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Die bärtige Martina

Es war einer dieser Tage, an denen keiner meiner Kumpels Zeit zum Saufen finden konnte. Es war nicht Freitag und auch nicht Samstag, dennoch hatte ich das Verlangen mir nicht zu wenige Biere und ein paar Schnäpse in den Rachen zu schütten. Ich hängte mich also ans Telefon und druckte die Tasten des betagten Gerätes, mehrere male. Ich sprach mit Tim, ich sprach mit Marc, ich quatschte mit Leo und auch mit Benny doch niemand hatte Zeit. Einige mussten am nächsten Tag arbeiten, andere hatten ihre Geschäfte am Laufen und wieder andere wollten den Tag auf der Couch vor der Glotze, oder auf ihrer Alten verbringen.

Da mir aber die Decke auf dem Kopf fiel und ich auch keine Kippen mehr in der Schachtel hatte, musste ich handeln. Ich warf mir also ein paar Klamotten über, gelte mir die Haare nach hinten und verließ die kleine, muffige Wohnung nur allzu gerne. Ich wohnte am Rande der Innenstadt. Den Weg ins Innere der City legte ich im Normalfall mit der U-Bahn zurück. So auch heute. Ich nahm einen kleinen Umweg in Kauf und machte kurz Halt an Theos Bude. Theo reichte mir, ohne danach gefragt zu haben, die Schachtel mit den Glimmstengeln durch das kleine Fenster, verabschiedetet sich und verriegelte die Luke wieder. Man kennt und versteht sich ohne Worte.

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran…

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran. Ich hatte mächtig Schmacht. Ich rauchte einfach schon zu lange und zu viel. Wie an einem Band gezogen ging ich dabei weiter. Der Weg zur U-Bahn-Station war kurz und so rauchte ich noch als ich die vielen Treppen zum Bahngleis hinunterstieg. Das hier herrschende Rauchverbot interessierte mich nicht die Bohne. Unten angekommen nahm ich die nächstbeste Bahn. Hier fuhren alle der rot-weißen, mit Graffiti übersäten Beförderungsmittel auf Schienen zum Hauptbahnhof. Gut so.

Ich setzte mich auf einer der freien Sitzplätze, mit abgewetzten zum Teil eingeschnittenen Polster, neben einer betagten, uralten Dame. Sie hatte auffallend viele Falten im Gesicht und ihre Augen waren Müde und sehnten sich nach dem Tod. Sie beachtete mich nicht. Mein Blick wanderte durch die Bahn und ich schaute in viele gelangweilte Gesichter. Niemand unterhielt sich, oder suchte Blickkontakt zu seinem Gegenüber. Die drei Stationen flogen an mir vorbei, als wären sie nichts und ich stieg aus.

Im Bahnhof herrschte reges Treiben…

Im Bahnhof herrschte reges Treiben. An diesem Ort haben es alle Menschen eilig und wuseln herum, mit Koffern und Taschen in den Händen und Rucksäcken auf den Rücken und versuchen auf schnellsten Wege irgendwo hinzugelangen. Zum nächsten Gleis, zum Busbahnhof zur Verabredung mit dem neuen Stecher im Schnellrestaurant mit dem roten M, oder wie ich in die Kneipe. Umbemerkt passte ich mich dem Tempo der Masse an und durchquerte im Stechschritt die langen unterirdischen Gänge bis ich endlich eine Rolltreppe fand, die mich hinaufbeförderte und schlussendlich ins Freie entließ.

Oben angekommen ging es wieder gemäßigter zu und auch ich setzte wieder im normalen Tempo einen Fuß vor den anderen. Ich steuerte die Kneipe an, in der ich gerne mein Wochenende verbrachte und einige Bekanntschaften hatte. Windige Burschen, abgewrackte Frauen und tätowierte Taugenichtse. Menschen mit Charakter und spannenden zu erzählenden Geschichten und einer meist miesen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Woche war ich hier noch nie und ich wusste nicht, was mich erwartete.

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte…

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte und an der Fensterfront vorbeischlich. Im Gegensatz zum Wochenende schien nicht viel los zu sein. An Freitagen und an Samstagen war um diese Uhrzeit schon die Hölle los. Aus der Kneipe waberte dann laute Musik, vor der Tür standen Leute tranken Bier und unterhielten sich lautstark und wurden misstrauisch vom muskelbepackten Türsteher, der auf seinem Hocker vor der Tür saß, beäugt. Heute war nichts davon zu sehen.

Als ich durch die Tür trat und mich ins dunklere, verrauchte Innere begab, fand ich die elende, schmierige Kaschemme fast leer vor. Es waren genau vier Personen anwesend, wovon eine die Wirtin namens Brunhilde war. Diese war im hiesigen Nachtleben bekannt wie ein bunter Hund und hatte schon einige unschöne Szenen miterlebt. Ich bildete mir ein zu wissen, dass sie sich nicht selten einen schöneren Verlauf ihres eigenen Daseins wünschte, schob den Gedanken aber schnell beiseite als ich an den Tresen trat, sie begrüßte und ein großes Bier bestellte.

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei…

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei. Es waren allesamt Männer. Der Erste war untersetzt, hatte einen gezwirbelten Schnauzbart und grau melierte, gepflegte Haare. Der Zweite im Bunde war lang und dünn und trug einen Hut auf den Kopf, wie man ihn sonst meist mit Humphrey Bogart aus Casablanca verbindet. Der dritte und letzte der drei Haudegen, war unscheinbar und eher zierlich, trug aber einen markanten buschigen Vollbart im Gesicht und hatte wache, aufmerksame Augen. Er bemerkte sofort, dass ich das Trio beobachtet hatte und ich fühlte mich ertappt.

Als das Bier vor mir stand, setzte ich den Humpen an, nahm einen großen Schluck und stellte danach das große Glas behutsam auf den noch strichfreien Deckel. Im Anschluss daran steckte ich mir eine weitere Kippe in den Mundwinkel und entzündete diese mit einem Streichholz. Ich versuchte mich nur auf das Rauchen und das Saufen zu konzentrieren und kein weiteres Mal zu den anderen hinüberzuschauen. Die drei waren damit beschäftigt zu knobeln. Sie hatten schon einige intus. Ich hörte es an ihrem Lachen und ihrem lallenden Geschwafel.

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir einen Pause machten und rauchten…

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir eine Pause machten um zu rauchen, spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Es war der mit dem buschigen Bart. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte: „Komm doch rüber zu uns und drehe ein paar Würfelbecher. Du wirst merken, die niederträchtige Zeit geht viel schneller vorbei und das Bier schmeckt in einer geselligen Runde noch ein wenig besser.“ Erstaunt blickte ich in sein Gesicht, nickte, stand auf und erwiderte: „Da könntest du wirklich recht haben.“

Ich gesellte mich zu ihnen und ließ mich ein mit den merkwürdigen Männern, die genauso wie ich einen Tag in der Woche auserkoren hatten, um sich zu besaufen. Einer nach den anderen stellte sich vor. Der mit dem Hut hieß Reiner und paffte eine stinkende Zigarre. Der mit dem Schnäuzer stellte sich als Peter vor und stürzte danach einen Doppelkorn hinunter. Der bärtige hieß Martin, bestand aber darauf, Martina genannt zu werden. Ich war erstaunt beließ es aber vorerst dabei.

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher…

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher, stellte ihn merkwürdig lächelnd vor mich ab und verschwand wieder in die uns gegenüberliegende Ecke des Tresens, setze sich auf ihren Hocker mit rotem Kissen und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. Bevor wir das Spiel starteten, hatte ich mich in der Toilette versichert, dass ich genug Geld dabei hatte, um in Falle einer oder mehrerer Niederlagen beim Würfeln meinen Deckel zu begleichen. Allerdings war es mir mit Sicherheit vergönnt, im ganz großen Notfall, bei Brunhilde einen Deckel zu machen und diesen am Freitag zu begleichen. Man kennt sich eben und versteht sich meist ohne viele Worte.

Mit eingeübten Bewegungen schüttelten wir Würfel, drehten Becher und hauten diese ungalant auf den Tisch. Einmal verlor Peter und schlug mit der flachen Pranke brachial auf den Tresen. Brunhilde blickte kurz von ihrem Boulevard-Blättchen auf, um uns einen bösen Blick zuzuwerfen, beließ es aber bei dieser nonverbalen mahnenden Warnung. Anschließend verlor Rainer, paffte seinen Stumpen und zahlte artig die nächsten Biere für uns. Dann war ich an der Reihe. Gleich zwei aufeinanderfolgende Male verlor ich. Schock aus, Schock 6, Schock 6. Was soll man dem entgegensetzen? Ich musste also doppelt blechen.

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit…

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit unschönen Strichen. Netterweise fing immerhin das Bier an zu schmecken und wurde spürbar in der Blutbahn. Gut so. Dann, als wir noch ein paar weitere Runden gezockt hatte, sind wir übergegangen von Bier auf Doppelkorn. Wir konnten einfach nicht mehr so schnell das viele Bier herunterkippen, wie wir unsere Runden verloren. Ich wusste, dass es ein teurer Abend wird, noch bevor Rainer vom Hocker rutschte und auf dem klebrigen Boden vor dem Tresen liegen blieb.

Vorsichtig hoben wir Rainer auf und bugsierten ihn auf eine Sitzbank im hinteren Teil der Kneipe. Er solle sich ausruhen, gaben wir ihm mit auf dem Weg, aber er reagierte nicht auf die Ansprache. Trotzdem widmeten wir uns wieder unserem Bier. „Morgen früh, spätestens um fünf, ist der aber weg“, blaffte Brunhilde und hob mahnend den Zeigefinger. Wir drei verbliebenen Saufkumpanen schauten scheel aus der Wäsche, nickten aber artig. Wir waren schließlich nicht von gestern und wussten, dass wir freundlich bleiben mussten, wenn die Dame hinter der Bar weiterhin ihren Zapfhahn für uns öffnen soll.

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg…

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg, zapfte aber artig weiter. Auch Schnaps bekamen wir nicht mehr. Wir fühlten und wie kleine Jungs, denen Mama die Brust verweigerte und fingen an zu diskutieren. Wir redeten über Gott und die Welt, über Politik und über den stinkenden, gemeinen Pöbel. Wir philosophierten über Reisen ins nahegelegenen Holland mit dem ach so liberalen Drogengesetzen, über die günstigen Einkaufsmöglichkeiten in benachbarten Polen und lamentierten über die Gegend die immer schäbiger wird und über die überteuerten Mieten der gammeligen Wohnungen im Plattenbau. Meist waren wir uns einig, hatten die gleiche Meinung und nickten uns eifrig zu. Immer wieder stießen wir an, mit neunen Bieren, und klopften uns in regelmäßigen Abständen auf die gepolsterten Schultern.

Als ich aber die Frauen ins Spiel brachte und anfing meine Unreife ans Tageslicht zu fördern, indem ich mich niveaulos und herablassend über diese äusserte, fing ich mir schnell einen virtuellen Maulkorb ein. Nur Peter und die bärtige Martina waren sich nun einig, hielten Händchen und bauten eine unsichtbare Mauer zwischen uns auf. Ich spürte es sofort. Ich kam nicht mehr an die beiden heran und auch ein letztes Bier, dass ich ausgeben wollte, wurde abgelehnt. Ich zahlte sodann meinen Deckel, gab ein Trinkgeld und beobachte beim Hinausgehen wie sich Peter und Martina innig, mit geschlossenen Augen, küssten. Bart an Bart.

Immer wieder sonntags

Wenn man einer von denen ist, die die Bräuche des Christentums nicht bis ins Detail zelebrieren, dann kann so ein Sonntag durchaus schon einmal langweilig werden. Wenn man am Vormittag den Kater vom Vorabend endlich erfolgreich mit einer 800er-Iboprofen-Tablette, die behutsam aus dem Alu-Blister gequetscht wurde, erfolgreich bekämpft und hinter sich gelassen hat, tritt einem die Langweile, imaginär aber dennoch deutlich spürbar, in das runzelige Gemächt.

Gerade dann, wenn man es sich auf dem billigen Schwingsessel aus dem Hause Ikea gemütlich gemacht hat und die schweren, krampfadrigen Beine auf den davor drapierten gleichfarbigen Hocker des gleichnamigen Designers abgelegt hat, trifft sie einen mit voller Wucht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Batterien der abgenutzten, speckigen Fernbedienung, des hochmodernen flachen TV-Geräts, seinen Geist aufgegeben haben. Da man zu faul ist aufzustehen und neue Energiespender, erst aus der untersten Schublade der Kommode aus Pressspan zu holen und sodann in die Fernbedienung zu schieben, bleibt man halt auf dem aktuell laufenden Sender hängen.

“Scheiß drauf, läuft doch eh überall nur Mist”, denkt man und…

„Scheiß darauf, läuft doch eh überall nur Mist“, denkt man und ärgert sich dann aber doch, dass die Batterien so weit vom eigenen Standort entfernt sind und beobachtet angewidert wie eine Blondine, aus dem ehemaligen Osten des Landes, durch den Fernsehgarten juckelt und von einem Fettnäpfchen ins nächste wandelt. Irgendwann, wenn man vor Antriebslosigkeit und innerer Leere wieder eingenickt ist, wird man unsanft von der Pranke der liebenden Gattin auf den Schultern geweckt und an den Mittagstisch gelotst.

Das Weib hat sich ihre Zeit damit vertrieben, indem sie sich in der Küche eingeschlossen, gekocht und dabei Schlager von Howard, Drafi, Roger, Roy oder – wenn es wenig moderner sein sollte – von Helene angehört hat. Die Schmonzetten, die blechern aus dem billigen Unterschrankradio durch den kleinen Küchenraum schallen, laufen auch dann noch, als sich der Mann bereits an den Küchentisch gesetzt hat. Vor Hunger sabbernd wartet er sodann auf den, von seiner Frau hoffentlich gut gefüllten Teller und kommt dabei nicht umhin mit dem rechten Fuß, unter dem Tisch, den Takt der Musik mitzuschwingen.

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem…

Als schließlich der Teller mit Sauerbraten, Rotkohl und Klößen vor einem, auf dem mit einer bunt gemusterten Wachstuchtischdecke bekleideten Massivholztisch gestellt wird, kann man sich vor Ungeduld kaum noch im Zaum halten und hält sowohl die Gabel als auch das Messer bereits in den Händen. Hurtig verschlingt man sodann gierig das mit Liebe gekochte Mahl und kleckert nicht nur auf den Tisch und auf den Stuhl, sondern auch auf das frisch gestärkte und gebügelte Hemd, das einem die Frau morgens zum Anziehen bereitgelegt hat.

Als alles Essbare vertilgt wurde und auch das große Glas Bier, dass einem die angetraute Göttergattin liebenswerte Weise zum Essen spendiert hat, im Schlund verschwunden ist, lässt man die Frau mit den liebgewonnenen Reinigungsarbeiten alleine und verzieht sich in seinen Hobbykeller, um sich ausgiebig seiner Briefmarkensammlung zu widmen. Erst am Nachmittag hört man, wie eine wildgewordene Furie gestresst gegen die Holztür klopft und einem so zu verstehen gibt, dass die eigene Anwesenheit eine Etage höher gewünscht wird.

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt…

Artig macht man sich an den Aufstieg und bemerkt schon auf der Treppe den Duft eines frisch gebackenen Kuchens und erklimmt sodann ein wenig schneller die wenigen Stufen. Oben angekommen, wandert man mit Karacho durch den Flur mit den an die 70er-Jahre erinnernde braun-orangene Mustertapete und der überfüllten Garderobe und erscheint erneut in der Küche, wo die Frau bereits auf einem wartet. Der Tisch ist nun eingedeckt mit dem geerbten, guten Kaffeeservice von Oma-Resi, eine Thermoskanne und einem Tablett mit Käsekuchen.

Schweigsam vertilgt man sodann drei bis vier Stücke des leckeren Gebäcks und trinkt heißen Kaffee. Ein oder zweimal ist man versucht, die ersten Worte des Tages mit seiner Ehefrau zu wechseln, gibt aber rasch auf, da die eben genannte in einer Illustrierten vertieft ist. Seie Gattin ist ganz darauf erpicht zu erfahren, was in den Königshäusern der Welt passiert, wo die Promis des Landes Urlaub gemacht haben und welcher von Ihnen, unverschämter Weise fremd gegangen ist. Dieses Wissen ist für sie zum völligen Unverständnis des Gatten extrem wichtig, denn nur so ist sie in der Lage sich mit der verhassten Nachbarin darüber ausgiebig und bei jeder Gelegenheit auszutauschen.

Nach dem Kaffeekränzchen zu zwei hat seine Frau eine Idee…

Nach dem Kaffeekränzchen zu zweit hat seine Frau eine Idee. Eine Idee, die sie bedauerlicherweise jeden Sonntag, wenn es nicht gerade in Strömen regnet, hat. Sie will Spazierengehen. Eine Tätigkeit, die dem Mann derart zu Wider ist, dass er sich selbst lieber einen Pullover mit Waffelmuster stricken würde. Trotzdem schmeißen sich beide kurze Zeit später Ihre Jacken über den Wamms, verlassen das Haus und latschen eine kleine Runde an den nahegelegenen Feldern vorbei. Als sie nach etwas einer Stunde das Haus wieder erreichen, wartet bereits die Nachbarin, die im Vorgarten selbstredend total zufällig gerade um diese Zeit, die Rosen schneidet auf sie und verwickelt sie in ein zwangloses aber total langweiliges Gespräch.

Als die beiden Quasselstrippen endlich bei Kate und William angelangt sind, kann sich der Mann unbemerkt entfernen und verschwindet wieder in den Hobbykeller. Dort verbleibt er bis seine Frau ihn zum Tatort wieder aus den Kellerräumen hochholt. Bei dieser Sendung sind beide Feuer und Flamme und verfolgen hoch konzentriert und gebannt das Treiben auf der Mattscheibe, bis schlussendlich der Mörder gefasst wurde und die Tagesthemen, dass Ende des Tages einläuten. Mehr aus Pflichtbewusstsein als Interesse verfolgen beide Ehepartner die Nachrichten, bis sie schlussendlich einen weiteren langweiligen Sonntag ad acta legen und endlich ins Bett gehen können.

Einkaufen mit Frau im Schlepptau

Bald ist die Woche schon wieder vorbei und das Wochenende steht direkt vor der hölzernen, vom Portas-Mann aufgemöbelten, Haustür. Die Frau hat daheim, in der überheizten, warmen Kaschemme nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch einen Einkaufszettel geschrieben. Das macht sie immer am Freitagabend der Vorwoche und hat dabei nicht nur die einzelnen Tage, und die Gerichte, die an diesen gekocht werden sollen im Blick, sondern auch das Budget, das ihr vom angetrauten Göttergatten dafür zur Verfügung gestellt wird. Penibel und hoch konzentriert reiht sie zuerst, um den Überblick zu behalten, alle Wochentage der kommenden Woche in Spalten und ordnet die Gerichte in den darunter liegenden Zeilen an. Hat sie diese Aufgabe zu ihrer eigenen Zufriedenheit erledigt, kann sie auch schon mit der eigentlichen Liste, der am Samstag zu besorgenden Utensilien und Fressalien, beginnen.

Wie immer wird die Liste lang und die Dame des Hauses braucht einige Zeit dafür. Zwischendurch schiebt sie ihre Lesebrille immer mal wieder auf die Stirn, um keine der Handlungen der Silhouette des Bergdoktors, die über die riesige, an der Wand montierte Mattscheibe flimmert zu verpassen und stopft sich dabei einen Schoko-Brownie in den Mund. Gerne wäre sie auch mit so einen tollen, charmanten und erfolgreichen Mann verheiratet, der ihr die Welt zu Füßen legen würde. Doch ein Blick auf die Couch gegenüber, wo ihr eigener Mann gerade eben, nach dem dritten Bier im Sitzen eingeschlafen ist, holt sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen angeekelt stellt sie dabei fest, dass ein dünner Speichelfaden im Winkel, seines mit Oberlippenbart verzierten Mundes hängt und dieser nun geräuschlos auf die aus Polyesterfasern bestehende, moosgrüne Strickjacke tropft.

“Es ist so wie es ist”, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt…

„Es ist so wie es ist“, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt und ihren Mann unsanft, mit einem Schlag auf dessen Oberschenkel, aus dem Schlaf holt. Auch der Bergdoktor hat seine Aufgaben heuer erledigt und braucht zumindest heute keine Herzen mehr zu brechen. Ehemann und Ehefrau begeben sich schweigend zum Badezimmer, um an den zwei nebeneinander angebrachten Waschbecken, die Abendtoilette zu erledigen. Beisser werden gereinigt, Ohrringe aus Ohrläppchen geholt, Wasser und Seife ins Gesicht geschmiert nur, um nachher mit dem Handtuch wieder abgerubbelt zu werden. Die Dame des Hauses legt, nach dieser Prozedur, noch eine Nachtcreme auf. Der Mann hat das Schlafgemach bereits erreicht und ist längst aus seinen Klamotten geschlüpft, hat sich ausgiebig am Gemächt gekratzt und ist danach in den Schlafanzug aus grober Baumwolle geschlüpft.

Als die Ehefrau das Schlafzimmer betritt, schläft der Mann bereits. Man hört es am lauten Schnarchen und wird unweigerlich an den letzten Ausflug in den nahegelegenen Park erinnert, wo einige vom Borkenkäfer befallenen Bäume mittels Kettensäge von ihrem Leiden erlöst wurden. Auch die Ehefrau zieht nun ihre Kleider aus und schlüpft in ihr Nachthemd. Der total bunte Fetzen Stoff zeigt auf frappierender Weise eine enorm starke Ähnlichkeit mit dem Zelt des Zirkus, der auf dem Parkplatz vor dem Lidl-Mark seine Tore geöffnet hat und das nicht nur hinsichtlich der Farbauswahl, sondern bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Größe. Sodann wuchtet sie ihren Körper auf die Matratze, greift mit geübtem Griff in die Schublade des Nachttischchens, stopft sich die Stöpsel in die Ohren und verdeckt ihre Augen mit einer im Leoparden-Muster daherkommenden Schlafmaske. Als sie endlich ihre Lieblingsposition gefunden hat und das Schnarchen des Mannes zu einem dumpfen Hintergrundrauschen abebbt, schläft auch sie hurtig ein.

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen…

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen. Der Mann besorgt beim morgendlichen Gang mit dem Rauhaardackel namens Wigald, beim hiesigen Bäcker, Brötchen und die Dame des Hauses bereitet in dieser Zeit daheim alles für ein ausgiebiges, opulentes Frühstück vor. Am Wochenende wollen es sich die beiden Rentner besonders gut gehen lassen. Als ihr Gatte die Wohnung betritt, der Dackel es sich in der Ecke der Küche, neben der Heizung, in seinem Körbchen gemütlich gemacht hat, ist der Tisch bereits gedeckt. Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Quark und für jeden drei gekochte Eier warten darauf von dem Ehepaar vertilgt zu werden. Schnell werden drei dick belegte Brötchen in den Rachen gestopft, die Eier geköpft und verschlungen und das Ganze mit mindesten vier Tassen, wegen der Pumpe entkoffeinierten, Kaffee heruntergespült.

Sodann geht es auch schon ans Waschen und Anziehen. Allerdings macht sich der Magen des Mannes, deutlich hörbar, bemerkbar und er weiß, dass er nicht umhinkommt vorher etwas zu erledigen. Zügig verschwindet er, nicht ohne sich zuerst mit der Tageszeitung bewaffnet zu haben, auf die Gäste-Toilette und widmet sich voll und ganz dem Morgenschiss. Währenddessen ist die Frau aber nicht untätig. Sie schlüpft zur Gänze aus ihren Klamotten, zeigt sich nackt wie Gott sei einst schuf vor dem Spiegel und muss anerkennen, dass sich ihr Körper seit damals doch ein wenig verändert hat. Schnell schiebt sie aber den aufsteigenden Ekel zur Seite und zwängt sich in die Duschkabine, um sich mit einem, am Holzstiel befestigten, Schwamm sauber zu rubbeln.

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab…

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab, putzt sich die Zähne, steigt in Rock und Bluse, legt tonnenweise Schmuck an und benetzt alle freiliegenden Hautpartien mit Tosca-Parfüm. Danach noch Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift und fertig ist die Dame des Hauses. Nun wartet sie auf ihren geliebten Mann, der noch immer auf dem Kot-Thron für Besucher sitzt, gelegentlich mit der Zeitung raschelt und dann und wann mal einen Furz, deutlich hörbar, in die enge Kabine entlässt. Freundlich aber bestimmt hämmert sie gegen die hölzerne Tür und setzt ihren Mann damit bewusst unter Druck. Missmutig bricht der Mann sein morgendliches Geschäft ab, rubbelt sich fahrig die Kimme sauber und zieht sich danach die gammelige Cordhose und das Polohemd von gestern an. Auf die Morgentoilette verzichtet er, aus Protest, komplett.

Bewaffnet mit mehreren Taschen, Tüten und zwei Kisten Leergut macht man sich auf den Weg zur Garage. Der Mann öffnet das Tor, verschwindet im Innenraum und schmeißt achtlos das Leergut und die Tüten in den Kofferraum. Reimund ist schon jetzt bedient. Trotzdem befreit er nach kurzer Zeit den altersschwachen, aber zuverlässigen, Opel der Baureihe Club aus seinem Gefängnis, damit auch das angetraute Weibchen ins Vehikel einsteigen kann. Als Heidrun endlich ihren zarten Hintern im ausgesessenen Polster positioniert hat und der Sicherheitsgurt über Bauch und Möpse gespannt wurde, kann die kurze Fahrt zum nahegelegenen Einkaufscenter endlich beginnen.

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt…

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt erreichen sie das Einkaufsparadies und biegen auf den übervollen Parkplatz ein. Bis allerdings ein freier Abstellplatz für den grauen Liebling des Mannes gefunden wurde, vergehen weitere zehn Minuten. Endlich steht die Kiste. Reimund macht sich auf den Weg zum Supermarkt ihres Vertrauens, um einen Einkaufswagen zu holen. Die Ehefrau wartet so lange im Auto, damit ihre Knie nicht allzu lang, der ständigen Belastung ihres eigenen Gewichtes standhalten müssen. Als der Mann das Auto wieder erreicht hat, wuchtet auch seine Gattin die schweren Beine aus der Öffnung der Beifahrertür und Reimund befüllt den drahtigen Zwiebelporsche mit Leergut und Tragetaschen.

Dann geht es auch schon in den Laden. Direkt am Anfang muss allerdings schon Halt gemacht werden, denn hier befindet sich der einzige Automat für die Leergut-Abgabe. Leider steht direkt vor Heidrun und Reimund ein unzweideutig nach Knoblauch riechender Mann, der bewaffnet mit zwei prall gefüllten blauen Säcken, auf die Dienste der hochmodern erscheinenden Apparatur wartet. Reimund schwant böses und als der Stinker an der Reihe ist, bewahrheitet sich die unangenehme Vorahnung. Langsamer als eine Schnecke, fingert der vollbärtige Mann eine Plastikflasche nach der andere aus den Säcken und stopft diese in das dafür vorgesehene Loch im Automaten. Selbstredend ertönt, bevor der Übelriechende zu Ende gekommen ist, ein Alarm und eine rote Rundumleuchte signalisiert, dass der Bauch der Maschine zur Gänze gefüllt ist. Erst als nach einer kleinen Ewigkeit, sich ein untersetzter Mitarbeiter des Ladens dazu herablässt, den Automaten zu entleeren und entstören, kann der behaarte Iltis seine Arbeit zum Abschluss bringen und den Weg für Reimund und Heidrun freimachen.

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten…

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten in den Händen halten, kann es auch schon weitergehen. Man quetscht sich durch das Drehkreuz und gelangt in den perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüsebereich des Marktes. Reimund schiebt den Einkaufswagen nun gelangweilt hinter seiner Frau her. Gelegentlich nickt er zustimmend, wenn sein angetrautes Weib ihm eine Frage zu einem Produkt stellt und beobachtet ansonsten schweigsam wie Mandarinen, Äpfel, ein Kohlkopf, Zwiebeln und ein längliches Gemüse, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen will, in den Einkaufswagen gelegt werden.

Dann taucht man gemeinsam weiter in das innere des überfüllten Marktes ein. Die Frau arbeitet ihre Liste ab und Reimund konzentriert sich einzig und alleine darauf, den Einkaufswagen zielgerichtet durch die vielen anderen Einkaufswütigen zu steuern und seiner Frau, wie ihm der eigene Dackel beim Gassi-Gehen auch, ohne groß darüber nachzudenken zu folgen. Bedauerlicherweise ist Heidrun nicht in der Lage, die Produkte auf der Liste einfach aus dem Regal zu nehmen und in den Wagen zu verfrachten. Zum völligen Unverständnis des Mannes liest sich das Weibsbild, praktisch vom jeden Produktes, die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite durch und vergleicht diese mit einem vergleichbaren Fabrikat, eines anderen Herstellers.

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit…

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit auch einen Mitarbeiter des Ladens unter beschlag und stellt, ausschließlich zu ihrem Vergnügen, Fragen zum Preis, zur Herstellung und Auffindbarkeit der Produkte auf ihrer Liste. Reinhold schaut dann immer betreten zur Seite oder auf den Boden und tut so als würde er die Fragestellerin an seiner Seite nicht kennen. Erst als die Dame den Einkaufswagen fast bis zum Rand mit Fressalien und Artikeln aus dem Non-Food-Bereich gefüllt hat, erwacht die Aufmerksamkeit von Reimund wieder, denn sie haben den Bereich mit den Getränken erreicht.

Mit einem schnellen Handgriff greift Reimund sich die Kiste des billigen Mineralwassers und verfrachte sie unten, auf die Ablage unter dem Drahtkorb des Einkaufswagens und studiert sodann, mit geübtem Blick, die Preise der Biere die Heuer zum vergünstigten Preis angeboten werden. Bei der Auswahl des Bieres darf allerdings, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, nichts falsch gemacht werden. Das Bier muss schließlich schmecken und so darf die Auswahl nicht nur am Preis festgemacht werden. Meist sind nur die nicht so schmackhaften Biere im Angebot und so greift der Rentner auch heute, wie eigentlich jedes Mal, zum Bier von der lokal ansässigen Brauerei.

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln…

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln auf das Warenband und drapiert dabei, aus einem dem Mann unbekannt Grund, schwere Sachen nach vorn und die Leichten ans Ende des gummierten Fließbandes. Immer wieder lächelt sie dabei die genervt wartende Kassiererin an, stellt Fragen zu Rabattmarken und merkt dabei nicht wie Reimund heimlich einen Dreierpack Kräuterlikör unter die Waren mischt. Als sie endlich den Wagen geleert hat und ganz hinten einen sogenannten Warentrenner auf das Band stellt, sind wieder einige Minuten ins Land gegangen. Als die Verkäuferin die Waren endlich über den Scanner zieht und der Einkaufskorb langsam aber sicher wieder gefüllt wird, erntet Reimund einen bösen vernichtenden Blick, als der Dame des Hauses den Likör in den Wagen knallt. Reimund ist es egal.

Als sie schliesslich den Laden verlassen, kommt es Reimund so vor, als ob draussen die Sonne bereits untergeht. Er ist ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Schnurstracks eilt er zu seinem geliebten Auto und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, dass Heidrun ihm nicht so schnell folgen kann. Mit den Nerven am Ende verfrachtet er die Einkäufe zuerst in die mitgebrachten Tüten und dann in den Kofferraum. Penibel achtet er aber darauf, dass der leckre Kräuterlikör nicht in den Tüten landet, sondern direkt in die Jackentasche seiner Strickjacke gesteckt wird. Er wird das Gesöff brauchen, sobald er daheim ist. Als sodann auch die Kisten mit Wasser und Bier im Kofferraum verschwinden kommt auch das schwitzende Weib herbei und lässt sich wie ein nasser Sack auf das Furzpolster des Beifahrersitzes nieder.

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste…

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste, klemmt sich hinter das Lenkrad und startet den Motor, um nachfolgend auf schnellstem Wege nach Hause zu steuern, das Vehikel in die Garage zu stellen und die Einkäufe in die Küche zu tragen. Sofort danach verzieht er sich mit den Dreierpack Kräuterlikör und zwei Flaschen Bier in den Bastelkeller und kommt erst dann wieder heraus, wenn die Gattin ihn zum Essen ruft. Danach bewaffnet er sich erneut mit Bier und verzieht sich wieder, um in seinem Hobbykeller endlich zu realisieren, dass er erneut einen dieser grausigen Tage, an denen der Einkauf erledigt wird, überstanden hat und er ab jetzt, genau sieben Tage Zeit hat sich vom heute erlebten Grauen zu erholen.

Spielplatzgeschichte

Der Junge ist vierzehn und das Mädchen dreizehn. Für beide ist heute ein ganz besonderer Tag. Sie habe sich verabredet, auf dem Schulhof, im Beisein ihrer grinsenden Schulkameraden. Die beiden haben ein Date ausgemacht und es ist ihnen egal, was die anderen darüber denken. Beide sind sich bewusst darüber, dass sie langsam aber sicher erwachsen werden – sie spüren es ohne Umstände in ihrem Innersten – und wollen sich dementsprechend selbstbewusst, gegenüber den Kids verhalten.
Ausgemacht wurde, dass sich beide in der hiesigen Billard-Kneipe treffen und ganz ungezwungen eine Partie spielen. Dass der Wirt der eher schäbigen Kaschemme nicht so sehr auf das Alter seiner Gäste achtet, ist allseits bekannt.

Beide erreichen wenige Minuten nach 17 Uhr, wie verabredet, die Pinte, lächeln sich kurz verlegen an und durchschreiten sodann die schwere, hölzerne Tür. Das Bernie schon fast eine Stunde hier in der Gegend umherstreicht und immer wieder die Tür der Kneipe, aus sicherer Entfernung, in Augenschein genommen hat, wird sein Geheimnis bleiben. Zielgerichtet durchqueren die beiden Teenager den düsteren Raum, nicken kurz dem Wirt, der sich hinter dem Tresen verschanzt hat, zu und erreichen ihr angesteuertes Ziel, den Billardtisch, zügig. Der Tisch ist frei und die gesamte Kneipe noch leer. Erst vor ein paar Minuten hat der Laden aufgemacht und der Kneipier wird sich noch ein wenig gedulden müssen, bis die wenigen Stammkunden seines Etablissements den Schankraum bevölkern. Er hat also Zeit, für die beiden Turteltauben, die sich am Billardtisch ihrer Jacken entledigen und sich anschicken eine Mark in das Gerät zu schmeißen.

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe…

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe, Oberlippenbart und lederner Weste, die über ein kariertes Hemd drapiert wurde, mit einem kleinen Block und einem Kugelschreiber bewaffnet, auf den Weg zu ihnen macht. Er schätzt, dass der Mann so um die 50 ist, kann sich aber auch täuschen, denn die vielen Falten, die der tätowierte Mann im Gesicht hat, könnten auch das Ergebnis eines ausschweifenden Lebensstils sein, vermutet Bernie. Der junge Mann kommt auch nicht umhin zu bemerken, dass der alternde, geile Bock, seiner Begleitung ungeniert auf den, in Jeans verpackten, Hintern glotzt während sie sich vornüber beugt und das Geld in den dafür vorgesehen Schlitz hineinschiebt. Kurzerhand entschließt er, in den Laden, zusammen mit Irene, kein weiteres Mal einen Fuß zu setzen.

Damit der Penner endlich seinen Blick von Irenes Hintern abwendet, bestellt Bernie, als der Wirt schließlich vor ihnen steht, so schnell es eben geht, zwei Bier und funkelt ihn dabei böse an. Der Wirt geht auf die Provokation des Jungen nicht ein, lächelt nur müde und zeigt dabei ein paar widerliche Goldzähne in der Kauleiste und erwidert: „Klar Kleiner, kommt sofort“, und verschwindet wieder hinter seinen Tresen und macht sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten kommt er wieder angewackelt, stellt die Getränke auf einen kleinen, runden Stehtisch ab, schaut Irene lüstern in den Ausschnitt ihrer Bluse und verschwindet dann aber schneller als gedacht.

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweite Mal öffnet…

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweites Mal öffnet und sich ein Gast, mit ebenso einem Bierbauch wie der Wirt selbst, auf einem Barhocker an den Tresen hockt, ein Herren-Gedeck bestellt und damit die Aufmerksamkeit des Inhabers am Zapfhahn in Anspruch nimmt. Bernie hat noch nie Bier getrunken, nippt nun aber an seinem und tut so als würde es ihm schmecken. Auch Irene hat bisher noch keinen Alkohol probiert und wäre glücklicher über eine Cola gewesen, tut es ihrem Schwarm aber gleich und trinkt einen kleinen Schluck des Bieres. „Ekelig“, sagt sie und verzieht das Gesicht. Bernie gibt sich cool, besorgt seiner Freundin eine Cola am Tresen und teilt ihr mit, dass er auch ihr Bier trinken werde.

Beide greifen sich nun ein Queue und benetzen dessen Spitze mit Kreide. Bernie richtet die Kugeln aus und lässt Irene anstoßen. Die Regeln sind beiden bekannt. Irene scheint schon öfter gespielt zu haben. Mit voller Wucht stößt sie die weiße Kugel in die anderen, die sich daraufhin in einem wilden Durcheinander auf dem Tisch verteilen. Eine, genau genommen die Rote Vollkugel, landet sogar in einem Loch und Irene strahlt. „Wenn das kein gutes Zeichen ist“, sagt sie und schaut Bernie dabei direkt in die Augen und lächelt. Gekonnt beugt sich die brünette Schönheit sodann über den Tisch und versenkt eine Zweite und auch noch ein Dritte ihrer Kugeln, bis sie schlussendlich an der Vierten scheitert. Bernie versucht es ihr gleichzutun, aber scheitert schon an der Ersten. Er ist hin und weg, von der Frau und auch ein bisschen vom Bier.

Irene gewinnt das Spiel locker…

Irene gewinnt das Spiel locker und auch das Zweite entscheidet sie deutlich für sich. Bernie ist es egal. Er muss hier nicht gewinnen. Er muss auch nicht auf dicke Hose machen und den Macho spielen. Es ist auch so alles stimmig, er weiß es, ohne groß darüber nachzudenken. Irene hat nun ihre Cola ausgetrunken und macht den Vorschlag, den Laden zu verlassen, um noch ein wenig zum nahegelegenen Spielplatz zu gehen. Langsam wird es dunkel draußen. Der Laden hat sich gefüllt. Es ist laut und es stinkt nach Qualm. Bernie willigt ein. Er würde alles machen, was Irene von ihm verlangt.

Gentlemanlike zahlt Bernie die Getränke von ihm und Irene. Auf ein Trinkgeld verzichtet er bewusst und lässt sich, vom böse dreinblickenden Wirt, auch die wenigen Pfennige Rückgeld auszahlen. Das zweite Bier hat er dann doch nicht mehr geschafft. Es steht noch immer unangetastet auf den kleinen, neben dem Billardtisch platziertem Stehtisch und auch der dicke Wirt machte bisher noch keine Anstalten es wegzubringen. Bernie stellt sich vor, wie einer der Säufer vom Tresen, sich das Getränk unbemerkt schnappen würde, wenn er vom Klo kommt. Die Tür, die dahin führt, befindet sich idealerweise direkt neben dem dudelnden Geldspielautomaten, an der Wand, hinter dem Billardtisch.

Ein letzte Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte…

Ein letztes Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte, auf den Arsch. Als die massive Tür endlich den Blick darauf verwehrt sind sie unter sich. Die Straße vor der Kneipe ist leer. Die Sonne ist bereits untergegangen. Auf dem Weg zum Spielplatz schweigen beide und schlendern nebeneinander den asphaltierten Weg entlang. Immer wieder berühren sich, rein zufällig, die Hände der beiden Teenager. Trotz des kalten Oktoberabends ist Bernie warm und er spürt wie ein kleiner Schweißtropfen an seinem Rücken hinunterläuft. Seine Hand zittert ein wenig, als er endlich all seinen Mut zusammennimmt und nach der Hand von Irene greift. Als er sie umschließt, treffen sich ein weiteres Mal die Blicke der beiden jungen Menschen und Irene lächelt ihn an. Schweigend gehen sie weiter und erreichen, Händchen haltend, den Spielplatz auf dem sich bereits ein weiteres Pärchen, küssend, auf der Bank gemütlich gemacht hat. Aus dem Blickwinkel erkennt Bernie, dass es Stefan, aus der Parallelklasse ist, der gerade die Lippen, der mit Pickeln übersäten, Kerstin liebkost.

Unbemerkt von dem Pärchen auf der Bank, gehen sie durch den Sand und erreichen das kleine Spielzeughaus mit rotem Dach und grünen, blauen und gelben Wänden. Der Einstieg ist so klein, das sich beide nur mühsam hindurchzwängen können. Als sie endlich drin sind und sich nebeneinander auf die kleine Sitzbank im inneren zwängen, begutachten sie ihre Liebeshöhle. Die Wände sind, überseht mit Sprüchen, Herzchen mit Buchstaben darin und auch ein riesiger, mit schwarzen Edding gezeichneter Penis prangt an der gelben Wand. Kichernd und feixend unterhalten sie sich über das Geschmiere an den Wänden und rätseln, mehr aus Verlegenheit als Interesse, welche Namen sich hinter den Buchstaben, in den viele Herzen verbergen. Als sie jeden Spruch kommentiert und für alle Herzen einen Künstler ernannt haben, ist es Irene die ihre Arme um die Schultern von Bernie legt. Augenblicklich drehen sich beide, wie von einer magischen Kraft angezogen, zueinander und ihre Gesichter sind nun nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene…

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene und ein merkwürdiges Kribbeln breitet sich in seinem Magen aus. Sollten das nun wirklich die Schmetterlinge im Bauch sein, von denen er schon so oft gehört und gelesen hatte? Ist er nun wirklich verliebt in das schönste Mädchen seiner Klasse, oder vielleicht sogar der gesamten Schule, oder ist er einfach nur nervös vor seinem ersten Kuss? Wahrscheinlich ist es Nervosität, denn das Gefühl in der Magengegend ist vergleichbar mit dem vor einen großen Tischtennis-Match, vor einer Klassenarbeit, oder vor einem verhassten Zahnarztbesuch. Gerne würde Bernie noch länger darüber nachdenken, doch es bleibt keine Zeit. Irene legt jetzt ihren Kopf ein wenig schief, öffnet ihre feuchten, vollen Lippen einen kleinen Spalt und nähert sich unweigerlich seinen eigenen.

Endlich berühren sich ihre Lippen und nach den ersten vorsichtigen, zaghaften Küssen entfacht ein Feuer der Leidenschaft, das die beiden Teenager fast um den Verstand bringt. Ein wahres Feuerwerk an Gefühlen explodiert in den Köpfen der jungen Menschen. Irenes Zunge ist nun fordernd und dringt langsam, aber unaufhaltsam, in den geöffneten Mund von Bernie ein. Ihre Zungen treffen sich und Bernies Magen schlägt Purzelbäume. Irenes Speichel schmeckt nach Cola und Pfefferminz-Bonbons und ist der absolut beste Geschmack, den Bernie je kostete. Bernie weiß es noch nicht, doch er wird ihn auch nach Jahren nicht aus dem Kopf bekommen. Eng um umschlungen, verschmolzen zu einem sich liebenden Pärchen, vergessen sie die Zeit und die Welt, um sie herum, verschwimmt zu einer undefinierbaren Masse.

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend…

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend. Bernies Herz rast wie verrückt. Irgendetwas, in seinem Gehirn, ist passiert. Etwas, das nun seine Hand unkontrolliert nach der unteren Öffnung von Irenes T-Shirt tasten lässt. Erstaunlich schnell findet diese den Eingang und die Fingerspitzen spüren die weiche, ein wenig verschwitze Haut, seiner Angebeteten. Vorsichtig berührt er den flachen Bauch von Irene, findet den Bauchnabel, den sein Zeigefinger kurz umkreist, um dann doch schnell weiter auf Entdeckungsreise zu gehen. Er spürt ein kurzes Beben von Irenes Körper und eine Gänsehaut, die sich bildet, als Bernies Hand immer weiter nach oben wandert. Als die Hand ihr unterbewusstes Ziel fast erreicht hat, die Fingerspitzen bereits die unteren, in dünnen Stoff eingefassten, metallenen Bügel des Büstenhalters ertasten, stößt Irene ihn plötzlich von sich und eine Ohrfeige landet krachend in seinem Gesicht. Erschrocken weicht Bernie zurück und ist sich bewusst, dass er zu weit gegangen ist. Traurig sucht er den Blick von Irene, die jedoch zu Boden schaut.

Es dauert einen Augenblick, bis er sich gesammelt hat. Er stammelt eine Entschuldigung, die kaum hörbar seinen Mund verlässt. Irene blickt nun wieder auf. Mit den großen tiefbraunen Augen, die er so mag, schaut sie ihn an. Im fahlen Licht der Straßenlaterne erkennt er in ihnen keine Verbitterung mehr. Langsam hebt sie sodann ihren Finger, legt ihn auf Bernies Mund und bringt ihn damit sanft zum Schweigen.

Familienväter auf Abwegen

Neulich war es laut. Neulich war es blutig. Neulich war ich auf Hundertachtzig. Alkohol macht frei, macht enthemmt und macht unbedeutend. Eine mickrige, armselige Figur, die den Mund aufreißt und mit Schimpfwörtern um sich schmeißt. Alles gequirlte Kacke. Für einen nüchternen Menschen nicht zu begreifen und kaum zu ertragen. Ein Treffen mit alten Freunden. Alles Familienväter, die von ihren Frauen Ausgang bekommen haben. Das Bier fließt in Strömen. Fußball läuft. Dortmund gewinnt. Hier ein Schnaps da ein Bier. Herrengedeck. Alle sind redselig, ja freizügig in ihren Äußerungen. Gespräche über Familie und Beruf. Schimpfen über die Firma und Kritik am Handeln der Frau.

Immer wieder herausgehen zum Rauchen. Draußen mit anderen Rauchern über das Spiel diskutieren. Zu viele Chancen vergeben, trotzdem gewonnen. Die Meisterschaft ist noch weit weg, aber immer möglich. Kneipe wechseln. Durch die nächtliche Stadt irren und im schummrigen Licht am Baum urinieren. Die anderen sind schon weit voraus. Keiner wartet. Schnell pinkeln und laufen um die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Tropfen des warmen Urins landen in der Unterhose.

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden…

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden. Feindselige, bösartige Blicke. Niemand mag Männer mit Bärten, die unberechenbar aussehen. Platz nehmen. Direkt an der Quelle. Kein Tisch in weiter Ferne. Die Bar muss es sein. Die neue Weltordnung hat Einzug erhalten. Stammgäste, die seit Jahren hier stehen, spielen ab jetzt die zweite Geige. Drängeln, Platz wegnehmen und die Dame am Zapfhahn in Beschlag nehmen. Lauthals bestellen. Trinkgeld geben, denn hier muss direkt bezahlt werden. Striche auf Deckeln gibt es für uns nicht. „Schnell, schnell, wir haben Durst, du alte Hippe“. Die Zeit ist knapp, Frau und Kinder warten. Nach drei Bier müssen wir wieder gehen. Zu laut war man, unkultiviert und unfreundlich. Man kann nun mal nicht immer nett sein.

Der nächste Laden ist klein und schummrig. Bier und Schnaps gibt’s hier auch. Alle Gäste sind betrunken und selbst fühlt man sich gleich heimisch. Die wenigen Frauen im Laden sind alt und abgewrackt, aber wen stört es, daheim wartet schließlich ein Topmodel auf einem.

Wieder drängt man sich an den Tresen…

Wieder drängt man sich an den Tresen. Würfelbecher müssen her. Schocken ist der Sport des Abends. Mit Jule und pflücken. Zwei unbekannte wollen mitspielen. Klaus und Peter heißen die unsympathischen Gestalten. Peter ist drahtig und tätowiert. Klaus hat einen mächtigen Bierbauch und stinkt nach Knoblauch. Opfer. Der eigene Geldbeutel ist fast leer. Trotzdem spielt man mit. Was muss, das muss. Becher drehen. Mühsam eine Straße zusammenwürfeln und verlieren. Runde geben. Bier und Schnaps für alle Beteiligten. Neue Runde, neues Glück. Würfel fallen lassen. Eine Runde Schnaps geben. Abgemacht ist abgemacht. Erneut verlieren und Bier bestellen. Der Deckel ist voll. Aussteigen. Man betritt die Toilette. Es stinkt nach Pisse. Alles ist bekritzelt. Ein defekter Kondomautomat verschönert eine Wand. Man nähert sich dem Urinal. „Komm näher, er ist kleiner, als du denkst.“ Doofer Spruch. Trotzdem bemüht man sich zu treffen, doch es ist vergebens. Knapp die Hälfte geht daneben. Scheiß darauf. Stinkt ja eh schon wie in der Kanalisation. Den Schankraum erneut betreten. Umsehen und Denken: „Mein Gott, wie bin ich nur in dieser Kaschemme gelandet?“
Voll wie ein Eimer. Beschließen klug zu sein und nach Hause zu gehen. „Zahlen, bbidddee“. Die letzten Kröten werden zusammengerafft und auf den Tresen geklatscht. 32,80 €. Geht ja noch.

Verabschieden und auf den Gehweg taumeln. Die Sonne geht bereits auf. Direkt vor der Kneipe steht ein Taxi, aber das Geld reicht nicht mehr aus. Zur nahegelegenen U-Bahn wanken. Ticket kaufen und mit viel Glück die richtige Bahn erwischen. Man kann die Zahlen, die vorn darauf stehen, ja kaum noch lesen. Die U-Bahn ist gut besetzt. Junge Menschen, die genauso besoffen sind, wie man selbst, sitzen auf den abgewetzten Polstern. Einige haben „Knöpfe“ im Ohr und die Augen geschlossen. Die anderen singen oder besser gesagt, grölen herum. „Lasst mich bloß in Ruhe Kinder.“ Drei, vier Stationen weiter wird man unsicher. War es wirklich die richtige Bahn? Die letzte Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon ewig her. Kein Plan, an welcher Haltestelle man aussteigen muss. Die Bahn verlässt den Tunnel. Ab jetzt geht es oberirdisch weiter. Ein großer Vorteil. Aus dem Fenster gucken und nach irgendwelchen markanten Punkten, die man kennt, suchen. Etwas erkennen, aussteigen und merken das man drei Stationen zu früh ausgestiegen ist. Scheiße.

Eine Steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale…

Eine steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale Fußgängerbrücke. Hier muss jeder Fahrgast rüber. Die Schienen der Stadtbahn verlaufen direkt in der Mitte der Schnellstraße. Der Ruhrschleichweg ist auch mitten in der Nacht noch recht stark befahren, sodass man es mit mehr als 2 Promille Alkohol im Blut, eher schlecht und, vor allem, nicht zur Gänze unverletzt auf die andere Seite schafft. Also die Treppe rauf. Oben angekommen ist man fix und fertig von der Anstrengung. Irgendetwas drückt. Irgendwo unterhalb des Magens. Es dauert einen langen Augenblick, bis man realisiert, dass es wohl die Blase ist, die hier für Unbehagen sorgt. Schnell wird der Hosenstall geöffnet und wankend nach dem schrumpeligen Glied im inneren gefingert. Mit einer Hand wird sich nun am Geländer festgehalten, um beim Pinkeln nicht den Halt zu verlieren.

Der Prengel in der anderen Hand fühlt sich klebrig an und ein muffiger Duft steigt einem in die Nase. Hurtig verlässt der Druck verursachende Urin die Blase und nimmt den kleinen, aber unausweichlichen, Umweg über die Harnröhre, nur um im hohen Bogen über den Handlauf zu spritzen und platschend auf der Bundesstraße zu landen. Auch einige Windschutzscheiben, der vorbeisausenden Autos, leiden unter Urinbeschuss. Noch während man pinkelt, wird einem schlecht. Das ganze Bier, die ranzigen Nüsse aus der Kneipe und der Döner, den man irgendwo gegessen hat, wollen einfach nicht länger im Magen bleiben. Die Hose ist noch offen und der Dödel hängt an der freien Luft und schon ergießt sich ein Schwall warmer Kotze über den Brückenboden. Auch die eigene Hose und die sündhaft teuren Markenturnschuhe gehen nicht leer aus. Man würgt, bis sich der komplette Mageninhalt auf den Boden verteilt hat und zum Schluss nur noch Rotze und Magensäure zum Vorschein kommt. Einmal tief durchatmen.

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und…

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und beschließt voller Tatendrang die letzten drei Stationen bis zur heimatlichen Behausung zu Fuß zurückzulegen. Immer noch schaukelnd, wie ein Fischerboot auf der Nordsee, bei starkem Seegang, nähert man sich den Treppenabgang. Voller Konzentration versucht man den rechten Fuß mittig auf der ersten Stufe zu platzieren. Doch der Blick ist noch immer getrübt, alles verschwimmt vor den Augen. Der Fuß trifft die Stufe nicht richtig. Irgendwas sagt einem, dass es so kommen musste. Hart schlägt man auf und purzelt unkontrolliert die Treppe herab. Der Abstieg ist häufig einfacher als der Aufstieg und gelegentlich schneller als gewünscht. Unten angekommen begibt man sich aus der liegenden Position in eine sitzende. Die Hose hat, am Knie ein großes Loch und Blut färbt die Jeans rapide Rot. Der Kopf schmerzt und der kontrollierende Griff an die Stirn fördert auch hier, die rote Soße zum Vorschein. Scheiße.

Man versucht aufzustehen, aber das schmerzende Knie lässt dies nicht zu. Das Handy wird aus der Hosentasche geholt. Der Blick auf die Anzeige sagt einen, dass es noch funktioniert. Mit mulmigem Gefühl und Tränen in den Augen wählt man die Nummer der Gattin, die einem nach einer Schimpftirade später mit dem Auto abholt, daheim unter die Dusche steckt und drei Tage nicht mit einem spricht. Ein paar Wochen werden die Wunden geleckt, bis man dann doch wieder zum Handy greift, die Kumpels anruft, sich zum Fußball verabredet und der Frau daheim „hoch und heilig“ verspricht nicht zu viel zu trinken. Voll freudiger Erwartung betritt man dann die erste Kneipe. Stammgäste werden vom Tresen vertrieben, unfreundlich ist man und natürlich werden jede Menge der leckeren Getränke in die eigene Figur geschüttet bis man schlussendlich wieder besoffen ist und irgendwie nach Hause kommen muss. Prost.

Urlaub auf Balkonien

Nichts ist schöner als die Sommerabende auf dem eigenen Balkon, unter dem Sonnenschirm mit einer kühlen Maurerbrause in der Hand zu verbringen und den Tag ausklingen zu lassen. Ein unverbauter Blick auf einen zehn Meter breiten Wiesenstreifen, mit einer großen alten Birke, die Häuserwand des Nachbarhauses und deren Mülltonnen davor, lässt einem die trüben Gedanken, an die hassenswerte Maloche, am dritten Tag des absolut verdienten Urlaubs, endgültig vergessen. Wenn dann noch drei bis fünf von den dicken, billigen Bratwürstchen und den leckeren abgepackten Nudelsalat, im Plastikeimer, aus dem hiesigen Discounter von der Dame des Hauses kredenzt werden, ist das Leben wieder in Ordnung.

Damit der herzhafte Fraß noch besser mundet, wird nach jedem Bissen eilig ein riesiger Schluck des Bieres, aus der Plastikflasche, in den Hals geschüttet und danach ein donnernder Rülpser in die Abendluft entlassen. Ist der Mann endlich, nach dem dritten Teller, gesättigt wird geschwind der Gürtel und der Knopf der abgewetzten, gammeligen Jeanshose geöffnet, damit noch ein paar Bier in Schlund gekippt werden können. Dabei raucht er, wie immer, eine Roth-Händle ohne Filter, verweilt regungslos in dem gepolsterten Kunststoffstuhl, und richtet seinen trüben, glasigen Blick auf die Mülltonen des Hauses gegenüber.

Hier herrsch wie jedem Abend ein reges Treiben…

Hier herrscht wie jedem Abend ein reges Treiben, das der Wohnungsinhaber aus dem Erdgeschoss des Sozial-Baus wie kein anderer kennt. Zuerst, so um viertel nach sechs, taucht der senile Opa aus der dritten Etage vor den Containern auf. Wie immer schlurft er in Pantoffeln und Bademantel auf die Unrat-Behälter zu und hält dabei drei Plastiktüten, die alle eine andere Farbe haben, zum Entsorgen in der rechten Hand bereit. Als Erstes wird die dunkelbraune, blickdichte Tüte, die einem stark an den letzten Besuch im Pornolädchen um die Ecke erinnert, entleert. Das innere, wie Kartoffelschalen, Blumenerde, Kaffeesatz, altes Obst und alles andere, was irgendwie verfaulen könnte, wird dann mit der bloßen Hand aus der Tüte in den braunen Container verbracht. Ist der Beutel leer werden die besudelten Hände am karierten Bademantel abgewischt und der leere Beutel in die Tasche des selbigen gesteckt!

Danach ist die Aldi-Tüte an der Reihe. Hier drin befinden sich alte Zeitschriften und eine Sammlung unendlich vieler Werbeprospekte, die der Alte anscheinend für alle anderen Bewohner des Hauses sammelt um sie, von Ihnen unentdeckt, nun eiligst den Papiercontainer zuzuführen. Bevor der Papiermüll allerdings den Weg in die Tonne findet, wird das Altpapier, das sich bereits im Container befindet, genauestens unter die Lupe genommen. Tatsächlich findet der alte Mann gelegentlich ein abgenutztes Wichsheftchen, das dann schnell in den Hosenbund der Jogginghose, nicht ohne sich vorher umgesehen zu haben, gesteckt wird. Doch heute geht der Mann leer aus und dem stillen Beobachter vom Balkon tut der alte, geile Bock ein wenig leid. Zuletzt wird, die noch verbliebene Lidl-Tüte entleert und der Mann macht sich mit hängendem Kopf wieder zurück in seine Wohnkaschemme.

Als nächstes betritt Fred die Bühne…

Als nächste betritt Fred die Bühne. Fred ist Mitte vierzig, arbeitslos und sieht aus, als hätte er bereits die besten Zeiten seines Lebens hinter sich. Die Haare sind fettig und die Klamotten triefen vor Dreck, aber Fred macht das nichts aus. Fred lässt sich, solange noch ein paar Dosen Bier im Kühlschrank sind und der billige Fusel im Barschränkchen noch nicht komplett zur Neige gegangen ist, von Nichts und niemanden die Laune verderben. Nicht einmal die nervigen Gänge zum Jobcenter und die unzähligen Bewerbungen, die er gezwungenermaßen mit einigen Rechtschreibfehlern und ein paar Fettflecken frisiert, bringen ihn aus der Ruhe. Wie immer kommt er grinsend um die Ecke, winkt den lauernden Detektiv auf Balkonien freundlich zu, reißt den Deckel zur Restmülltonne auf und wirft beschwingt den riesigen blauen Müllsack, im hohen Bogen, ins Innere und kippt dabei, alkoholbedingt, fast aus dem Latschen. Immer noch gewinnend lächelnd, entblößt Fred seine verfaulten, schiefen Zähne und verschwindet, genauso schnell wie er gekommen ist, wieder von der Bildfläche.

In der nächsten Stunde passiert nicht viel und der Mann im Urlaub vertreibt sich die Wartezeit mit trinken und rauchen, währenddessen seine übergewichtige Göttergattin klappernd die Stricknadeln aneinander schlägt und dabei täglich bis zu drei Kilo Wolle in Pullover, Schals und Pudelmützen verwandelt. Während langsam die Sonne untergeht, streift eine braun-gescheckte Katze über die Wiese und versucht tollpatschig eine Meise zu überrumpeln, gibt aber nach dem vierten Versuch auf und verschwindet in ein nahegelegenes Gebüsch. Nach der siebten Flasche Bier, der Mann kann schon kaum noch gerade aus gucken, ist es endlich so weit. Lange musste er heute warten und er wollte schon aufgeben, doch endlich betritt die hübsche Studentin, Tina, den Weg und steuert die Mülltonnen an. Die warme Sommerluft hat sie heute in ein Neon-gelbes Top, mit unnatürlich großen Ausschnitt und eine Hot Pants, die aus mehr Löchern als Stoff zu bestehen scheint, gezwungen. Der wenige Stoff endet knapp unter dem Arsch der Blondine und bietet einen erotisierenden Anblick auf ganz viel Haut.

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist…

Umweltbewusst, wie die Psychologiestudentin nun einmal ist, trägt sie ihren, wenigen, Müll auch heute in einer braunen Papiertüte zum Mülleimer. Langsam, mit wippenden Busen und kreisenden Hintern, schlendert sie den kleinen Weg entlang und jede ihrer Bewegungen brennt sich auf die Netzhaut des besoffenen Spanners im Urlaub. Als sie den Container erreicht und mit der freien Hand, ein wenig unbeholfen, den Deckel öffnen will reißt der Papierbeutel und entleert seinen Inhalt auf den Boden. Fluchend schmeißt sie die nun leere Papiertüte in den Altpapiercontainer und macht sich danach daran den Müll vom Boden aufzusammeln.

Mit offenem, sabberndem Mund erhascht der Urlauber nun gelegentliche Blicke auf den prallen Hintern und ins Dekolleté der Blondine und schätzt dabei, unterbewusst, die Körbchengröße der Kommilitonin, mit der runden Harry-Potter-Brille, auf Doppel D. Nur der kräftige Schlag einer wurstigen Hand, in den Nacken des brünstigen Ehegatten, verhindert eine spontane Erektion beim Malocher im wohlverdienten Urlaub. So muss er auch heute den Blick abwenden, den Balkon verlassen und nach einem zünftigen Ehestreit seinen Rausch ausschlafen um nach süßen Träumen, am nächsten Urlaubstag wieder den Balkon zu betreten, um zu beobachten, um zu staunen und um in seiner Fantasie ein nettes Schäferstündchen, mit der prallen Blondine, mit der Harry-Potter-Brille, zu verbringen.

Leben ohne Charme

Es ist gerade mal halb acht. Bei mir im Schlafzimmer sind die Rollos noch unten und es ist dunkel. Mitten in der Nacht, könnte man meinen, wenn da draußen, direkt vor meinem Schlafzimmerfenster, nicht so ein Radau herrschen würde. Ich persönlich habe keine Ahnung was da los ist und mich würde es auch nur peripher tangieren, wenn ich doch nur wieder einschlafen könnte. Aber selbst das über den Kopf gezogene Kopfkissen bringt nicht den erwünschten Lautlos-Effekt.

Es hilft wohl nichts. Ich werde hinaus müssen, aus den Federn und mir einen anderen, friedlicheren Ort suchen, um meinen Rausch auszuschlafen. Gestern habe ich mir ein paar leckere, eiskalte Bierchen in den Hals geschüttet und dabei nicht so genau auf die Uhr geschaut. Eigentlich wie jedem Abend, nur gestern waren auch noch einige Kurze dabei. Ein Geschenk von meiner Ex-Frau zu meinem 52. Geburtstag. Ein Doppelkorn aus dem Discounter, für knapp fünf Euro. Nett von ihr. „Der Wille zählt“, oder wie lautet diese beschissene Weisheit?

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr…

Die Olle hat mich verlassen, im zweiten Jahr meiner Arbeitslosigkeit. War es satt mit den wenigen Kröten im Monat auszukommen und nicht in den Urlaub zu fahren. Hat sich einfach einen neuen Gesucht. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ihr neuer Stecher ist nicht nett, nicht hübsch und nicht klug, aber er hat einen Job, bei Opel am Fließband, der feine Herr. Da kann ich nicht mithalten. Meine Kinder hat sie auch mitgenommen und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Immerhin war sie so freundlich, mir diesen Karton mit der Pulle vor die Tür zu legen. Das Dingen war sogar eingepackt in Geschenkpapier und eine Schleife hat sie auch drum gewickelt. Auf der Karte stand: Für Paul, in ihrer krakeligen Schrift. Danke. Vielen Dank sogar. Hab den Karton direkt vor der Tür aufgerissen und den Inhalt in den Gefrierschrank gelegt. Sollte schnell kalt werden, die Plörre. Ich hatte es eilig. Wollte schleunigst anfangen mit dem Saufen, denn ich fühlte mich scheiße, eigentlich wie jeden verdammten Tag.

Jetzt brummt mir der Schädel…

Jetzt brummt mir der Schädel und auch im Wohnzimmer, auf der abgewetzten Couch aus dem Sozial-Kaufhaus, herrscht keine Ruhe. Überall turnen sie herum, mit ihren Scheiß-Maschinen und Rasenmäher die so groß sind wie ein kleiner Traktor und mähen und schnippeln alles kurz und klein. Haben die denn kein Mitleid, mit einem armen alten Mann der einen über den Durst getrunken hat? Müssen die ihre Scheiß Arbeit so früh am Morgen erledigen?

Wird wohl alles seine Richtigkeit haben. Auch die Leute da draußen, an den Maschinen, müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nicht jeder kann vom Amt bezahlt werden. Geht einfach nicht. Auch bei mir war das mal anders. Auch ich hatte mal einen guten Job, in einer Druckerei. Haben richtig gut bezahlt und ich konnte dort mit dem Fahrrad hinfahren. Hab meiner Frau immer Blumen und Schmuck geschenkt und auch den Kindern fast jeden Wunsch erfüllt. Ich konnte mit einem Gehalt alle Rechnungen bezahlen und einmal im Jahr mit der Familie in den Urlaub. Das war was.

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen…

Doch dann ist ein Großauftrag weggebrochen und die Chefs mussten kurzen Prozess machen, mit einigen von der Arbeiter. „Führt kein Weg dran vorbei“, sagte mir mein Vorarbeiter damals und drückte mir das Schreiben in die Hand. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, der Wichser. Nicht besonders emphatisch sagt man dann wohl dazu. Ich bin dann am selben Tag zum Arbeitsamt gegangen, mit der Kündigung in der Hand. Sollte so gemacht werden. Die Tante sagte ich solle den Kopf nicht hängen lassen und das ich mit Sicherheit bald wieder eine Stelle finden würde. Doch es sollte anders kommen.

Ich hatte ja nichts gelernt. War nur ein Helfer an der Druckmaschine. Hab dafür gesorgt das immer genug Papier bereitstand und die Farbe im Druckwerk nicht ausging. Gelegentlich hab ich den Gesellen auch schon mal eine Schale Pommes von der Imbissbude besorgt, wenn es die Zeit zuließ. Nichts Besonderes. Nichts Hochtrabendes. Aber ich war zufrieden. Ich wollte gar nicht mehr und identifizierte mich nicht über die Maloche, wie manch anderer. Hat mir gereicht, der Mist. Gute Kameraden, eine Aufgabe und gutes Geld, für ehrliche Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann das.

Es hat gar nicht lange gedauert…

Es hat gar nicht lange gedauert, dann sprach die Tante vom Amt schon anders: „Sie müssen halt flexibel sein, mal über den Tellerrand hinausschauen …“ Hab dann alles Mögliche gemacht, aber nie lange. Zeitarbeit und so ein Bockmist. Scheiß-Arbeit für weniger Kröten, als ich vom Amt, für das Stempeln bekommen hätte. Irgendwann hab ich mich dann aber quer gestellt. Hab dann einfach in den Bewerbungen, von den Jobs die ich nicht wollte, Rechtschreibfehler reingeschrieben und auch schon mal einen Fettfleck auf dem Papier hinterlassen. Aus Versehen, versteht sich. Haben mich dann gar nicht eingeladen, die Drecksäcke. Gut so.

Nun bin ich seit knapp fünf Jahren Arbeitslos und bekomme nur noch Hartz 4. Wenigstens wird die Miete, meiner kleinen 2-Zimmer-Bude bezahlt. Wenn man sparsam ist, kommt man über die Runden und braucht nicht zu hungern. Auch das tägliche Bier ist drin. Bloß wenn mal was außergewöhnliches ist, wird es eng. Zum Beispiel, wenn eines der Kids Geburtstag hat. Ich schicke ihnen noch heute immer eine Karte mit ein bisschen Geld drinnen. Einen Dank erhalte ich nie. Kein Anruf, kein Besucht, Nichts. Mit einem Säufer wie mir wollen sie nichts am Hut haben, die Kids und auch denen kann ich es nicht verübeln.

Das schlimme ist die Zeit…

Das schlimme ist die Zeit. So lange schlafen kann man gar nicht, dass man nicht ans Denken kommt, nicht einmal dann, wenn die Gärtner der Wohngesellschaft nicht ihre Arbeit in aller Früh verrichten. Bewerbungen schreibe ich schon gar nicht mehr. Hab es einfach aufgegeben. In meinem Alter kriegt man doch nichts mehr. Habe auch keine Hobbys und keine Freunde, nur ein paar lose Bekanntschaften. Alles genauso arme Schlucker, wie ich es einer bin. Meist bleibe ich einfach den ganzen Tag daheim, trinke ein paar Bier und lasse die Zeit verstreichen, bis ich wieder ins Bett kann. Ein freudloses, mickriges Leben das ich führe.

Immer wieder denke ich über alles nach. Über alles, was ich falsch gemacht habe. Was ich besser hätte machen können, doch komme auf keinen grünen Zweig. Es war doch alles in Ordnung. Ich war glücklich, meine Frau zufrieden und den Kindern ging es gut. Nun ist alles futsch, wegen eines vermaledeiten Auftrages. Wer ist schuld an der Misere? Mein Chef, der Auftraggeber, mein Vorgesetzter, der mir die Kündigung übergab, die Tante beim Arbeitsamt, deren Name ich mir bis heute nicht merken kann, oder gar meine Frau die mich nicht weiter unterstützte?

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken…

Ich habe keine Ahnung. Ich mag auch nicht mehr darüber nachdenken. Ich mag überhaupt nichts mehr, nicht einmal den duftenden Kaffee, den ich mir aufgebrüht habe und wofür ich den letzten Löffel Kaffeepulver verbraucht habe. Ich kippe ihn weg. Ab damit in den Scheiß-Abfluss. Weg damit, für immer. Ich hole lieber wieder eine der mir wohlbekannten, mir liebgewonnenen, braune Karaffen aus dem Kühlschrank. Auch in der etwas größeren, durchsichtigen, ist noch was drin. Der Tag ist gerettet.

Es dauert nicht lange, bis der Alkohol wirkt. Mir wird warm und ich fühle mich wieder besser. Nun sind meinen Gedanken wieder geordnet und ich sehe alles klar vor meinen Augen. Das ganze Elend wirkt dann nur noch halb so beschissen, wie es in Wirklichkeit ist. Nur wenn ich an meine Kinder denke, laufen mir ab und an ein paar Tränen über der zerfurchten Wangen. Ich ziehe dann die Vorhänge zu. Den alten Säufer soll niemand heulen sehen. Wäre ja noch schöner. Ich brauche kein Mitleid. Ich brauche meine Kinder und eine Frau die mich liebt. Ich brauche eine Beschäftigung, wenn es denn sein muss auch eine Arbeit, die mir unbemerkt die verdammte Zeit stiehlt, wie ein Taschendieb auf dem Weihnachtsmarkt.

Im Freibad

Alter, was scheint die Sonne heute. Nicht mir aus dem Arsch, sondern direkt aus dem Himmel. Keine Wolke, ach was sag ich, nicht mal ein kleines Feder-Wölkchen trübt den azurblauen Himmel. Hat bestimmt 32 Grad da draußen, da führt doch kein Weg dran vorbei, seine Haut irgendwo oder irgendwie mit Wasser zu benetzen. Zeit seine Freizeit zu genießen, ins Freibad zu gehen, sich die wärmenden Strahlen direkt auf den fetten Balg scheinen zu lassen und danach ins kühle Nass zu springen.

Gesagt getan. Rein ins Auto und auf kürzestem Wege direkt zum Freiluft-Bad um sich einzureihen, in die Schlange die sich vor dem winzigen Kassenhäuschen gebildet hat. Drinnen sitzt eine alte Dame, so um die 70, die so schlecht sieht, dass sie jeden einzelnen Geldschein, mit der Lupe auf Wertigkeit und Echtheit überprüfen muss. Der Automat der durchaus das Potenzial hätte, die Situation zu entschärfen, ist defekt und das nicht seit gestern, sondern seit letztem Jahr, so um diese Jahreszeit.

Trotzdem, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Ist doch alles nicht so schlimm…

Trotzdem, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Ist doch alles nicht so schlimm. Nur die Suppe, die einem geradewegs von der Platte, die sich mit dem Alter auf dem Kopf gebildet hat, schräg über den von Haaren übersäten Rücken, direkt in die Arschritze läuft, lässt einem das lange Warten doch ein wenig unbehaglich erscheinen. Aber auch das geht vorbei und man darf schon bald seinen Obolus entrichten und mit Freude durch das Drehkreuz ins Innere steuern.

Dort angekommen stellt man erschrocken fest, das hunderte, ach was sag ich, tausende die Hürde der weitsichtigen Greisin genommen und auch die Schikane des metallenen Drehkreuz hinter sich gelassen haben. Eng an Eng sind die Liegewiesen, bereits im vorderen Bereich, gefüllt. Dass die Sonnenanbeter ihre Decken, Handtücher und Matratzen nicht bereits auf den Gehwegen abgelegt haben und ihre halbnackten Astralkörper der Allgemeinheit präsentieren, erscheint bei diesem Anblick wie ein Wunder, ist aber wahrscheinlich nur eine Folge der stetig patrollierenden Badeaufsicht.

Langsam und mit wachem Blick geht man den Weg entlang…

Langsam und mit wachem Blick geht man den Weg entlang, um die große Liegewiese zu erreichen. Vorsichtig setzt man sodann den ersten nackten Fuß auf den Rasen und spürt die einzelnen Halme zwischen den Zehen. Einen Fuß vor den anderen und im Zickzack-Kurs geht es weiter durch die glücklichen Rentner, die hier im Reih und Glied auf den mitgebrachten Liegen, bequem in der Sonne brutzeln. Die Ruheständler haben sich morgens, ganz früh einen Wecker gestellt, um die besten Plätze zu ergattern. Haben auch alle eine Dauerkarte, die Greise und brauchen nicht zu warten, am Drehkreuz. Halten einfach den Pass unter die Nase des Bademeisters, begrüßen diesen mit Handschlag und spazieren, ohne weitere Repressalien zu befürchten, in das Bad.

Leider muss ich feststellen, dass für mich hier, im vorderen Bereich der Wiese nichts zu holen ist. Wäre ja auch zu schön, denn hier ist noch alles gut erreichbar, was es braucht, um einen schönen Tag im Freibad zu verbringen. Das Schwimmbecken, der Kiosk mit dem kalten Bier, der Imbiss mit den fettigen Kartoffelstäbchen, die meist drapiert mit einem Klecks Mayo daherkommen und die Toiletten um den ungesunden Fraß wieder auszuscheiden.

Ich gehe, mit meiner schweren Sporttasche, schwitzend, weiter und erreiche den mittleren…

Ich gehe, mit meiner schweren Sporttasche, schwitzend, weiter und erreiche den mittleren Teil der Wiese und erhoffe mir hier ein freies Plätzchen zu finden. Doch auch hier, wo auch das Kleinkinderbecken zu finden ist, ist es voller als erwünscht. Hier haben sich die Familien mit den lärmenden, nervenden Blagen angesiedelt. Hier liegen: Handtücher an Handtücher, Strandmuscheln an Strandmuscheln, Picknickdecken an Picknickdecken und auch der Rest der freien Wiese wird besetzt durch Utensilien wie: Kühltaschen, Badelatschen, Kinderwägen, Sonnenschirme, Taucherbrillen, Wasserpistolen und Gewehre, Wasserbälle und jede Menge anderer Kram, der der Bespaßung der mitgebrachten Sprösslingen dient.

Vor Anstrengung keuchend, spiele ich mit dem Gedanken mich hier einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, habe aber Angst, dass ich ständig einen Ball vor die Glocke oder den Fuß eines umher rennenden Kindes in die Klöten bekomme. Weitergehend würde ich Gefahr laufen, als Pädophiler abgestempelt zu werden, wenn ich hier mit meinen über vierzig Lenzen auf dem Buckel, meine Bierwampe, zwischen dem achtjährigen Kevin-Silvester und der zehnjährigen Stella-Luna in die Sonne knalle.

Also besser weiter suchen…

Also besser weiter suchen und den hinteren Teil der Liegewiese erkunden. Hier haben sich die Teenager und Halbstarken angesammelt und es herrscht eine angespannte Stimmung. Schon als ich die ersten Schritte auf der Wiese tue, vorbei an einer Decke, auf denen sich nicht nur zwei Mädchen zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren bräunen, sondern auch zwei Jungs, gleichen Alters, sich lässig die Sonne auf den Pelz brennen lassen, werde ich argwöhnisch beäugt. Ungeachtet dessen gehe ich weiter und komme an diversen Decken vorbei, auf denen neben Bierdosen, Chips-Tüten und Energy-Drinks auch kabellose Boom-Boxen, die den Ghettoblaster aus meiner Jugend abgelöst haben, platziert sind. Diese spucken schaurige Musik aus, die mit der aus meiner Jugend nicht mehr viel Gemeinsamkeiten hat. Hier hört man die 187 Straßenbande Rappen, dort Capital-Bra und ein wenig weiter Kollegah gemeinsam mit Fler ihre Hasstiraden ins Mikrofon brüllen.

Nee, auch hier muss ich weiter. Geht nicht anders. Kann ich mir nicht die ganze Zeit geben, diesen prolligen, gehaltlosen Sprechgesang, wo jedes zweite Wort ein Schimpfwort ist! Also weiter, bis kurz vor Schluss des Bades, direkt an die umschließende Hecke und den dahinter versteckten Zaun. Hier liegen auch nicht mehr viele. Nur vereinzelt finden sich Decken mit Grüppchen, die einen Joint kreisen lassen oder eine Shisha-Pfeife rauchen. Gelegentlich liegt auch mal einer alleine, einer von der Sorte, wie ich es einer bin. Ein von denen die ein bisschen zu jung sind, um sich früh morgens den Wecker zu stellen und sich eine Dauerkarte zu holen, die ein bisschen zu alt sind für den Bereich mit den Familien und Teenagern aber genau richtig, für diesen hier.

Auch wenn das Schwimmbecken nur noch mit dem Fernglas zu erkennen ist…

Auch wenn das Schwimmbecken nur noch mit dem Fernglas zu erkennen ist, das kalte Bier vom Kiosk in fast unerreichbarer Ferne gerückt und der Geruch von fettigen Pommes mit Curry-getränkten Phosphat-Stäbchen, hier ganz hinten, nicht mehr wahrnehmbar ist, werfe ich meine Sporttasche auf den Boden und bereite meinen Liegeplatz vor. Als ich schlussendlich meinen Badelacken ausgebreitet und mich meiner überflüssigen Kleidung entledigt habe, lege ich mich in die Sonne und schließe erschöpft die Augen. Nach kurzer Zeit erklingen von der Nachbardecke die surreal anmutenden Geräusche einer Maultrommel und der Duft von Marihuana steigt mir in die Nase. Ich spüre einen Finger auf meiner Schulter, öffne die Augen uns schaue in das freundliche Gesicht einer Dame mittleren Alters, die mich einlädt mitzukommen. Hin zu den wunderlich klingenden Lauten, den lächelnden Menschen und den duftenden Joint. Spontan beschließe ich mitzukommen und beim nächsten Besuch im Freibad, sofort diesen Bereich, hier ganz hinten, anzusteuern.