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Doppelschrei 2021

Ein Junge. 10 Jahre alt und noch grün hinter den Ohren. Eine Klassenarbeit, die in die Hose ging. Ein Pfeife-rauchender Vater, der immer Hemden trägt. Gerne kariert, selten einfarbig. Grobe, schwielige Hände die von dicken Adern durchzogen sind. Von der schweren Arbeit gestählte Arme. Ein Stuhl ein Tisch und Stille.

Das Klassenheft liegt auf dem Tisch, ansonsten ist er leer. Das Heft ist voller roter Striche und Anmerkungen des Lehrers. Das Diktat war einfach zu schwer. Viele Wörter, die der Junge niemals vorher schrieb. Fehler über Fehler. Zwei Seiten sind beschrieben worden. Große, krakelige Schrift. 45 Fehler hat der Lehrer des Gymnasiums gefunden. Die Meinung des Vaters ist klar. Viel zu viele sind es. Zorn und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Junge soll einmal ein besseres Leben haben als er selbst. Studieren, Geld verdienen und der arbeitenden Klasse entfliehen. Ein Einfamilienhaus mit Garten, keine beengte Behausung im Arbeiterviertel mit schrägen Wänden, abgewetzten Teppich und Kohleofen. Gut soll es ihm gehen. Etwas darstellen soll er. Menschen sollen zu ihm aufschauen. Doch nichts wird wahr, von all dem, mit 45 Fehlern in einem einfachen Diktat.

Wut. Durchgestreckte Arme. Weiße, gespannte Haut über den Knochen der Fäuste. Ausholen, zuschlagen und der Wut freien Lauf lassen. Schreien, weinen, betteln und winseln. Geräusche die, die Raserei des Vaters anspornen. Ein elendes Weichei. Nichts wird aus dem schönen Leben, wenn man sich wie ein winselnder Hund auf dem Boden wälzt. Hart muss man sein. Hart wie Krupp Stahl. Das pflegte schon sein eigener Vater zu sagen. Ein schwerer Schlag auf den Kopf. Ein Tritt in den sich windenden Körper.

Blut tropft aus der Nase auf den alten Teppich. Wieder auf die gleiche Stelle. Blut geht so schlecht raus. Die Mutter wird wieder einmal kräftig scheuern müssen, um die Schönheit des alten Teppichs erneut herzustellen.

Die Schläge hören auf. Durch das dumpfe, rhythmische pochen im Kopf des Jungen, ist der schnelle Atem des Vaters zu hören. Er schnauft vor Anstrengung. In seinem Gesicht kann man Genugtuung erkennen. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Junge kann es nicht deuten, aber er sieht es ganz deutlich in den Augen des Vaters. Nur ganz kurz, aber unverkennbar. Es sollten noch Jahre vergehen, bis er verstand, was es war, das in den kurzen Moment nach den Schlägen und Tritten in den Augen des Vaters aufblitze.

Ich glotz TV im Plattenbau

Ein Hochhaus das 14 Etagen hat und irgendwo im Ruhrpott steht. Graue, kerzengerade Wände, Fenster an Fenster und Balkon an Balkon. Im unteren Bereich zieren Graffiti den tristen Bau. Wenige Laternen erhellen die Umgebung rund um das Haus nur minimal. Dunkle Ecken und ein finsterer, enger Durchgang zum Hinterhof runden das Bild der Siedlung ab. Im Hof vertrieben sich Jugendliche ihre Langeweile. Sie sind gezwungen hier zu wohnen und sitzen rauchend auf dem Schaukelpferdchen für die Kleinen oder trinken Alkopops auf den Bänken, die rund um den Sandkasten aufgestellt wurden. Auch der eine oder andere Joint wandert schon mal durch die Hände der jungen Menschen. Kinder, für die dieser Platz eigentlich geschaffen wurde, trauen sich hier schon lange nicht mehr hin.

In der fünften Etage sind die Friedrichs zu Hause. Eine junge Familie mit drei Kindern und einem Vater der als Elektriker sein Geld verdient. Die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Wunschkinder der Familie. Geld haben sie wenig, aber es reicht, um die monatlichen Rechnungen zu begleichen und satt zu werden. Gelegentlich ist auch das eine oder andere Spielzeug für die Kinder drin. Meist sind die kleinen Geschenke, die der Vater besorgt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, gebraucht. Trotzdem strahlen die Kinder jedes Mal, wenn der Vater seine Mitbringsel auspackt und für einen kurzen Moment ist der ansonsten frustrierte Arbeiter glücklich. Jedes Kind bekommt etwas, dass in etwa den gleichen materiellen Wert aufweist. Der Vater will keinen Streit unter den Kindern und achtet penibel auf die Wertigkeit der Präsente, die er meist auf dem Flohmarkt besorgt.

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach…

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach. Auch die Möbel wurden gebraucht gekauft und sind bunt durcheinander gewürfelt. Im Wohnzimmer findet man ein großes Ecksofa in Rot, eine Schrankwand mit zwei Glastüren in Weiß und einen abgewetzten Teppich in Blau. Nur das Fernsehgerät der Marke Samsung wurde neu erworben. Lange hat die Familie gespart und auf Urlaub verzichtet, um sich das 65 Zoll große Gerät zu leisten.

Nun läuft der Apparat den ganzen Tag und alle Familienmitglieder sind der gleichen Meinung: Für dieses Gerät zu sparen und zu verzichten hat sich wirklich gelohnt. Groß, protzig und ein Bild das sich, im wahrsten Sinne des Wortes, sehen lassen kann. Ultra HD, Tripple Tuner und auch internetfähig ist die flache Flimmerkiste. Tagsüber, wenn der Vater auf der Arbeit ist und die Kinder die nahe gelegene Hauptschule besuchen, läuft der Shopping-Kanal und die Hausfrau kann beim Wischen, Waschen, Bügeln und beim Saugen von Dingen träumen, die sie sich nicht leisten kann.

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen…

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, werden die Hausaufgaben im Wohnzimmer vor dem laufenden Fernseher erledigt. Die Mutter hat nichts dagegen denn sie ist der Meinung, dass Fernsehen nicht nur unterhaltsam ist, sondern in erster Linie bildet. Fast ihr gesamtes Fachwissen rund um die Haushaltsführung hat sie sich beim Fernsehen angeeignet. Dass ihre Kinder Sendungen schauen, die für Ihr Alter nicht geeignet sind oder Programme glotzen, die doch nicht zur Aneignung von Allgemeinwissen geeignet sind, interessiert die Hausfrau wenig bis gar nicht. Wissen hätten die Kinder zwar dringend nötig, aber der Dame des Hauses erscheint es wichtiger, dass die Kinder glücklich und zufrieden wirken und gelegentlich auch einfach mal die Fresse halten und sie in Ruhe lassen.

Besonders jetzt. Es muss gekocht werden, denn das übergewichtige Oberhaupt der Familie ist auf dem Weg nach Hause. Jeden Tag meldet er sein Erscheinen im heimeligen Plattenbau fernmündlich an, denn er bringt einen Bärenhunger mit nach Hause und will auf sein wohlverdientes Essen nicht allzu lange warten. Noch im Blaumann und mit ein paar Lüsterklemmen in der Hosentasche nimmt der Malocher dann auf der Couch neben seiner Frau und den Kindern platz. Gegessen wird nämlich, wie soll es anders sein, ebenfalls im Wohnzimmer vor der Glotze. Nun laufen Serien wie: „Berlin-Tag & Nacht“, „Der Trödeltrupp“, „Betrugsfälle“, „Der Blaulichtreport“ oder „Sterne von Berlin“ und bringen die gesamte Familie in Verzückung.

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe…

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe ein weiteres Mal auf dem Sofa, futtert scheffelweise Chips, Popcorn, Erdnüsse und tafelweise Schokolade und erfreut sich an Sendungen wie: „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“, „Das Supertalent“, und „Deutschland sucht den Superstar“. Alle sind sodann entzückt von den doofen Menschen, die sich in den Unterhaltungsshows regelmäßig zum Affen machen. Dann und wann verdrücken die Friedrichs auch ein paar Tränen. Vor Rührung ganz starr, verfolgen sie dann gebannt die Handlungen des Kandidaten auf der Bühne, der nicht nur gut aussieht, sondern zusätzlich noch die Fähigkeit besitzt, gelegentlich den richtigen Ton beim Singen zu treffen.

Wenn zum späten Abend die Kinder endlich im Bett liegen und sich auf den anstrengenden Tag in der Schule vorbereiten und sich auch die Frau mit Migräne im Schlafgemach verbarrikadiert hat, kommt die Zeit des Familienoberhaupts. Der schwer arbeitende Mann holt sich dann eine eiskalte Dose Bier aus dem Kühlschrank und macht es sich, bewaffnet mit einem Stück Pizza vom Vortag, auf der Couch vor dem riesigen Fernseher bequem. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde damit verbracht hat durch die Kanäle zu zappen, bleibt er dann doch, wie fast am jeden Abend, auf Sport 1 hängen und verfolgt die anmutigen Bewegungen der freizügigen Damen, die die Hauptrollen bei den „Sexy Sport Clips“ spielen, kratz sich dabei am Gemächt und träumt von einer besseren Welt.

Das Blockflöten-Bootcamp

Lange ist es her, aber dennoch so präsent, dass es fast greifbar ist. Damals, in der grauenhaften Zeit meiner minderspaßigen Kindheit, griff ich gezwungenermaßen des Öfteren zur ledernen Schatulle mit der Blockflöte, klemmte mir diese unter dem Arm und stieg behäbigen Schritten die vielen Stufen meines Wohnhauses herab bis mich die, von grauen, rußigen Häusern gesäumte Straße empfing.

Sodann schlenderte ich langsam den holprig geteerten Gehweg entlang, schaute gelegentlich auf einer der Uhren, die ich mit einem Blick durch das Fahrerfenster eines jedweden Autos fand und erreichte mein Ziel, bedauernswerterweise, fast immer pünktlich.

Vor dem mehrstöckigen Gebäude…

Vor dem mehrstöckigen Gebäude der lokalen evangelischen Kirchengemeinde warteten bereits andere bemitleidenswerte, zierliche Gestalten mit ebenfalls kleinen Taschen, Etuis oder Jutebeutel in den Händen. Kaum einer von ihnen schien sich auf das bevorstehende Ereignis zu freuen. Die meisten, aber vor allem die Jungs, schauten missmutig aus der imaginären Wäsche.

Eine ganze Weile standen wir dann da und glotzen in der Gegend herum, bis sich schlussendlich, die hölzerne Eingangstür quietschend öffnete und den Blick freigab auf ein dunkles Treppenhaus, dass den direkten Weg in die Folterkammer garantierte. Noch langsamer als bei mir daheim die Stufen hinab, stieg ich diese hinauf und trottete den anderen Opfern hinterher.

Oben angekommen wurde uns Kinder schnell klar, dass…

Oben angekommen wurde uns Kindern schnell klar, dass das Grauen jetzt beginnen würde. Uns erwartete eine überlebensgroße Frau, die dürr war wie ein Skelett und um dies zu Kaschieren ein riesiges, knöchellanges, wallendes Blümchen-Kleid trug, das nur an den mit Puffärmeln ausgestatteten Armöffnungen den Blick auf ein wenig aschfahle Haut freigab. Mit grauenhaften, hasenzähnigen Lächeln empfing sie uns schon direkt an der Tür und deutete auf einen, von Flötotto ausgestatteten, Stuhlkreis und machte uns damit klar, dass wir uns setzten sollten.

Als endlich alle Kinder Platz genommen hatten, ließ ich meinen Blick schweifen und versuchte einzuordnen, in welcher Kaste ich mich Kleidungstechnisch wiederfand, konnte aber schon damals keine genaue Zuordnung finden. Die meisten Jungs trugen eine Jeans, ein buntes T-Shirt und dazu ein Paar Turnschuhe, häufig mit drei Streifen oder einer springenden Wildkatze an den Seiten. Auch die Mädels trugen Jeans, die oft mit einem Micky oder Mini Mouse-Aufnäher oder Barbie-Applikation daherkamen und dazu ein Shirt oder eine modische Bluse. Ich trug eine grobe Cordhose in Beige, dazu ein kariertes Hemd in blau-weiß, wie es in Bayern wohl üblich ist und Turnschuhe, der Marke Victory. Bedauerlicherweise hatten die Schuhe neben ihrem aufgesticktem, ausgrenzenden „V“ auf der Verse auch noch einen Klettverschluss, der eindeutig und ohne Umschweife verriet, das der Träger noch immer keine Schleife konnte.

Nun ging es aber ans Musizieren…

Nun ging es aber ans Musizieren. Die missgelaunte Dürre bedeutete ihren Schäfchen die Flöten aus ihren Verpackungen zu befreien und das untere Ende, nicht ohne vorher ein wenig Fett auf den Verschluss zu schmieren, auf das obere zu stecken. Dann wurde ein Overheadprojektor zurechtgerückt und ein paar Noten auf die extra für diesen Zweck, weiß getünchte Teilwand geschmissen. Die Olle im Blümchenkleid hob dann hurtig einen Dirigentenstab in die Höhe, schlug ein paar mal im Takt auf den Projektor ein und alle bliesen auf dieses Kommando durcheinander in Ihre mitgebrachten, hölzernen Blasinstrumente.

Der Krach der ertönte und wohl von Niemandem, der auch nur ansatzweise etwas von Musik verstand, als diese identifiziert werden konnte, brachte die gottesfürchtige Musiklehrerin dennoch fast in den psychischen Ausnahmezustand der Ekstase. Als das kurze Stück von uns zur Gänze gespielt war und auch der letzte Ton aus einer teuer aussehenden Flöte eines dickbäuchigen Kindes mit Brille und Pausbacken gekommen war, legte sie ihren Stab beiseite, hob die Hände und schlug diese zum Beifall, leise aber dennoch hörbar, aneinander.

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche…

Diese Prozedur wiederholten wir so lange, bis die pädagogische Vogelscheuche mit christlich angehauchtem Hintergrund vollends zufrieden war, frenetisch und lautstark in die Hände klatsche und uns mit ihrem Pferdegebiss, wohlwollend aber irgendwie angsteinflößend anlächelte. Danach kramte sie eine weitere Folie aus einer Schublade, einer altersschwachen aber aus gutem, schweren Holz gezimmerte Kommode, legte auch diese auf den Projektor und machte uns mit einem neu einzustudierenden Werk Angst und Bange.

„Oh du lieber Augustin“, war das Lied, das sich die floral gekleidete Dame für uns ausgesucht hatte. Voller Überschwang und Inbrunst spielte sie uns dies auf Ihrer eigenen Flöte, die nicht nur schwarz-weiß, sondern viel größer als unsere war, vor und lächelte uns danach erneut furchterregend an. Wie gut sie sich auf diese Folterstunde vorbereitet hatte, zeigte sich als sie, praktisch wie aus dem Nichts, Kopien der Noten des von ihr favorisierten Liedes, aus ihrem Jutebeutel zog und in die Runde gab. Jeder von uns bemitleidenswerten Kreaturen sollte eines, der nach Lösungsmittel stinkenden Blättern, ergattern, damit er auch die daheimgebliebenen Mitbewohner mit einen wiederholt auftretendem, musikalischem Übungsszenario erfreuen könne.

Noch als wir bereits die Treppen, vor Angst und Niedergeschlagenheit fast weinend, hinunterstiegen ließ sie ein weiteres Mal gekonnt ihre Boshaftigkeit aufblitzen, indem sie uns den, in unseren Kinderohren mehr als verstörend klingenden, Satz mit auf den Weg gab: „Für den nächsten Donnerstag habe ich eine Überraschung für euch vorbereitet“ und entließ uns erst dann in die Freiheit, als sie mit blitzenden Augen und fiesem Lächeln anfügte: „Ich bin davon überzeugt, dass dieses eindrucksvolle Ereignis, nicht nur für euch der Höhepunkt der kommenden Woche wird, sondern auch für mich.“