Schlagwort: Drogen (Seite 1 von 1)

Franky Red

Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.

Gescheitert und doch gewonnen

Ich wusste es schon morgens. Ich spürte es, sobald ich den ersten, nackten Fuß auf den billigen Laminatboden gesetzt hatte. Es war ein Tag, an den man sich später, wenn man sein Leben subsumiert, erinnern wird. Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, warum ich damals schon morgens spürte, dass mir an diesem einen, wegweisendem Tag, so viel Elendes und doch wunderbares passieren würde.

Eigentlich war alles wie immer. Ich bin aufgewacht in meinem kleinen, unaufgeräumten Zimmer, hatte eine Morgenlatte und stolperte nacktem Fußes aus dem Bett. Ich musste zur Schule, war schon spät dran und meine Hausaufgaben schlummerten noch unangetastet im zerfledderten Rucksack. Doch die Aufgaben bereiteten mir keine Sorge. Mehr hatte ich Angst davor, den weiten Weg zu Fuß bestreiten zu müssen, wenn ich es nicht rechtzeitig in den völlig überfüllten Bus schaffte, der hier am Arsch der Welt, nur jede Stunde fuhr.

Ich beeilte mich also…

Ich beeilte mich also. Nachdem ich zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster geschoben hatte, hielt ich meinen Kopf unter Wasser, rubbelte mir fahrig die Zähne sauber und schaffte es sogar noch eine frische Unterhose über den Hintern zu ziehen und mit dem Deo-Roller den herben Moschus-Duft eines Teenagers, unter den Achseln, zu übertünchen. Dann verschlang ich die Toast-Scheiben, auf denen ich je zwei Scheiben Salami aus der Plastikverpackung drapiert hatte und sprang in meine Klamotten.

Hurtig verließ ich mit geschultertem Rucksack die Wohnung, ließ die Tür ins Schloss fallen und vergaß auch nicht die selbige mit meinem Schlüssel, zweifach, zu verriegeln. Meine Eltern legten gesteigerten Wert auf das Verschließen der Wohnungstür, denn sie hatten nahezu Panik vor einem Einbruch in unsere vier Wände. Das hier, bei uns nichts zu holen war und selbst die Diebe – wenn es denn hier welche gab – in dieser Einöde bessere Baracken vorfinden würden, ließen sie in ihren Überlegungen, unverständlicherweise, nicht mit einfließen.

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren…

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren. Ich musste zur Bushaltestelle, und zwar schnell. Mir blieben nur wenige Augenblicke bis der Bus hier vorbeisausen würde. Er würde nicht halten, wenn ich nicht dastand und wartete, am Häuschen mit dem „H“ auf dem Dach und den vielen Aufklebern und Graffiti im Inneren. Er würde auch dann daran vorbeifahren, wenn ich angerannt kam und mit den Armen, auf halber Stecke, wedelte um den Fahrer zu bedeuten das auch ich mich anschickte mitzufahren. Der Angestellte hinter dem Lenkrad war ein Arschloch und hatte Freude daran zu sehen, wie eine Nulpe wie ich, auf der Stecke blieb.

Ich blieb auf der Stecke. Der Stricher mit Oberlippenbart fuhr an mir vorbei, während ich wie ein Verrückter auf dem Trottoir auf die Bushaltestelle zuhielt, mit den oberen Extremitäten fuchtelte und vor Anstrengung schwitze. Ich könnte schwören, dass ich ein Lächeln auf seinen schmalen Lippen erkennen konnte, während er an mir vorbeibrauste. Abrupt blieb ich stehen, warf vor Wut meinen Rucksack auf den Boden, hob meinen mittleren Finger in die Luft und schaute den sich schnell entfernenden Omnibus, mit Gelenk in der Mitte, hinterher.

Als ich mich wieder beruhigt hatte…

Als ich mich wieder beruhigt hatte, hob ich meinen Rucksack auf und machte mich zu Fuß auf dem Weg zur Penne. Das Gebäude in das eine wahrer Rebell, wie ich es einer werden wollte, niemals freiwillig gehen würde, war knapp fünf Kilometer entfernt. Auch dann, wenn ich einen strammen Schritt an den Tag legte, würde ich zu spät erscheinen und ein Eintrag ins Klassenbuch kassieren. Wenn der alte Sack, der sich tagein und tagaus vor der Tafel breit macht einen schlechten Tag hatte, auch mehr. Ein Anruf oder ein Brief, der unterschrieben zurückgebracht werden musste, waren hier die Mittel, die der Pädagoge zur Erziehung heranzog.

Ich ließ es also langsam gehen. Brachte sowieso nichts. Eine halbe oder eine ganze Stunde später machten den Braten nicht fett. Ich schlenderte also den Gehweg entlang und konzentrierte mich darauf nicht erneut ins Schwitzen zu geraten. Ich hatte vor, nach der ersten Schulstunde zu erscheinen. Der perfekte Augenblick um der Moralpredigt von dem Geschichtsunterricht-Pauker, der seine Arme immer so unmenschlich verbog, zu entgehen.

Als ich an der Unterführung vorbeikam…

Als ich an der Unterführung vorbeikam, die zum Innenhof eines Wohnkomplexes führte, hörte ich lautes Gelächter. Ich blieb stehen, hielt inne und horchte erneut. Wieder drang dieses Lachen, das die pure Freude auszustrahlen schien, an mein Ohr. Ich konnte nicht anders. Ich musste nachschauen, wer dort, um diese Uhrzeit so gute Laune hatte, auch wenn ich damit billigend im Kauf nahm noch später zur Schule zu kommen. Es würde nicht lange dauern, sagte ich mir. Nur kurz nachschauen. Einen Blick werfen auf den oder die glückliche Frohnatur um sodann wieder weiterzuziehen.

Ich straffte meine Schultern, zog den Kragen hoch und durchquerte entschlossen die Unterführung. Hier war ich noch nie. Ich hatte einfach nie einen Grund, hier entlang zumarschieren. Meistens fuhr ich mit dem Bus, der eine andere Strecke nahm und wenn ich doch mal zu Fuß ging, hatte ich es eilig. Doch heute war es anders. Der Tag heute war besonders. Ich wusste es jetzt, in diesem Augenblick als ich sah was sich im Innenhof befand, ganz genau. Ich blickte auf einen Spielplatz, doch der war es nicht der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war die Gruppe junger Menschen – kaum älter als ich – die sich auf der Tischtennisplatte bequem gemacht hatten, rauchten und lachten.

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe…

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe. Man war angeraten behutsam vorzugehen. Es gab durchaus Einige hier in der Gegend, die der Schule verbotenerweise fernblieben. Die meisten von ihnen waren kleine Ganoven. Immer darauf aus, Gruppenfremden und Andersdenkenden schmerzen zuzufügen. Viele hatten ein Butterfly-Messer in der Tasche, andere eine Dose CS-Gas. Doch diese Menschen waren anders. Ich spürte es immer deutlicher, während ich mich ihnen langsam näherte.

Man lächelte mich freundlich an. Es waren fünf Personen, die dort um den Tisch standen, oder auf ihm saßen. „Komm doch näher und setz dich zu uns“, hörte ich einen von ihnen sagen. Ich tat wie geheißen und stellte mich vor. Wieder lächelten alle und ich wusste das ich hier richtig war. Ich ließ meinen Rucksack nieder und ahnte, dass es doch länger dauern würde. Ich konnte nicht so schnell wieder gehen wie ich gekommen war. Die Gruppe hatte mich aufgenommen, binnen weniger Augenblicke und ich fühlte mich wieder wie der kleine Junge, auf Mamas Schoß.

Sie ließen einen Joint kreisen…

Sie ließen einen Joint kreisen. Ich war entsetzt. Es war doch erst morgens um kurz nach acht. Als ich an der Reihe war, schüttelte ich den Kopf, aber das schwarzhaarige Mädchen mit den Mandelaugen nickte mir aufmunternd zu und zeigte beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne. Ich konnte nicht Wiedersprechen. Ich hatte keine Wahl. Ich war geliefert und inhalierte das Marihuana tief und gab den Joint dann weiter. Alle strahlten mich an und ich funkelte zurück. Es dauerte nicht lang bis ich wieder am Zug war. Dieses Mal lehnte ich nicht ab. Nach diesem, zweiten Zug lachte ich laut auf. Ich konnte nicht mehr aufhören, denn es war genau dieses Lachen, dass mich zum Innehalten auf dem Schulweg gebracht hatte.

Es hörte sich nicht nur so an. Es war genau dasselbe Lachen. Ich wusste es, doch kam nicht dahinter, wie dies möglich war. Ich zermarterte mir den Kopf, aber die zündende Idee wollte einfach nicht kommen. Dieses, mein eigenes Lachen, hatte mich zum Kiffer gemacht. Dieses Lachen, das ich nie mehr gelacht habe, aber immer noch genau weiß, wie es klang. Auch heute, fast dreißig Jahre danach muss ich daran denken, wenn ich am späten Abend am Strand sitze, den Wellen zuhöre genüsslich am Joint ziehe und in die Mandelaugen meine schwarzhaarigen Frau sehe und sie mir beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne zeigt.

Die schönste Nebensache der Welt

Es ist schon mehr als verwunderlich. Es ist einfach nicht normal, irgendwie vom anderen Stern und ein Fehler in der Matrix. Da laufen elf Jungs, die gerade einmal der Pubertät entsprungen sind, auf dem Platz herum und haben die Aufgabe ein rundes Leder, möglichst geschickt im Tor der gegnerischen Mannschaft zu platzieren. Wichtig ist den Kickern dabei, dass die atemberaubende Frisur, die man selbst beim Nobelfriseur nur unter der Hand bekommt, auch nach und während der sportlichen Betätigung noch gut liegt. Damit die Frisur wirklich so bleibt, wird vor dem Spiel ein Gemisch aus Haarspray, Haarwachs, Haargel und eine geheime Substanz zusammengemischt und ins Haupthaar einmassiert. Die Herstellung und Zusammensetzung dieser Tinktur ist äußerst schwierig und wird ausschließlich in einem der vielen Fußballinternate geleert. Weitergehend ist es wichtig, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers an diversen Stellen mit Tattoos versehen ist, denn nur so ist es dem Balltreter möglich auch in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abzugeben und die Zahl, seiner unterbelichteten Follower, über die Demarkationslinie zu manövrieren.

Interessant ist, dass der Fußball auch in Sachen Bezahlung völlig anderes umgeht als jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Hier bekommt nämlich der Chef der Truppe, also der Trainer, nur ein Bruchteil dessen was der kleine Arbeitnehmer an der Bälle-Front verdient. Adaptiert auf ein kleines mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal in der Metallindustrie, würde das bedeuten, das montagmorgens der Dreher, der Schlosser und all die anderen Schergen mit ihren Porsches und Ferraris auf den Firmenparkplatz brausen und ihre Nobelkarossen auf die reservierten Parkplätze bugsieren und der Chef in einem zehn Jahre alten Opel Corsa auf das Gelände rollt. Diesen stellt er dann auf einen der hinteren Plätze, des Firmengeländes, weit weg vom Eingang der Ballerbude, unter einem der Bäume, dort wo einem immer die Vögel auf die Karre scheißen und schleicht mit gesenktem Blick ins Gebäude.

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack…

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack, zumindest was das optische Erscheinungsbild ihrer Begleiterinnen angeht. Aufgrund der immer gut gefüllten Brieftasche vom Kicker, bekommt auch der hässlichste Vogel in der Bundesliga eine Dame ab deren Figürchen durchaus, als Lecker zu bezeichnen ist. Tatsächlich sehen die meisten der Spielerfrauen dermaßen gut aus, das sie irgendeinen Job als Model oder Schauspielerin abgreifen konnten und dass in den meisten Fällen sogar ohne den kleinen Umweg über die Besetzungscouch zu nehmen. Selbst wenn am Abend die Schminke aus dem Gesicht geschabt wurde und sich das holde Weibchen, nackt wie Gott sie schuf, für den unausweichlichen Paarungsakt mit dem krummbeinigen Ballsportler auf die Chaiselongue niederlegt, ist der Kicker in der komfortablen Situation, auch beim Liebesspiel in der Missionarsstellung, das Gesicht der Gespielin nicht mit einem Handtuch abdecken zu müssen.

Selbst ein mittelmäßiges Spielerexemplar bekommt wöchentlich, im Durchschnitt, ungefähr die gleiche Kohle, die der kleine Malocher an der Werkbank im Jahr kassiert und das völlig zurecht. Ist der Spieler doch dermaßen hohen Belastungen ausgesetzt, die nur durch übermäßig viel Geld zu kompensieren sind. Darunter zählen die dauerhafte Trainings- und Spielbelastung, Reisebereitschaft im Privatjet und Unterbringung im Nobelhotel, Massagen und die beste ärztliche Betreuung, die es in der Bundesrepublik zu haben gibt, ausgewählte und exquisite Speisen, die von einem Sternekoch zubereitet werden, dauerhafte Avancen von willigen und hübschen Frauen und eine überdurchschnittliche Belastung der Schreibhand durch ständiges Unterschreiben von Kärtchen, mit eigenem Konterfei und vieles mehr. Bei diesem physischen und psychischen Stress verzeiht der geneigte Fan auch schon mal den einen oder anderen Fehltritt abseits des Platzes, des angebeteten Spielers. Dönerweitwurf im Delirium, jahrelanges Fahren ohne Führerschein in der Tasche, Pinkeln in der Hotellobby und das Vögeln von minderjährigen Prostituierten, die man extra für den Beischlaf hat einfliegen lassen, sind da nur einige wenige Beispiele. Dem Fan macht es nichts aus, solange der Kicker nur genügend Tore für die eigene Mannschaft schießt, oder wenigstens einen der gegnerischen Spieler, krankenhausreif, weg grätscht.

Lässt mein seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen…

Lässt man seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen, findet der interessierte Beobachter eine merkwürdige Zusammenstellung. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die alle aus dem gleichen Grund den Weg ins Stadion gefunden haben und sich irgendwie, für die knapp 2 Stunden, unerklärlicherweise, gut verstehen. Da gibt es den malochenden Proleten, der sein letzte Hemd für den Verein geben würde, stolzer Dauerkartenbesitzer ist und jede Saison erneut den Fanshop aufsucht, sich das neueste Trikot über den Balg zerrt und auch sonst alles kauft, was irgendwie in den Farben des frenetisch unterstützen Vereins getüncht wurde. Dass die Familie daheim, auch in diesem Jahr mal wieder, auf den lang ersehnte Urlaub im Süden verzichten muss, die Kinder nicht den Nintendo, oder das neue Fahrrad zum Geburtstag bekommen und auch die Ehefrau zum Hochzeitstag zum wiederholten Male leer ausgeht, ist ihm dabei egal. Direkt neben dem Proleten findet sich ein finanziell etwas besser gestelltes Fan-Exemplar. Dieser Fan hat es irgendwie geschafft die mittlere Reife oder sogar das Abitur zu ergattern, sitzt auf der Arbeit in einem gepflegten Büro und delegiert hauptsächlich seine Untergebenen. Körperliche Arbeit lehnt er ab und selbst wenn in seinem Reiheneckhaus, in der etwas schöneren Ecke der Stadt arbeiten anfallen, führt er diese nicht selbst aus. Nein, er bestellt selbst für das Aufhängen eines Wandregals einen Handwerker, mit dem er nach der ausgeführten Tätigkeit, wie auf dem türkischen Basar, über den Preis feilscht. In Sachen Fanutensilien ist er nicht so gut ausgestattet wie der Prolet. Da aber auch der Mittelschichtler seine Zugehörigkeit, für jeden ersichtlich, zur Schau stellen möchte, trägt er über den Boss- oder Gant-Pullover einen dezenten Schal in Vereinsfarben, den er zu einem eleganten Knoten gebunden hat.

Ein mittlerweile selten gewordenes Fanexemplar ist der mit der Kutte und irgendeinen albernen Hut auf dem Kopf. Der meist männliche Fan, der mit einer Jeansweste, die über der eigentlichen Jacke getragen wird und mit Aufnähern des eigenen Vereins übersät ist und häufig bis zum Boden reicht, findet sich immer seltener. Übrig geblieben aus den 80er-Jahren, kommt aber auch er immer wieder auf die Tribüne, trinkt literweise Bier und ist voll und ganz auf die Mannschaft auf dem Platz fixiert. Die Weste, die er trägt, ist nicht nur von den darauf befindlichen Aufnähern, sondern auch von dem Schweiß, dem Bier, der Kotze und dem Blut der vergangenen Jahrzehnte dermaßen steif, das der Besitzer sie nach dem Spiel zu Hause nicht in den Schrank hängt, sondern einfach in eine Ecke des Wohnzimmers stellt. Ausschließlich emotionale Beweggründe hindern den alternden Fan daran die Kutte zu waschen. Früher hat er gerne vor dem Stadion randaliert und sich mit gleichartigen Exemplaren aus der gegnerischen Fangruppierung geprügelt. Heutzutage ist er aber meist friedlich, kommt zwar unrasiert und ungewaschen zum Fußballevent aber begnügt sich, freundlicherweise, mit Pöbeln und Saufen.

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan…

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan, der meist gänzlich auf Fankleidung verzichtet und auch sonst und im Allgemeinen gegen Kommerz und den Ausverkauf des Fußballs ist. Meist kommt er dafür aber mit riesengroßen Fahnen und Bannern ins Stadion, deren Lettern auch von der gegnerischen Tribüne ohne Fernglas zu lesen sind, aber dem heimischen Fan, der bemitleidenswerter Weise einen Platz hinter ihm hat, die komplette Sicht auf das Spielfeld nimmt. Er ist nicht nur für das nett anzusehende Feuerwerk, das er irgendwie an dem Ordner vorbei auf die Tribüne geschmuggelt und neben einem Familienvater mit Anhang entzündet, sondern auch für farbenfrohe, ausgeklügelte Choreografien, die er mit seinen Kumpels in einer abgedunkelten Garage zusammenklöppelt, häkelt oder sonst irgendwie zusammenschustert, verantwortlich. Gerne gibt er all sein Geld für Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft, gerne auch ins Ausland aus, schmeißt sich gelegentlich ein paar Wachmacher in die Figur und ist auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Ferner steht er auch im Winter gerne mit freien Oberkörper auf der Tribüne und schreit und singt voller Inbrunst alles nach was der Vorsänger, der es sich auf einem Tribünenzaun gemütlich gemacht hat, in sein Megafon plärrt.

Weitergehend tummeln sich auch ein paar Akademiker auf der Tribüne. Diese mischen sich gerne unerkannt in die Menschenmassen und sind kleidungstechnisch kaum in dem Pulk auszumachen. Gelegentlich „verkleiden“ sie sich wie der Prolet mit allem, was der Fanshop so hergibt, manchmal tragen sie nur einen Schal der Mannschaft um den Hals und selten kommen sie mit einer goldenen Anstecknadel mit Vereinsemblem, das sie am Revers ihres schwarzen Mantels oder Jacke tragen, daher. Der Akademiker nutzt das Stadion, um sich wenigstens alle zwei Wochen wie ein normaler Mensch zu fühlen. Hier braucht er sich nicht in Zurückhaltung zu üben, hier kann er saufen, ohne dass ihn jemand schräg anschaut, hier kann er ungestraft fluchen und lauthals Lieder singen. Lieder, deren Melodien er aus der Kindheit kennt, deren Texte aber ungehobelt, ja derb und wenn es um die gegnerische Mannschaft oder deren Fans geht, blutrünstig sind.

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe…

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe zum meist heimischen Verein, die unumstößliche Toleranz gegenüber den unterbelichteten Spielern, mit den komischen Frisuren auf dem Platz und den Hass auf die gegnerischen Fans. Wenn es auf dem Platz mal nicht so läuft und das eigene Team schlecht spielt, sind nur selten die Spieler Schuld. Immer ist es der Schiedsrichter, der einen Elfer nicht gegeben hat, der die Abseitsregel nicht kennt oder der den Spieler mit den meisten Tattoos, der gerade eben, dem Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft einen offenen Schienbeinbruch zugefügt hat, völlig unberechtigt vom Platz stellt. Die Fans sind sich einig, fühlen sich nicht nur auf dem Schlips getreten, sondern persönlich angegriffen und geben dem Arschloch in Schwarz alle Schuld dieser Welt und schreien heraus, dass sie wissen, wo sein Auto steht.