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Die bärtige Martina

Es war einer dieser Tage, an denen keiner meiner Kumpels Zeit zum Saufen finden konnte. Es war nicht Freitag und auch nicht Samstag, dennoch hatte ich das Verlangen mir nicht zu wenige Biere und ein paar Schnäpse in den Rachen zu schütten. Ich hängte mich also ans Telefon und druckte die Tasten des betagten Gerätes, mehrere male. Ich sprach mit Tim, ich sprach mit Marc, ich quatschte mit Leo und auch mit Benny doch niemand hatte Zeit. Einige mussten am nächsten Tag arbeiten, andere hatten ihre Geschäfte am Laufen und wieder andere wollten den Tag auf der Couch vor der Glotze, oder auf ihrer Alten verbringen.

Da mir aber die Decke auf dem Kopf fiel und ich auch keine Kippen mehr in der Schachtel hatte, musste ich handeln. Ich warf mir also ein paar Klamotten über, gelte mir die Haare nach hinten und verließ die kleine, muffige Wohnung nur allzu gerne. Ich wohnte am Rande der Innenstadt. Den Weg ins Innere der City legte ich im Normalfall mit der U-Bahn zurück. So auch heute. Ich nahm einen kleinen Umweg in Kauf und machte kurz Halt an Theos Bude. Theo reichte mir, ohne danach gefragt zu haben, die Schachtel mit den Glimmstengeln durch das kleine Fenster, verabschiedetet sich und verriegelte die Luke wieder. Man kennt und versteht sich ohne Worte.

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran…

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran. Ich hatte mächtig Schmacht. Ich rauchte einfach schon zu lange und zu viel. Wie an einem Band gezogen ging ich dabei weiter. Der Weg zur U-Bahn-Station war kurz und so rauchte ich noch als ich die vielen Treppen zum Bahngleis hinunterstieg. Das hier herrschende Rauchverbot interessierte mich nicht die Bohne. Unten angekommen nahm ich die nächstbeste Bahn. Hier fuhren alle der rot-weißen, mit Graffiti übersäten Beförderungsmittel auf Schienen zum Hauptbahnhof. Gut so.

Ich setzte mich auf einer der freien Sitzplätze, mit abgewetzten zum Teil eingeschnittenen Polster, neben einer betagten, uralten Dame. Sie hatte auffallend viele Falten im Gesicht und ihre Augen waren Müde und sehnten sich nach dem Tod. Sie beachtete mich nicht. Mein Blick wanderte durch die Bahn und ich schaute in viele gelangweilte Gesichter. Niemand unterhielt sich, oder suchte Blickkontakt zu seinem Gegenüber. Die drei Stationen flogen an mir vorbei, als wären sie nichts und ich stieg aus.

Im Bahnhof herrschte reges Treiben…

Im Bahnhof herrschte reges Treiben. An diesem Ort haben es alle Menschen eilig und wuseln herum, mit Koffern und Taschen in den Händen und Rucksäcken auf den Rücken und versuchen auf schnellsten Wege irgendwo hinzugelangen. Zum nächsten Gleis, zum Busbahnhof zur Verabredung mit dem neuen Stecher im Schnellrestaurant mit dem roten M, oder wie ich in die Kneipe. Umbemerkt passte ich mich dem Tempo der Masse an und durchquerte im Stechschritt die langen unterirdischen Gänge bis ich endlich eine Rolltreppe fand, die mich hinaufbeförderte und schlussendlich ins Freie entließ.

Oben angekommen ging es wieder gemäßigter zu und auch ich setzte wieder im normalen Tempo einen Fuß vor den anderen. Ich steuerte die Kneipe an, in der ich gerne mein Wochenende verbrachte und einige Bekanntschaften hatte. Windige Burschen, abgewrackte Frauen und tätowierte Taugenichtse. Menschen mit Charakter und spannenden zu erzählenden Geschichten und einer meist miesen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Woche war ich hier noch nie und ich wusste nicht, was mich erwartete.

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte…

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte und an der Fensterfront vorbeischlich. Im Gegensatz zum Wochenende schien nicht viel los zu sein. An Freitagen und an Samstagen war um diese Uhrzeit schon die Hölle los. Aus der Kneipe waberte dann laute Musik, vor der Tür standen Leute tranken Bier und unterhielten sich lautstark und wurden misstrauisch vom muskelbepackten Türsteher, der auf seinem Hocker vor der Tür saß, beäugt. Heute war nichts davon zu sehen.

Als ich durch die Tür trat und mich ins dunklere, verrauchte Innere begab, fand ich die elende, schmierige Kaschemme fast leer vor. Es waren genau vier Personen anwesend, wovon eine die Wirtin namens Brunhilde war. Diese war im hiesigen Nachtleben bekannt wie ein bunter Hund und hatte schon einige unschöne Szenen miterlebt. Ich bildete mir ein zu wissen, dass sie sich nicht selten einen schöneren Verlauf ihres eigenen Daseins wünschte, schob den Gedanken aber schnell beiseite als ich an den Tresen trat, sie begrüßte und ein großes Bier bestellte.

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei…

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei. Es waren allesamt Männer. Der Erste war untersetzt, hatte einen gezwirbelten Schnauzbart und grau melierte, gepflegte Haare. Der Zweite im Bunde war lang und dünn und trug einen Hut auf den Kopf, wie man ihn sonst meist mit Humphrey Bogart aus Casablanca verbindet. Der dritte und letzte der drei Haudegen, war unscheinbar und eher zierlich, trug aber einen markanten buschigen Vollbart im Gesicht und hatte wache, aufmerksame Augen. Er bemerkte sofort, dass ich das Trio beobachtet hatte und ich fühlte mich ertappt.

Als das Bier vor mir stand, setzte ich den Humpen an, nahm einen großen Schluck und stellte danach das große Glas behutsam auf den noch strichfreien Deckel. Im Anschluss daran steckte ich mir eine weitere Kippe in den Mundwinkel und entzündete diese mit einem Streichholz. Ich versuchte mich nur auf das Rauchen und das Saufen zu konzentrieren und kein weiteres Mal zu den anderen hinüberzuschauen. Die drei waren damit beschäftigt zu knobeln. Sie hatten schon einige intus. Ich hörte es an ihrem Lachen und ihrem lallenden Geschwafel.

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir einen Pause machten und rauchten…

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir eine Pause machten um zu rauchen, spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Es war der mit dem buschigen Bart. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte: „Komm doch rüber zu uns und drehe ein paar Würfelbecher. Du wirst merken, die niederträchtige Zeit geht viel schneller vorbei und das Bier schmeckt in einer geselligen Runde noch ein wenig besser.“ Erstaunt blickte ich in sein Gesicht, nickte, stand auf und erwiderte: „Da könntest du wirklich recht haben.“

Ich gesellte mich zu ihnen und ließ mich ein mit den merkwürdigen Männern, die genauso wie ich einen Tag in der Woche auserkoren hatten, um sich zu besaufen. Einer nach den anderen stellte sich vor. Der mit dem Hut hieß Reiner und paffte eine stinkende Zigarre. Der mit dem Schnäuzer stellte sich als Peter vor und stürzte danach einen Doppelkorn hinunter. Der bärtige hieß Martin, bestand aber darauf, Martina genannt zu werden. Ich war erstaunt beließ es aber vorerst dabei.

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher…

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher, stellte ihn merkwürdig lächelnd vor mich ab und verschwand wieder in die uns gegenüberliegende Ecke des Tresens, setze sich auf ihren Hocker mit rotem Kissen und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. Bevor wir das Spiel starteten, hatte ich mich in der Toilette versichert, dass ich genug Geld dabei hatte, um in Falle einer oder mehrerer Niederlagen beim Würfeln meinen Deckel zu begleichen. Allerdings war es mir mit Sicherheit vergönnt, im ganz großen Notfall, bei Brunhilde einen Deckel zu machen und diesen am Freitag zu begleichen. Man kennt sich eben und versteht sich meist ohne viele Worte.

Mit eingeübten Bewegungen schüttelten wir Würfel, drehten Becher und hauten diese ungalant auf den Tisch. Einmal verlor Peter und schlug mit der flachen Pranke brachial auf den Tresen. Brunhilde blickte kurz von ihrem Boulevard-Blättchen auf, um uns einen bösen Blick zuzuwerfen, beließ es aber bei dieser nonverbalen mahnenden Warnung. Anschließend verlor Rainer, paffte seinen Stumpen und zahlte artig die nächsten Biere für uns. Dann war ich an der Reihe. Gleich zwei aufeinanderfolgende Male verlor ich. Schock aus, Schock 6, Schock 6. Was soll man dem entgegensetzen? Ich musste also doppelt blechen.

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit…

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit unschönen Strichen. Netterweise fing immerhin das Bier an zu schmecken und wurde spürbar in der Blutbahn. Gut so. Dann, als wir noch ein paar weitere Runden gezockt hatte, sind wir übergegangen von Bier auf Doppelkorn. Wir konnten einfach nicht mehr so schnell das viele Bier herunterkippen, wie wir unsere Runden verloren. Ich wusste, dass es ein teurer Abend wird, noch bevor Rainer vom Hocker rutschte und auf dem klebrigen Boden vor dem Tresen liegen blieb.

Vorsichtig hoben wir Rainer auf und bugsierten ihn auf eine Sitzbank im hinteren Teil der Kneipe. Er solle sich ausruhen, gaben wir ihm mit auf dem Weg, aber er reagierte nicht auf die Ansprache. Trotzdem widmeten wir uns wieder unserem Bier. „Morgen früh, spätestens um fünf, ist der aber weg“, blaffte Brunhilde und hob mahnend den Zeigefinger. Wir drei verbliebenen Saufkumpanen schauten scheel aus der Wäsche, nickten aber artig. Wir waren schließlich nicht von gestern und wussten, dass wir freundlich bleiben mussten, wenn die Dame hinter der Bar weiterhin ihren Zapfhahn für uns öffnen soll.

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg…

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg, zapfte aber artig weiter. Auch Schnaps bekamen wir nicht mehr. Wir fühlten und wie kleine Jungs, denen Mama die Brust verweigerte und fingen an zu diskutieren. Wir redeten über Gott und die Welt, über Politik und über den stinkenden, gemeinen Pöbel. Wir philosophierten über Reisen ins nahegelegenen Holland mit dem ach so liberalen Drogengesetzen, über die günstigen Einkaufsmöglichkeiten in benachbarten Polen und lamentierten über die Gegend die immer schäbiger wird und über die überteuerten Mieten der gammeligen Wohnungen im Plattenbau. Meist waren wir uns einig, hatten die gleiche Meinung und nickten uns eifrig zu. Immer wieder stießen wir an, mit neunen Bieren, und klopften uns in regelmäßigen Abständen auf die gepolsterten Schultern.

Als ich aber die Frauen ins Spiel brachte und anfing meine Unreife ans Tageslicht zu fördern, indem ich mich niveaulos und herablassend über diese äusserte, fing ich mir schnell einen virtuellen Maulkorb ein. Nur Peter und die bärtige Martina waren sich nun einig, hielten Händchen und bauten eine unsichtbare Mauer zwischen uns auf. Ich spürte es sofort. Ich kam nicht mehr an die beiden heran und auch ein letztes Bier, dass ich ausgeben wollte, wurde abgelehnt. Ich zahlte sodann meinen Deckel, gab ein Trinkgeld und beobachte beim Hinausgehen wie sich Peter und Martina innig, mit geschlossenen Augen, küssten. Bart an Bart.

Familienväter auf Abwegen

Neulich war es laut. Neulich war es blutig. Neulich war ich auf Hundertachtzig. Alkohol macht frei, macht enthemmt und macht unbedeutend. Eine mickrige, armselige Figur, die den Mund aufreißt und mit Schimpfwörtern um sich schmeißt. Alles gequirlte Kacke. Für einen nüchternen Menschen nicht zu begreifen und kaum zu ertragen. Ein Treffen mit alten Freunden. Alles Familienväter, die von ihren Frauen Ausgang bekommen haben. Das Bier fließt in Strömen. Fußball läuft. Dortmund gewinnt. Hier ein Schnaps da ein Bier. Herrengedeck. Alle sind redselig, ja freizügig in ihren Äußerungen. Gespräche über Familie und Beruf. Schimpfen über die Firma und Kritik am Handeln der Frau.

Immer wieder herausgehen zum Rauchen. Draußen mit anderen Rauchern über das Spiel diskutieren. Zu viele Chancen vergeben, trotzdem gewonnen. Die Meisterschaft ist noch weit weg, aber immer möglich. Kneipe wechseln. Durch die nächtliche Stadt irren und im schummrigen Licht am Baum urinieren. Die anderen sind schon weit voraus. Keiner wartet. Schnell pinkeln und laufen um die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Tropfen des warmen Urins landen in der Unterhose.

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden…

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden. Feindselige, bösartige Blicke. Niemand mag Männer mit Bärten, die unberechenbar aussehen. Platz nehmen. Direkt an der Quelle. Kein Tisch in weiter Ferne. Die Bar muss es sein. Die neue Weltordnung hat Einzug erhalten. Stammgäste, die seit Jahren hier stehen, spielen ab jetzt die zweite Geige. Drängeln, Platz wegnehmen und die Dame am Zapfhahn in Beschlag nehmen. Lauthals bestellen. Trinkgeld geben, denn hier muss direkt bezahlt werden. Striche auf Deckeln gibt es für uns nicht. „Schnell, schnell, wir haben Durst, du alte Hippe“. Die Zeit ist knapp, Frau und Kinder warten. Nach drei Bier müssen wir wieder gehen. Zu laut war man, unkultiviert und unfreundlich. Man kann nun mal nicht immer nett sein.

Der nächste Laden ist klein und schummrig. Bier und Schnaps gibt’s hier auch. Alle Gäste sind betrunken und selbst fühlt man sich gleich heimisch. Die wenigen Frauen im Laden sind alt und abgewrackt, aber wen stört es, daheim wartet schließlich ein Topmodel auf einem.

Wieder drängt man sich an den Tresen…

Wieder drängt man sich an den Tresen. Würfelbecher müssen her. Schocken ist der Sport des Abends. Mit Jule und pflücken. Zwei unbekannte wollen mitspielen. Klaus und Peter heißen die unsympathischen Gestalten. Peter ist drahtig und tätowiert. Klaus hat einen mächtigen Bierbauch und stinkt nach Knoblauch. Opfer. Der eigene Geldbeutel ist fast leer. Trotzdem spielt man mit. Was muss, das muss. Becher drehen. Mühsam eine Straße zusammenwürfeln und verlieren. Runde geben. Bier und Schnaps für alle Beteiligten. Neue Runde, neues Glück. Würfel fallen lassen. Eine Runde Schnaps geben. Abgemacht ist abgemacht. Erneut verlieren und Bier bestellen. Der Deckel ist voll. Aussteigen. Man betritt die Toilette. Es stinkt nach Pisse. Alles ist bekritzelt. Ein defekter Kondomautomat verschönert eine Wand. Man nähert sich dem Urinal. „Komm näher, er ist kleiner, als du denkst.“ Doofer Spruch. Trotzdem bemüht man sich zu treffen, doch es ist vergebens. Knapp die Hälfte geht daneben. Scheiß darauf. Stinkt ja eh schon wie in der Kanalisation. Den Schankraum erneut betreten. Umsehen und Denken: „Mein Gott, wie bin ich nur in dieser Kaschemme gelandet?“
Voll wie ein Eimer. Beschließen klug zu sein und nach Hause zu gehen. „Zahlen, bbidddee“. Die letzten Kröten werden zusammengerafft und auf den Tresen geklatscht. 32,80 €. Geht ja noch.

Verabschieden und auf den Gehweg taumeln. Die Sonne geht bereits auf. Direkt vor der Kneipe steht ein Taxi, aber das Geld reicht nicht mehr aus. Zur nahegelegenen U-Bahn wanken. Ticket kaufen und mit viel Glück die richtige Bahn erwischen. Man kann die Zahlen, die vorn darauf stehen, ja kaum noch lesen. Die U-Bahn ist gut besetzt. Junge Menschen, die genauso besoffen sind, wie man selbst, sitzen auf den abgewetzten Polstern. Einige haben „Knöpfe“ im Ohr und die Augen geschlossen. Die anderen singen oder besser gesagt, grölen herum. „Lasst mich bloß in Ruhe Kinder.“ Drei, vier Stationen weiter wird man unsicher. War es wirklich die richtige Bahn? Die letzte Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon ewig her. Kein Plan, an welcher Haltestelle man aussteigen muss. Die Bahn verlässt den Tunnel. Ab jetzt geht es oberirdisch weiter. Ein großer Vorteil. Aus dem Fenster gucken und nach irgendwelchen markanten Punkten, die man kennt, suchen. Etwas erkennen, aussteigen und merken das man drei Stationen zu früh ausgestiegen ist. Scheiße.

Eine Steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale…

Eine steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale Fußgängerbrücke. Hier muss jeder Fahrgast rüber. Die Schienen der Stadtbahn verlaufen direkt in der Mitte der Schnellstraße. Der Ruhrschleichweg ist auch mitten in der Nacht noch recht stark befahren, sodass man es mit mehr als 2 Promille Alkohol im Blut, eher schlecht und, vor allem, nicht zur Gänze unverletzt auf die andere Seite schafft. Also die Treppe rauf. Oben angekommen ist man fix und fertig von der Anstrengung. Irgendetwas drückt. Irgendwo unterhalb des Magens. Es dauert einen langen Augenblick, bis man realisiert, dass es wohl die Blase ist, die hier für Unbehagen sorgt. Schnell wird der Hosenstall geöffnet und wankend nach dem schrumpeligen Glied im inneren gefingert. Mit einer Hand wird sich nun am Geländer festgehalten, um beim Pinkeln nicht den Halt zu verlieren.

Der Prengel in der anderen Hand fühlt sich klebrig an und ein muffiger Duft steigt einem in die Nase. Hurtig verlässt der Druck verursachende Urin die Blase und nimmt den kleinen, aber unausweichlichen, Umweg über die Harnröhre, nur um im hohen Bogen über den Handlauf zu spritzen und platschend auf der Bundesstraße zu landen. Auch einige Windschutzscheiben, der vorbeisausenden Autos, leiden unter Urinbeschuss. Noch während man pinkelt, wird einem schlecht. Das ganze Bier, die ranzigen Nüsse aus der Kneipe und der Döner, den man irgendwo gegessen hat, wollen einfach nicht länger im Magen bleiben. Die Hose ist noch offen und der Dödel hängt an der freien Luft und schon ergießt sich ein Schwall warmer Kotze über den Brückenboden. Auch die eigene Hose und die sündhaft teuren Markenturnschuhe gehen nicht leer aus. Man würgt, bis sich der komplette Mageninhalt auf den Boden verteilt hat und zum Schluss nur noch Rotze und Magensäure zum Vorschein kommt. Einmal tief durchatmen.

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und…

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und beschließt voller Tatendrang die letzten drei Stationen bis zur heimatlichen Behausung zu Fuß zurückzulegen. Immer noch schaukelnd, wie ein Fischerboot auf der Nordsee, bei starkem Seegang, nähert man sich den Treppenabgang. Voller Konzentration versucht man den rechten Fuß mittig auf der ersten Stufe zu platzieren. Doch der Blick ist noch immer getrübt, alles verschwimmt vor den Augen. Der Fuß trifft die Stufe nicht richtig. Irgendwas sagt einem, dass es so kommen musste. Hart schlägt man auf und purzelt unkontrolliert die Treppe herab. Der Abstieg ist häufig einfacher als der Aufstieg und gelegentlich schneller als gewünscht. Unten angekommen begibt man sich aus der liegenden Position in eine sitzende. Die Hose hat, am Knie ein großes Loch und Blut färbt die Jeans rapide Rot. Der Kopf schmerzt und der kontrollierende Griff an die Stirn fördert auch hier, die rote Soße zum Vorschein. Scheiße.

Man versucht aufzustehen, aber das schmerzende Knie lässt dies nicht zu. Das Handy wird aus der Hosentasche geholt. Der Blick auf die Anzeige sagt einen, dass es noch funktioniert. Mit mulmigem Gefühl und Tränen in den Augen wählt man die Nummer der Gattin, die einem nach einer Schimpftirade später mit dem Auto abholt, daheim unter die Dusche steckt und drei Tage nicht mit einem spricht. Ein paar Wochen werden die Wunden geleckt, bis man dann doch wieder zum Handy greift, die Kumpels anruft, sich zum Fußball verabredet und der Frau daheim „hoch und heilig“ verspricht nicht zu viel zu trinken. Voll freudiger Erwartung betritt man dann die erste Kneipe. Stammgäste werden vom Tresen vertrieben, unfreundlich ist man und natürlich werden jede Menge der leckeren Getränke in die eigene Figur geschüttet bis man schlussendlich wieder besoffen ist und irgendwie nach Hause kommen muss. Prost.