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Turbo-Thorsten

Schon morgens, nachdem Thorsten die Türverriegelung mit zur Hilfenahme der Funkfernbedienung im Schlüssel seiner Hand, schon einen halben Kilometer vor Ankunft an seinem Fahrzeug außer Kraft gesetzt hat und der Sound den die Karre dabei über die Hupe ausspuckt alle Nachbarn im Umkreis von zwei Kilometer, die zum völligen Unverständnis morgens um fünf Uhr noch schlafen aufweckt, setzt er sich zügig hinter das Lenkrad seines Rennhobels. Er will nicht zu spät kommen, egal wohin die Reise auch geht. Immer auf der Überholspur, der junge Mann mit dem tiefer gelegten Opel-Corsa.

Als er seinen geliebten Schlitten, deren Blau-Metallic-Lackierung in der morgendlichen Sonne glänzt mit gekonnten Vor- und Zurückbewegungen endlich aus der zu engen Parklücke manövriert, geht auch beim übermotivierten Fahrer, innerlich, die Sonne auf. Die überteuerten Felgen, die überdimensionierten Schriftzug-Aufkleber auf der getönten Heckscheibe, die Zierleisten in Chrome und die Unterbodenbeleuchtung in Blau, runden das Bild des Fahrzeuges ab und geben dem Fahrer ein Gefühl der Überlegenheit.

Als alle Räder des Gefährts endlich auf der Straße angekommen sind…

Als alle Räder des Gefährts endlich auf der Straße angekommen sind, fährt der junge Mann mit Baggypants und umgekehrt aufgesetztem Cap den Motor mit durchschnittlichen 52 Kilometer pro Stunde warm und bugsiert die Proll-Karre, ohne sich vorher den Sicherheitsgurt angelegt zu haben, gekonnt durch die eng an eng stehenden Fahrzeuge am Straßenrand der 30er-Zone. Hier ist morgens, um diese Uhrzeit noch nicht viel los und er kann seine Aufmerksamkeit von der Straße ab- und seiner Sound-Station, mit riesigem LCD-Display, zuwenden.

Die flinken Finger huschen nun geschickt durch das Menü, bis sie schlussendlich in seiner umfangreichen Musiksammlung, deren Songs sich allesamt in die Schublade: Rotterdam-Hardcore-Gabber kategorisieren lassen, angekommen sind. Als er endlich seinen absoluten Lieblings-Song gefunden hat, hat er auch sein Tempo-limitiertes Heimatviertel hinter sich gelassen. Auf einer bass wogenden Welle, die aus dem hinteren Bereich seines Fahrzeuges kommt, reitet er mit 70 Sachen durch die Innerstädtischen Rennmeile, bis sich, zum völligen Entsetzen des Fernando -Alonso-Verschnitts, ein türkisfarbener Renault Twingo vor ihm setzt.

Der Idiot hat sich einfach vor ihm, aus einer Parklücke am Straßenrand, ohne einen Blinker zu setzen auf die Straße geschoben…

Der Idiot hat sich einfach vor ihm, aus einer Parklücke am Straßenrand, ohne einen Blinker zu setzen auf die Straße geschoben. „Hat der Typ seinen Führerschein etwas im Lotto gewonnen?“, fragt sich der junge Mann im Inneren des Opels und drückt entnervt auf seine Hupe. Im Schneckentempo fährt die Weiber-Knutsch-Kugel nun vor ihm her, ohne von seinem wilden Gefuchtel, hinter der Windschutzscheibe, in irgendeiner Form, Kenntnis zu nehmen. Tatsächlich schiebt sich der Kleinwagen mit waghalsigen 40 Km/h durch die Stadt und ärgert Thorsten mit stoischer Gelassenheit, indem er schon einen Kilometer vor einer Ampel, den Wagen langsam ausrollen lässt und dann erst so spät wieder anfährt das Thorsten dahinter, erst dann über die Kreuzung fahren kann, als die Ampel erneut auf Gelb umspringt.

So ein Arschloch, denkt sich Thorsten als der Twingo endlich an der nächsten Kreuzung abbiegt und die Straße, auf der für alle anderen außer Thorsten 5o km/h erlaubt sind, wieder freigibt. Aus dem Blinkwinkel erhascht er noch einen Blick auf das, was hinter dem Lenkrad des Twingos sitzt und fühlt sich, als er eine Frau hinter dem Steuer erkennt, in seiner Meinung bestätigt, kratz sich gewinnend am Sack, lächelt und tritt genüsslich das Gaspedal so weit durch, bis er endlich wieder seine gemütlichen 70 Km/h Reisegeschwindigkeit erreicht hat, durch.

Endlich hat er den Zubringer zur Autobahn erreicht…

Endlich hat er den Zubringer zur Autobahn erreicht. Hier sind immerhin schon 100 Sachen erlaubt und Thorsten beschleunigt beschwingt auf 120. „Immer 20 mehr“, sagt er sich. „Danach wird es zu teuer“, ruft Thorsten sich immer wieder ins Gedächtnis, kann es aber kaum abwarten bis bald die Begrenzung der Geschwindigkeit aufgehoben wird und die Fahrt endlich ein wenig zügiger vonstattengehen kann. Schon ganz schön voll ist die Bahn und Thorsten ist genötigt zu drängeln, zu dicht aufzufahren und mehrmals die Lichthupe zu betätigen, wenn irgendeiner vor ihm keinen Platz machen will für den Platzhirsch von gerade einmal 20 Lenzen auf der Lebensuhr.

Als endlich das heiß ersehnte Schild, das augenfreundlich in Weiß daherkommt und eine doppelt durchgestrichene hundert zeigt, beschleunigt er das Fahrzeug vorerst auf 160, dann auf 180 und wenn es das Verkehrsaufkommen erlaubt – also kein Stau ist – auf das Maximum von 208 km/h, die er aus dem Motor herauskitzeln kann. Dann und wann zeigt er einen seiner Kontrahenten auf der Bahn einen Vogel oder auch schon einmal den Stinkefinger, wenn ihm einer dumm kommt. Gelegentlich hupt er genervt, raucht dabei lässig eine Zigarette, fummelt immer wieder am Radio oder knipst mit dem Smartphone ein Selfie für seine neueste Instagram-Story.

So braust er cool und lässig dahin…

So braust er cool und lässig dahin, bis er sein Ziel, wie immer ohne besondere Vorkommnisse erreicht hat. Er ist wie immer zu früh da und steht nun einsam und verlassen vor dem verschlossenen Zufahrtstor seiner Arbeitsstelle. Es ist gerade einmal 20 Minuten nach 5 und der Meister mit dem Schlüssel kommt frühestens um 6 Uhr, wenn er nicht verschläft, weiß auch Thorsten und raucht entnervt eine Zigarette nach der anderen, fummelt gelangweilt an seinem Radio herum und knipst noch ein paar Selfies für seine 14 Follower auf Instagram.

Spritzkabine

Nicht immer, im Leben, fällt es leicht Ruhe zu bewahren. Besonders dann, wenn einem der Schweiß in Strömen über das Gesicht läuft, man schon das fünfte Mal frustriert in die Furzkuhle des Fahrersitzes gebläht hat, die Olle vor einem, konstant, einen halben Kilometer Abstand zu dem Wagen vor ihr hält und rechts und links neben einem kein Platz zum Überholen ist. Wie gerne würde man nun das imaginäre Martinshorn einschalten und dem Püppchen im quietschgelben Fiat Punto, mit den hochtoupierten Haaren und der überschminkten Hackfresse, die man mit Blaulicht und Sirene, irgendwie, an den Seitenstreifen bugsiert hat, mal richtig die Leviten lesen. Doch leider ist man gefangen im wahren Leben, das keine Möglichkeit bietet die Sterne auf der Schulter, die Knarre im Halfter und die nötigen Papiere, die einem zum Kommissar, oder zumindest Polizeimeister, machen heraufzubeschwören. Man befindet sich im Stau. Mal wieder. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Das Besondere heute, an der Situation die man eigentlich zu Genüge kennt, ist das man pinkeln muss wie ein Dromedar…

Das Besondere heute, an der Situation, die man eigentlich zu Genüge kennt, ist, dass man pinkeln muss wie ein Dromedar und der Erleichterung verschaffende Parkplatz, mit Toilette, nicht nur auf dem Navi im Inneren der Nobelkarosse, mit fetten Schlappen und überdimensionierter PS-Zahl, noch 5 Kilometer entfernt ist, sondern auch die altmodischen Schilder am Straßenrand das Gleiche behaupten. Nur zu gerne würde man nun auf eine dieser Plastikflaschen, die einem nach Operationen im Krankenhaus zum Urinieren im Liegen einladen, zurückgreifen und seine Notdurft während der Fahrt erledigen, aber auch das ist nicht drin, denn das Wageninnere ist penibel gesäubert und keinerlei Gefäß, das auch nur annähernd die Möglichkeit bieten würde, seinen Penis hineinzuhalten um seine Blase zu entleeren ist greifbar. Wenn man dann endlich, ohne sich wie ein Kleinkind in die Hose geschifft zu haben, den Parkplatz erreicht hat, sich wie ein zitternder Aal der Spritzkabine nähert, muss man feststellen, dass auch sechs bekiffte Holländer auf die gleiche Idee gekommen sind und einem den Zugang zum Paradies verwehren.

Vorsichtig nähert man sich dem, von innen und außen, mit Kot beschmierten Sanitärmöbel…

Auf beiden Beinen hin und her-tänzelnd wartet man, nicht zuletzt wegen seiner guten Kinderstube, bis auch der letzte Käsefresser das Zimmer mit der Fäkal-Keramik verlassen hat. Als man den heiß ersehnten Raum letztlich betritt, wird man fast erschlagen, von einem Gestank der einem stark an den letzten Urlaub auf dem Bauernhof erinnert. Doch es nützt nichts, denn man hat die Demarkationsgrenze bereits überschritten. Vorsichtig nähert man sich dem, von innen und außen, mit Kot beschmierten Sanitärmöbel, immer darauf Bedacht es weder mit einem Körperteil noch mit dem teuer erstandenen Zwirn zu berühren. Mit zittrigen Fingern öffnet man schlussendlich den Hosenstahl, fingert in den Boxershorts nach dem ranzigen Glied, bis man es endlich ans künstliche Licht fördert. Eilig wird nun die Vorhaut zurückgezogen und die glänzende, rosarote Eichel zur Hälfte entblößt, Mittel- und Zeigefinger unter den Schaft drapiert und der Daumen, zum Steuern des Urinstrahls, oben aufgelegt. Als sich der erste mächtige Schub des gelben Strahls in die Schüssel entleert überkommt einem ein Gefühl unendlicher Erleichterung und man fühlt sich, tatsächlich, dem Paradies ein wenig näher.

Der immer noch druckvolle Pisse-Strahl wird nun genutzt um die Toilette, zumindest von Innen, von der Scheiße der Holländer und allen anderen, die es nicht gewohnt sind, sich auch nur annähernd wie ein gesitteter Mensch zu benehmen, zu befreien. Doch auch der anscheinend niemals endende, reißende Fluss wird irgendwann zu einem kleinen Rinnsal bis er zur Gänze versiegt und man mit viel Geduld die letzte Tropfen aus der Harnröhre schlackert, um ernüchternd festzustellen, dass man nicht mal annähernd den verkrusteten Kot entfernen konnte.

Trotzdem hält man die besudelten Hände unter den Wasserhahn…

Ein wenig frustriert packt man das Geschoss wieder ein, schließt den Hosenstall, betritt den Vorraum um sich nach der ekelerregenden Pissorgie gründlich die Hände zu reinigen und muss feststellen, dass weder Seife noch Papiertücher vorhanden sind. Trotzdem hält man die besudelten Hände unter den Wasserhahn um zumindest oberflächlich, die gefühlt, millionenfach aufgenommenen Bakterien zu entfernen. Die Nassen Hände werden nun doch an der teuren Markenhose, behelfsmäßig, trockengerubbelt und man verlässt den Ort der Notdurft und fühlt sich dreckiger als jemals zuvor in seinem Leben. Als man wieder hinter dem Lenkrad sitzt und seinen Rennhobel, auf die immer noch verstopfte Autobahn lenkt, stellt man sogleich mit Entsetzen fest, dass man sich notgedrungen hinter einem quietschgelben Fiat Punto, mit einer Dame am Steuer, die einem irgendwie bekannt vorkommt, einreihen muss und man erneut Schwierigkeiten bekommen wird, ruhig und gelassen zu bleiben.