Schlagwort: Einsamkeit (Seite 1 von 1)

Arsch auf Kunststoff

Am liebsten würde ich einfach sitzen. Sitzen, auf dem Plastikstuhl, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Sitzen, bis der fette Arsch, auf dem rissigen Kunststoff blutig wird und die Augen müde werden, von den massenhaft anwesenden Vögeln, auf der Wiese, mit Würmern im Schnabel. Scheißen tun die Viecher auch ständig. Trotzdem. Der Anblick von kackenden Amseln, die mit ihren spitzen Schnäbeln, Würmer aus der feuchten Erde ziehen und dabei groteske Geräusche machen, ist immer noch besser als die Wohnung zu verlassen.

Auf dem heimischen Balkon, mit einer Kippe im Mundwinkel, ist die Welt noch in Ordnung. Hier brauche ich mit niemandem zu reden, brauche nicht, wie sonst immer, so zu tun als ginge es mir gut. Kein aufgesetztes Lächeln, kein Small Talk und keine sinnlosen Befehle. Hier kann ich, ungestraft, ärgerlich gucken, mich gehen lassen und dabei über die böse Welt, die da vor mir liegt, sinnieren.

In der gammeligen Jogginghose sitze ich dann dort…

In der gammeligen Jogginghose sitze ich dann dort. Egal ob es regnet, die Sonne scheint, oder die Welt untergeht. Hier bin ich Mensch. Hier bin ich allein. Allein mit den vielen zwielichtigen Gedanken, die mir das Leben mit anderen Menschen so schwer machen. Hirngespinste, die mir Streiche spielen. Geistesblitze die mich, im Gespräch mit Arbeitskollegen nur blöde lächeln lassen, während meine Gesprächspartner ausschweifend über die Erlebnisse am Wochenende philosophieren. Ideen, die mich nachts um den Schlaf bringen, die mich schwitzend aufwachen lassen und die meinen Kopf häufig, vor Schmerzen, fast zerbersten lassen.

Nun, genau jetzt, scheint die Sonne. Die Sonne, die ich so hasse. Ihre Fröhlichkeit verbreitenden Strahlen erreichen viele Menschen. Sie strahlt ihnen direkt ins Herz und zaubert ihnen ein Lächeln ins Gesicht, das ehrlich erscheint. Bei mir funktioniert es nicht und so verberge ich mich hinter zwei Sonnenschirmen, die lächerlich bunt sind und eine dunkle Sonnenbrille für zwei Euro aus dem Discounter. Dann und wann schiebe ich die Brille etwas herunter und erhasche einen kurzen Blick, ins goldene Sonnenlicht, das zwischen den Sonnenschirmen seinen Weg in meine Augen sucht. Doch es bringt nichts. Ich spüre nichts. Wie immer, wenn ich hier sitze und versuche mich in den Griff zu bekommen. Wie immer, wenn ich mir eine Taktik überlege. Eine Taktik, die mich reden lässt, mit den Menschen, die mich lachen lässt über miserable Witze, die mich weinen lässt, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Das neue Gewand

Neulich, es ist gar nicht lange her, da bin ich in einen Laden gegangen. Einen mit enorm viel Auswahl an den verschiedensten Kleidungsstücken. Einen von den ganz großen, die es bei uns in der lokalen Einkaufsstraße gibt. Den Laden habe ich mir explizit ausgesucht, denn ich hoffte in den vielen Menschen unterzugehen. Dort war eigentlich immer viel los aber besonders um jene Jahreszeit. Ich wollte nicht auffallen, während ich nach neuen Klamotten stöberte und unbedingt einer Beratung durch das Verkaufsfachpersonal entgehen und witterte meine Chance im vorweihnachtlichen Trubel.

Aber im Grunde war es die Notwendigkeit, die mich nicht nur vor die Tür, sondern in genau diesen Laden zwang. Ich besitze zwei Jeanshosen, die ich täglich trage und die langsam aber sicher verschlissen sind. Immer im Wechsel. Eine dunkler, eine heller, ansonsten sind sie baugleich, um es mal im Jargon eines Arbeiters zu sagen. Die gleiche Marke, der gleiche Schnitt und auch der gleiche Preis. Beide wurden am selbigen Tag angeschafft und die vorherigen zwei, am gleichen Abend in die Tonne geschmissen. So bin ich jahrelang gut gefahren und genau so soll es bleiben. Auf gar keinen Fall anders.

Ich liebe die Konstanz…

Ich liebe die Konstanz. Es ist mir wichtig, das alles seinen geregelten Lauf nimmt. Auch will ich immer sauber sein, nicht nur am Körper, sondern auch die Klamotten müssen dezent nach parfümierten Waschmittel duften. Ich will nicht abgestempelt werden. Ich will ein gut riechender, sauber gekleideter Normalmensch sein und nicht aus dem Rahmen fallen, wie beispielsweise mein Nachbar aus der vierten, mit dem Ring in der Nase und den vielen Tätowierungen an den Armen. Wie ein Verbrecher sieht er aus. Wie einer, den man Abends nicht über den Weg laufen möchte. Ich bin jedes Mal aufs neue erstaunt, wenn er mich Abends im Hausflur freundlich grüßt und dabei lächelt. Diese Verhaltensweise wird aber nur eine Masche sein, denn es ist ja hinlänglich bekannt, dass selbst der Teufel sich gut verstellen kann, wenn er nach seinem nächsten Opfer fahndet.

Im Übrigen verfahre ich nicht nur mit den Hosen so. Auch Pullis, Hemden, Shirts, Pyjamas Unterhemden, Pullunder, Strickjacken, Unterhosen und Socken sind nicht nur abgezählt, sondern auch farblich mit den anderen Klamotten abgestimmt. Kombiniert werden diese immer gleich. Keinerlei Abweichungen duldet mein ausgefeiltes System, das ich an einer der Türen, im inneren des penibel aufgeräumten Schrankes, angebracht habe.

Der Laden war wirklich sehr voll…

Der Laden war wirklich sehr voll. Niemand sprach mich an und keiner beachtete mich. Genauso wie ich es wollte. Langsam aber zielstrebig näherte ich mich der Herrenabteilung in der dritten Etage. Auf der Rolltreppe vermied ich weitestgehend das Anfassen des gummierten Handlaufs und jegliche Berührung anderer Personen. Es war nicht einfach. Viele der Menschen drängten unbedarft und ohne jegliche Rücksicht auf die stählernen Treppenstufen der Rolltreppe. Irgendwie kam ich dennoch an und hatte auch dort oben noch immer das Gefühl nicht kontaminiert zu sein. Trotzdem nahm ich mir vor, daheim direkt unter die Dusche zu gehen und den unsichtbaren Dreck mit kochend heißem Wasser abzuwaschen, bis meine Haut rot würde, von der Hitze.

Die Auswahl war einfach überwältigend. Hunderte, ach was sage ich, tausende Jeanshosen werden hier gelagert und zum Verkauf feilgeboten. Einen geraden Schnitt sollten die zwei Hosen haben, die ich kaufen würde. Ich gehe nicht mit der Mode. Aus diesem Alter bin ich raus, sage ich mir immer. Dreißig Jahre bin ich alt. Zwar noch jungfräulich, aber Weise genug um entscheiden zu können, was gefällt und was nicht. Auch bei Frauen kenne ich durchaus meinen Geschmack, allerdings hatte ich bisher nicht die Traute, einer jungen Dame ein Auge zuzukneifen oder sie sogar anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen.

Trotz der immensen Auswahl hatte ich…

Trotz der immensen Auswahl hatte ich recht schnell eine Hose gefunden, die mir zusagte. Es ist definitiv einfacher eine Jeans zu kaufen, als eine Frau ins Bett zu bekommen, dachte ich, während ich die Hose an meine Beine hielt, um zu begutachten, ob sie passen würde und lachte innerlich bitter auf. Ich fand auch eine zweite, von der gleichen Sorte, die ein bisschen dunkler war und triumphierte über all die elenden Loser, die stundenlang den Laden durchforsteten, sich nicht entscheiden konnten und frustriert, ohne irgendetwas gekauft zu haben, nach Hause gingen. Da ich nun wusste, dass ich diese Tortur im Laden bald überstanden hatte, lächelte ich und machte mich auf den Weg zur Kasse.

Ich überwand das Warten in der Schlange, vor der Kasse, ohne Berührungen. Auch der Kassiervorgang selbst, ging erschreckend einfach vonstatten. Ich schaute der jungen, hübschen Kassiererin nicht ins Dekolleté und vermied auch den direkten Blick in ihre wunderschönen, strahlend blauen Augen. Mit zarten, gepflegten Händen stopfte sie behutsam meine neuen Hosen, mit einer eingeübten Bewegung, in die Plastiktüte. Danach schob sie auch den Einkaufsbon hinterher, lächelte mich an und wünschte mir einen schönen Tag. Ehrlicherweise, war ich hin und weg von der blonden Schönheit hinter der Kasse von C&A.

Als ich den Laden verlassen hatte…

Als ich den Laden verlassen hatte, hätte ich eigentlich glücklich sein sollen. Ich hatte bekommen was ich wollte. Ich hatte es wieder einmal geschafft einen Tag zu verbringen, an denen ich allen Menschen weitestgehend aus dem Weg gegangen war. Ich würde meinen Schrank wieder füllen können, mit zwei neuen Hosen, die aussahen wie die Alten, aber brandneu waren. Mein System würde aufrechterhalten bleiben und das Konstrukt meines Lebens würde nicht ins Wanken geraten. Ich war der normalste, sauberste, gepflegtester, wahrscheinlich penibelste Mann auf Gottes Erden, aber ich war nicht glücklich und hatte eine vage Vorstellung davon, warum es so war.

In den folgenden Tagen ging es mir nicht gut. Ich konnte schlecht schlafen, ich hatte keinen Hunger und keinen Durst. Die Hosen, die ich gekauft hatte, lagen noch immer unangetastet in der Kunststofftüte und ich trug weiterhin die verschlissenen. Ich verließ die Wohnung nur dann, wenn es wirklich nicht anders ging. Ich musste wieder klarkommen, mit dem Leben, mit mir und mit allem anderen auch. Irgendwas war geschehen im Kaufhaus, doch es war für mich noch nicht greifbar.

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen…

Erst knapp drei Wochen danach bin ich dahinter gekommen. In dieser relativ kurzen Zeit habe ich zwölf Kilogramm abgenommen, weil ich so wenig gegessen habe. Die neuen Hosen passten nicht mehr. Ich packte sie also wieder in die Tüte und machte mich auf den Weg in die Stadt, um in den Laden zu gehen und die Hosen umzutauschen. Ich wollte dies unbedingt, bei der gleiche blonden Dame, bei der ich sie auch bezahlt hatte, erledigen. Ich nahm mir vor zu lächeln, ihr dabei in die Augen zu schauen und ihr ein Kompliment zu machen.

Als ich im Laden ankam, traf ich sie tatsächlich an. Wieder an der gleichen Stelle, in der dritten Etage, hinter der Kasse und freundlich lächelnd. Ich liebte sie alleine für die Tatsache, dass sie wieder genau dort stand. Es war ihre Stelle. Niemand anderer sollte dort stehen. Nur die namenlose Blondine, in der ich mich verliebt hatte, beim Bezahlen zweier Hosen, die ich niemals getragen hatte. Als ich die etwas kürzere Schlange hinter mir gelassen hatte und ich vor ihr stand, bemerkte ich, dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich tauschte die Hosen um, bekam mein Geld zurück, schaute ihr nicht in die Augen und machte ihr kein Kompliment.

Wieder ging ich nach Hause…

Wieder ging ich nach Hause und war unglücklich. Ich hatte versagt, auf ganzer Stelle. Ich hatte weder neue Hosen, noch eine Frau mit nach Hause gebracht. Ich war ein elender Loser und nahm mir vor nie wieder in den Laden zu gehen. Ich nahm mir weitergehend vor, nie wieder zu Essen und genau das tat ich dann auch.

Heute sitze ich hier im großen Garten der Anstalt, schaue den anderen Patienten beim Spielen zu und lasse mir die Sonne auf den Kopf scheinen. Ich bin dünn geworden, habe eingefallene Wangen und trage eine beschissene Jogginghose, die nicht zum Oberteil passt. Ich stinke unter den Achseln, bin nicht sauber und meine Klamotten duften nicht dezent nach parfümierten Waschmittel, sondern muffeln.

Ein wenig Speichel läuft mir…

Ein wenig Speichel läuft mir am Kinn herab. Das kommt von den Medikamenten, die sie mir täglich verabreichen. Sie machen, dass ich Appetit bekomme und wieder esse. Die Tabletten sind es, die mich vergessen lassen das ich mein Leben nicht auf die Reihe bekommen habe. Doch manchmal, wenn die Wirkung nachlässt komme ich ins Grübeln, so wie jetzt. Dann fällt mir auch wieder ein, wer es damals war, der die Tür eingetreten hat. Es war der verwegen aussehende Mann aus der vierten Etage, als ich nicht auf sein Klingeln reagierte. Der Mann mit dem Ring in der Nase. Er war es auch, der die 112 wählte, als er mich auf dem Bett liegend, fast verhungert, fand.

Er besucht mich noch heute. Ich aber sehe keinen Grund dankbar zu sein. Im Gegenteil. Ich hasse ihn, weil er es ist der nicht normal ist. Ich spreche nicht mit ihm. Ich reiche ihm nicht die Hand zur Begrüßung. Ich rede auch nicht mit ihm und trotzdem kommt er immer wieder und hält meine Hand. Er müsste hier sitzen. Er müsste hier sitzen und nicht ich, denke ich, während mir eine einzelne Träne die Wange herunterläuft, sich mit dem Speichel vermischt und auf den hässlichen Pullover tropft, der nicht zur Hose passt.

Heute, Leute von Morgen

Sei kein Frosch und öffne die Tür. Lass es einfach geschehen, greife zum Griff und ziehe kräftig daran. Mit einem leisen Zischen öffnet sich die Tür, vorerst einen kleinen Spalt. Gase entweichen und bringen dich um den Verstand. Der Gestank ist schon jetzt ekelerregend und aufdringlich. Wie am Faden gezogen, greift deine rechte Hand zum Revers deines Pullovers und zieht ihn hoch, bis über deine roten Lippen und deine wohlgeformte Stupsnase, auf die du so stolz bist.

Nur deine obere Gesichtspartie, mit den großen, braunen wachsamen Augen ist noch zu sehen. Sie verfolgen deine Hand, wie sie ihre Aufgabe weiter verrichtet und die Tür zur Gänze öffnet. Automatisch erwacht die kleine Lampe, im Inneren des Schrankes, zum Leben und beleuchtet den farbenfrohen Inhalt. Deine Augen huschen über blau-grünliche Schimmelsporen, gräulich-schwarze Stücke die mal Schnitzel oder Steaks waren und weißen Schimmelpilz im Marmeladenglas, der den Deckel aufdrücken möchte.

Dir kommt die Kotze hoch…

Dir kommt die Kotze hoch. Steht schon bis im Hals die Suppe, aber du zwingst dich weiter hinzusehen. Mit aller Kraft würgst du dein schon Gegessenes, dein mit Magensäure vermengten Essens-Brei, wieder hinunter und schlüpfst eilig in die Gummihandschuhe, die du extra für diesen Tag besorgt hast.

Du hast dir etwas vorgenommen. Etwas das schon lange überfällig war. Die Reinigung des Kühlschrankes ist nur ein Teil von deinem Vorhaben. Die ganze Küche steht dir noch bevor. Du hast heute seit langer Zeit mal wieder die Vorhänge geöffnet und die Scheiß-Sonne gibt den Blick nun frei, auf das ganze Elend. Zeigt dir, was du für ein schwaches, dreckiges Arschloch du warst.

Mit spitzen, Gummi-behandschuhten Fingern..

Mit spitzen, Gummi-behandschuhten Fingern greifst du zuerst nach dem Marmeladenglas, dann nach dem Senf in der Tube und allen anderen Lebensmittel die in Glas oder Plastik verpackt wurden und stopfst sie in die bereitgestellte Plastiktüte. Als du danach nach dem verfaulten Fleisch greifst und dessen Konsistenz, durch das Gummi ertastet, würgst du ein weiteres Mal, doch du bleibst stark und standhaft.

Stark und standhaft entfernst du ein verdorbenes Stück nach dem anderen aus dem Kühlschrank und es fühlt sich an, als ob du jeweils einen üblen Gedanken, oder eine böse Erinnerung aus deinem Hirn entfernst. Es tut gut, als du die Tüte mit dem übelriechenden Inhalt endlich in den Müllcontainer wirfst. Im Hausflur, auf dem Weg zurück in deine Wohnung, tust du etwas, das du noch nie getan hast. Deine Lippen öffnen sich und sagen „Hallo“ zum Nachbar aus der 11. Etage.

Endlich schiebt du wieder den Schlüssel in die…

Endlich schiebst du wieder den Schlüssel in die Tür und öffnest deine Wohnung. Die Behausung, die du nun wieder wohnlicher machen möchtest. Du hast es dir fest vorgenommen und der erste kleine, ja winzige, Teil ist erledigt.

Geschickt weichst du in der Diele den Stapeln von Zeitschriften auf der Linken und den Kisten voller Schallplatten, Kassetten und CDs auf der rechten Seite aus. Bahnst dir einen Weg, vor bis in die Küche. Nichts kippt um. Nichts fällt auf den kleinen, schmalen Gang den du für deine Füße freigelassen hast. Du bist schmal, passt überall hier hindurch. Du bist geschickt und stößt nirgends an.

Wieder in der Küche angekommen, ekelst du dich erneut…

Wieder in der Küche angekommen, ekelst du dich erneut. Dies war der Raum, den du ausgemustert hast. Den Raum, den du nicht mehr betreten wolltest, weil er dir Angst macht. Der Raum in dem die kleinen Krabbeltierchen ihr neues Zuhause gefunden haben. Die Küche, die in deiner Kindheit ein Ort der Begegnung und der Zusammenkunft der Familie war, ist vollkommen verkommen. Kaum etwas erinnert an damals.

Erst jetzt bemerkst du das deine Hände noch immer in den besudelten Handschuhen stecken und erst nun wird dir bewusst, das dich der Nachbar aus der 11. damit gesehen haben muss. Scheiß darauf.

Lange vorher hast du einen Plan ausgeheckt…

Lange vorher hast du einen Plan ausgeheckt, für diesen Tag. Alles muss passen, damit du schaffst was du geplant hast. Aufgeschrieben hast du alles auf einen kleinen Block Papier. Du hast ihn gefunden, am Platz für Papiere aller Art. Hier stapeln sich Zeitungen und Zeitschriften, Dokumente, Verträge, Rechnungen und vieles mehr. Einfach alles was irgendwie mit Papier zu tun hat. Keiner würde hier durchblicken. Nur du.

Alles hat hier seinen Ort. Alles wird irgendwann benötigt. Nichts darf wegkommen. Deshalb brauchst du auch mehr Platz. Du musst jeden Quadratmeter ausnutzen, in der Wohnung. Nur deshalb hast du den Plan gemacht, auf dem Zettel, der Teil eines Blockes ist und der seine Bestimmung gefunden hat. Recht hattest du. Wie immer. Jeder Gegenstand wird irgendwann gebraucht. Auch ein profaner Schmier-Block mit rotem „S“ und einem Punkt darunter, auf dem Deckblatt.

Nun tunkst du die Gummifinger in den Eimer mit Seifenlauge. Du rubbelst und rubbelst. Der ganze Dreck muss runter. Du magst Sauberkeit. Die Gitter und Scheiben, die den Kühlschrank in mehrere Bereiche unterteilen, müssen wieder blitzen und blinken. Schimmel geh weg. Scheiß-Sonne bleib hier.

Du hast sogar das Fenster geöffnet…

Du hast sogar das Fenster geöffnet. Nur einen Spalt. “Auf Kipp”, wie deine Mutter zu sagen pflegte, als sie noch nicht unter dem Torf war. Kannst sie vor deinem geistigen Auge sehen, die alte Dame. Sitzt auf der Bank, in der Sitzecke vor dem Tisch mit Plastik-Tischdecke, säuft Kaffee und isst Plätzchen. Jeden Tag hat sie diese Scheiß-Kekse gefressen und den braunen Kaffee mit zu viel Milch und Zucker ruiniert.

Nun ist sie unter der Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Du wirbelst weiter herum und kommst dabei richtig ins Schwitzen. Kommst richtig in Fahrt und dir geht es dabei gut. So gut wie lange nicht mehr. Die Sitzbank ist noch vorhanden. Verborgen unter Unrat, der keiner ist. Nur der Staub und die Kakerlaken müssen weg. Alles andere wird irgendwann gebraucht. Genau wie der Block, der diesen Tag erst Lebenswert gemacht hat, von der Sparkasse.

Hast ihn bekommen, von so einen blasierten Schnösel…

Hast ihn bekommen, von so einen blasierten Schnösel, im Anzug. Kannst dich noch erinnern als du mit deiner Mutter die Sparkasse betreten hast, mit den bescheuerten Zöpfen. Links und Rechts einer und um den Arsch einen kurzen Faltenrock, wie er in Mode war. Deine Mutter fand dich hübsch. Der Heini im Anzug auch. Hat dich komisch angelächelt, als er fertig war, mit dem Sparbuch und hat deine Hand gestreichelt, als er dir den Block übergab.

Irgendwann am Abend bist du fertig. Zufrieden betrachtest du den sauberen, leeren Kühlschrank, den neu erschaffenen kakerlakenfreien Gang zwischen Dingen, die du für wichtig hältst und den kleinen freien Platz auf der Sitzbank. Hier wirst du sitzen, zwischen all den schönen Sachen, mit deinen schmalen Hintern. Du wirst alt werden, Kaffee trinken und alleine sein.

Niemand wird dich besuchen kommen. Niemand wird dich verstehen. Kein Mensch wird dich jemals lieben. Nicht einmal der lächelnde Mann aus der 11. Etage mit den schäbigen Schuhen und den zu engen schwarzen Jeans.

Fett, Feist & Einsam, aber Durstig!!!

Fett und feist ist der Mann aus dem Ruhrpott geworden. Noch mehr Gewicht auf den Hüften als damals. Auch als Teenager war er schon übergewichtig. Nun ist er dazu auch noch alt geworden. Macht die Sache nicht besser, wie er findet. Falsches Essen und dazu die leckeren Bierchen, jeden Tag. Auch Falten hat er im Gesicht bekommen und dunkle Ringe unter den Augen. Macht nicht mehr viel her, der Mann Anfang vierzig. Ist immer alleine geblieben. Hat nie eine Frau gefunden, aber auch nicht wirklich danach gesucht. Nun ist der Zug abgefahren, denkt er und setzt widerwillig und ein wenig melancholisch, den Flaschenhals an die Lippen und nippt an seinem ersten Bier heute.

Damals, als junger Mann ging das alles. Da war er noch nicht ausgeschlossen. Zu jener Zeit war er Teil einer großen Clique, wie man damals sagte, und ging jedes Wochenende mit den Jungs in den Club, oder in die Kneipe und feierte. Doch irgendetwas hatten seine Kumpels anders gemacht. Sie hatten dann und wann mal ein Date und sich dann für kurze Zeit abgesondert von der Truppe, um mit der holden Weiblichkeit in Kontakt zu kommen. Mal ein One-Night-Stand und mal etwas Längeres.

Auch er ist keine Jungfrau mehr. Weit gefehlt…

Auch er ist keine Jungfrau mehr. Weit gefehlt. Ist schon damals regelmäßiger Gast in der Lilienstraße gewesen und hat sich als regelmäßiger, wiederkehrender, meist freundlicher, Freier einen Namen gemacht bei den Bordsteinschwalben. Es war einfach. Man brauchte sich auf nichts einlassen, keine Kompromisse eingehen und auch keine Blumen kaufen. Auch ins Kino, in irgendeinen verhassten Liebesfilm oder dergleichen, wollten die Damen aus dem horizontalen Gewerbe nicht. Wollten auch nicht zum Essen eingeladen werden und keinen Pelzmantel oder teuren Schmuck geschenkt bekommen. Toll. Einfach Kohle auf den Tisch und rein ins Vergnügen. Auch heute geht er noch hin, aber nicht mehr so oft wie damals.

Meist sitzt er nach der Arbeit, an der CNC-Fräse, alleine daheim vor dem Computer oder Fernseher und streichelt einer seiner drei Katzen liebevoll über den Kopf. Tiere mag er gerne, die sind ähnlich gestrickt wie die Nutten. Für eine Leckerei aus dem Plastiktütchen, setzen sie sich bei dir auf dem Schoß und lassen sich überall anfassen. Oft vergehen Wochen, manchmal sogar Monate bis er mit einem anderen Menschen, als seine Arbeitskollegen auf der Maloche, spricht. Oft ist es nur ein Telefonat mit einem seiner damaligen Kumpel, der Geburtstag hat. Er denkt immer daran. Vergisst nie einen Ehrentag der Kumpels. Hat sie alle abgespeichert, in einer Excel-Liste.

Meist sind die Gespräche kurz. Er plappert von damals, seine Freunde von heute…

Meist sind die Gespräche kurz. Er plappert von damals, seine Freunde von heute. Haben alle Frau und Kinder und meist ein Haus mit Garten und nicht viel Zeit. Die haben irgendwie mehr aus ihrem Leben gemacht, als er selbst, stellt er dann sachlich fest. Meist sind Bekannte, Freunde und Verwandte zu Besuch, wenn er anruft. Man verspricht sich, sich bald wiederzusehen. Zum Fußball in der Kneipe, zum Billard spielen, oder der alten Zeiten wegen, am Kickertisch, im kleinen Club, wo es im Sommer immer so heiß war und das Bier billig, wenn es den noch gibt. Meist bleibt es beim Versprechen, das am nächsten Geburtstag wieder aufgefrischt wird.

Ein einfaches Leben, das er immer haben wollte und dennoch nicht zufrieden damit ist. Ein einsamer Mann ist er geworden, mit drei stinkenden Katzen und jede Menge Pfandflaschen, in einer unordentlichen miefigen Wohnung, die noch Niemand außer ihm selbst betreten hat, lebend.

Wieder führt er den Flaschenhals an den Mund. Dieses Mal trinkt er alles aus, in einem Zug. Nun bringt er es hinter sich und bereitet all dem ein Ende. Er hat das Rattengift mit dem wohlschmeckenden Bier vermischt und erhofft sich ein schnellen, unspektakulären Tod. Und tatsächlich sackt der dicke Mann schon nach ein paar Minuten in sich zusammen, rutscht von der abgewetzten Couch und liegt sodann röchelnd auf dem Fußboden. Er spürt noch wie sich seine Katzen liebevoll um ihn herum versammeln bevor das Zimmer vor seinem Auge verschwimmt.

Nun ist es dunkel und still. Er kann nichts mehr sehen, nichts hören und auch alle andere Sinne sind wie benebelt…

Nun ist es dunkel und still. Er kann nichts mehr sehen, nichts hören und auch alle andere Sinne sind wie benebelt. Er fühlt sich leicht wie eine Feder und schwebt plötzlich über seinem eigenen Körper. Er kann sich dort unten auf dem Boden liegen sehen, den elenden Tropf. Ihm fällt es leicht wegzusehen und seinen Kopf gen Himmel zu recken. Er blickt nun in einen helles, gleißendes Licht und er hat vor, wie er es schon so oft gehört hat, sich dort hinein zu bewegen, doch irgendetwas hält ihn noch zurück.

Weit weg kann er etwas hören, das ihm entfernt bekannt vorkommt. Es dauert eine Weile, doch dann wird ihm bewusst, dass es sein Telefon ist, das dort unten klingelt. Ihm soll es egal sein, denn es ist zu spät. Wer auch immer mich anruft, kann mich nicht mehr retten denkt er, doch die Neugier ist es schlussendlich, die seinen Körper nun durchströmt und ihm neues Leben einzuhauchen versucht. Unweigerlich nähert er sich wieder seinen fetten Leib und entfernt sich vom warmen, hellerleuchteten Himmel, über sich. Er spürt wie er wieder zunimmt. Kilogramm für Kilogramm, findet sich sodann wieder, im eigenen Körper und erbricht sich auf dem Teppich.

Das altmodische, orange Telefon klingelt noch immer. Langsam richtet er sich auf…

Das altmodische, orange Telefon klingelt noch immer. Langsam richtet er sich auf und schleppt sich taumelnd in den Korridor in dem das Gerät auf einem kleinen Schränkchen steht. Mit schweißnassen Fingern hebt er den Hörer ab und lauscht keuchend in die fettige Hörmuschel. Es ist Ralf. Er wolle sein Versprechen halten und mit ihm in die Kneipe gehen, denn dort würden die anderen auf sie beide warten. Heute ist Fußball und er wolle ihn abholen, er stehe schon vor seiner Tür und hätte bereits mehrfach geklingelt. Tatsächlich, seit langer Zeit huscht ein Lächeln über das Gesicht des feisten Mannes und er sagt: „Danke man, ich komme gerne. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mich freut deine Stimme zu hören. Gib mir nur ein paar Minuten. Ich mache mich nur kurz frisch, dann bin ich bei dir und bei allen anderen.“