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Kaffeeküchen-kampf

Die Regel ist einfach und wurde über Jahrzehnte überliefert. Derjenige, der als erster das Büro betritt und in die gemeinsame Kaffeekasse eingezahlt hat, muss sich an der Maschine zu schaffen machen und das braune, wachmachende Gebräu nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen zubereiten. Wer sich unverständlicherweise zuerst hinter seinem monströsen Röhrenbildschirm setzt, den altersschwachen Bürocomputer aus der Totenstarre holt und seine Mails abruft, fällt schneller als ihm lieb ist in Ungnade.

Heute betritt Herbert als erster die Szenerie und ärgert sich insgeheim darüber. Er hätte anders handeln können. Leider wurde ihm das aber erst dann bewusst, als er bereits den ersten Fuß auf den billigen, grau-braunen Sisalteppich gesetzt hatte. „Ein kluger Schachzug wäre es gewesen, wenn ich vorher ausgeschert wäre und auf der Toilette im Flur, noch eben auf die Schnelle, einen Bierschiss in die Keramikschüssel gehämmert hätte“, denkt er und fügt gedanklich den Neologismus: „Hätte, hätte Fahrradkette“, an.

Schlecht gelaunt betätigt er aber nun dennoch den Lichtschalter und die, hinter quadratischen Plexiglas versteckten, Neonröhren erwachen wiederwillig zum Leben. Missmutig schlendert er sodann durch den schlauchförmigen Raum. Sein Weg führt an unzähligen Arbeitsplätzen vorbei, bis er schlussendlich, im hinteren Bereich seinen eigenen halbrundem Schreibtisch aus den 70er-Jahren erreicht. Angewidert schmeißt er seine Tasche auf das Möbelstück und hört wie sich im Hintergrund mehrmals die Tür öffnet und die anderen Bürokolosse und Schreibtisch-Tussis in den Raum schleichen.

Auf den Weg in die kleine Küche…

Auf den Weg in die kleine Küche, die neben der Kaffeemaschine auch einen Kühlschrank, eine uralte Mikrowelle und sogar einen Backofen, mit augenscheinlichem Atomantrieb, beherbergt, läuft er Michelle über den Weg. Die blondierte, Büromaus wünscht ihm grinsend einen guten Morgen, folgt ihm in die Küche und stellt demonstrativ ihre Tasse mit der kitschigen Diddle-Maus-Applikation, die sie gerade eben aus dem Hängeschrank geholt hat, neben der noch leeren Thermoskanne. Gerne würde er der jungen Dame, die sich direkt nach dem Studium einen Platz im Großraumbüro reserviert hat, die Meinung geigen, verschiebt das Ganze aber innerlich auf einen anderen Tag, lächelt sie nur schief an und lässt sodann Wasser in die Kanne laufen.

Hurtig platziert er nun auch die Filtertüte an ihrem vorbestimmten Platz in der Maschine und zählt nachfolgend, gewissenhaft zehn gehäufte Löffel mit Kaffeepulver ab, um diese anschließend in der Tüte zu entleeren. Als er dann noch den kleinen Knopf an der Seite der Apparatur betätigt hat, verlässt er, nachdem er kurz innegehalten und gelauscht hat, ob sich die Maschinerie wirklich in die Gänge setzt, den kleinen Raum und begibt sich wieder an seinen Schreibtisch.

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet…

Dort angekommen erweckt er seinen PC und startet, bis der Kaffee durchgelaufen ist, seine alltägliche Arbeitsroutine. E-Mails werden abgerufen und beantwortet, Rechnungen werden geschrieben und archiviert und auch auf das, ach so wichtige, Innendienst-Meeting gilt es sich vorzubereiten. Gedanklich sitzt Herbert schon mit den vielen anderen Schwachmaten im großen Konferenzraum und ist, wie so oft in diesen Situationen, völlig unproduktiv. Immerhin glotzt er aber, offenkundig hoch konzentriert auf seinen Laptop und macht sich gelegentlich sogar Notizen auf einem extra mitgebrachten, linierten College-Block.

Meist ziehen sich diese ermüdenden Besprechungen unnötig in die Länge und nachdem die Vorträge, der noch wichtigeren Personen als man selbst, geendet haben, diskutiert man stundenlang angeregt über das gerade eben gehörte und geht dann doch ergebnislos auseinander. Trotzdem mag Herbert diese Veranstaltungen. Häufig nutzt er diese Gelegenheiten, um die anderen Kollegen zu beobachten. Ingolf bohrt dann meist angestrengt in der Nase, Reinhold fallen immer wieder die Augen zu, Christopher starrt angestrengt auf die Oberweite von Maren und Klaus-Dieter wirft in regelmäßigen Abständen, wortreiche aber inhaltsleere Floskeln in den Raum und schwingt dabei seinen Kugelschreiber wie ein verrückter Dirigent umher.

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt…

Mittlerweile sind fast alle Schreibtische besetzt und es herrscht ein reges Treiben im Großraumbüro und „Hinz und Kunz“ schleichen, mit Tassen und Bechern bewaffnet, um die Küche herum. Herbert bekommt von alledem nichts mit, denn er ist bereits vertieft in seine Arbeit und noch immer im Gedanken in der Sitzung. Als schließlich auch Herbert den Duft des, frisch aufgebrühten, Kaffees in seiner Nase wahrnimmt, lässt er seinen Bleistift fallen und sprintet mit seinem Becher zur Küche. Wieder läuft ihm Michelle über den Weg, die ihn jetzt nur frech angrinst und ohne ein Wort zu verlieren mit ihrer, bis zum Rand gefüllten Tasse die Küche verlässt.

Herbert betritt den Raum und ihm schwant Böses. Als er die Thermoskanne in den Händen hält, sie prüfend hin und her wiegt und dann, den letzten verblieben Schluck, in seine Tasse schüttet, vergeht ihm die Vorfreude auf das Meeting schnell, denn ein weiteres ungeschriebenes Gesetz im Büro lautet: Wer die Kanne leert, ist verpflichtet neuen Kaffee aufzusetzen. So macht Herbert sich also erneut an die ungeliebte Aufgabe, befreit ein weiteres Pfund Kaffee aus seinem Gefängnis und brüht frischen Kaffee für ihn und seine geliebten Kollegen auf.

Bergfest

Schon um zwölf, bekommt der aufmerksame Beobachter mit, dass die ersten Bürokolosse mit den Füßen scharren. Hunger steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Deutlich und unverkennbar macht sich eine Unruhe breit, die darauf hindeutet, dass die Mittagspause nicht mehr weit entfernt ist. Bereits um viertel nach zwölf, bekommt die Auszubildende, mit den dicken Glocken und den blonden langen Haaren, eine besondere Aufgabe, die ihre vollste Aufmerksamkeit und Konzentration fordert. Sie muss die Bestellungen der Angestellten aufnehmen und diese, telefonisch, dem lokalen Döner-Laden übermitteln. Hier darf ihr kein Fehler passieren, denn sie will auf keinen Fall das Unmut bei Ihren Kollegen aufkommt. Schnell gerät sie sonst unter die imaginären Räder und wird noch mehr als schon jetzt zum Gespött der meist fettleibigen, alternden Angestellten, denen eine ausgewogene Mahlzeit von der türkischen Fressbude, dem italienischen Pizza-Dealer oder der gutbürgerlichen Frittenschmiede, in deutscher Hand, wichtiger ist als alles andere. Das Highlight des gesamten Arbeitstags. Miefige Fritten mit phosphathaltiger Currywurst, knoblauchgetränktes Fladenbrot mit ranzigem Fleisch und matschiger Salateinlage, oder steinharte Pizza mit zwei bis drei Scheiben Salami und ein wenig geriebener Käse sind immer noch besser als alles was die Alte daheim auf das kleine Esstischchen, der muffigen Küche, zaubert.

Wie auf Kommando springen alle Mitarbeiter auf lassen alles stehen und liegen…

Endlich ist es soweit. Die Funkuhr des Großraumbüros zeigt 12:30 Uhr. Wie auf Kommando springen alle Mitarbeiter auf, lassen alles stehen und liegen und gehen eiligen Schrittes zur Garderobe und schlüpfen in Mäntel und Jacken. Schnell bewegen sich die Schreibtischtäter mit Schlips und Kragen nun auf den Ausgang zu und verlassen das Bürogebäude um zu ihren Autos zu sprinten. Es ist Eile geboten, denn die Zeit der Pause ist begrenzt. Niemand will zu spät kommen, denn die Tische im türkischen Imbiss sind rar und dementsprechend schnell besetzt. Nach zweiminütiger Fahrt ist man endlich da. Hassan hat wie immer perfekt gearbeitet und das Essen bereits zubereitet. Alle sind glücklich und zufrieden. Nur Norbert, der Mann mit gezwirbeltem Bart und der bunten lächerlichen Fliege, aus dem Controlling, schaut ein bisschen missmutig drein. Die blonde Schönheit mit dem leckeren Figürchen hat es tatsächlich mal wieder geschafft statt einer türkischen Pizza mit Dönerfleisch ohne Tsatsiki, eine türkische Pizza ohne Dönerfleisch mit Tsatsiki zu bestellen. Norbert macht seinem Unmut lautstark Luft, beleidigt die junge Dame, mit dem uneinholbarem Talent in das nächstbeste Fettnäpfchen zu treten, auf das Übelste und beißt trotzdem beherzt in seine gerollte Pizza.

Der Eine Furzt der nächste Rülpst und alle sind glücklich und beseelt vom leckeren Türken-Fraß…

Schmatzend steigen nun auch die anderen Akademiker beim Azubi-Bashing ein und sind sich einig, das Susi zwar ein hübsches Ding ist und sie gerne mal eine Nacht mit der fetten Ollen daheim tauschen dürfte, sie aber beim Verteilen von Hirnschmalz etwas zu kurz gekommen ist. Innerhalb einer viertel Stunde haben alle aufgegessen und schlürfen nun genüsslich an ihrer Cola oder, nicht wegen des Geschmacks, sondern der Kultur wegen, am Ayran. Der Eine Furzt der nächste Rülpst und alle sind glücklich und beseelt vom leckeren Türken-Fraß. Norbert und Fred sind vertieft in eine Diskussion über Frauen in den Wechseljahren und deren Einfluss auf das Eheleben, Herbert starrt verträumt und ein wenig sabbernd in der Gegend und Klaus-Dieter spielt, heimlich unter dem Tisch, Taschen-Billard und denkt dabei an die Möpse der blonden Azubine.

Nun ist es aber Zeit. Die Pause nähert sich dem Ende. Mürrisch machen sich die fetten Lästermäuler wieder auf dem Weg zurück an ihren Schreibtisch. Langsam schlendern sie zu ihren Autos, steigen behäbig in die rollenden Vehikel mit Stern, oder stilisiertem Propeller und fahren praktisch im Schritttempo zurück zur Firma. Dort angekommen setzen sie sich hinter dem Schreibtisch, wecken den PC aus dem Schlummermodus, starten den Browser und recherchieren im Netz für Ihre, ach so wichtige, Arbeit. Die meistbesuchten Seiten im Büro sind im übrigen: Bild.de, Youporn.com und Kicker.de.