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Herr Feinbrauer und die Pandemie

Herr Feinbrauer ist ein gepflegter Mann. Er achtet stets auf sein Äusseres und mag es überhaupt nicht, wenn seine anmutigen Gesichtszüge mit Stoff bedeckt sind. Er ist einen von denen, die aus rein ästhetischen Gründen, auf den Mund-Nase-Schutz, wo immer es ihm gestattet wird, verzichtet.

Leider gibt es immer weniger Orte, wo man Mund und Riechorgan zeigen kann. Immer weniger Plätze, an denen es Herrn Feinbrauer erlaubt wird, seine perfekt gereinigt und begradigten Zähne und sein strahlendes Lächeln zu zeigen. Auch die gerichtete Nase, die vor der Operation viel zu groß war und hurtig, in einem halbstündigen Eingriff unter Vollnarkose, zu einer kleinen Stupsnase ummodeltet wurde, kann man meist nicht sehen.

Herr Feinbrauer beschränkt sich dementsprechend meist darauf, das schicke, überdimensionierte Loft…

Herr Feinbrauer beschränkt sich dementsprechend meist darauf, das schicke, überdimensionierte Loft nur dann zu verlassen, wenn ihn seine Füße zu einem Ort tragen an dem man „Oben ohne“ herumlaufen darf. Das ist leider meist nur der nahegelegene Park, wo ihn, immerhin, nicht wenige Jogger und eine Vielzahl an Hundebesitzer, mit zotteligen oder glattrasiertenVierbeinern an der Leine, sehen können.

Manchmal streift er auch einfach, wie ein ausgesetzter, räudiger Strassenköter, durch die Gassen seines Viertels und grüßt jeden Menschen, der ihm ohne Stoff vor dem Mund entgegenkommt überschwänglich. Im feinen Zwirn marschiert er dann durch die verdreckt Straßen, durch die sich viel zu viele Autos zwängen und macht ein freundliches Gesicht. Er geht dabei, weil er eigentlich keine Not zu marschieren hat, nach dem Motto vor: Der Weg ist das Ziel. Ziellos und gedankenverloren wandert er oft stundenlang umher und passiert dabei unbemerkt die gleichen Stellen mehrfach.

Sein Leben hat er dennoch im Griff…

Sein Leben hat er dennoch im Griff. Er hat es nicht nötig zum Discounter zu gehen und sich anzustellen, an der langen Schlange die sich vor der Gitterbox mit Einkaufswagen gebildet hat, mit halbbedeckten Gesicht. Er würde sich niemals, mit anderen Menschen um ein Packet Toilettenpapier balgen. Dieses Verhalten entspricht nicht seinem Lebensmotto und läuft auch nicht konform, mit der Erziehung, die er genossen hat. Herr Feinbrauer lässt sich nicht schikanieren und auch nicht demütigen, von den unterbelichteten Mitarbeiter des Ladens, oder dem zusätzlich organisiertes Sicherheitspersonal, mit meist krimineller Vergangenheit.

Bereits lange vor der Pandemie war Herr Feinbrauer vorbereitet. Er hat sich vor Jahren schon sein Loft, nach seinen Vorstellungen umbauen lassen und dabei auch nicht auf einem versteckten Raum, den man heute wohl „Secret Room“ nennen würde, verzichtet. In dem knapp zwanzig Quadratmeter großen Raum, deren Tür von einem zur Seite schwenkbaren Bücherregal verdeckt wird, hortet er Vorräte, die ihm ein Überleben, über einen Zeitraum von sechs Monaten, garantieren würden. In diesem Zeitraum brächte er seine Wohnung nicht zu verlassen. Eine Vormachtstellung gegenüber den anderen Idioten, die diese Welt bevölkern und ein Luxus, den er sich nur leisten kann, da seine Eltern ihm ein beachtliches Vermögen hinterlassen haben.

Er hat ein perfides System ausgearbeitet…

Er hat ein perfides System ausgearbeitet, sodass keine Lebensmittel und Verbrauchsmaterialien des täglichen Bedarfs, ungeniessbar oder unbrauchbar werden, die ihm im Ernstfall retten würden. Auf seinem Laptop befindet sich ein Programm, dass ihn daran erinnert, wenn etwas in den vielen Regalen, die bis zur Decke reichen, das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Auf Wunsch – es muss nur ein Häkchen gesetzt werden – bestellt die Software, zum vorher definierten Zeitpunkt, auch gleich bei einem großen Online-Händler die Lebensmittel und anderen Dinge nach.

Da er die obere Etage einer umgebauten Fabrikhalle sein Eigen nennt, und ihm auf dem Dach eine riesige Terrasse zur Verfügung steht, war er auch in der Lage eine stattliche Solaranlage zu installieren, die knapp die Hälfte des Daches einnimmt und ihm im Ernstfall, sogar in den Wintermonaten, den notwendigen Strom liefet, um die wichtigsten Stromverbraucher in seinem Haushalt weiterzubetreiben. Weitergehend hat er eine Anlage zur Wasseraufbereitung, einen beachtlichen Vorrat an Holz und Diesel und auch eine stattliche Waffensammlung. Einige automatische Gewehre, ein paar Pistolen und Revolver, einen Granatwerfer und jede Menge Munition findet sich in einem schrankgroßen Safe im Schlafzimmer. Diese Sammlung konnte er, ganz einfach, mit der Hilfe einiger windiger Burschen anlegen, die er in Dark-Net kontaktierte.

Weitergehend kann der feine Herr, auf Knopfdruck…

Weitergehend kann der feine Herr, auf Knopfdruck, oder mit dem Handy seine Behausung praktisch hermetisch abriegeln. Alle Eingänge werden von Innen mit einer zusätzlichen Metalltür, die sich automatisch vor die eigentliche schiebt, gesichert. Auch die Fenster sind keine, die man in einem normalen Haushalt vorfindet. Herr Feinbrauers Fenster sind nicht nur schusssicher, sondern lassen sich so abdunkeln, dass eine Durchsicht von außen unmöglich, ein Herausschauen aber problemlos machbar ist. Des Weiteren schieben sich in diesem Bereich, von aussen, mehrere gehärtete Metallstangen vor die Scheiben, die auch ein zerschlagen dieser, mit schwerem Gerät, praktisch unmöglich machen.

Trotzdem. Auch wenn Herr Feinbrauer auf den Ernstfall vorbereitet zu sein scheint, will er nicht, dass es so weit kommt. Er möchte lieber wieder ganz normal leben. Herr Feinbrauer liebt es sich unter die Menschen zu mischen und sein Gesicht zu zeigen. Er geht gerne in Museen, speist in Cafés und Restaurants, fährt gerne in den Urlaub, besucht angesagte Clubs und möchte auch nicht darauf verzichten Konzerte, Operetten und Vernissagen zu besuchen. Er ist ein gefragter Mann, den man gerne einlädt, weil er nett ist, sich benehmen kann und sein strahlendes Lächeln sich auf jedem Foto, sei es digital oder noch analog, gut macht.

Auch die Frauen würde er vermissen. Er liebt deren Anwesenheit…

Auch die Frauen würde er vermissen. Er liebt deren Anwesenheit. Er mag sie drall und blond. Er mag sie zierlich und brünette. Er mag sie schwarzhaarig und dunkelhäutig. Er mag sie vornehm und blass, mit orientalischen Zügen. Er mag sie einfach alle und ist sich bewusst, das ein Leben ohne die holde Weiblichkeit, mit ihrem erotisierenden Charme, dem er so oft willenlos ausgeliefert ist, ein freudloses wäre. Er ist sich bewusst, dass die Sicherheitsvorkehrungen, die er schon vor langer Zeit getroffen hat, ihm ein längeres Überleben, als dass der anderen Schergen, die diese Welt bevölkern und kaputt gemacht haben, spendieren würde. Er weiß aber auch das sich ein vegitieren in seinem goldenen Käfig, mit all den Annehmlichkeiten, blutleer und elegisch anfühlen würde.

Er muss noch etwas tun, bevor es so weit kommt. Herr Feinbrauer hat noch viel Arbeit, denn er ist sich fast sicher, dass bald alles den Bach heruntergeht. Er spürt es einfach. Er weiß das die Menschheit die Pandemie und das Virus, das sich aktuell wieder wie ein Lauffeuer verbreitet, nicht eindämmen kann. Fast ein ganzes Jahr arbeiteten weltweit, angeblich, die besten Wissenschaftler an einem Gegenmittel. Sie arbeiten an einer Substanz ,die die Menschen immun machen soll, gegen das Virus, das das Licht der Welt in China erblickte und sich seitdem rasant und unaufhaltsam den Weg bahnt und die Welt verändert. Doch Herr Feinbrauer glaubt nicht mehr an Märchen. Er kann sich nur alleine retten. Niemand anderes ist dazu in der Lage, da ist er sich sicher.

Selbst wenn es gelänge einen Impfstoff zu entwickeln…

Selbst wenn es gelänge ein Impfstoff zu entwickeln, würde schon bald das nächste mutierte Virus auf die Menschen zukommen. Herr Feinbrauer glaubt an etwas Größeres. An etwas das nicht greifbar und für den menschlichen Verstand nicht begreifbar erscheint. An etwas das sich zu Wehr setzt, gegen die Menschheit und deren Ausbeutung der Welt. Eine Macht die Stärker ist, als alles was sich als denkbar darbietet und die Menschen auf der Erde, auf lange Sicht gesehen, auslöschen wird. Genau jetzt als er mal wieder unterwegs ist in seiner Stadt und seinem Viertel, das er so lieb gewonnen ist, einen Fuß vor den anderen setzt und alle Menschen freundlich anlächelt, spürt er es mehr als jemals zuvor.

Schon morgen wird er sich auf den Weg zu seinem Anwalt machen und mit deren Hilfe, nicht nur die untere Etage des Gebäudes, in dem er wohnt, aneignen, sondern das gesamte, riesige Gelände auf dem es sich befindet. Er wird seine Macht spielen lassen müssen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die kleine Marketingagentur wird verschwinden müssen, denn er wird den Platz in der unteren Etage und auch in den Kellerräumen bald brauchen. Er wird auch das Gelände einzäunen, mit meterhohen Mauern. Er wird Zellen anlegen für Arbeiter und ein paar willigen Gespielinnen. Er wird das Gelände umwandeln lassen, in einen riesigen Gemüsegarten, der ein längeres Überleben auf dem Gelände sichert.

Herr Feinbrauer wird einen erheblichen Teil seine Vermögens dafür aufbringen…

Herr Feinbrauer wird einen erheblichen Teil seines Vermögens dafür aufbringen aus seinem Wohnort eine Festung zu machen. Er ist aber nicht traurig, denn er weiß das all das Geld schon ganz bald nichts mehr wert sein wird. Er ist sich sicher, dass er einer der Wenigen sein wird, der geschützt ist, wenn die Krawalle und die Plünderungen starten. Er wird alt werden, denn auch an Medikamente und einen Arzt, oder zumindest eine Krankenschwester, oder einen Pfleger, wird er denken. Er wird sich vergnügen dürfen mit den Frauen, die er aufnimmt und wird sich erfreuen an Alkohol und Koks, das er sich vorher besorgt.

Doch wird das alles wirklich und wahrhaftig real? Ist es dieses Horrorszenario, das sich Herr Feinbrauer so lebhaft ausmalt, dass auf die Menschheit zukommt, oder wird alles bald doch wieder gut? Sind die Menschen standhafter als Herr Feinbrauer glaubt? Kann sich die Menschheit in ihrem Verhalten ändern, eine Zeit lang artig den Mundschutz tragen, auf Partys verzichten und aus ihren Fehlern lernen? Können die Menschen dieses verheerende Ereignis hinter sich lassen und zuversichtlich in die Zukunft schauen? Könnte sich ein Herr Feinbrauer, der ein weltfremdes Gedankengut an den Tag gelegt hat, geirrt haben?

Fragen die sich Herr Feinbrauer selbst nicht zu stellen getraut…

Fragen die sich Herr Feinbrauer selbst nicht zu stellen getraut, denn er ist besessen, sein eigenes, mickriges Leben zu konservieren, in einem eigens für ihn geschaffenen Gefängnis.

Wenn er dann nach etlichen Jahren, die es gebraucht hat, seine Festung zu errichten, in einem stillen Moment, in den von außen undurchsichtigen Fenstern, sein eigenes, alt gewordenes Spiegelbild sieht, weiß er, dass er sich geirrt hat. Schwermütig schaut er sodann auf das lebhafte Treiben, den spielenden Kindern und den sich angeregt unterhaltenden Eltern, vor seinem Fort und erkennt, dass er sein eigenes Leben weggeworfen hat. Sofort legt sich eine bleierne Traurigkeit schwer auf sein Gemüt und eine einzelne Träne läuft über sein faltiges Gesicht. Es braucht nur einen kurzen Augenblick, bis er aufsteht, einen Fuß vor den anderen setzt, ins Schlafzimmer geht, den Safe öffnet, sich einen Revolver an die Schläfe setzt und ohne mit der Wimper zu zucken abdrückt.

Beim Bäcker meines Vertrauens – Mit Mund-Nasen-Schutz

Heute war ich beim Bäcker. Hab in der Schlange gestanden, die bis zur nächsten Ecke gereicht hat und mir kurz vorm Betreten der Backstube den Mund-Nasen-Schutz angelegt. Geht ja nicht mehr anders. Wird man sonst doof angeschaut, oder sogar des Ladens verwiesen. Vom Hausrecht wird dann hurtig gebracht gemacht, wenn es einer wagt, ohne Schutz, der meist Farbenfroh und selbstgenäht, oder in „OP-Blau“ daherkommt, den Verkaufsraum zu betreten. Wird hochkant nach draußen befördert, das Subjekt das andere in Mitleidenschaft ziehen will, mit seiner Spucke. Hat jawohl nicht mehr alle Tassen im Schrank der Spinner und dessen Maschinenraum muss, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, einer intensiven Wartung unterzogen werden.

Doch ich bin fair…

Doch ich bin fair und hab der Bundeskanzlerin ganz genau zugehört, als sie ihre Rede gehalten hat, im Öffentlich-Rechtlichen-Fernsehen. Die Dame in seinerzeit roten Kostüm hat sich vorher selbstredend beraten, mit ihren Ministern, aus nah und fern. Sogar der Herr Söder durfte vor das Mikrofon, obwohl er aus Bayern kommt. Hat gefühlt mehr geschwafelt als die Angie. Ist ja auch ein Mann.

Als ich nach Ewigkeiten an der Reihe bin, bestelle ich die Brötchen für das morgendliche Mahl. Sechs an der Zahl denke ich und nuschele in meinen Mundschutz: „Sechs Normale bitte“ und schiebe ein „junge Frau“ hinterher und freue mich das die vollbusige Verkäuferin mein anzügliches Lächeln hinter der Maske nicht sehen kann.

Irgendwie stinkt es hier, denke ich…

Irgendwie stinkt es hier, denke ich, nachdem ich den Satz ausgesprochen habe und die Dame hinter der Theke so freundlich gelächelt hatte. Kommt bestimmt daher, dass ich meine schiefen Zähne heute Morgen nicht geputzt habe und ich zum Abendessen einen Grillteller, vom Griechen meines Vertrauens, verspeist habe. Sieht ja auch niemand und riecht auch niemand, habe ich mir beim morgendlichen Blick in den Spiegel gedacht und die Zahnbürste mit einem schelmischen Lächeln wieder in den Zahnputzbecher gesteckt. Dass ich nun selbst der Leidtragende bin, habe ich bei meiner frühmorgendlichen Missetat nicht bedacht.

Die Dame hinter der Theke trägt ironischerweise keinen Stoff vor Nase und Mund…

Die Dame hinter der Theke trägt ironischerweise keinen Stoff vor Nase und Mund. Komisch. Darf sie also ihren Speichel, der unweigerlich beim Sprechen und Atmen den Zwischenraum ihrer anmutigen Lippen verlässt, auf das ofenfrische Gebäck verteilen? Anscheinend. Mir ist es egal, denn ich habe Hunger. Lieber erkranke ich an Covid-19 als zu verhungern.

Ich werde die Brötchen daheim gierig aus der Tüte fingern, sie halbieren und mit Streichfett benetzen. Auf die glänzende, Halbfett-Margarine werde ich dann wahlweise eine Scheibe Käse, eine Scheibe Salami, Schinken oder auch eine Kombination aus alledem drapieren und das ganze genüsslich, nicht ohne vorher, dass in den Zeiten der Corona-Pandemie verpflichtende Stück Stoff vor dem Mund zu entfernen, in meinen Schlund schieben.

Danach, wenn ich meinen Bauch gefüllt habe und die Zahnzwischenräume neben Gyros-Fleisch nun auch Schwarzwälder Schinken aufgenommen haben, werde ich mir ausgiebig die Zähne putzen. Führt wohl doch kein Weg daran vorbei, auch wenn niemand sieht, dass die Beißer nicht gereinigt wurden.