Schlagwort: Jugend (Seite 1 von 1)

Doppelschrei 2021

Ein Junge. 10 Jahre alt und noch grün hinter den Ohren. Eine Klassenarbeit, die in die Hose ging. Ein Pfeife-rauchender Vater, der immer Hemden trägt. Gerne kariert, selten einfarbig. Grobe, schwielige Hände die von dicken Adern durchzogen sind. Von der schweren Arbeit gestählte Arme. Ein Stuhl ein Tisch und Stille.

Das Klassenheft liegt auf dem Tisch, ansonsten ist er leer. Das Heft ist voller roter Striche und Anmerkungen des Lehrers. Das Diktat war einfach zu schwer. Viele Wörter, die der Junge niemals vorher schrieb. Fehler über Fehler. Zwei Seiten sind beschrieben worden. Große, krakelige Schrift. 45 Fehler hat der Lehrer des Gymnasiums gefunden. Die Meinung des Vaters ist klar. Viel zu viele sind es. Zorn und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Junge soll einmal ein besseres Leben haben als er selbst. Studieren, Geld verdienen und der arbeitenden Klasse entfliehen. Ein Einfamilienhaus mit Garten, keine beengte Behausung im Arbeiterviertel mit schrägen Wänden, abgewetzten Teppich und Kohleofen. Gut soll es ihm gehen. Etwas darstellen soll er. Menschen sollen zu ihm aufschauen. Doch nichts wird wahr, von all dem, mit 45 Fehlern in einem einfachen Diktat.

Wut. Durchgestreckte Arme. Weiße, gespannte Haut über den Knochen der Fäuste. Ausholen, zuschlagen und der Wut freien Lauf lassen. Schreien, weinen, betteln und winseln. Geräusche die, die Raserei des Vaters anspornen. Ein elendes Weichei. Nichts wird aus dem schönen Leben, wenn man sich wie ein winselnder Hund auf dem Boden wälzt. Hart muss man sein. Hart wie Krupp Stahl. Das pflegte schon sein eigener Vater zu sagen. Ein schwerer Schlag auf den Kopf. Ein Tritt in den sich windenden Körper.

Blut tropft aus der Nase auf den alten Teppich. Wieder auf die gleiche Stelle. Blut geht so schlecht raus. Die Mutter wird wieder einmal kräftig scheuern müssen, um die Schönheit des alten Teppichs erneut herzustellen.

Die Schläge hören auf. Durch das dumpfe, rhythmische pochen im Kopf des Jungen, ist der schnelle Atem des Vaters zu hören. Er schnauft vor Anstrengung. In seinem Gesicht kann man Genugtuung erkennen. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Junge kann es nicht deuten, aber er sieht es ganz deutlich in den Augen des Vaters. Nur ganz kurz, aber unverkennbar. Es sollten noch Jahre vergehen, bis er verstand, was es war, das in den kurzen Moment nach den Schlägen und Tritten in den Augen des Vaters aufblitze.

Gescheitert und doch gewonnen

Ich wusste es schon morgens. Ich spürte es, sobald ich den ersten, nackten Fuß auf den billigen Laminatboden gesetzt hatte. Es war ein Tag, an den man sich später, wenn man sein Leben subsumiert, erinnern wird. Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, warum ich damals schon morgens spürte, dass mir an diesem einen, wegweisendem Tag, so viel Elendes und doch wunderbares passieren würde.

Eigentlich war alles wie immer. Ich bin aufgewacht in meinem kleinen, unaufgeräumten Zimmer, hatte eine Morgenlatte und stolperte nacktem Fußes aus dem Bett. Ich musste zur Schule, war schon spät dran und meine Hausaufgaben schlummerten noch unangetastet im zerfledderten Rucksack. Doch die Aufgaben bereiteten mir keine Sorge. Mehr hatte ich Angst davor, den weiten Weg zu Fuß bestreiten zu müssen, wenn ich es nicht rechtzeitig in den völlig überfüllten Bus schaffte, der hier am Arsch der Welt, nur jede Stunde fuhr.

Ich beeilte mich also…

Ich beeilte mich also. Nachdem ich zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster geschoben hatte, hielt ich meinen Kopf unter Wasser, rubbelte mir fahrig die Zähne sauber und schaffte es sogar noch eine frische Unterhose über den Hintern zu ziehen und mit dem Deo-Roller den herben Moschus-Duft eines Teenagers, unter den Achseln, zu übertünchen. Dann verschlang ich die Toast-Scheiben, auf denen ich je zwei Scheiben Salami aus der Plastikverpackung drapiert hatte und sprang in meine Klamotten.

Hurtig verließ ich mit geschultertem Rucksack die Wohnung, ließ die Tür ins Schloss fallen und vergaß auch nicht die selbige mit meinem Schlüssel, zweifach, zu verriegeln. Meine Eltern legten gesteigerten Wert auf das Verschließen der Wohnungstür, denn sie hatten nahezu Panik vor einem Einbruch in unsere vier Wände. Das hier, bei uns nichts zu holen war und selbst die Diebe – wenn es denn hier welche gab – in dieser Einöde bessere Baracken vorfinden würden, ließen sie in ihren Überlegungen, unverständlicherweise, nicht mit einfließen.

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren…

Doch es blieb keine Zeit zu sinnieren. Ich musste zur Bushaltestelle, und zwar schnell. Mir blieben nur wenige Augenblicke bis der Bus hier vorbeisausen würde. Er würde nicht halten, wenn ich nicht dastand und wartete, am Häuschen mit dem „H“ auf dem Dach und den vielen Aufklebern und Graffiti im Inneren. Er würde auch dann daran vorbeifahren, wenn ich angerannt kam und mit den Armen, auf halber Stecke, wedelte um den Fahrer zu bedeuten das auch ich mich anschickte mitzufahren. Der Angestellte hinter dem Lenkrad war ein Arschloch und hatte Freude daran zu sehen, wie eine Nulpe wie ich, auf der Stecke blieb.

Ich blieb auf der Stecke. Der Stricher mit Oberlippenbart fuhr an mir vorbei, während ich wie ein Verrückter auf dem Trottoir auf die Bushaltestelle zuhielt, mit den oberen Extremitäten fuchtelte und vor Anstrengung schwitze. Ich könnte schwören, dass ich ein Lächeln auf seinen schmalen Lippen erkennen konnte, während er an mir vorbeibrauste. Abrupt blieb ich stehen, warf vor Wut meinen Rucksack auf den Boden, hob meinen mittleren Finger in die Luft und schaute den sich schnell entfernenden Omnibus, mit Gelenk in der Mitte, hinterher.

Als ich mich wieder beruhigt hatte…

Als ich mich wieder beruhigt hatte, hob ich meinen Rucksack auf und machte mich zu Fuß auf dem Weg zur Penne. Das Gebäude in das eine wahrer Rebell, wie ich es einer werden wollte, niemals freiwillig gehen würde, war knapp fünf Kilometer entfernt. Auch dann, wenn ich einen strammen Schritt an den Tag legte, würde ich zu spät erscheinen und ein Eintrag ins Klassenbuch kassieren. Wenn der alte Sack, der sich tagein und tagaus vor der Tafel breit macht einen schlechten Tag hatte, auch mehr. Ein Anruf oder ein Brief, der unterschrieben zurückgebracht werden musste, waren hier die Mittel, die der Pädagoge zur Erziehung heranzog.

Ich ließ es also langsam gehen. Brachte sowieso nichts. Eine halbe oder eine ganze Stunde später machten den Braten nicht fett. Ich schlenderte also den Gehweg entlang und konzentrierte mich darauf nicht erneut ins Schwitzen zu geraten. Ich hatte vor, nach der ersten Schulstunde zu erscheinen. Der perfekte Augenblick um der Moralpredigt von dem Geschichtsunterricht-Pauker, der seine Arme immer so unmenschlich verbog, zu entgehen.

Als ich an der Unterführung vorbeikam…

Als ich an der Unterführung vorbeikam, die zum Innenhof eines Wohnkomplexes führte, hörte ich lautes Gelächter. Ich blieb stehen, hielt inne und horchte erneut. Wieder drang dieses Lachen, das die pure Freude auszustrahlen schien, an mein Ohr. Ich konnte nicht anders. Ich musste nachschauen, wer dort, um diese Uhrzeit so gute Laune hatte, auch wenn ich damit billigend im Kauf nahm noch später zur Schule zu kommen. Es würde nicht lange dauern, sagte ich mir. Nur kurz nachschauen. Einen Blick werfen auf den oder die glückliche Frohnatur um sodann wieder weiterzuziehen.

Ich straffte meine Schultern, zog den Kragen hoch und durchquerte entschlossen die Unterführung. Hier war ich noch nie. Ich hatte einfach nie einen Grund, hier entlang zumarschieren. Meistens fuhr ich mit dem Bus, der eine andere Strecke nahm und wenn ich doch mal zu Fuß ging, hatte ich es eilig. Doch heute war es anders. Der Tag heute war besonders. Ich wusste es jetzt, in diesem Augenblick als ich sah was sich im Innenhof befand, ganz genau. Ich blickte auf einen Spielplatz, doch der war es nicht der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war die Gruppe junger Menschen – kaum älter als ich – die sich auf der Tischtennisplatte bequem gemacht hatten, rauchten und lachten.

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe…

Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Gruppe. Man war angeraten behutsam vorzugehen. Es gab durchaus Einige hier in der Gegend, die der Schule verbotenerweise fernblieben. Die meisten von ihnen waren kleine Ganoven. Immer darauf aus, Gruppenfremden und Andersdenkenden schmerzen zuzufügen. Viele hatten ein Butterfly-Messer in der Tasche, andere eine Dose CS-Gas. Doch diese Menschen waren anders. Ich spürte es immer deutlicher, während ich mich ihnen langsam näherte.

Man lächelte mich freundlich an. Es waren fünf Personen, die dort um den Tisch standen, oder auf ihm saßen. „Komm doch näher und setz dich zu uns“, hörte ich einen von ihnen sagen. Ich tat wie geheißen und stellte mich vor. Wieder lächelten alle und ich wusste das ich hier richtig war. Ich ließ meinen Rucksack nieder und ahnte, dass es doch länger dauern würde. Ich konnte nicht so schnell wieder gehen wie ich gekommen war. Die Gruppe hatte mich aufgenommen, binnen weniger Augenblicke und ich fühlte mich wieder wie der kleine Junge, auf Mamas Schoß.

Sie ließen einen Joint kreisen…

Sie ließen einen Joint kreisen. Ich war entsetzt. Es war doch erst morgens um kurz nach acht. Als ich an der Reihe war, schüttelte ich den Kopf, aber das schwarzhaarige Mädchen mit den Mandelaugen nickte mir aufmunternd zu und zeigte beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne. Ich konnte nicht Wiedersprechen. Ich hatte keine Wahl. Ich war geliefert und inhalierte das Marihuana tief und gab den Joint dann weiter. Alle strahlten mich an und ich funkelte zurück. Es dauerte nicht lang bis ich wieder am Zug war. Dieses Mal lehnte ich nicht ab. Nach diesem, zweiten Zug lachte ich laut auf. Ich konnte nicht mehr aufhören, denn es war genau dieses Lachen, dass mich zum Innehalten auf dem Schulweg gebracht hatte.

Es hörte sich nicht nur so an. Es war genau dasselbe Lachen. Ich wusste es, doch kam nicht dahinter, wie dies möglich war. Ich zermarterte mir den Kopf, aber die zündende Idee wollte einfach nicht kommen. Dieses, mein eigenes Lachen, hatte mich zum Kiffer gemacht. Dieses Lachen, das ich nie mehr gelacht habe, aber immer noch genau weiß, wie es klang. Auch heute, fast dreißig Jahre danach muss ich daran denken, wenn ich am späten Abend am Strand sitze, den Wellen zuhöre genüsslich am Joint ziehe und in die Mandelaugen meine schwarzhaarigen Frau sehe und sie mir beim Lächeln ihre schönen, strahlend weißen Zähne zeigt.