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Freitag, der schönste Tag der Woche

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wartet der Mann im Büro auf den ersehnten Feierabend, auf das Wochenende und auf ein eiskaltes Bier. Es sind noch knapp 30 Minuten, die verstreichen müssen, bis die Klappe fällt. Nichts kann ihn hier auch nur eine Minute längere halten, denkt er verharrt regungslos auf seinen Bürostuhl und glotz gedankenverloren ins Dekolleté seiner Kollegin, die ihm gegenüber sitzt und mit spitzen Fingern auf die Tastatur einhämmert als gäbe es kein Morgen mehr. Nur wiederwillig löst er seinen Blick von den Titten der Kollegin, kratzt sich durch die Innentaschen seiner Hose ungeniert am Sack und denkt: „Auch die wird die ungeschriebene Gesetze, die einem den Alltag im Büro erträglicher machen noch lernen.“

Endlich hat er es geschafft. Die Zeiger auf seiner nostalgisch anmutenden Armbanduhr aus dem Hause Festina, zeigen genau 13 Uhr. Die Tage Montag bis Donnerstag sind arbeitsreich und gespickt mit Konferenzen und Terminen aber der Freitag ist da, um die Woche ausklingen zu lassen und früher in das Wochenende zu gehen. Komme was wolle. Da führt kein Weg dran vorbei. Der altersschwache PC wurde schon 10 Minuten vorher heruntergefahren, der Aktenschrank wurde bereits akribisch verschlossen und auch die ansehnliche Butterbrotsdose aus Metall wurde in die teuere, lederne Aktentasche geschoben.

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd…

Während sich Peter endlich auch den Trenchcoat über das Business-Hemd wirf, tippt „Fräulein Vorbild“ immer noch und tut so als wäre ihr das Wochenende egal. Er kann dieses Verhalten nicht nachvollziehen, macht jetzt aber dennoch die Biege und wirft der Blondine ein nicht ernst gemeintes „Schönes Wochenende“ an den Kopf und hämmert die Tür von außen in die Angeln. Draußen angekommen geht er an der Schranke vorbei, findet sein Liebling auf ihn wartend, auf seinem reservierten Parkplatz und hüpft elegant über die Fahrertür und landet passgenau mit seinem Arsch im Sitz der feuerroten Corvette.

Die Autobahn ist um diese Zeit frei. Er kann gehörig auf das Gaspedal drücken und dabei im Takt seiner laut aufgedrehten Lieblingsmucke mit wehendem Haar nach Hause düsen. Dort angekommen braucht er nicht nach einem Parkplatz zu suchen. Sein roter Rennhobel findet Platz unter dem riesigen Carport, das vor seinem schicken, frei stehenden Einfamilienhaus sein Zuhause gefunden hat. Hier ist sein Schatz vor den grauenhaften Regen und den scheißenden Vögeln einigermaßen geschützt und dennoch könnte Peter schnell, wenn ihm danach wäre, in das Vehikel springen und am Nachmittag, um in Metaphern zu denken, mit nacktem Oberkörper an der Strandpromenade auf und ab fahren.

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam den Schlüssel in das Schloss gleiten…

Doch nun geht er zur Tür und lässt behutsam seinen Schlüssel in das Schloss gleiten und öffnet diese. Seine beiden, wunderschönen und wohlerzogenen Kinder, die beide eine Privatschule besuchen, kommen angerannt, fallen ihm um den Hals und zeigen ihn damit wie gerne sie ihn haben. Kimberly ist 14 und Josef 12. Ein Mädchen und ein Junge. Genauso wie er und seine Frau es sich es seinerzeit gewünscht, geplant und ausgeführt hatten. Genau nach Zeitplan, damit nichts seiner Karriere im Weg steht. Seine Frau kümmert sich auch heute einzig und alleine liebevoll um das Wohl der Kinder, fährt sie zum Ballett, zum Geigenunterricht und zum Tennis. Nebenbei schmeißt sie den Haushalt und hat alle Tätigkeiten mehr als nur im Griff. Peter weiß, dass der Terminkalender seiner Frau voller ist als sein eigener, wird sich aber hüten es ihr auf die Nase zu binden.

Auch seine Frau kommt nun, um ihn zu begrüßen. Der attraktiven Dame des Hauses, die immer noch eine absolute Traumfigur hat, steht ehrliche Freude ins Gesicht geschrieben. Sie führen eine harmonische aber konservative Ehe, wie Peter findet. Zuvorkommend wie sie ist, hilft sie ihren Gatten aus dem Mantel, hängt diesen ordentlich an die Garderobe und geleitet ihn sodann ins Wohnzimmer. Hier ist bereits alles vorbereitet. Sein Sessel, auf dem er nun Platz nimmt, ist in Richtung des Fernsehers ausgerichtet. Er muss nichts weiter tut. Seine liebende Gattin zieht ihm behutsam die Schuhe aus und stülpt die kuscheligen Pantoletten über seine von der Arbeit schmerzenden, verschwitzten Füße und hebt diese vorsichtig auf den Fußhocker.

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch…

Nun bleibt der blonden Schönheit nur noch ihm die bereits geöffnete, eiskalte Flasche von seinem Lieblingsbier zu reichen und die Fernbedienung des riesigen Fernsehgeräts in die andere Hand zu geben, um sich sodann leise in die Küche zurückzuziehen. Während sich ihr Göttergatte von der anstrengenden Arbeit ausruht, bereitet sie dort seine Lieblingsspeise zu, schaut aber in regelmäßigen Abstanden im Wohnzimmer nach dem Rechten. Ihr ist es wichtig und ein großes Anliegen, dass das Bier ihres Mannes in der braunen Glaskaraffe nicht komplett zur Neige geht.

Endlich ist das Essen zubereitet. Peter muss nur das neben der Küche gelegene Esszimmer aufsuchen und auf seinen Stuhl Platz nehmen, sich die Servierte auf den Schoß legen und das fettige, deftige und wahrscheinlich ungesunde aber absolut leckere Mahl herunterschlingen. Hier in seiner gewohnten Umgebung braucht er nicht auf die Etikette zu achten. Hier kann er das Essen schlingend und schmatzend herunterwürgen und danach ohne sich zu schämen, rülpsen und furzen. Für sich und die Kinder hat seine Frau übrigens ein anderes Gericht zubereitet. Weitaus gesünder, weniger fettig, aber lang nicht so appetitlich.

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der…

Nach dem Essen macht es sich Peter mit aufgeblähtem Bauch auf der Terrasse des Anwesens gemütlich. Nur mit einer Badehose bekleidet liegt er sodann auf der bequemen Liege unter dem Sonnenschirm und beobachtet, die sich in der leichten Brise bewegenden größeren Laubbäume am Ende seines Gartens. Dabei lässt er sich einen von der liebenden Gattin kredenzten Cocktail munden und springt gelegentlich, um sich abzukühlen, in den hauseigenen Pool. Erst als die Sonne untergeht und er schon ein wenig angesäuselt von den vielen Cocktails und dem Bier ist, holt ihn seine leicht bekleidetet Frau ab, nimmt ihn an die Hand und geht mit ihm auf direktem Weg ins Schlafzimmer.

Im Schlafgemach angekommen verriegelt die Dame des Hauses die doppelflüglige Tür, öffnet ihren Bademantel und schmeißt sich nackt wie Gott sie einst schuf auf das kreisrunde, riesige Bett. Im über dem Bett an der Decke angebrachten ebenso großen Spiegel, kann der dickliche Adonis erkennen, dass seine Frau ihn, kess wie sie in diesen Momenten nun einmal ist, mit dem Zeigefinger zu ihm heranbittet. Nachdem er seine Badehose heruntergelassen hat, kommt er dieser Bitte lächelnd nach und lässt sich ein, auf den geilen, wollüstigen, langandauernden Tanz der Liebenden.

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt…

Völlig erschöpft aber glücklich und beseelt, spürt er nach dem Liebesakt wie ihm seine mehrfach befriedigte Gattin einen Kuss auf die Wange haucht und sanft die seidene Bettdecke über seinen nackten, vom Paarungsakt gezeichneten Körper legt. Überglücklich und voller Stolz auf sich und sein Leben schläft Peter ein. Erst eine ganze Zeit später spürt Peter etwas Schweres auf seiner rechten Schulter, dass ihn zu schütteln scheint. Auch dringen aus weiter Ferne Worte an sein Ohr, die so gar nicht nach seiner Ehefrau klingen und überhaupt nicht in das Bild zu passen scheinen.

Langsam kommt Peter zu sich. Bedächtig wacht er auf und wird sich der Hand auf seiner Schulter mehr und mehr bewusst. Wie in Zeitlupe hebt Peter nun seinen Kopf von der Schreibtischplatte, dreht sich um und erkennt hinter sich seinen steinalten Chef, der ihn so ungalant Schüttelt, mit bösen Augen anfunkelt und ihm Schimpfwörter an den Kopf schmeißt. Er sei hier nicht zum Pennen, sondern zum Malochen brüllt sein Boss und hört erst dann mit dem Schütteln auf, als sich Peter kleinlaut für sein Fehlverhalten entschuldigt und seine Arbeit, am Freitag um 17:15 Uhr wieder aufnimmt.

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin…

Widerwillig stimmt Peter in das Tippen seiner Kollegin ein. Angewidert wird ihm bewusst, dass er bestimmt noch eine ganze Stunde braucht bis die Statistik, die er zu erstellen hat, fertig ist. Leidvoll wird Peter klar, dass sich das so wirklich und wahrhaftig angefühlte Erlebnis nur ein Traum war. Voller Ekel weiß er nun, dass er auch heute in seinen kleinen, uralten Opel Corsa steigen wird. Er wird mit der Karre durch überfüllte Straßen fahren und wird ewiglich brauchen bis er einen Parkplatz gefunden hat. Im Anschluss wird er seine gammelige Junggesellenbude aufsuchen, sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, ein Bier aus einer Plastikflasche schlürfen und frustriert und alleine furzend und rülpsend den Abend vor dem Fernseher verbringen.

Irgendwann wird er dann auf der ranzigen Couch einschlafen. Nach wenigen Stunden Schlaf wird er sabbernd, mit muffigem Mundgeruch vom Wecker geweckt. Er wird auch am heutigen Samstag wieder das Büro aufsuchen. Er wird wieder für seinen cholerischen Chef da sein. Er wird erneut Arbeiten verrichten, die ihm völlig zuwider sind. Doch eventuell, mit ein bisschen Glück, findet er wieder ein paar Minuten Zeit um seinen Kopf auf die Tischplatte zu legen. Er wird dann endlich wieder mit seiner virtuellen aber wunderschönen Frau zusammen sein können. Er wird wieder eine rote Corvette fahren, Hausbesitzer sein und mit seiner großbusigen Frau ein Schäferstündchen verbringen und glücklich und zufrieden sein.

Morgendliche Rituale alleinstehender Menschen

Heute wollen wir unseren fokussierenden Blick einmal auf das Geschehen in zwei verschiedenen Haushalten werfen. Beide darin lebende Protagonisten sind ledig, kinderlos und leben alleine in einer Wohnung. Beide sind um die vierzig Jahre alt und stehen, wie man häufig so lapidar daher sagt, mit beiden Beinen fest im Leben. Beide können mit ihrem, aus dem Job generierten, Einkommen alle Rechnungen pünktlich begleichen. Schlussendlich bleiben noch ein paar Euros über, um ein Leben zu führen, dass beiden Menschen den Zutritt zur mittleren Einkommensschicht gewährt.

Dem aufmerksamen Leser wird bereits jetzt aufgefallen sein, dass die beiden erwähnten Personen, um die es heute gehen soll, einige Gemeinsamkeiten haben. Im Laufe des Textes wird aber auch der letzte Leser nicht umhinkommen zu bemerken, das beide hier beschriebene Menschen dennoch sehr viele Unterschiede aufweisen. Insbesondere hinsichtlich deren Charakterzüge und der daraus resultierenden Verhaltensweisen wird einem klar, das es sich hierbei um eine Frau und einem Mann handeln muss. Dies zeigt sich besonders dann, wenn wir unseren Blick auf den Beginn eines jedweden Tages werfen und die beiden Hauptpersonen dabei beobachten wie sie sich auf den anstrengenden, vor ihnen liegenden, Arbeitstag vorbereiten.

Bevor wir nun wirklich in das interessante morgendliche Geschehen in den beiden Haushalten einsteigen, möchte ich hier noch einmal eindeutig und unmissverständlich darauf hinweisen, dass mir durchaus bewusst ist, dass meine Schreibweise häufig klischeehaft und mit einem veralteten Blick auf beide Geschlechter ausgestattet ist. Dennoch wird der eine oder andere Leser – und davon bin ich vollends überzeugt – sich an der einen oder anderen Stelle wiederkennen, oder zumindest jemanden kennen, der ähnliches oder gleiches Verhalten an den Tag legt. Um noch deutlicher in Stereotypen zu denken und sämtliche Gutmenschen auf die Palme zu bringen, werde ich die einzelnen Passagen, stringent und nach Geschlecht getrennt, in Rosa und blau auf das virtuelle Papier bannen.

Der altmodische Wecker, der ganz in Pink gehalten ist, klingelt genau dreimal. Die Dame des Hauses setzt sich im Bett auf, nimmt ihre Schlafmaske ab und schwingt die Beine behäbig aus dem Bett. Sie ist noch müde, aber sie hat sich angewöhnt direkt beim ersten Klingeln des Weckers aufzustehen. Sich nochmals umzudrehen und die Augen ein paar Minuten zu schließen verwehrt sie sich, denn irgendwo hat sie gelesen, dass man dann noch müder sei. Ihr Blick wandert als Erstes in einer der großen Spiegeltüren des riesigen, weißen Schrankes von Ikea. Angewidert blickt sie in ein verschlafenes, alterndes Gesicht einer Frau von 38 Jahren. Schnell wendet sie den Blick ab, geht aus dem Schlafzimmer in die Küche und bereitet ihr Frühstück vor.

Nachdem der Wecker drei bis viermal in den Schlummermodus versetzt wurde, steht der Mann auch schon auf. Ganz zerknittert sieht der sonst eigentlich attraktive Kerl, der schwer auf die vierzig zugeht, aus. Gestern war er spät im Bett. Zu spät, denn eigentlich braucht er mindestens sieben Stunden Schlaf um fit zu werden. Das war auch schon einmal anders, aber der Lack ist ab, wie man so schön sagt. Doch zaudern bringt nichts, denn auch heute muss er wie jeden anderen Werktag ins Büro. Wichtige Aufgaben und ein Termin, der durchaus vielversprechend klingt, warten auf ihn. Wie jeden Morgen spult er also sein Programm, das ihn nicht nur sauber und gepflegt, sondern auch satt werden lässt, ab. Zuerst wird die Kaffeemaschine angestellt, denn nichts ist schlimmer als ein Tag ohne seine morgendliche Tasse Kaffee und die obligatorische filterlose Zigarette dazu.

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich…

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich. Stattdessen kocht Sie Wasser in einen, mit Blümchen verzierten, Teekessel den Sie von Ihrer Mutter geerbt hat. Das Frühstück besteht aus fair angebauten grünen Tee, den sie ausschließlich im feinen Teeladen der hiesigen Innenstadt kauft und einem gesunden Müsli mit viel Obst und wenig fettreduzierten Quark. Beim Frühstück blättert sie, wie jeden Morgen, in einer ihrer Zeitschriften zum Thema Dekorieren und Einrichten und holt sich dabei Anregungen für die eigene Wohnung. Ihr ist es wichtig, dass ihr kleines aber feines Heim immer schön dekoriert und die Dekorationen der Jahreszeit entsprechend ausgewählt sind. Nach dem Frühstück beschließt sie zu Duschen und geht in das penibel gereinigte Bad.

Danach geht auch der Mann ins Bad, schlüpft aus dem Pyjama und betrachtet seinen nackten alternden Körper im großen Spiegel, der eine Wand des Bades ziert. Er findet, dass er sich ganz gut gehalten hat. Oft wird er sogar jünger geschätzt, als er eigentlich ist. Das schmeichelt ihm, auch wenn er weiß, dass es manchmal, vielleicht sogar öfter, nur Höflichkeit ist. Klar, er ist kein Adonis, aber schlank und an den richtigen Stellen ein wenig muskulös. Ein wenig Bauchspeck hat er angesetzt, aber das stört ihn nicht weiter. Er isst einfach zu gerne und auch auf das eine oder andere kühle Bier will er nicht verzichten. Die Brust ist behaart und auch den Bauch zieren nicht wenige Haare. Vor ein paar Jahren hat er sich in regelmäßigen Abständen die Brust rasiert, aber damit hat er schon lange aufgehört, denn bereits nach drei bis vier Tagen sprießen die ersten Haare wieder und es juckt wie verrückt. Das ist einfach so. Damit müssen sich eben alle abfinden, vor allem die Frauen, findet er.

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug…

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug und beobachtet dabei jede Bewegung im übergroßen Spiegel. Auch ihr rosafarbener Sportslip wird nun heruntergezogen und landet auf dem Fußboden. Nun steht sie nackt vor dem Spiegel und vermeidet jeden weiteren Blick in den selbigen. Sie weiß, dass sie zu fett ist, ihr Arsch mit den Jahren immer dicker geworden ist, sie unter Orangenhaut leidet und ihre Brüste immer mehr gen Boden wandern. Dass nicht wenige ihrer Arbeitskollegen sie fast täglich mit den Blicken ausziehen und sie regelmäßig Komplimente bekommt, tut sie als „Schwanzdenken“ ab und behauptet immer, dass diese Typen wohl jede Frau ins Bett kriegen wollen, egal wie sie aussieht. Eilig steigt sie in die Duschkabine um endlich den bösen Spiegel, der Sie allmorgendlich ärgert zu entkommen. Penibel wird die Temperatur des Wassers eingestellt. Nicht zu warm und nicht zu kalt darf es sein, damit die Dame sich wohlfühlt.

Der Blick des Mannes wandert weiter an seinem Körper herunter. Sein Penis hängt schlaff über den prallen Hodensack zwischen den Beinen. Er findet ihn ein wenig zu klein, aber er tröstet sich immer mit dem Gedanken, dass er gut mit ihm umgehen kann und die meisten Frauen, mit denen er im Bett gelandet ist, danach zumindest befriedigt aussahen. Auch hier rasiert sich der Mann nicht, kürzt aber an ein paar Stellen die Haare mit einer kleinen Schere, die extra hierfür angeschafft wurde. Auch die Beine sind behaart. An dieser Stelle hat er sich nie rasiert und würde auch gar nicht auf die Idee kommen. Er amüsiert sich jedes Mal über die Radsportler, auf ihren Weg durch die malerischen Landschaften und verschlafenen Städtchen Frankreichs, die durchweg glattrasierte Beine haben. Wenn Sie jetzt noch ein paar Hochhackige Pumps dazu tragen würden, könnte er sich glatt in den einen oder anderen Sportler verlieben, sagt er immer.

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare…

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare dürfen auf keinen Fall nass werden. Haare waschen ist für Sie eine andere Tätigkeit als das Duschen und wird ausschließlich abends, nach dem anstrengenden Tag im Büro erledigt. Der Griff nach dem Duschgel erweist sich schwieriger als gedacht, denn sie kann sich nicht zwischen den vielen Tuben und Spendern entscheiden. Mehr als 15 verschiedene Sorten zieren den Rand der Duschkabine und alle wurden wohlüberlegt angeschafft. Nach kurzer Überlegung greift sie dann doch zu der ersten Tube, die sie in die Finger bekommt, öffnet den Deckel der hübsch verzierten Verpackung und quetscht die Tube, bis die cremige Flüssigkeit den gesamten Handteller bedeckt. Eilig verteilt sie die Cremeseife mit einem Schwamm auf ihren Körper. Dabei ist sie immer drauf bedacht das ihr Intimbereich nichts davon abbekommt, denn für den so sensiblen Bereich hat sie eine eigene Seife. Knapp fünf Minuten verbringt sie damit ihren gesamten Körper zu reinigen, um danach den Schaum abzuwaschen.

Schnell springt er unter die Dusche und lässt, dass fast kochende Wasser, über seinen Kopf und den gesamten Körper laufen. Zuerst werden die Haare gewaschen. Das Anti-Schuppen-Shampoo nutzt er schon seit Jahren und ist zufrieden damit. Ihm ist es wichtig, dass er immer das gleiche Produkt im Drogerieladen bekommt, denn damit hat er gute Erfahrungen gemacht. Sein Haar ist und bleibt damit schuppenfrei.

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz…

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz. Nichts ist schlimmer als eine Frau, die an den wesentlichen Stellen unrasiert daherkommt, findet sie und so rasiert sie sich täglich unter den Achseln und an den Beinen. Auch ein paar Schamhaare müssen dran glauben. Für diese Prozedur nimmt sie sich Zeit, auch wenn sie weiß, dass sie nicht mehr viel davon hat. Das Schminken und Stylen muss heute zügig gehen, wenn sie ausnahmsweise pünktlich im Büro sein will. Als sie endlich zufrieden mit ihrem Ergebnis ist und auch die letzten unschönen Härchen im Abfluss verschwunden sind, steigt sie aus der Dusche, trocknet sich ab, zieht einen frischen Slip und ein BH an und beginnt sich vor dem Spiegel zu schminken. Es dauert lange bis die Fältchen unter einer dicken Schicht Schminke verschwunden sind, der Lidschatten perfekt gezogen wurde und der Lippenstift, die ansonsten viel zu schmalen Lippen, etwas sinnlicher wirken lässt.

Beim Mann hingegen ist als Nächstes der Körper dran. Beim Duschgel ist er nicht so wählerisch. Häufig nimmt er einfach das billigste, das ihm in die Hände fällt. Sauber werden sie wohl alle machen und riechen tun sie ausnahmslos nicht schlecht. Die Duschbrause wird zur Seite geschoben, der gesamte Körper eingeseift und auch die entlegensten Stellen saubergerubbelt. Danach stellt er sich wieder unter das laufende Wasser und befreit seinen Körper vom Schaum.

Nur in Unterwäsche bekleidet macht sie sich wieder auf den Weg…

Nur in Unterwäsche bekleidet mach sie sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer und öffnet einer der Türen des großen Schrankes, um sich die Kleidung für den heutigen Tag herauszusuchen. In Reih und Glied und nach Farben sortiert, hängen hier Hosenanzüge, Röcke, Blusen und auch ein paar Kleider zum Ausgehen. Über der Stange mit den Bügeln gibt es mehrere Regalbretter, ausschließlich für Sportbekleidung, T-Shirts und die legeren Jeanshosen für die Freizeit. Darunter befinden sich mehrere, kleine Schubladen aus Plastik. Eine für Unterwäsche, die nächste für Strümpfe und Strumpfhosen, eine für Schals und Tücher und in der letzten Befindet sich eine Schatulle mit ihrem Schmuck. Auch hier hat sie es schwer sich zu entscheiden. Die Auswahl ist beiläufig bemerkt zu groß, aber sie kann sich einfach nicht von den vielen schönen Sachen, die allesamt teuer waren, trennen. Hier hängen auch viele Klamotten, die ihr schon seit Jahren nicht mehr passen, doch sie will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie sich auch in diesen irgendwann wieder hineinpressen kann, ohne sich wie eine Ölsardine zu fühlen.

Der Mann putzt sich mittlerweile die Zähne. Auch diese Aufgabe erledigt er unter der Dusche. Das spart Zeit, wie er findet und Zeit ist bekanntlich Geld. Er steigt aus der Duschkabine auf ein Handtuch für die Füße und trocknet seine Haare und seinen Körper mit einem Frotteehandtuch ab. Schnell schlüpft er in seine vorher bereit gelegten Boxershorts, seine Jeans und in ein weißes T-Shirt. Nun kommt der Elektro-Rasierer zum Einsatz. Mit einer über die Jahre hinweg perfektionierten Bewegung entfernt er mühelos die Bartstoppeln die jeden Tag aufs Neue sprießen. Nun noch die spärlich gewordene Haarmähne kämmen und fertig ist er mit dem Reinigungsritual.

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung…

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung entscheidet sie sich für eine schwarze, körperbetonte Hose und eine weiße eng anliegende Bluse. Die obersten beiden Knöpfe des Oberteils lässt sie bewusst auf. Im Laufe ihrer beruflichen Karriere hat sie gelernt mit den Waffen einer Frau zu kämpfen. Sie hofft, dass der Idiot aus der Buchhaltung sich mehr mit dem Innenleben ihrer Bluse, als mit ihren Zahlen auf dem Notebook beschäftigt, denn Ihre Ergebnisse waren diesen Monat nicht perfekt. Nun noch ein paar hochhackige Schuhe, die ihren Hintern besser zur Geltung kommen lassen und der Tag kann kommen.

Die Zeit ist knapp und so verzichtet er heute auf sein Frühstück. Kurzerhand beschließt er sich, unterwegs, ein belegtes Brötchen beim hiesigen Bäcker zu besorgen. Die gewonnene Zeit gibt ihm immerhin die Möglichkeit eine Tasse Kaffee und eine filterlose Zigarette zu genießen. Beides gönnt er sich auf seinen Balkon und überfliegt dabei die neuesten News auf sein Tablet. Ist auch das erledigt, schlüpft er in seine Jacke, schließt die Tür hinter sich ab und steigt in seinen roten Camaro und braust, wie immer ein wenig zu schnell, zur Arbeit.

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang…

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang. Alle Fenster sind mit einem kleinen Schloss ausgestattet, das vor Einbruch sichern soll. Diese werden alle penibel begutachtet. Sodann werden alle Stecker aus den Steckdosen gezogen und der Herd mindestens dreimal auf die ordnungsgemäße Abstellung kontrolliert. Erst dann kann die Dame des Hauses die Wohnungstür hinter sich schließen, um das Haus zu verlassen, nur um eine Minute später nochmals zurückzukehren um nochmals zu checken, ob sie auch wirklich und wahrhaftig die Wohnungstür vorschriftsmäßig verriegelt hat. Sie war sich einfach nicht mehr sicher. Endlich findet sie den Weg zu Ihren kleinen geliebten Fiat 500, der zu ihrem Verdruss mal wieder zugeparkt wurde. Nur eineinhalb Meter nach vorn und nach hinten hat man ihr zum Ausparken gelassen. Das wird eng. Geschlagene 5 Minuten braucht die knallharte Businessfrau um aus der Parklücke zu kommen, weitere 10 Minuten durch die engen Straßen der Vorstadt um dann die Autobahn zu befahren und mit wahnwitzigen 80 Sachen zur Arbeitsstätte zu düsen.

Kaffeeküchen-kampf

Die Regel ist einfach und wurde über Jahrzehnte überliefert. Derjenige, der als erster das Büro betritt und in die gemeinsame Kaffeekasse eingezahlt hat, muss sich an der Maschine zu schaffen machen und das braune, wachmachende Gebräu nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen zubereiten. Wer sich unverständlicherweise zuerst hinter seinem monströsen Röhrenbildschirm setzt, den altersschwachen Bürocomputer aus der Totenstarre holt und seine Mails abruft, fällt schneller als ihm lieb ist in Ungnade.

Heute betritt Herbert als erster die Szenerie und ärgert sich insgeheim darüber. Er hätte anders handeln können. Leider wurde ihm das aber erst dann bewusst, als er bereits den ersten Fuß auf den billigen, grau-braunen Sisalteppich gesetzt hatte. „Ein kluger Schachzug wäre es gewesen, wenn ich vorher ausgeschert wäre und auf der Toilette im Flur, noch eben auf die Schnelle, einen Bierschiss in die Keramikschüssel gehämmert hätte“, denkt er und fügt gedanklich den Neologismus: „Hätte, hätte Fahrradkette“, an.

Schlecht gelaunt betätigt er aber nun dennoch den Lichtschalter und die, hinter quadratischen Plexiglas versteckten, Neonröhren erwachen wiederwillig zum Leben. Missmutig schlendert er sodann durch den schlauchförmigen Raum. Sein Weg führt an unzähligen Arbeitsplätzen vorbei, bis er schlussendlich, im hinteren Bereich seinen eigenen halbrundem Schreibtisch aus den 70er-Jahren erreicht. Angewidert schmeißt er seine Tasche auf das Möbelstück und hört wie sich im Hintergrund mehrmals die Tür öffnet und die anderen Bürokolosse und Schreibtisch-Tussis in den Raum schleichen.

Auf den Weg in die kleine Küche…

Auf den Weg in die kleine Küche, die neben der Kaffeemaschine auch einen Kühlschrank, eine uralte Mikrowelle und sogar einen Backofen, mit augenscheinlichem Atomantrieb, beherbergt, läuft er Michelle über den Weg. Die blondierte, Büromaus wünscht ihm grinsend einen guten Morgen, folgt ihm in die Küche und stellt demonstrativ ihre Tasse mit der kitschigen Diddle-Maus-Applikation, die sie gerade eben aus dem Hängeschrank geholt hat, neben der noch leeren Thermoskanne. Gerne würde er der jungen Dame, die sich direkt nach dem Studium einen Platz im Großraumbüro reserviert hat, die Meinung geigen, verschiebt das Ganze aber innerlich auf einen anderen Tag, lächelt sie nur schief an und lässt sodann Wasser in die Kanne laufen.

Hurtig platziert er nun auch die Filtertüte an ihrem vorbestimmten Platz in der Maschine und zählt nachfolgend, gewissenhaft zehn gehäufte Löffel mit Kaffeepulver ab, um diese anschließend in der Tüte zu entleeren. Als er dann noch den kleinen Knopf an der Seite der Apparatur betätigt hat, verlässt er, nachdem er kurz innegehalten und gelauscht hat, ob sich die Maschinerie wirklich in die Gänge setzt, den kleinen Raum und begibt sich wieder an seinen Schreibtisch.

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet…

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet, bis der Kaffee durchgelaufen ist, seine alltägliche Arbeitsroutine. E-Mails werden abgerufen und beantwortet, Rechnungen werden geschrieben und archiviert und auch auf das, ach so wichtige, Innendienst-Meeting gilt es sich vorzubereiten. Gedanklich sitzt Herbert schon mit den vielen anderen Schwachmaten im großen Konferenzraum und ist, wie so oft in diesen Situationen, völlig unproduktiv. Immerhin glotzt er aber, offenkundig hoch konzentriert auf seinen Laptop und macht sich gelegentlich sogar Notizen auf einem extra mitgebrachten, linierten College-Block.

Meist ziehen sich diese ermüdenden Besprechungen unnötig in die Länge und nachdem die Vorträge, der noch wichtigeren Personen als man selbst, geendet haben, diskutiert man stundenlang angeregt über das gerade eben gehörte und geht dann doch ergebnislos auseinander. Trotzdem mag Herbert diese Veranstaltungen. Häufig nutzt er diese Gelegenheiten, um die anderen Kollegen zu beobachten. Ingolf bohrt dann meist angestrengt in der Nase, Reinhold fallen immer wieder die Augen zu, Christopher starrt angestrengt auf die Oberweite von Maren und Klaus-Dieter wirft in regelmäßigen Abständen, wortreiche aber inhaltsleere Floskeln in den Raum und schwingt dabei seinen Kugelschreiber wie ein verrückter Dirigent umher.

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt…

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt und es herrscht ein reges Treiben im Großraumbüro und „Hinz und Kunz“ schleichen, mit Tassen und Bechern bewaffnet, um die Küche herum. Herbert bekommt von alledem nichts mit, denn er ist bereits vertieft in seine Arbeit und noch immer im Gedanken in der Sitzung. Als schließlich auch Herbert den Duft des, frisch aufgebrühten, Kaffees in seiner Nase wahrnimmt, lässt er seinen Bleistift fallen und sprintet mit seinem Becher zur Küche. Wieder läuft ihm Michelle über den Weg, die ihn jetzt nur frech angrinst und ohne ein Wort zu verlieren mit ihrer, bis zum Rand gefüllten Tasse die Küche verlässt.

Herbert betritt den Raum und ihm schwant Böses. Als er die Thermoskanne in den Händen hält, sie prüfend hin und her wiegt und dann, den letzten verblieben Schluck, in seine Tasse schüttet, vergeht ihm die Vorfreude auf das Meeting schnell, denn ein weiteres ungeschriebenes Gesetz im Büro lautet: Wer die Kanne leert, ist verpflichtet neuen Kaffee aufzusetzen. So macht Herbert sich also erneut an die ungeliebte Aufgabe, befreit ein weiteres Pfund Kaffee aus seinem Gefängnis und brüht frischen Kaffee für ihn und seine geliebten Kollegen auf.

Franky Red

Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.

Karussellbremser in love

Heute spucke ich mal ein paar Worte aus. Rotze sie einfach auf den glänzenden, metallischen Boden des Autoscooter. Ich bin einer von den Männern die zum Mitreisen gesucht und gefunden wurden. Ich bin es, der die billigsten Klamotten trägt, die er finden kann. Ich bin es, der immer eine Cap auf dem Kopf trägt, um seine strähnigen, ungewaschenen Haare darunter zu verstecken. Ich bin es, der keine richtige Heimat und keine richtige Familie hat. Alle unter dem Torf, von der Sippe.

Pennen tue ich im altersschwachen Wohnwagen, mit drei anderen schäbigen Gesellen. Sie sind meine Kollegen, meine Freunde und irgendwie auch meine Familie. Man könnte Mitleid mit mir haben, wenn da nicht der Schlüssel wäre, der mit einer Kette an meiner gammeligen Jeans befestigt ist. Den Schlüssel schiebe ich immer wieder in die elektrifizierten Seifenkisten und bin sodann der Held des Abends. Geschickt steuere ich das alleingelassene Gefährt im Stehen durch die anderen, weiche ansehnlich den bereits besetzen aus, lächele den weiblichen Teenagern zu und zeige meinen Kontrahenten den imaginären Stinkefinger.

Die Weiber sind hin und weg…

Die Weiber sind hin und weg. Wollen alle was anfangen, mit dem coolen Typen, der auf dem Rummel malocht. Wollen Freifahrten haben und machen dafür so einiges. Gelegentlich verdrücke ich mich dann und greife mir eins von den willigen Mädels. Hinter dem Toilettenwagen schiebe ich ihr meine Zunge in den Mund und die Hand unter das Shirt und meine kleine Welt ist wieder in Ordnung. Dann und wann geht auch mal mehr. Manchmal öffnet eine von ihnen ihre Schenkel für mich, im Wohnwagen. Die Kollegen habe ich vorher bestochen. Drei Flaschen Bier, für eine halbe Stunde Intimität.

Ich verspüre keine Scham und habe auch kein schlechtes Gewissen. Es ist einfach. Es ist schön. Es ist zwar keine Liebe, fühlt sich aber fast so an. Irgendwann, meist nach einer Woche bauen wir das Fahrgeschäft ab. Packen alles ein, in Lkw mit Anhänger. Wir reisen weiter. Wir brechen unsere Zelte ab und Irma weint. Sie wusste, dass es ein kurzes Vergnügen sein würde und trotzdem hat sie sich eingelassen, auf einen Typen mit ungewaschenen Haaren, von der maloche gestählten Muskeln und ein wenig Mundgeruch. Hat sich flachlegen lassen, von dem Typen mit Schlüssel an der Hose. Hat sich bumsen lassen, von dem Mann der in jeder Stadt ein Mädel hat.

Irma ist nur eine von vielen…

Irma ist nun eine von vielen. Ich nehme sie zum Abschied in den Arm und sage ihr das wir wiederkommen. Ich will sie mir warmhalten, für den kalten Herbst. Manchmal klappt es manchmal nicht.

Leben ohne Charme

Es ist gerade mal halb acht. Bei mir im Schlafzimmer sind die Rollos noch unten und es ist dunkel. Mitten in der Nacht, könnte man meinen, wenn da draußen, direkt vor meinem Schlafzimmerfenster, nicht so ein Radau herrschen würde. Ich persönlich habe keine Ahnung was da los ist und mich würde es auch nur peripher tangieren, wenn ich doch nur wieder einschlafen könnte. Aber selbst das über den Kopf gezogene Kopfkissen bringt nicht den erwünschten Lautlos-Effekt.

Es hilft wohl nichts. Ich werde hinaus müssen, aus den Federn und mir einen anderen, friedlicheren Ort suchen, um meinen Rausch auszuschlafen. Gestern habe ich mir ein paar leckere, eiskalte Bierchen in den Hals geschüttet und dabei nicht so genau auf die Uhr geschaut. Eigentlich wie jedem Abend, nur gestern waren auch noch einige Kurze dabei. Ein Geschenk von meiner Ex-Frau zu meinem 52. Geburtstag. Ein Doppelkorn aus dem Discounter, für knapp fünf Euro. Nett von ihr. „Der Wille zählt“, oder wie lautet diese beschissene Weisheit?

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr…

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr meiner Arbeitslosigkeit. War es satt mit den wenigen Kröten im Monat auszukommen und nicht in den Urlaub zu fahren. Hat sich einfach einen neuen Gesucht. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ihr neuer Stecher ist nicht nett, nicht hübsch und nicht klug, aber er hat einen Job, bei Opel am Fließband, der feine Herr. Da kann ich nicht mithalten. Meine Kinder hat sie auch mitgenommen und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Immerhin war sie so freundlich, mir diesen Karton mit der Pulle vor die Tür zu legen. Das Dingen war sogar eingepackt in Geschenkpapier und eine Schleife hat sie auch drum gewickelt. Auf der Karte stand: Für Paul, in ihrer krakeligen Schrift. Danke. Vielen Dank sogar. Hab den Karton direkt vor der Tür aufgerissen und den Inhalt in den Gefrierschrank gelegt. Sollte schnell kalt werden, die Plörre. Ich hatte es eilig. Wollte schleunigst anfangen mit dem Saufen, denn ich fühlte mich scheiße, eigentlich wie jeden verdammten Tag.

Jetzt brummt mir der Schädel…

Jetzt brummt mir der Schädel und auch im Wohnzimmer, auf der abgewetzten Couch aus dem Sozial-Kaufhaus, herrscht keine Ruhe. Überall turnen sie herum, mit ihren Scheiß-Maschinen und Rasenmäher die so groß sind wie ein kleiner Traktor und mähen und schnippeln alles kurz und klein. Haben die denn kein Mitleid, mit einem armen alten Mann der einen über den Durst getrunken hat? Müssen die ihre Scheiß Arbeit so früh am Morgen erledigen?

Wird wohl alles seine Richtigkeit haben. Auch die Leute da draußen, an den Maschinen, müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nicht jeder kann vom Amt bezahlt werden. Geht einfach nicht. Auch bei mir war das mal anders. Auch ich hatte mal einen guten Job, in einer Druckerei. Haben richtig gut bezahlt und ich konnte dort mit dem Fahrrad hinfahren. Hab meiner Frau immer Blumen und Schmuck geschenkt und auch den Kindern fast jeden Wunsch erfüllt. Ich konnte mit einem Gehalt alle Rechnungen bezahlen und einmal im Jahr mit der Familie in den Urlaub. Das war was.

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen…

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen und die Chefs mussten kurzen Prozess machen, mit einigen von der Arbeiter. „Führt kein Weg dran vorbei“, sagte mir mein Vorarbeiter damals und drückte mir das Schreiben in die Hand. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, der Wichser. Nicht besonders emphatisch sagt man dann wohl dazu. Ich bin dann am selben Tag zum Arbeitsamt gegangen, mit der Kündigung in der Hand. Sollte so gemacht werden. Die Tante sagte ich solle den Kopf nicht hängen lassen und das ich mit Sicherheit bald wieder eine Stelle finden würde. Doch es sollte anders kommen.

Ich hatte ja nichts gelernt. War nur ein Helfer an der Druckmaschine. Hab dafür gesorgt das immer genug Papier bereitstand und die Farbe im Druckwerk nicht ausging. Gelegentlich hab ich den Gesellen auch schon mal eine Schale Pommes von der Imbissbude besorgt, wenn es die Zeit zuließ. Nichts Besonderes. Nichts Hochtrabendes. Aber ich war zufrieden. Ich wollte gar nicht mehr und identifizierte mich nicht über die Maloche, wie manch anderer. Hat mir gereicht, der Mist. Gute Kameraden, eine Aufgabe und gutes Geld, für ehrliche Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann das.

Es hat gar nicht lange gedauert…

Es hat gar nicht lange gedauert, dann sprach die Tante vom Amt schon anders: „Sie müssen halt flexibel sein, mal über den Tellerrand hinausschauen …“ Hab dann alles Mögliche gemacht, aber nie lange. Zeitarbeit und so ein Bockmist. Scheiß-Arbeit für weniger Kröten, als ich vom Amt, für das Stempeln bekommen hätte. Irgendwann hab ich mich dann aber quer gestellt. Hab dann einfach in den Bewerbungen, von den Jobs die ich nicht wollte, Rechtschreibfehler reingeschrieben und auch schon mal einen Fettfleck auf dem Papier hinterlassen. Aus Versehen, versteht sich. Haben mich dann gar nicht eingeladen, die Drecksäcke. Gut so.

Nun bin ich seit knapp fünf Jahren Arbeitslos und bekomme nur noch Hartz 4. Wenigstens wird die Miete, meiner kleinen 2-Zimmer-Bude bezahlt. Wenn man sparsam ist, kommt man über die Runden und braucht nicht zu hungern. Auch das tägliche Bier ist drin. Bloß wenn mal was außergewöhnliches ist, wird es eng. Zum Beispiel, wenn eines der Kids Geburtstag hat. Ich schicke ihnen noch heute immer eine Karte mit ein bisschen Geld drinnen. Einen Dank erhalte ich nie. Kein Anruf, kein Besucht, Nichts. Mit einem Säufer wie mir wollen sie nichts am Hut haben, die Kids und auch denen kann ich es nicht verübeln.

Das schlimme ist die Zeit…

Das schlimme ist die Zeit. So lange schlafen kann man gar nicht, dass man nicht ans Denken kommt, nicht einmal dann, wenn die Gärtner der Wohngesellschaft nicht ihre Arbeit in aller Früh verrichten. Bewerbungen schreibe ich schon gar nicht mehr. Hab es einfach aufgegeben. In meinem Alter kriegt man doch nichts mehr. Habe auch keine Hobbys und keine Freunde, nur ein paar lose Bekanntschaften. Alles genauso arme Schlucker, wie ich es einer bin. Meist bleibe ich einfach den ganzen Tag daheim, trinke ein paar Bier und lasse die Zeit verstreichen, bis ich wieder ins Bett kann. Ein freudloses, mickriges Leben das ich führe.

Immer wieder denke ich über alles nach. Über alles, was ich falsch gemacht habe. Was ich besser hätte machen können, doch komme auf keinen grünen Zweig. Es war doch alles in Ordnung. Ich war glücklich, meine Frau zufrieden und den Kindern ging es gut. Nun ist alles futsch, wegen eines vermaledeiten Auftrages. Wer ist schuld an der Misere? Mein Chef, der Auftraggeber, mein Vorgesetzter, der mir die Kündigung übergab, die Tante beim Arbeitsamt, deren Name ich mir bis heute nicht merken kann, oder gar meine Frau die mich nicht weiter unterstützte?

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken…

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken. Ich mag überhaupt nichts mehr, nicht einmal den duftenden Kaffee, den ich mir aufgebrüht habe und wofür ich den letzten Löffel Kaffeepulver verbraucht habe. Ich kippe ihn weg. Ab damit in den Scheiß-Abfluss. Weg damit, für immer. Ich hole lieber wieder eine der mir wohlbekannten, mir liebgewonnenen, braune Karaffen aus dem Kühlschrank. Auch in der etwas größeren, durchsichtigen, ist noch was drin. Der Tag ist gerettet.

Es dauert nicht lange, bis der Alkohol wirkt. Mir wird warm und ich fühle mich wieder besser. Nun sind meinen Gedanken wieder geordnet und ich sehe alles klar vor meinen Augen. Das ganze Elend wirkt dann nur noch halb so beschissen, wie es in Wirklichkeit ist. Nur wenn ich an meine Kinder denke, laufen mir ab und an ein paar Tränen über der zerfurchten Wangen. Ich ziehe dann die Vorhänge zu. Den alten Säufer soll niemand heulen sehen. Wäre ja noch schöner. Ich brauche kein Mitleid. Ich brauche meine Kinder und eine Frau die mich liebt. Ich brauche eine Beschäftigung, wenn es denn sein muss auch eine Arbeit, die mir unbemerkt die verdammte Zeit stiehlt, wie ein Taschendieb auf dem Weihnachtsmarkt.

Der Agenturkunde

Auch ich gehöre zu der Truppe, die beim Arbeitsamt diverse Formulare ausgefüllt hat, damit die Versicherung, für die man jahrelang eingezahlt hat, auch greift. Agentur für Arbeit schimpft sich die Behörde heute, wurde ich belehrt als ich das erste Mal durch die Drehtüren ging, die Heiligen Hallen betrat und mich nach endloser Wartezeit, in einer Schlange, die der im Freizeitpark vor der beliebtesten Achterbahn glich, vor einer Dame wiederfand, die sich mit ihrer Arbeit bei der Agentur mehr als identifizierte.

Ich hatte erst vor ein paar Stunden die Kündigung von meinem Chef, der mich nie so richtig lieben lernen konnte, in die Hand gedrückt bekommen und von der Personalchefin für den Rest des Tages freibekommen, damit ich mich persönlich beim Arbeitsamt, arbeitssuchend melden konnte. Wie nett von der Dame mit dem Pferdearsch, den ich immer wieder bestaunte, wenn sie wieder einmal mit enormem Tempo an meiner Schreibtisch-Bucht vorbeisauste und meinen immer höher werdenden Stapel an Arbeit bedenklich zum Wanken brachte. Im Übrigen benutze auch sie, als eine Frau die es besser wissen müsste, den anscheinend falschen Terminus technicus: Arbeitsamt.

Die freundliche, aber etwas übermotivierte Dame…

Die freundliche, aber etwas übermotivierte Dame im Empfangsbereich der Agentur, meldete mich netterweise in der dritten Etage an, in die ich mich nun auf direkten Weg begeben sollte, um dort im Wartebereich Platz zu nehmen. Man würde mich aufrufen. Gut. Mache ich doch alles, komme mir aber schon jetzt vor wie ein I-Männchen mit Sextaner-Blase, dem sie das Förmchen aus der Hand genommen haben, um ihm auf schnellsten Wege, das Wissen einzubläuen, das den jungen Mann alle Werkzeuge mit auf dem Weg gibt, die nötig sind, um das Leben zu meistern.

Als ich die dritte Etage schnaufend erklommen hatte, ohne ein Bein in den meiner Figur nicht gut gesinnten Aufzug gesetzt zu haben, wurde mir bewusst, dass es doch ein längerer Tag werden konnte als ich mir erhofft hatte. Knapp achtzig bis einhundert erwachsene Menschen, jeglicher sozialer und geografischer Herkunft hatten sich auf dem Flur eingefunden. Überwacht von einer, mit Funkgerät und Reizgas ausgestatteten, Sicherheitsfachkraft, hatte es sich die geldgierige Meute, die den Staat schonungslos in die Tasche greifen möchte, auf den wenigen Plastikstühlen bequem gemacht oder sich auf den Fußboden geflätzt. Dass keine Zelte aufgebaut, der Papierkorb entzündet und drumherum getanzt und gerapt wurde, war wohl nur dem strengen Blick der Aufsichtskraft mit dem Nazi-Scheitel und dem auf der Bomberjacke aufgedruckten Anglizismus: „Security“ geschuldet.

Schon jetzt sehnte ich mich an meinen verhassten Arbeitsplatz…

Schon jetzt sehnte ich mich an meinen verhassten Arbeitsplatz, mit durchgesessenes Bürodrehstuhl und total veralteter Hard- und Software zurück. Wie gerne würde ich doch die Akten, die ich zu bearbeiteten hatte, fahrig überfliegen, meine Eintragungen machen und freundlichst, per Mail um Nachschub bitten, wenn der Stapel, wider Erwarten, zur Neige ging, bevor der Feierabend eingeläutet werden konnte. Wie gerne würde ich den Chef auf den Flur freundlich grüßen, auch wenn ich wusste das der Arsch mich nicht leiden konnte und genau diese Tatsache auf Gegenseitigkeit beruhte, aber keiner von uns beiden Alpha-Tieren in der Lage war dem jeweils anderen, den allgemeinem, unausgesprochenen Benimmregeln des Arbeitsalltags entsprechend, die Meinung zu geigen.

Auch ich machte es mir auf dem Boden bequem, da es dem Anschein nach noch ein bisschen dauern konnte, bis ich an der Reihe war. Ich beobachte das Treiben auf dem Flur und wartete geduldig ab, bis endlich ein Mann in Jeans und Sakko den Flur betrat und meine Nachnamen laut in den Korridor schrie. Mir war das Gebrüll des Mannes mit dem Schnauzer ein wenig peinlich, da sich mein Familienname in dieser Lautstärke irgendwie wie eine Beleidigung anhörte, aber da keiner der andern anwesenden davon Notiz nahm entknotete ich meine Beine, aus dem Schneidersitz, trottete den Angestellten der Behörde hinterher und fand mich in einer Schreibtisch-Bucht eines Großraumbüros wieder, das meinem ehemaligen Arbeitsplatz auf erschreckender Weise glich.

Mit traurigem Blick nahm der Angestellte…

Mit traurigem Blick nahm der Angestellte auf einem ausgesessen Drehstuhl platz, bot mir einen der zwei, nicht besser anmutenden Stühle vor seinem Schreibtisch an und hörte sich gelangweilt meine Geschichte, die er in dieser Form wohl schon tausende mal gehört hatte, an. Zwischendurch nickte er verständnisvoll, aber man konnte in seinen Augen erkennen, dass er nicht bei der Sache war. Wahrscheinlich saß er im Gedanken schon in seiner Lieblingskneipe und nippte an seinem ersten Bier, auf dem seine Lieblingswirtin mit den ausladenden Hüften, eine perfekte Blume gezaubert hatte. Ich konnte es ihm nicht verübeln und nahm mir vor, freundlich den Anweisungen des Mittdreißigers nachzukommen.

Die Geschichte dauerte nur ein paar Minuten. Er stellte mir ein paar Fragen und ich gab die passenden Antworten, die er sodann mit einer Tastatur, aus dem vergangenen Jahrhundert und einer kabelgebundenen Maus in seinen PC mit Röhren-Monitor hämmerte. Immer wieder spukte der Nadeldrucker, der auch auf dem Schreibtisch seinen Platz gefunden hatte, mit einem Höllenlärm diverse Formulare aus, die der gelangweilte traurige Tropf mir gegenüber, der Lade entnahm und mir über den Schreibtisch zuschob. Dabei zeigte er immer wieder auf diversen Stellen im Formular, markierte diese danach mit einem Textmarker und hob damit die anscheinende Wichtigkeit der auszufüllenden Stelle da.

Der Schnauzbärtige sagte…

Der Schnauzbärtige sagte nun: „Bitte füllen Sie alle Formulare, auch mithilfe ihres Arbeitgebers, aus und geben diese fristgerecht und persönlich bei uns ab.“ Nun war ich es aber der nicht mehr bei der Sache war. Ich hatte mich schon aus dem Hier und jetzt verabschiedet, als er mir den dritten, mehrseitigen Fragebogen zugeschoben hatte. Nun war ich es, der mit dem Gedanken woanders war. Trotzdem stopfte ich den Papierwust in meine Arbeitstasche, verabschiedete mich, nahm ein weiteres Mal die Treppe, um meine Wadenmuskulatur erneut auf die Probe zu stellen und verließ als neuer Kunde mit mehrstelliger Kundennummer und einem Kärtchen mit allen wichtigen Informationen zur Erreichbarkeit meines Arbeitsvermittlers, durch die Drehtür die Agentur meines Vertrauens.

Draußen angekommen blieb ich kurz stehen, holte tief Luft und machte mich sodann auf direkten Weg zu meinen, zufälligerweise ganz in der Nähe angesiedelten, Hausarzt. Nach kurzer Wartezeit stellte dieser fest, dass es mir nicht gut ging und ich unbedingt eine Pause von zwei Wochen bräuchte, bis ich wieder durch die Flure meiner Firma gehen und der Personalchefin auf die Arschbacken schauen könne. Wie nett vom Arzt den ich seit meiner Kindheit kenne und mit dem ich zusammen die Schulbank gedrückt habe. Ich verließ die Praxis und ging in die nächstbeste Kneipe, die ich finden konnte, bestellte ein Bier, das mir mit perfekter Blume von einer netten Wirtin mit ausladenden Hüften kredenzt wurde und entschied spontan, dass es nicht das einzige Kaltgetränk bleiben würde, dass ich hier trinken würde.

Nach dem vierten oder fünften der süffigen Getränke…

Nach dem vierten oder fünften der süffigen Getränke, die ich mir in den Hals geschüttet hatte, ging die schwere Holztür, zur spärlich besuchten Trinkstube auf und ein schnauzbärtiger Mann in Jeans und Sakko durchquerte zielstrebig den Schankraum, warf seine dünne Aktentasche auf den Boden der Garderobe, schlüpfte aus dem Sakko, knöpfte sich die Ärmel seines Hemdes hoch und nahm, mir gegenüber, am Tresen Platz und bestellte ein Bier. Erst als die Wirtin das Bier vor ihm auf den Tresen stellte und er das halbe Glas in einem Zug leerte, entspannten sich seine Gesichtszüge und ein freundlicher Mann, von dem alle Qualen des heutigen Arbeitstages abzufallen schienen, kam zutage.

Erst nun blickte er sich im Schankraum um. Erst jetzt erkannte er in mir einen seiner Kunden, aus der Agentur und schien peinlich berührt. Ich nickte ihm dennoch freundlich zu, bestellte ihm ein Bier auf meine Kosten und fragte, ob ich mich zu ihm gesellen dürfe. Er nickte zwar, schien aber nicht begeistert. Trotzdem. Nach ein paar weiten Bieren und den einen oder anderen Schnaps merkten wir, dass wir durchaus einige Gemeinsamkeiten hatten. Ich empfahl ihm meinen Arzt und er nahm sich vor ihm schon morgen einen Besuch abzustatten. Wir bestellten weitere Bier und verließen den Laden erst als die Wirtin uns freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzte.