Schlagwort: Depression (Seite 1 von 1)

Arsch auf Kunststoff

Am liebsten würde ich einfach sitzen. Sitzen, auf dem Plastikstuhl, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Sitzen, bis der fette Arsch, auf dem rissigen Kunststoff blutig wird und die Augen müde werden, von den massenhaft anwesenden Vögeln, auf der Wiese, mit Würmern im Schnabel. Scheißen tun die Viecher auch ständig. Trotzdem. Der Anblick von kackenden Amseln, die mit ihren spitzen Schnäbeln, Würmer aus der feuchten Erde ziehen und dabei groteske Geräusche machen, ist immer noch besser als die Wohnung zu verlassen.

Auf dem heimischen Balkon, mit einer Kippe im Mundwinkel, ist die Welt noch in Ordnung. Hier brauche ich mit niemandem zu reden, brauche nicht, wie sonst immer, so zu tun als ginge es mir gut. Kein aufgesetztes Lächeln, kein Small Talk und keine sinnlosen Befehle. Hier kann ich, ungestraft, ärgerlich gucken, mich gehen lassen und dabei über die böse Welt, die da vor mir liegt, sinnieren.

In der gammeligen Jogginghose sitze ich dann dort…

In der gammeligen Jogginghose sitze ich dann dort. Egal ob es regnet, die Sonne scheint, oder die Welt untergeht. Hier bin ich Mensch. Hier bin ich allein. Allein mit den vielen zwielichtigen Gedanken, die mir das Leben mit anderen Menschen so schwer machen. Hirngespinste, die mir Streiche spielen. Geistesblitze die mich, im Gespräch mit Arbeitskollegen nur blöde lächeln lassen, während meine Gesprächspartner ausschweifend über die Erlebnisse am Wochenende philosophieren. Ideen, die mich nachts um den Schlaf bringen, die mich schwitzend aufwachen lassen und die meinen Kopf häufig, vor Schmerzen, fast zerbersten lassen.

Nun, genau jetzt, scheint die Sonne. Die Sonne, die ich so hasse. Ihre Fröhlichkeit verbreitenden Strahlen erreichen viele Menschen. Sie strahlt ihnen direkt ins Herz und zaubert ihnen ein Lächeln ins Gesicht, das ehrlich erscheint. Bei mir funktioniert es nicht und so verberge ich mich hinter zwei Sonnenschirmen, die lächerlich bunt sind und eine dunkle Sonnenbrille für zwei Euro aus dem Discounter. Dann und wann schiebe ich die Brille etwas herunter und erhasche einen kurzen Blick, ins goldene Sonnenlicht, das zwischen den Sonnenschirmen seinen Weg in meine Augen sucht. Doch es bringt nichts. Ich spüre nichts. Wie immer, wenn ich hier sitze und versuche mich in den Griff zu bekommen. Wie immer, wenn ich mir eine Taktik überlege. Eine Taktik, die mich reden lässt, mit den Menschen, die mich lachen lässt über miserable Witze, die mich weinen lässt, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Fett, Feist & Einsam, aber Durstig!!!

Fett und feist ist der Mann aus dem Ruhrpott geworden. Noch mehr Gewicht auf den Hüften als damals. Auch als Teenager war er schon übergewichtig. Nun ist er dazu auch noch alt geworden. Macht die Sache nicht besser, wie er findet. Falsches Essen und dazu die leckeren Bierchen, jeden Tag. Auch Falten hat er im Gesicht bekommen und dunkle Ringe unter den Augen. Macht nicht mehr viel her, der Mann Anfang vierzig. Ist immer alleine geblieben. Hat nie eine Frau gefunden, aber auch nicht wirklich danach gesucht. Nun ist der Zug abgefahren, denkt er und setzt widerwillig und ein wenig melancholisch, den Flaschenhals an die Lippen und nippt an seinem ersten Bier heute.

Damals, als junger Mann ging das alles. Da war er noch nicht ausgeschlossen. Zu jener Zeit war er Teil einer großen Clique, wie man damals sagte, und ging jedes Wochenende mit den Jungs in den Club, oder in die Kneipe und feierte. Doch irgendetwas hatten seine Kumpels anders gemacht. Sie hatten dann und wann mal ein Date und sich dann für kurze Zeit abgesondert von der Truppe, um mit der holden Weiblichkeit in Kontakt zu kommen. Mal ein One-Night-Stand und mal etwas Längeres.

Auch er ist keine Jungfrau mehr. Weit gefehlt…

Auch er ist keine Jungfrau mehr. Weit gefehlt. Ist schon damals regelmäßiger Gast in der Lilienstraße gewesen und hat sich als regelmäßiger, wiederkehrender, meist freundlicher, Freier einen Namen gemacht bei den Bordsteinschwalben. Es war einfach. Man brauchte sich auf nichts einlassen, keine Kompromisse eingehen und auch keine Blumen kaufen. Auch ins Kino, in irgendeinen verhassten Liebesfilm oder dergleichen, wollten die Damen aus dem horizontalen Gewerbe nicht. Wollten auch nicht zum Essen eingeladen werden und keinen Pelzmantel oder teuren Schmuck geschenkt bekommen. Toll. Einfach Kohle auf den Tisch und rein ins Vergnügen. Auch heute geht er noch hin, aber nicht mehr so oft wie damals.

Meist sitzt er nach der Arbeit, an der CNC-Fräse, alleine daheim vor dem Computer oder Fernseher und streichelt einer seiner drei Katzen liebevoll über den Kopf. Tiere mag er gerne, die sind ähnlich gestrickt wie die Nutten. Für eine Leckerei aus dem Plastiktütchen, setzen sie sich bei dir auf dem Schoß und lassen sich überall anfassen. Oft vergehen Wochen, manchmal sogar Monate bis er mit einem anderen Menschen, als seine Arbeitskollegen auf der Maloche, spricht. Oft ist es nur ein Telefonat mit einem seiner damaligen Kumpel, der Geburtstag hat. Er denkt immer daran. Vergisst nie einen Ehrentag der Kumpels. Hat sie alle abgespeichert, in einer Excel-Liste.

Meist sind die Gespräche kurz. Er plappert von damals, seine Freunde von heute…

Meist sind die Gespräche kurz. Er plappert von damals, seine Freunde von heute. Haben alle Frau und Kinder und meist ein Haus mit Garten und nicht viel Zeit. Die haben irgendwie mehr aus ihrem Leben gemacht, als er selbst, stellt er dann sachlich fest. Meist sind Bekannte, Freunde und Verwandte zu Besuch, wenn er anruft. Man verspricht sich, sich bald wiederzusehen. Zum Fußball in der Kneipe, zum Billard spielen, oder der alten Zeiten wegen, am Kickertisch, im kleinen Club, wo es im Sommer immer so heiß war und das Bier billig, wenn es den noch gibt. Meist bleibt es beim Versprechen, das am nächsten Geburtstag wieder aufgefrischt wird.

Ein einfaches Leben, das er immer haben wollte und dennoch nicht zufrieden damit ist. Ein einsamer Mann ist er geworden, mit drei stinkenden Katzen und jede Menge Pfandflaschen, in einer unordentlichen miefigen Wohnung, die noch Niemand außer ihm selbst betreten hat, lebend.

Wieder führt er den Flaschenhals an den Mund. Dieses Mal trinkt er alles aus, in einem Zug. Nun bringt er es hinter sich und bereitet all dem ein Ende. Er hat das Rattengift mit dem wohlschmeckenden Bier vermischt und erhofft sich ein schnellen, unspektakulären Tod. Und tatsächlich sackt der dicke Mann schon nach ein paar Minuten in sich zusammen, rutscht von der abgewetzten Couch und liegt sodann röchelnd auf dem Fußboden. Er spürt noch wie sich seine Katzen liebevoll um ihn herum versammeln bevor das Zimmer vor seinem Auge verschwimmt.

Nun ist es dunkel und still. Er kann nichts mehr sehen, nichts hören und auch alle andere Sinne sind wie benebelt…

Nun ist es dunkel und still. Er kann nichts mehr sehen, nichts hören und auch alle andere Sinne sind wie benebelt. Er fühlt sich leicht wie eine Feder und schwebt plötzlich über seinem eigenen Körper. Er kann sich dort unten auf dem Boden liegen sehen, den elenden Tropf. Ihm fällt es leicht wegzusehen und seinen Kopf gen Himmel zu recken. Er blickt nun in einen helles, gleißendes Licht und er hat vor, wie er es schon so oft gehört hat, sich dort hinein zu bewegen, doch irgendetwas hält ihn noch zurück.

Weit weg kann er etwas hören, das ihm entfernt bekannt vorkommt. Es dauert eine Weile, doch dann wird ihm bewusst, dass es sein Telefon ist, das dort unten klingelt. Ihm soll es egal sein, denn es ist zu spät. Wer auch immer mich anruft, kann mich nicht mehr retten denkt er, doch die Neugier ist es schlussendlich, die seinen Körper nun durchströmt und ihm neues Leben einzuhauchen versucht. Unweigerlich nähert er sich wieder seinen fetten Leib und entfernt sich vom warmen, hellerleuchteten Himmel, über sich. Er spürt wie er wieder zunimmt. Kilogramm für Kilogramm, findet sich sodann wieder, im eigenen Körper und erbricht sich auf dem Teppich.

Das altmodische, orange Telefon klingelt noch immer. Langsam richtet er sich auf…

Das altmodische, orange Telefon klingelt noch immer. Langsam richtet er sich auf und schleppt sich taumelnd in den Korridor in dem das Gerät auf einem kleinen Schränkchen steht. Mit schweißnassen Fingern hebt er den Hörer ab und lauscht keuchend in die fettige Hörmuschel. Es ist Ralf. Er wolle sein Versprechen halten und mit ihm in die Kneipe gehen, denn dort würden die anderen auf sie beide warten. Heute ist Fußball und er wolle ihn abholen, er stehe schon vor seiner Tür und hätte bereits mehrfach geklingelt. Tatsächlich, seit langer Zeit huscht ein Lächeln über das Gesicht des feisten Mannes und er sagt: „Danke man, ich komme gerne. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mich freut deine Stimme zu hören. Gib mir nur ein paar Minuten. Ich mache mich nur kurz frisch, dann bin ich bei dir und bei allen anderen.“