Schlagwort: Hunger (Seite 1 von 1)

Reichlich arm

Du hast gut lachen in deinen schicken Stiefeln. Dir geht es gut in deinen warmen, noblen Klamotten. Doch setz dich mal zu uns. Hier unten auf den ausgetretenen Stufen aus Beton. Spüre, wie die Kälte langsam in deinen Körper kriecht und von ihm Besitz ergreift. Richte den Blick aufwärts und schaue in die Gesichter, die dich verächtlich anstarren. Halte den Pappbecher hoch, damit ein paar Cent hineingesteckt werden können, von den Wenigen, die Mitleid haben.

Setz dich zu uns, aber nicht ohne vorher deine Klamotten gegen welche aus der Bahnhofsmission zu tauschen. Überwinde deinen Ekel und hilf uns bei der Suche nach essbarem in den Mülltonnen hinter dem Supermarkt. Fingere auch jede Pfandflasche aus dem Unrat, von uns aus, mit spitzen Fingern. Sprich fremde Leute im Bahnhof an und frage sie nach Geld für eine Fahrkarte. Lass dich vertreiben von den Männern in Uniform, von deiner warmen Bank in der U-Bahnstation.

Iss mit uns gemeinsam unser karges Mahl…

Iss mit uns gemeinsam unser karges Mahl, denn wir teilen gern. Trinke mit uns billiges Dosenbier und Wein aus dem Tetrapak, höre dir unsere Lebensgeschichte an und fang an zu verstehen, warum wir hier unten sitzen und du dort oben residierst. Lass dich treiben und deinen Gefühlen freien Lauf. Erzähle uns von deinem Leben, das dich zum reichen Mann gemacht hat und klammere dabei deine Kindheit, mit silbernen Löffel im Mund nicht aus. Sei dabei ehrlich zu dir und zu uns und sage uns, wie viele Menschen du auf dem Weg nach oben zurückgelassen hast.

Sage uns auch, mit welchen Tricks du gearbeitet hast, um es so weit zu schaffen, und welche Intrigen du initiiert hast. Erkläre, wie viele Menschen du von der Karriereleiter gestoßen hast, um immer ganz oben zu sein. Erzähle stolz von deiner Firma, mit den vielen Mitarbeitern, die du kaum beim Namen kennst und die du so schlecht bezahlst. Sinniere über die unzähligen Kontrahenten, die du in den Ruin getrieben hast, erkläre uns die Tricks, die du nutzt, um deine Kohle zu vermehren, und zeige dabei dein widerlichstes Lächeln.

Hör nicht weg, wenn wir über unsere Kindheit erzählen…

Hör nicht weg, wenn wir über unsere Kindheit erzählen. Höre genau hin und lass dich auf das Gehörte ein. Nimm einfach auf, dass unsere Eltern nicht reich waren, sondern zum Arbeitsamt oder zum Sozialamt gingen. Sammle Eindrücke von unseren Eltern, die immer besoffen waren und uns schlugen. Lies auch zwischen den Zeilen und höre den Missbrauch durch die eigenen Eltern oder den Verwandten heraus. Mach dir ein Bild von der schäbigen, engen Wohnung, in der wir mit unseren Geschwistern hausten. Erfahre von unseren falschen Freunden, die schon früh kriminell aber immer loyal waren. Erfahren von der Ausgrenzung, den ständigen Misserfolgen, den Aufenthalten in Heimen oder im Jugendknast. Stelle dir danach erneut die Frage nach unseren Chancen im Leben. Prüfe für dich erneut die These, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur will.

Beobachte unseren Jüngsten, wenn er zu einem älteren, vor Geilheit sabbernden Mann, hinter dem Bahnhof ins Auto steigt. Sieh in seine traurigen Augen, wenn er nach einer Stunde wieder zurückkommt, mit 20 Euro in der Hand. Erkenne dich wieder, in den Augen des Dealers, der das Geld gegen eine winzige Menge Crack tauscht, die uns für kurze Zeit dem Paradies ein wenig näher bringt. Trink mit uns Schnaps und lass dich nieder im alten Haus, das abgerissen werden soll. Kriech mit uns unter die vielen Decken und Schlafsäcke, die löchrig sind und stinken und lass dich nicht aus der Ruhe bringen, von den Ratten, die hier herumlaufen. Schlafe mit uns ein und lass dich wärmen von unseren Körpern.

Am nächsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht, darfst du dann gehen…

Am nächsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht, darfst du dann gehen. Steig in deinen Porsche, den du für drei Euro in der Stunde im Parkhaus am Bahnhof geparkt hast und drehe die Heizung auf. Fahre nach Hause in dein schickes Häuschen, stell dich unter die Dusche und spüre die wohltuende Wärme auf deinem Körper. Zieh dir wieder deinen Maßanzug an, gehe in dein Lieblings-Café, lass durchscheinen, dass du nichts gelernt hast, und lass dich bedienen. Gib dich, wie immer knauserig und verlasse den Ort ohne ein Trinkgeld dazulassen. Fahre in die Firma, bleib dir treu und mime den knallharten Chef und zeige keine Empathie.

Arbeite viel und ausgiebig, sei immer erreichbar. Zieh dir regelmäßig ein paar Linien Koks durch die Nase und trinke massenweise Kaffee, damit du geistig immer voll und ganz auf der Höhe bist. Betrüge deine Frau mit deiner Sekretärin, die sich erhofft so schneller Karriere zu machen, oder sich sogar in dich verliebt hat. Sei eiskalt und schmeiße Sie raus, wenn sie mehr von dir einfordert. Lebe ein erfolgreiches aber freudloses und kurzes Leben. Stirb früh an einem Herzinfarkt und lass dich von deiner Frau zu Grabe tragen aber wundere dich nicht, wenn niemand am Grab eine Träne vergießt. Vererbe all dein Geld und deine Besitztümer an deine Frau und beobachte aus dem Höllenfeuer, was die damit anstellt.

Sie genau hin, wie deine Frau…

Sieh genau hin, wie deine Frau die Firma führt. Beobachte wie sie mit Freundlichkeit, guter Bezahlung, humanen Arbeitszeiten und Menschenkenntnis mehr Erfolg hat als du. Sieh, wie sie den mittelständischen Betrieb zu einem Weltkonzern ausbaut. Nimm auch wahr, dass deine Frau einen großen Teil der erzielten Gewinne für etwas Gutes einsetzt. Werde Zeuge wie sie Menschen, wie uns von der Straße, eine Chance gibt und einige wenige von uns es wirklich schaffen. Bemitleide dich selbst und weine bitterlich, über das, was du siehst. Lass dich quälen von deinen gehörnten Peinigern und nimm endlich hin, dass du zu Lebzeiten immer ein Arschloch warst.

Die Zetteltante im ranzigem Kittel

„Das, was wir sehen, ist das was wir begehren.“ So, oder so ähnlich sagte das schon Hannibal Lektor, in das Schweigen der Lämmer und dann muss da doch was dran sein, denke ich mir und betrachte eingehend den drehenden Gyros-Spieß, vor dem ein fettleibiger, schwitzender Grieche mit einem langen scharfen Messer steht und das saftige Fleisch herunterschneidet. Ich stehe nun schon einen ganze Weile in der Fritten-Schmiede meines Vertrauens und beobachte das emsige Treiben hinter dem Tresen, bis sich nach einer gefühlten Ewigkeit die blondierte Griechin im ehemals weißen Kittel dazu herab lässt meine Bestellung aufzunehmen.

Auf einen winzigen Zettelchen schreibt sie sodann hurtig meine Wunschliste. Die Buchstaben und Worte auf dem Papier gleichen dem Geschmiere, das mein Arzt auf einem Attest oder in einem Bericht hinterlässt und sind für Außenstehende, wie ich es einer bin, niemals im Leben entzifferbar. Liebevoll drapiert die ebenfalls übergewichtige Blondine den Zettel, zu einigen anderen mit ähnlichen Geschmiere, mit einem Magneten an eine metallene Leiste, an der Wand gegenüber, die anscheinend einzig dafür in das Ensemble aus Gastronomie-Großgerätschaften und Möbel arrangiert wurde.

Froh, dass ich immerhin meine Bestellung aufgeben konnte und damit aus der Masse, die sich vor dem Tresen versammelt hat, heraussteche…

Froh, dass ich immerhin meine Bestellung aufgeben konnte und damit aus der Masse, die sich vor dem Tresen versammelt hat, heraussteche beobachte ich weiter das Geschehen hinter der Balustrade aus Holz, Metall und Glas und lasse mein Zettel, der noch immer unangetastet an der Leiste hängt, nicht aus den Augen. Eine ganze Horde an Menschen, wahrscheinlich die gesamte Sippe, hat sich hinter dem Tresen verschanzt, führt irgendwelche Arbeiten aus, läuft wie aufgescheuchte Hühner hin und her und ignoriert den meinigen Zettel gekonnt. Dann und wann stoßen, aus dem hinteren Bereich des Ladens, der für die Allgemeinheit nicht einsehbar ist, noch weitere Personen dazu, öffnen schwarze Styropor-Kisten und klauen den Wartenden im Verkaufsraum das Essen, stopfen es in die Kisten und verschwinden in Windeseile wieder durch die Hintertür.

Ich war abgelenkt, nur eine kurze Zeit und habe versucht mir das Aussehen der Fastfood-Diebe genau einzuprägen, um in Falle einer Gegenüberstellung genaue Aussagen machen zu können, doch dem Anschein nach gehörten diese wohl doch zum Team der Imbiss-Stube, denn niemand der anderen hat protestiert, oder auf andere Weise zum Ausdruck gebracht, dass hier ein Verbrechen geschieht. Diese kurze Ablenkung hat aber dazu geführt, dass ich nicht beobachten konnte, wer meinen Zettel von der Metallschiene genommen hat und nun meine Essen für mich zubereitet. Ein bisschen nervös versuche ich aus dem Gewusel, dass dem Treiben im Inneren eines Ameisenhaufens, auf frappierende Weise ähnelt, den Menschen herauszufiltern der in diesem Augenblick für mich und meine daheim sitzenden, hungrigen Angehörigen tätig wird.

Nach kurzer Zeit aber, gebe ich bereits entnervt auf und stehe mir weiter, wie alle anderen Trottel auch, die Beine in den Bauch.

Nach kurzer Zeit aber, gebe ich bereits entnervt auf und stehe mir weiter, wie alle anderen Trottel auch, die Beine in den Bauch. Einige der Wartenden wedeln hektisch mit den Armen, um die Aufmerksamkeit der drallen Blondine auf sich zu lenken, andere glotzen wie Zombies auf ihre Smartphones und wischen hektisch, ohne Sinn und Verstand die einzelnen Seiten des Gerätes aus China hin und her. Ich aber bleibe, auch wenn es schwerfällt ruhig und gelassen und schiebe meine heruntergerutschte Brille, mit dem Zeigefinger, wieder in ihre angestammte Position und fixiere meinen Blick, möglichst gelassen, auf die riesige Tafel, die alle feilgebotenen Gerichte fein säuberlich aufzeigt und studiere diese.

Es passiert als ich bei der Grillplatte Artemis angekommen bin. Die Griechische Göttin des fettigen Mahls, bittet mich an die Theke heranzutreten und überreicht mir, mit einem strahlenden Lächeln, eine Plastiktüte mit duftendem Inhalt. Sollte es wirklich wahr sein? Sollte ich diese Tortur, sondergleichen wahrhaftig überstanden haben? Wie konnte das plötzlich so schnell gehen und wer im Gottes Namen hat nun Hand angelegt, am Taxi-Teller für mich und meine Göttergattin und an die Pommes-Schranke meiner Tochter? „Das macht dann 18,10 €, Luke“, sagt die blondierte. Mit offenem Mund überreiche ich ihr einen Zwanziger und sage: „Stimmt so, Helia. Bis nächsten Donnerstag dann.“ Ein weiteres Mal lächelt Helia mich freundlich an und sagt: „Klar, bis nächsten Donnerstag dann. Grüß deine beiden Damen von mir.“