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Gescheitert und doch gewonnen

Ich wusste es schon morgens. Ich spürte es, sobald ich den ersten, nackten Fuß auf den billigen Laminatboden gesetzt hatte. Es war ein Tag, an den man sich später, wenn man sein Leben subsumiert, erinnern wird. Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, warum ich damals schon morgens spürte, dass mir an diesem einen, wegweisendem Tag, so viel Elendes und doch wunderbares passieren würde.

Eigentlich war alles wie immer. Ich bin aufgewacht in meinem kleinen, unaufgeräumten Zimmer, hatte eine Morgenlatte und stolperte nacktem Fußes aus dem Bett. Ich musste zur Schule, war schon spät dran und meine Hausaufgaben schlummerten noch unangetastet im zerfledderten Rucksack. Doch die Aufgaben bereiteten mir keine Sorge. Mehr hatte ich Angst davor, den weiten Weg zu Fuß bestreiten zu müssen, wenn ich es nicht rechtzeitig in den völlig überfüllten Bus schaffte, der hier am Arsch der Welt, nur jede Stunde fuhr.

Ich beeilte mich also…

Ich beeilte mich also. Nachdem ich zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster geschoben hatte, hielt ich meinen Kopf unter Wasser, rubbelte mir fahrig die Zähne sauber und schaffte es sogar noch eine frische Unterhose über den Hintern zu ziehen und mit dem Deo-Roller den herben Moschus-Duft eines Teenagers, unter den Achseln, zu übertünchen. Dann verschlang ich die Toast-Scheiben, auf denen ich je zwei Scheiben Salami aus der Plastikverpackung drapiert hatte und sprang in meine Klamotten.

Hurtig verließ ich mit geschultertem Rucksack die Wohnung, ließ die Tür ins Schloss fallen und vergaß auch nicht die selbige mit meinem Schlüssel, zweifach, zu verriegeln. Meine Eltern legten gesteigerten Wert auf das Verschließen der Wohnungstür, denn sie hatten nahezu Panik vor einem Einbruch in unsere vier Wände. Das hier, bei uns nichts zu holen war und selbst die Diebe – wenn es denn hier welche gab – in dieser Einöde bessere Baracken vorfinden würden, ließen sie in ihren Überlegungen, unverständlicherweise, nicht mit einfließen.

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren…

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren. Ich musste zur Bushaltestelle, und zwar schnell. Mir blieben nur wenige Augenblicke bis der Bus hier vorbeisausen würde. Er würde nicht halten, wenn ich nicht dastand und wartete, am Häuschen mit dem „H“ auf dem Dach und den vielen Aufklebern und Graffiti im Inneren. Er würde auch dann daran vorbeifahren, wenn ich angerannt kam und mit den Armen, auf halber Stecke, wedelte um den Fahrer zu bedeuten das auch ich mich anschickte mitzufahren. Der Angestellte hinter dem Lenkrad war ein Arschloch und hatte Freude daran zu sehen, wie eine Nulpe wie ich, auf der Stecke blieb.

Ich blieb auf der Stecke. Der Stricher mit Oberlippenbart fuhr an mir vorbei, während ich wie ein Verrückter auf dem Trottoir auf die Bushaltestelle zuhielt, mit den oberen Extremitäten fuchtelte und vor Anstrengung schwitze. Ich könnte schwören, dass ich ein Lächeln auf seinen schmalen Lippen erkennen konnte, während er an mir vorbeibrauste. Abrupt blieb ich stehen, warf vor Wut meinen Rucksack auf den Boden, hob meinen mittleren Finger in die Luft und schaute den sich schnell entfernenden Omnibus, mit Gelenk in der Mitte, hinterher.

Als ich mich wieder beruhigt hatte…

Als ich mich wieder beruhigt hatte, hob ich meinen Rucksack auf und machte mich zu Fuß auf dem Weg zur Penne. Das Gebäude in das eine wahrer Rebell, wie ich es einer werden wollte, niemals freiwillig gehen würde, war knapp fünf Kilometer entfernt. Auch dann, wenn ich einen strammen Schritt an den Tag legte, würde ich zu spät erscheinen und ein Eintrag ins Klassenbuch kassieren. Wenn der alte Sack, der sich tagein und tagaus vor der Tafel breit macht einen schlechten Tag hatte, auch mehr. Ein Anruf oder ein Brief, der unterschrieben zurückgebracht werden musste, waren hier die Mittel, die der Pädagoge zur Erziehung heranzog.

Ich ließ es also langsam gehen. Brachte sowieso nichts. Eine halbe oder eine ganze Stunde später machten den Braten nicht fett. Ich schlenderte also den Gehweg entlang und konzentrierte mich darauf nicht erneut ins Schwitzen zu geraten. Ich hatte vor, nach der ersten Schulstunde zu erscheinen. Der perfekte Augenblick um der Moralpredigt von dem Geschichtsunterricht-Pauker, der seine Arme immer so unmenschlich verbog, zu entgehen.

Als ich an der Unterführung vorbeikam…

Als ich an der Unterführung vorbeikam, die zum Innenhof eines Wohnkomplexes führte, hörte ich lautes Gelächter. Ich blieb stehen, hielt inne und horchte erneut. Wieder drang dieses Lachen, das die pure Freude auszustrahlen schien, an mein Ohr. Ich konnte nicht anders. Ich musste nachschauen, wer dort, um diese Uhrzeit so gute Laune hatte, auch wenn ich damit billigend im Kauf nahm noch später zur Schule zu kommen. Es würde nicht lange dauern, sagte ich mir. Nur kurz nachschauen. Einen Blick werfen auf den oder die glückliche Frohnatur um sodann wieder weiterzuziehen.

Ich straffte meine Schultern, zog den Kragen hoch und durchquerte entschlossen die Unterführung. Hier war ich noch nie. Ich hatte einfach nie einen Grund, hier entlang zumarschieren. Meistens fuhr ich mit dem Bus, der eine andere Strecke nahm und wenn ich doch mal zu Fuß ging, hatte ich es eilig. Doch heute war es anders. Der Tag heute war besonders. Ich wusste es jetzt, in diesem Augenblick als ich sah was sich im Innenhof befand, ganz genau. Ich blickte auf einen Spielplatz, doch der war es nicht der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war die Gruppe junger Menschen – kaum älter als ich – die sich auf der Tischtennisplatte bequem gemacht hatten, rauchten und lachten.

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe…

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe. Man war angeraten behutsam vorzugehen. Es gab durchaus Einige hier in der Gegend, die der Schule verbotenerweise fernblieben. Die meisten von ihnen waren kleine Ganoven. Immer darauf aus, Gruppenfremden und Andersdenkenden schmerzen zuzufügen. Viele hatten ein Butterfly-Messer in der Tasche, andere eine Dose CS-Gas. Doch diese Menschen waren anders. Ich spürte es immer deutlicher, während ich mich ihnen langsam näherte.

Man lächelte mich freundlich an. Es waren fünf Personen, die dort um den Tisch standen, oder auf ihm saßen. „Komm doch näher und setz dich zu uns“, hörte ich einen von ihnen sagen. Ich tat wie geheißen und stellte mich vor. Wieder lächelten alle und ich wusste das ich hier richtig war. Ich ließ meinen Rucksack nieder und ahnte, dass es doch länger dauern würde. Ich konnte nicht so schnell wieder gehen wie ich gekommen war. Die Gruppe hatte mich aufgenommen, binnen weniger Augenblicke und ich fühlte mich wieder wie der kleine Junge, auf Mamas Schoß.

Sie ließen einen Joint kreisen…

Sie ließen einen Joint kreisen. Ich war entsetzt. Es war doch erst morgens um kurz nach acht. Als ich an der Reihe war, schüttelte ich den Kopf, aber das schwarzhaarige Mädchen mit den Mandelaugen nickte mir aufmunternd zu und zeigte beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne. Ich konnte nicht Wiedersprechen. Ich hatte keine Wahl. Ich war geliefert und inhalierte das Marihuana tief und gab den Joint dann weiter. Alle strahlten mich an und ich funkelte zurück. Es dauerte nicht lang bis ich wieder am Zug war. Dieses Mal lehnte ich nicht ab. Nach diesem, zweiten Zug lachte ich laut auf. Ich konnte nicht mehr aufhören, denn es war genau dieses Lachen, dass mich zum Innehalten auf dem Schulweg gebracht hatte.

Es hörte sich nicht nur so an. Es war genau dasselbe Lachen. Ich wusste es, doch kam nicht dahinter, wie dies möglich war. Ich zermarterte mir den Kopf, aber die zündende Idee wollte einfach nicht kommen. Dieses, mein eigenes Lachen, hatte mich zum Kiffer gemacht. Dieses Lachen, das ich nie mehr gelacht habe, aber immer noch genau weiß, wie es klang. Auch heute, fast dreißig Jahre danach muss ich daran denken, wenn ich am späten Abend am Strand sitze, den Wellen zuhöre genüsslich am Joint ziehe und in die Mandelaugen meine schwarzhaarigen Frau sehe und sie mir beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne zeigt.

Im Freibad

Alter, was scheint die Sonne heute. Nicht mir aus dem Arsch, sondern direkt aus dem Himmel. Keine Wolke, ach was sag ich, nicht mal ein kleines Feder-Wölkchen trübt den azurblauen Himmel. Hat bestimmt 32 Grad da draußen, da führt doch kein Weg dran vorbei, seine Haut irgendwo oder irgendwie mit Wasser zu benetzen. Zeit seine Freizeit zu genießen, ins Freibad zu gehen, sich die wärmenden Strahlen direkt auf den fetten Balg scheinen zu lassen und danach ins kühle Nass zu springen.

Gesagt getan. Rein ins Auto und auf kürzestem Wege direkt zum Freiluft-Bad um sich einzureihen, in die Schlange die sich vor dem winzigen Kassenhäuschen gebildet hat. Drinnen sitzt eine alte Dame, so um die 70, die so schlecht sieht, dass sie jeden einzelnen Geldschein, mit der Lupe auf Wertigkeit und Echtheit überprüfen muss. Der Automat der durchaus das Potenzial hätte, die Situation zu entschärfen, ist defekt und das nicht seit gestern, sondern seit letztem Jahr, so um diese Jahreszeit.

Trotzdem, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Ist doch alles nicht so schlimm…

Trotzdem, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Ist doch alles nicht so schlimm. Nur die Suppe, die einem geradewegs von der Platte, die sich mit dem Alter auf dem Kopf gebildet hat, schräg über den von Haaren übersäten Rücken, direkt in die Arschritze läuft, lässt einem das lange Warten doch ein wenig unbehaglich erscheinen. Aber auch das geht vorbei und man darf schon bald seinen Obolus entrichten und mit Freude durch das Drehkreuz ins Innere steuern.

Dort angekommen stellt man erschrocken fest, das hunderte, ach was sag ich, tausende die Hürde der weitsichtigen Greisin genommen und auch die Schikane des metallenen Drehkreuz hinter sich gelassen haben. Eng an Eng sind die Liegewiesen, bereits im vorderen Bereich, gefüllt. Dass die Sonnenanbeter ihre Decken, Handtücher und Matratzen nicht bereits auf den Gehwegen abgelegt haben und ihre halbnackten Astralkörper der Allgemeinheit präsentieren, erscheint bei diesem Anblick wie ein Wunder, ist aber wahrscheinlich nur eine Folge der stetig patrollierenden Badeaufsicht.

Langsam und mit wachem Blick geht man den Weg entlang…

Langsam und mit wachem Blick geht man den Weg entlang, um die große Liegewiese zu erreichen. Vorsichtig setzt man sodann den ersten nackten Fuß auf den Rasen und spürt die einzelnen Halme zwischen den Zehen. Einen Fuß vor den anderen und im Zickzack-Kurs geht es weiter durch die glücklichen Rentner, die hier im Reih und Glied auf den mitgebrachten Liegen, bequem in der Sonne brutzeln. Die Ruheständler haben sich morgens, ganz früh einen Wecker gestellt, um die besten Plätze zu ergattern. Haben auch alle eine Dauerkarte, die Greise und brauchen nicht zu warten, am Drehkreuz. Halten einfach den Pass unter die Nase des Bademeisters, begrüßen diesen mit Handschlag und spazieren, ohne weitere Repressalien zu befürchten, in das Bad.

Leider muss ich feststellen, dass für mich hier, im vorderen Bereich der Wiese nichts zu holen ist. Wäre ja auch zu schön, denn hier ist noch alles gut erreichbar, was es braucht, um einen schönen Tag im Freibad zu verbringen. Das Schwimmbecken, der Kiosk mit dem kalten Bier, der Imbiss mit den fettigen Kartoffelstäbchen, die meist drapiert mit einem Klecks Mayo daherkommen und die Toiletten um den ungesunden Fraß wieder auszuscheiden.

Ich gehe, mit meiner schweren Sporttasche, schwitzend, weiter und erreiche den mittleren…

Ich gehe, mit meiner schweren Sporttasche, schwitzend, weiter und erreiche den mittleren Teil der Wiese und erhoffe mir hier ein freies Plätzchen zu finden. Doch auch hier, wo auch das Kleinkinderbecken zu finden ist, ist es voller als erwünscht. Hier haben sich die Familien mit den lärmenden, nervenden Blagen angesiedelt. Hier liegen: Handtücher an Handtücher, Strandmuscheln an Strandmuscheln, Picknickdecken an Picknickdecken und auch der Rest der freien Wiese wird besetzt durch Utensilien wie: Kühltaschen, Badelatschen, Kinderwägen, Sonnenschirme, Taucherbrillen, Wasserpistolen und Gewehre, Wasserbälle und jede Menge anderer Kram, der der Bespaßung der mitgebrachten Sprösslingen dient.

Vor Anstrengung keuchend, spiele ich mit dem Gedanken mich hier einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, habe aber Angst, dass ich ständig einen Ball vor die Glocke oder den Fuß eines umher rennenden Kindes in die Klöten bekomme. Weitergehend würde ich Gefahr laufen, als Pädophiler abgestempelt zu werden, wenn ich hier mit meinen über vierzig Lenzen auf dem Buckel, meine Bierwampe, zwischen dem achtjährigen Kevin-Silvester und der zehnjährigen Stella-Luna in die Sonne knalle.

Also besser weiter suchen…

Also besser weiter suchen und den hinteren Teil der Liegewiese erkunden. Hier haben sich die Teenager und Halbstarken angesammelt und es herrscht eine angespannte Stimmung. Schon als ich die ersten Schritte auf der Wiese tue, vorbei an einer Decke, auf denen sich nicht nur zwei Mädchen zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren bräunen, sondern auch zwei Jungs, gleichen Alters, sich lässig die Sonne auf den Pelz brennen lassen, werde ich argwöhnisch beäugt. Ungeachtet dessen gehe ich weiter und komme an diversen Decken vorbei, auf denen neben Bierdosen, Chips-Tüten und Energy-Drinks auch kabellose Boom-Boxen, die den Ghettoblaster aus meiner Jugend abgelöst haben, platziert sind. Diese spucken schaurige Musik aus, die mit der aus meiner Jugend nicht mehr viel Gemeinsamkeiten hat. Hier hört man die 187 Straßenbande Rappen, dort Capital-Bra und ein wenig weiter Kollegah gemeinsam mit Fler ihre Hasstiraden ins Mikrofon brüllen.

Nee, auch hier muss ich weiter. Geht nicht anders. Kann ich mir nicht die ganze Zeit geben, diesen prolligen, gehaltlosen Sprechgesang, wo jedes zweite Wort ein Schimpfwort ist! Also weiter, bis kurz vor Schluss des Bades, direkt an die umschließende Hecke und den dahinter versteckten Zaun. Hier liegen auch nicht mehr viele. Nur vereinzelt finden sich Decken mit Grüppchen, die einen Joint kreisen lassen oder eine Shisha-Pfeife rauchen. Gelegentlich liegt auch mal einer alleine, einer von der Sorte, wie ich es einer bin. Ein von denen die ein bisschen zu jung sind, um sich früh morgens den Wecker zu stellen und sich eine Dauerkarte zu holen, die ein bisschen zu alt sind für den Bereich mit den Familien und Teenagern aber genau richtig, für diesen hier.

Auch wenn das Schwimmbecken nur noch mit dem Fernglas zu erkennen ist…

Auch wenn das Schwimmbecken nur noch mit dem Fernglas zu erkennen ist, das kalte Bier vom Kiosk in fast unerreichbarer Ferne gerückt und der Geruch von fettigen Pommes mit Curry-getränkten Phosphat-Stäbchen, hier ganz hinten, nicht mehr wahrnehmbar ist, werfe ich meine Sporttasche auf den Boden und bereite meinen Liegeplatz vor. Als ich schlussendlich meinen Badelacken ausgebreitet und mich meiner überflüssigen Kleidung entledigt habe, lege ich mich in die Sonne und schließe erschöpft die Augen. Nach kurzer Zeit erklingen von der Nachbardecke die surreal anmutenden Geräusche einer Maultrommel und der Duft von Marihuana steigt mir in die Nase. Ich spüre einen Finger auf meiner Schulter, öffne die Augen uns schaue in das freundliche Gesicht einer Dame mittleren Alters, die mich einlädt mitzukommen. Hin zu den wunderlich klingenden Lauten, den lächelnden Menschen und den duftenden Joint. Spontan beschließe ich mitzukommen und beim nächsten Besuch im Freibad, sofort diesen Bereich, hier ganz hinten, anzusteuern.