemacht werden. Die Tante sagte ich solle den Kopf nicht hängen lassen und das ich mit Sicherheit bald wieder eine Stelle finden würde. Doch es sollte anders kommen.

Ich hatte ja nichts gelernt. War nur ein Helfer an der Druckmaschine. Hab dafür gesorgt das immer genug Papier bereitstand und die Farbe im Druckwerk nicht ausging. Gelegentlich hab ich den Gesellen auch schon mal eine Schale Pommes von der Imbissbude besorgt, wenn es die Zeit zuließ. Nichts Besonderes. Nichts Hochtrabendes. Aber ich war zufrieden. Ich wollte gar nicht mehr und identifizierte mich nicht über die Maloche, wie manch anderer. Hat mir gereicht, der Mist. Gute Kameraden, eine Aufgabe und gutes Geld, für ehrliche Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann das.

Es hat gar nicht lange gedauert…

Es hat gar nicht lange gedauert, dann sprach die Tante vom Amt schon anders: „Sie müssen halt flexibel sein, mal über den Tellerrand hinausschauen …“ Hab dann alles Mögliche gemacht, aber nie lange. Zeitarbeit und so ein Bockmist. Scheiß-Arbeit für weniger Kröten, als ich vom Amt, für das Stempeln bekommen hätte. Irgendwann hab ich mich dann aber quer gestellt. Hab dann einfach in den Bewerbungen, von den Jobs die ich nicht wollte, Rechtschreibfehler reingeschrieben und auch schon mal einen Fettfleck auf dem Papier hinterlassen. Aus Versehen, versteht sich. Haben mich dann gar nicht eingeladen, die Drecksäcke. Gut so.

Nun bin ich seit knapp fünf Jahren Arbeitslos und bekomme nur noch Hartz 4. Wenigstens wird die Miete, meiner kleinen 2-Zimmer-Bude bezahlt. Wenn man sparsam ist, kommt man über die Runden und braucht nicht zu hungern. Auch das tägliche Bier ist drin. Bloß wenn mal was außergewöhnliches ist, wird es eng. Zum Beispiel, wenn eines der Kids Geburtstag hat. Ich schicke ihnen noch heute immer eine Karte mit ein bisschen Geld drinnen. Einen Dank erhalte ich nie. Kein Anruf, kein Besucht, Nichts. Mit einem Säufer wie mir wollen sie nichts am Hut haben, die Kids und auch denen kann ich es nicht verübeln.

Das schlimme ist die Zeit…

Das schlimme ist die Zeit. So lange schlafen kann man gar nicht, dass man nicht ans Denken kommt, nicht einmal dann, wenn die Gärtner der Wohngesellschaft nicht ihre Arbeit in aller Früh verrichten. Bewerbungen schreibe ich schon gar nicht mehr. Hab es einfach aufgegeben. In meinem Alter kriegt man doch nichts mehr. Habe auch keine Hobbys und keine Freunde, nur ein paar lose Bekanntschaften. Alles genauso arme Schlucker, wie ich es einer bin. Meist bleibe ich einfach den ganzen Tag daheim, trinke ein paar Bier und lasse die Zeit verstreichen, bis ich wieder ins Bett kann. Ein freudloses, mickriges Leben das ich führe.

Immer wieder denke ich über alles nach. Über alles, was ich falsch gemacht habe. Was ich besser hätte machen können, doch komme auf keinen grünen Zweig. Es war doch alles in Ordnung. Ich war glücklich, meine Frau zufrieden und den Kindern ging es gut. Nun ist alles futsch, wegen eines vermaledeiten Auftrages. Wer ist schuld an der Misere? Mein Chef, der Auftraggeber, mein Vorgesetzter, der mir die Kündigung übergab, die Tante beim Arbeitsamt, deren Name ich mir bis heute nicht merken kann, oder gar meine Frau die mich nicht weiter unterstützte?

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken…

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken. Ich mag überhaupt nichts mehr, nicht einmal den duftenden Kaffee, den ich mir aufgebrüht habe und wofür ich den letzten Löffel Kaffeepulver verbraucht habe. Ich kippe ihn weg. Ab damit in den Scheiß-Abfluss. Weg damit, für immer. Ich hole lieber wieder eine der mir wohlbekannten, mir liebgewonnenen, braune Karaffen aus dem Kühlschrank. Auch in der etwas größeren, durchsichtigen, ist noch was drin. Der Tag ist gerettet.

Es dauert nicht lange, bis der Alkohol wirkt. Mir wird warm und ich fühle mich wieder besser. Nun sind meinen Gedanken wieder geordnet und ich sehe alles klar vor meinen Augen. Das ganze Elend wirkt dann nur noch halb so beschissen, wie es in Wirklichkeit ist. Nur wenn ich an meine Kinder denke, laufen mir ab und an ein paar Tränen über der zerfurchten Wangen. Ich ziehe dann die Vorhänge zu. Den alten Säufer soll niemand heulen sehen. Wäre ja noch schöner. Ich brauche kein Mitleid. Ich brauche meine Kinder und eine Frau die mich liebt. Ich brauche eine Beschäftigung, wenn es denn sein muss auch eine Arbeit, die mir unbemerkt die verdammte Zeit stiehlt, wie ein Taschendieb auf dem Weihnachtsmarkt.