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Joggen für ein besseres Leben

Heute ist es so weit. Ich habe mich Wirklich und wahrhaftig in den viel zu engen Jogginganzug gequetscht und stopfe mir, just in diesem Augenblick, die teueren kabellosen Kopfhörer in die Ohrmuscheln.

Schon gestern habe ich angefangen, an meinen suboptimalen Lebensstil zu feilen und bewusst die vier großen Bier, die ich mir sonst so allabendlich in dem Leib schütte, auf drei reduziert. Weitgehend habe ich darauf verzichtet beim Fernsehen Chips, Schokolade und Erdnüsse in den Rachen zu schmeißen. Da ich zwar darauf erpicht bin mein Selbstwertgefühl zu steigern und mein Gewicht zu verringern, mein Durchhaltevermögen aber noch nicht zur Gänze ausgeprägt ist, konnte ich dennoch nicht ganz auf die Knabbereien vor der Glotze verzichten. Kompromissbereit wie ich nun einmal bin, habe ich vor der Flimmerkiste aber wirklich nur drei kleine Müsli-Riegel, die zugegebenermaßen dick mit weißer Schokolade umzogen waren, in ganz kleine Bissen weggemümmelt und dabei nicht vergessen jeden Happen gut durchzukauen.

Als ich dann heute Morgen aus den roten, ledernem Boxspringbett gestiegen bin…

Als ich dann heute Morgen aus den roten, ledernem Boxspringbett gestiegen bin, habe ich mich dann irgendwie schon ganz leicht und nicht so träge und verkatert wie sonst gefühlt. Der einzige Nachteil war, dass mein Magen geknurrt hat, wie ein räudiger, altersschwacher Schäferhund, der seine Rente als Wachhund auf dem Bauernhof, aufbessert. Auch das leckere Frühstück, dass aus einer kleinen Schüssel Müsli gemischt mit fettarmem Joghurt und frischen Apfelstückchen bestand, sorgte nicht für eine deutliche, wahrnehmbare Besserung. Dennoch blieb ich standhaft und quetschte mich, wie bereits erwähnt, in den Jogginganzug.

Sicherlich, die fette Wampe und die Biertitten, die ich mir im Laufe meines Lebens angefressen und angesoffen hatte, machten mich in den total bunten, ballonseidenen Jogginganzug, den ich ganz unten in meinem Schrank gefunden hatte, noch nicht zu dem Adonis auf der Laufstrecke im Park, der ich sein wollte. Dennoch fand ich mich attraktiv genug, dass mir mein eigener Anblick, beim prüfenden Blick in den Spiegel, ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Als ich endlich das Handy in eine Klarsichthülle geschoben und mir um den Arm gebunden hatte, war ich bereit für die erste sportliche Betätigung nach dem Schulsport in der 10. Klasse.

Schwungvoll und voller Begeisterung öffnete…

Schwungvoll und voller Begeisterung öffnete ich die Tür, trat vor die selbige, wurde empfangen vom azurblauen Himmel des goldenen Oktobers und brachte, voller Elan, die wenigen Schritte bis zum Auto hinter mich. Nun quetsche ich mich hinter das Lenkrad, startete den Wagen und fuhr in meinem 80er-Jahre-Outfit die wenigen hundert Meter zum nahegelegenen Park. Dort angekommen, stellte ich mein Fahrzeug zu den anderen, die hier in beachtlicher Anzahlt den Seitenstreifen blockierten und machte mich sodann auf den Weg zur Laufstrecke.

Dort angekommen griff ich nach dem Smartphone, startete gekonnt, mit einer legeren Bewegung, die Musik-App und wartete den kurzen Augenblick bis Mick Jagger seinen Mund dermaßen weit aufgerissen hatte, dass sein Gesang direkt aus Amerika, quasi bis über den großen Teich, im weit entfernten Deutschland ankam und in meinen Ohren zu hören war. Erst dann war ich fertig und startet meinen Lauf.

Gewohnt gemütlich, wie ich nun einmal bin…

Gewohnt gemütlich, wie ich nun einmal bin, startete ich meinen Lauf, im gemäßigten, meinem Alter entsprechenden, Tempo und steigerte die Geschwindigkeit erst dann, als mich von hinten, eine uralte Dame mit Hund überholte. Dem Anschein nach war die grau melierte mindestens doppelt so alt wie ich und nur hier draussen, in der freien Natur, weil der an der Leine geführte Rauhaardackel seinen Darm und Blase entleeren musste. Die erhöhte Geschwindigkeit hatte allerdings zur Folge, dass mein Bauch und auch die Titten dermaßen in Wallung gerieten, dass ich das Gleichgewicht verlor, von der Strecke abkam und sich meine überteuerten Laufschuhe, die ich mir extra für dieses Ereignis besorgt hatte, in der riesigen Tretmine eines, erheblich größeren als den eben gesehenen Vierbeiner, wiederfanden.

Mit Scheiße an den Schuhen und auch ein paar Spritzer davon an der Hose nahm ich, nachdem ich mich auf die Strecke zurückgekämpft hatte, meinen Lauf wieder auf. Schnaufend, wie eine Dampfwalze erreichte ich mein, selbst gewähltes und in Sichtweite entferntes Etappenziel, gerade eben. Dort an der mit Graffiti übersäten Parkbank und der mit Kotbeutelchen überfüllten Mülltonne hielt ich kurz Inne, setzte mich und fingerte mit hochrotem Kopf den zerknautschten, mitgebrachten Proteinriegel aus der schweißgetränkten Tasche meiner Jogginghose. Rasch befreite ich die Verpflegung aus der Folie und stopfte mir, unbedacht und jegliche Ernährungsregeln missachtend, den Riegel komplett in den Mund.

Noch kauend dachte ich nach, wie es weitergehen sollte…

Noch kauend dachte ich nach, wie es weitergehen sollte. Ich hatte mich körperlich bewegt, ich hatte weniger gefressen und gesoffen und ich würde weiter machen. Ich hatte die Stones gehört, mich in einen Trainingsanzug gequetscht und mich wieder jung gefühlt. Ich hatte die alte Dame mit dem Hund wieder eingeholt und ihr beim Überholvorgang den Stinkefinger gezeigt. Ich war wieder ein Mann, der es mit fast allen aufnehmen konnte und entschied genau in diesem Moment, dass ich es am Anfang nicht gleich übertreiben sollte.

Voller Genugtuung stand ich also auf und machte mich auf den Weg zurück zum Auto. Zwar konnte ich meine Karre von hier noch immer am Seitenstreifen stehen sehen und auch die Oma mit dem Köter, kam mir just in diesem Augenblick ein drittes Mal entgegen, dennoch war ich mit meiner Leistung durchaus zufrieden. Ganz langsam setze ich einen Schritt vor den anderen, lächelte die Greisin, während ich an ihr vorbeitrottete, freundlich an und ordnetet den von ihr gezeigten „Scheibenwischer“ innerlich als Schabernack ein. Mit Kot bekleckert, schweißgetränkt aber glücklich erreichte ich sodann mein Auto, setze mich hinter das Steuer und es kam mir so vor als hätte sich der Raum, zwischen meinem Bauch und Lenkrad, tatsächlich ein wenig vergrößert.

Beim Schaller in der Muckibude

Auch ich habe mich jetzt angemeldet. Ich will Fit werden wie ein Turnschuh und ein Sixpack haben wie Brad Pitt in seinen besten Zeiten, weiß aber schon vorher das es nicht funktionieren wird. Trotzdem, ein bisschen weniger von der Wohlstands-Plauze wäre schon etwas Feines. Also ab in den SUV und die wenigen Kilometer bis zur Fitnessbude herunterrasseln. Sicherlich, man könnte auch mit dem Fahrrad hinschaukeln, aber man soll es am Anfang ja nicht gleich übertreiben, mit dem Sport, habe ich mir sagen lassen. Außerdem haben die Wetter-Experten, in einer der vielen Wetter-Apps, die ich auf meinem Smartphone, fein säuberlich, direkt auf der zweiten Seite angeordnet habe, bestimmt irgendwo was von Regen gesagt. Wenn ich ein Türke wäre, würde ich jedenfalls darauf schwören. „Vallah“.

Als ich also den Panzer auf dem Parkplatz der Bude vom Schaller, dem ehemaligen Geschäftspartner und/oder Busenfreund von Dr.Motte abstelle, erwartet mich die erste Freude des schweißtreibenden Abenteuers. Hier, an dieser Stelle ist eine Parkscheibe vonnöten, sagt mir ein überlebensgroßes Schild direkt am Anfang des Platzes. Ein bisschen kleiner, darunter stand noch irgendwas wie: „Ansonsten könnte es teuer werden“, oder dergleichen. Dass ich keines dabei habe erschließt sich dem geneigten Leser, respektive Zuhörer, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, schon im vorausgegangenem Satzbaustein. „Scheiß darauf“, sage ich zu mir selbst und denke: „Wird wohl schon keine von den Zettel-Tanten vorbeischauen, in der halben Stunde, die es braucht, bis meine Muskeln vor schmerzen schreien.“

Gesagt getan. Karre verriegeln und hinein ins Vergnügen…

Gesagt getan. Karre verriegeln und hinein ins Vergnügen. Am Drehkreuz zeigt sich das die Mitgliedskarte funktioniert, denn ein grünes Licht signalisiert mir, das mir Einlass gewährt wird in den heiligen Hallen der gestählten Arme. Das grüne LED-Biernchen sollte aber auch das einzige offizielle Feedback des Tages sein, das ich erhalte, denn einen Mitarbeiter der Bude, geschweige denn einen ausgebildeten Fitness-Trainer sucht man hier, um diese Uhrzeit, vergebens. Eine Dame, die in Ansätzen dann doch was mit dem Schaller oder zumindest seine Firma zu tun hat, bekomme ich dann doch noch vor das Gesicht. Nämlich dann, als ich schon schwitzend vor Anstrengung, die Treppe zur ersten Etage hinter mir gelassen habe und den Umkleideraum für Herren betrete.

Die Dame wird so um die sechzig sein, schiebt einen dieser Reinigungskarren, die gefüllt sind mit den Utensilien, die es braucht, um Böden, Wände und Scheißhäuser zu reinigen vor sich her und sieht nicht nur aus wie eine Putze, sondern ist auch eine. Sie schaut beim Wischen des gefliesten Bodens mit einem Auge auf den Selbigen und mit dem anderen auf den schrumpeligen Schwanz eines aufgepumpten Mannes um die vierzig, der sich ungeniert vor der Alten entblößte, um unter die Dusche zu springen und sich die Sonnenstudio-gebräunte Haut sauber zu rubbeln.

Ich bin froh, das ich mich schon daheim in den Trainingsanzug gequetscht habe…

Ich bin froh, dass ich mich schon daheim in den Trainingsanzug gequetscht habe und nur noch die Schuhe tauschen muss und hoffe das die notgeile, glotzende Schreckschraube, wenn ich mit meiner Einheit fertig bin, ihre Arbeit zur Gänze verrichtet hat. Ein weiteres Mal nehme ich die Treppe und gelange auf kürzestem Wege in den Fitness-Raum und lasse diesen am Absatz der Treppe kurz auf mich einwirken. Hier scheinen tatsächlich Menschen, die etwas von Ihrer Arbeit verstehen und nach dem Abschluss der Klötzchen-Aufbau-Schule, auf dem dritten Bildungsweg ihren Master in: „Wie lasse ich eine Mucki-Bude anschaulich erscheinen“, nachgeholt haben am Werke gewesen zu sein. „Nicht schlecht Herr Specht, sieht gut aus, Rainer!“

Nun aber genug des Lobes und ran an den Bauchspeck und zum warm werden ein bisschen aufs Laufband. Ich habe gehört das einige das tun und aus der Ferne sehe ich auch schon ein paar von Denen in Reih und Glied auf der Stelle laufen. Dass ich das auch draußen in freier Natur haben könnte, ist mir im übrigen durchaus bewusst, allerdings verzichte ich gerne auf die Scheiß-Sonne, die mir einen Sonnenbrand auf die wenig behaarte Birne zaubert, wenn ich obendrauf nicht eine Mütze drapiere, oder mir nicht eines dieser bescheuerten Kopftücher um die Murmel wickele.

Also rauf auf eines der Laufbänder…

Also rauf auf eines der Laufbänder, zwischen einer fetten Ollen in den Wechseljahren und einen dicklichen Mann in meinem Alter, deren Deo schon vor einer ganzen Weile versagt haben muss. Hier bin ich also in bester Gesellschaft und kann, nachdem ich mit meinen Wurstfingern das Programm am Display auf: „Absoluter Anfänger“ eingestellt habe, endlich loslegen. Das Band läuft an und meine Beine bewegen sich im Schneckentempo vor und zurück. Bei diesem Tempo kommt ja nicht einmal meine Oma ins Schwitzen, denke ich und fingere erneut am Display herum, bis ich schlussendlich eine Geschwindigkeit gefunden habe, die Augenscheinlich deutlich schneller ist, als die nebenan bei der Dame auf der linken Seite und auch ein bisschen beim unappetitlich riechenden Mann auf der rechten. Euch werde ich es zeigen.

Tatsächlich perlen mir aber schon nach kurzer Zeit, die ersten Schweißtropfen von der Stirn und tropfen ungalant auf das Display. Mein Atem geht schnell und ich spüre das meine Beine, langsam aber sicher, schweren werden. Der Stinker, neben mir auf dem Fließband des Grauens, scheint das Ganze besser zu verkraften als ich, denn aus dem Augenwinkel kann ich erkennen das sein Atem ganz ruhig geht und er konzentriert gerade aus schaut, und dabei unverständlicherweise lächelt, wie ein Idiot.

Doch noch gebe ich nicht auf…

Doch noch gebe ich nicht auf. Diese Blöße will ich mir nicht geben. Mindestens 15 Minuten, will ich in diesem Tempo auf dem Laufband verbringen. Erst nach Ablauf dieser von mir selbst gesetzten Frist hat mein Arsch wieder Pause. „Keine Sekunde vorher“, denke ich voller Überzeugung, stelle sodann aber entsetzt fest, das gerade einmal vier Minuten vergangen sind. „Das wird haarig, das wird schwer. Danach werde ich fertig sein, mit meinem Training“, denke ich und schäme mich schon jetzt für meine Unsportlichkeit. Ich werde wahrscheinlich aus den Laden schleichen ohne ein einziges, stählernes, Gewichte in die Höhe gestreckt zu haben und frustrierter sein als jemals zuvor in meinem Leben.

Nach acht vergangenen Minuten auf dem Folterband denke ich ans aufhören. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei und das Shirt, dass ich träge, ist bereits komplett durchgeschwitzt. „Vielleicht soll es heute noch nicht sein. Eventuell brauche ich noch ein bisschen Zeit. Jeder fängt halt klein an, und es ist auch noch kein Meister vom Himmel gefallen“, murmele ich leise vor mich hin und bin verzweifelt.
„Ich brauche mich nicht zu schämen. Vor nichts und niemanden brauche ich, als erwachsener Mann, Rechenschaft abzulegen“, hänge ich noch dran und habe mich fast selbst überzeugt. Doch noch laufe ich auf der Stelle und habe noch nicht den großen roten, an einen Not-Aus-Schalter an einer Maschinen erinnernden, Knopf gedruckt, der das Band zum Stoppen bringt.

Es taucht eine junge Frau in meinem Blickfeld auf…

Es taucht eine junge Frau in meinem Blickfeld auf. Sie geht zu einem Crosstrainer, der direkt vor meinem Laufband platziert ist. Trotz das meine Wadenmuskulatur brennt wie ein trockener Weihnachtsbaum und ich schnaufe wie eine alte Dampflok, versuche ich locker und lässig auszusehen. Die blondierte Schönheit stellt ihre riesige Wasserflasche auf den Boden und präsentiert mir dabei ihren perfekten, in einer hautengen Leggings verpackten Hintern und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. In diesem Augenblick sehe ich wahrscheinlich genauso bescheuert aus, wie das Stinktier nebenan, doch es ist mir mehr als egal.

Es gibt sie also wirklich. Frauen die genauso hübsch sind, wie die auf den Plakaten von dieser Bude und ich habe das Glück das so eine, direkt vor mir ihren hübschen Körper in Wallung bringen möchte. Nun verspüre ich wieder neue Energie. Die junge Göttin in der engen Buchse, wird unbewusst dafür Sorge tragen, dass ich die 15 Minuten schaffe. Mindestens. Endlich steigt sie auf das Gerät und bewegt ihre langen Beine auf den Pedalen nach vorne und hinten. Endlich kommt auch ihr Po in Bewegung und mir kommt es so vor, als würde die Leggings an einigen Stellen durchsichtig werden, wenn sie der durchtrainierte Körper dehnt. „Das muss ein Material aus der Weltraumforschung sein“, denke ich und versuche trotz meiner heraushängenden Zunge und meiner animalischen Geilheit, die nötige Contenance zu bewahren.

Als ich endlich mein Ziel erreich habe und das Band zum Stillstand bringe…

Als ich endlich mein Ziel erreicht habe und das Band zum Stillstand bringe, schnaufe ich tief durch und glotze weiterhin auf die sich schnell bewegenden Arschbacken der blonden Amazone, vor mir. Beton lässig, schwinge ich sodann mein Handtuch über die Schulter, schlendere so cool es mir mit den schmerzenden Beinen möglich ist, an den geilen Hintern vorbei und schenke dem dazugehörigen Gesicht mein freundlichstes aber anzüglichstes Lächeln und ernte dafür den ausgestreckten Mittelfinger, der Göttin in Pink. Fuck.

Nach dieser Niederlage, gebe ich mich für heute geschlagen, beschließe aber am nächsten Tag, um die gleiche Uhrzeit wiederzukommen. Instinktiv erhoffe ich mir, dass die Blondine mit der engen Hose wieder da ist. Ich mag es, wenn Frauen ihre Krallen ausfahren und lächele, während ich langsam die Treppen zur Umkleide hoch schleiche. Oben angekommen stelle ich erleichtert fest, dass die Reinigungsfrau tatsächlich nicht mehr da ist. Der Tag scheint also doch nicht so schlecht zu werden, wie es den Anschein gemacht hat. Ich ziehe mich aus, reinige meinen schmerzenden Körper unter der Dusche und fühle mich, nach der Reinigung, erfrischt und vital wie niemals zuvor. Beim Anblick meines nackten Körpers im Spiegel der Umkleide, scheint es mir, als hätte sich der Umfang meines stattlichen Bauches tatsächlich schon ein wenig verringert, doch mein Gehirn trübt meine Freude, indem es mir sagt, das ich mich täusche.

Trotzdem bin ich stolz auf mich und bringe…

Trotzdem bin ich stolz auf mich und bringe, als ich wieder angezogen bin, die wenigen Haare auf meinem Kopf, mit einem Kamm wieder in Form. Danach steige ich die Treppen herunter erhasche einen letzten Blick auf meinen „Crush“, wie die heutige Jugend wohl sagen würde und beobachte wie die Frau, die gefühlt zwanzig Jahre jünger ist als ich selbst, ihre Brustmuskulatur auf dem Butterfly in Form bringt. Gerne würde ich eine Kusshand zuwerfen, oder ihr zumindest zuwinken, verzichte aber darauf als ich ihren bösen Blick sehe, den sie aufgesetzt hat, als sie mich erblickte.

Ein bisschen frustriert, aber dennoch stolz auf meine sportliche Betätigung und mit der vollen Überzeugung in der Brust, dass ich die junge Frau in den nächsten Tagen wiedersehen werde, verlasse ich den Fitness-Tempel. Gemütlich schlendere ich über den Parkplatz zu meinem Auto, betätige die Zentralverriegelung und schmeiße lässig meine Sporttasche in den Kofferraum des SUVs. Mit der linken Hand öffne ich sodann die Fahrertür, schwinge meine Hintern lässig in die Furzkuhle des Fahrersitzes, schnalle mich an und starte mein Fahrzeug. Erst jetzt, entdecke ich das Knöllchen, das hinter den Scheibenwischer meine Windschutzscheibe, geklemmt ist, bringe den Motor wieder zum Stillstand und steige aus.

Der Blick auf den Betrag, den ich blechen soll…

Der Blick auf den Betrag, den ich blechen soll, weil ich keine Parkscheibe in mein Vehikel gelegt habe, bringt mich zum erschaudern. 30 Euro soll ich überweisen und das bitte schnellstmöglich, muss ich lesen und kann aus den Augenwinkeln erkennen, wie eine junge Frau, mit perfekten Körper, der auf dem Butterfly gestählt wird, lauthals zu lachen scheint, während sie in meine Richtung schaut. Wahrscheinlich kann sie sogar aus der Ferne, durch die Glasfassade der Fitnessbude erkennen, wie dem alternden Idioten, der sie gerade noch dämlich angemacht hat und lüstern ihren Körper begutachtete, sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen ist.

Wütend schmeiße ich den Schrieb auf den Beifahrersitz, starte erneut den Motor und brause vom Parkplatz. Verflogen ist all die Freude über meinen gestählten Körper. Verflogen ist die Vorfreude auf dem morgigen Tag, den ich wieder hier verbringen wollte. Unsympathisch erscheint mir die junge Fitness-Göre, mit ihrem leckeren Figürchen nun und egal ist mir meine fette Wampe. Tatsächlich spiele ich mit dem Gedanken, den ganzen Mist einfach ad acta zu legen und noch heute meine Vertrag, den ich mit Herrn Schaller geschlossen habe, zu kündigen, gestehe mir aber das Recht zu, mindestens noch eine Nacht drüber zu schlafen.

Die schönste Nebensache der Welt

Es ist schon mehr als verwunderlich. Es ist einfach nicht normal, irgendwie vom anderen Stern und ein Fehler in der Matrix. Da laufen elf Jungs, die gerade einmal der Pubertät entsprungen sind, auf dem Platz herum und haben die Aufgabe ein rundes Leder, möglichst geschickt im Tor der gegnerischen Mannschaft zu platzieren. Wichtig ist den Kickern dabei, dass die atemberaubende Frisur, die man selbst beim Nobelfriseur nur unter der Hand bekommt, auch nach und während der sportlichen Betätigung noch gut liegt. Damit die Frisur wirklich so bleibt, wird vor dem Spiel ein Gemisch aus Haarspray, Haarwachs, Haargel und eine geheime Substanz zusammengemischt und ins Haupthaar einmassiert. Die Herstellung und Zusammensetzung dieser Tinktur ist äußerst schwierig und wird ausschließlich in einem der vielen Fußballinternate geleert. Weitergehend ist es wichtig, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers an diversen Stellen mit Tattoos versehen ist, denn nur so ist es dem Balltreter möglich auch in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abzugeben und die Zahl, seiner unterbelichteten Follower, über die Demarkationslinie zu manövrieren.

Interessant ist, dass der Fußball auch in Sachen Bezahlung völlig anderes umgeht als jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Hier bekommt nämlich der Chef der Truppe, also der Trainer, nur ein Bruchteil dessen was der kleine Arbeitnehmer an der Bälle-Front verdient. Adaptiert auf ein kleines mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal in der Metallindustrie, würde das bedeuten, das montagmorgens der Dreher, der Schlosser und all die anderen Schergen mit ihren Porsches und Ferraris auf den Firmenparkplatz brausen und ihre Nobelkarossen auf die reservierten Parkplätze bugsieren und der Chef in einem zehn Jahre alten Opel Corsa auf das Gelände rollt. Diesen stellt er dann auf einen der hinteren Plätze, des Firmengeländes, weit weg vom Eingang der Ballerbude, unter einem der Bäume, dort wo einem immer die Vögel auf die Karre scheißen und schleicht mit gesenktem Blick ins Gebäude.

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack…

Auch in Sachen Frauen haben die Spieler durchaus Geschmack, zumindest was das optische Erscheinungsbild ihrer Begleiterinnen angeht. Aufgrund der immer gut gefüllten Brieftasche vom Kicker, bekommt auch der hässlichste Vogel in der Bundesliga eine Dame ab deren Figürchen durchaus, als Lecker zu bezeichnen ist. Tatsächlich sehen die meisten der Spielerfrauen dermaßen gut aus, das sie irgendeinen Job als Model oder Schauspielerin abgreifen konnten und dass in den meisten Fällen sogar ohne den kleinen Umweg über die Besetzungscouch zu nehmen. Selbst wenn am Abend die Schminke aus dem Gesicht geschabt wurde und sich das holde Weibchen, nackt wie Gott sie schuf, für den unausweichlichen Paarungsakt mit dem krummbeinigen Ballsportler auf die Chaiselongue niederlegt, ist der Kicker in der komfortablen Situation, auch beim Liebesspiel in der Missionarsstellung, das Gesicht der Gespielin nicht mit einem Handtuch abdecken zu müssen.

Selbst ein mittelmäßiges Spielerexemplar bekommt wöchentlich, im Durchschnitt, ungefähr die gleiche Kohle, die der kleine Malocher an der Werkbank im Jahr kassiert und das völlig zurecht. Ist der Spieler doch dermaßen hohen Belastungen ausgesetzt, die nur durch übermäßig viel Geld zu kompensieren sind. Darunter zählen die dauerhafte Trainings- und Spielbelastung, Reisebereitschaft im Privatjet und Unterbringung im Nobelhotel, Massagen und die beste ärztliche Betreuung, die es in der Bundesrepublik zu haben gibt, ausgewählte und exquisite Speisen, die von einem Sternekoch zubereitet werden, dauerhafte Avancen von willigen und hübschen Frauen und eine überdurchschnittliche Belastung der Schreibhand durch ständiges Unterschreiben von Kärtchen, mit eigenem Konterfei und vieles mehr. Bei diesem physischen und psychischen Stress verzeiht der geneigte Fan auch schon mal den einen oder anderen Fehltritt abseits des Platzes, des angebeteten Spielers. Dönerweitwurf im Delirium, jahrelanges Fahren ohne Führerschein in der Tasche, Pinkeln in der Hotellobby und das Vögeln von minderjährigen Prostituierten, die man extra für den Beischlaf hat einfliegen lassen, sind da nur einige wenige Beispiele. Dem Fan macht es nichts aus, solange der Kicker nur genügend Tore für die eigene Mannschaft schießt, oder wenigstens einen der gegnerischen Spieler, krankenhausreif, weg grätscht.

Lässt mein seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen…

Lässt man seinen fokussierenden Blick auf die Tribüne schweifen, findet der interessierte Beobachter eine merkwürdige Zusammenstellung. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die alle aus dem gleichen Grund den Weg ins Stadion gefunden haben und sich irgendwie, für die knapp 2 Stunden, unerklärlicherweise, gut verstehen. Da gibt es den malochenden Proleten, der sein letzte Hemd für den Verein geben würde, stolzer Dauerkartenbesitzer ist und jede Saison erneut den Fanshop aufsucht, sich das neueste Trikot über den Balg zerrt und auch sonst alles kauft, was irgendwie in den Farben des frenetisch unterstützen Vereins getüncht wurde. Dass die Familie daheim, auch in diesem Jahr mal wieder, auf den lang ersehnte Urlaub im Süden verzichten muss, die Kinder nicht den Nintendo, oder das neue Fahrrad zum Geburtstag bekommen und auch die Ehefrau zum Hochzeitstag zum wiederholten Male leer ausgeht, ist ihm dabei egal. Direkt neben dem Proleten findet sich ein finanziell etwas besser gestelltes Fan-Exemplar. Dieser Fan hat es irgendwie geschafft die mittlere Reife oder sogar das Abitur zu ergattern, sitzt auf der Arbeit in einem gepflegten Büro und delegiert hauptsächlich seine Untergebenen. Körperliche Arbeit lehnt er ab und selbst wenn in seinem Reiheneckhaus, in der etwas schöneren Ecke der Stadt arbeiten anfallen, führt er diese nicht selbst aus. Nein, er bestellt selbst für das Aufhängen eines Wandregals einen Handwerker, mit dem er nach der ausgeführten Tätigkeit, wie auf dem türkischen Basar, über den Preis feilscht. In Sachen Fanutensilien ist er nicht so gut ausgestattet wie der Prolet. Da aber auch der Mittelschichtler seine Zugehörigkeit, für jeden ersichtlich, zur Schau stellen möchte, trägt er über den Boss- oder Gant-Pullover einen dezenten Schal in Vereinsfarben, den er zu einem eleganten Knoten gebunden hat.

Ein mittlerweile selten gewordenes Fanexemplar ist der mit der Kutte und irgendeinen albernen Hut auf dem Kopf. Der meist männliche Fan, der mit einer Jeansweste, die über der eigentlichen Jacke getragen wird und mit Aufnähern des eigenen Vereins übersät ist und häufig bis zum Boden reicht, findet sich immer seltener. Übrig geblieben aus den 80er-Jahren, kommt aber auch er immer wieder auf die Tribüne, trinkt literweise Bier und ist voll und ganz auf die Mannschaft auf dem Platz fixiert. Die Weste, die er trägt, ist nicht nur von den darauf befindlichen Aufnähern, sondern auch von dem Schweiß, dem Bier, der Kotze und dem Blut der vergangenen Jahrzehnte dermaßen steif, das der Besitzer sie nach dem Spiel zu Hause nicht in den Schrank hängt, sondern einfach in eine Ecke des Wohnzimmers stellt. Ausschließlich emotionale Beweggründe hindern den alternden Fan daran die Kutte zu waschen. Früher hat er gerne vor dem Stadion randaliert und sich mit gleichartigen Exemplaren aus der gegnerischen Fangruppierung geprügelt. Heutzutage ist er aber meist friedlich, kommt zwar unrasiert und ungewaschen zum Fußballevent aber begnügt sich, freundlicherweise, mit Pöbeln und Saufen.

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan…

Dann gibt es da noch den meist komplett in Schwarz gekleideten Fan, der meist gänzlich auf Fankleidung verzichtet und auch sonst und im Allgemeinen gegen Kommerz und den Ausverkauf des Fußballs ist. Meist kommt er dafür aber mit riesengroßen Fahnen und Bannern ins Stadion, deren Lettern auch von der gegnerischen Tribüne ohne Fernglas zu lesen sind, aber dem heimischen Fan, der bemitleidenswerter Weise einen Platz hinter ihm hat, die komplette Sicht auf das Spielfeld nimmt. Er ist nicht nur für das nett anzusehende Feuerwerk, das er irgendwie an dem Ordner vorbei auf die Tribüne geschmuggelt und neben einem Familienvater mit Anhang entzündet, sondern auch für farbenfrohe, ausgeklügelte Choreografien, die er mit seinen Kumpels in einer abgedunkelten Garage zusammenklöppelt, häkelt oder sonst irgendwie zusammenschustert, verantwortlich. Gerne gibt er all sein Geld für Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft, gerne auch ins Ausland aus, schmeißt sich gelegentlich ein paar Wachmacher in die Figur und ist auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Ferner steht er auch im Winter gerne mit freien Oberkörper auf der Tribüne und schreit und singt voller Inbrunst alles nach was der Vorsänger, der es sich auf einem Tribünenzaun gemütlich gemacht hat, in sein Megafon plärrt.

Weitergehend tummeln sich auch ein paar Akademiker auf der Tribüne. Diese mischen sich gerne unerkannt in die Menschenmassen und sind kleidungstechnisch kaum in dem Pulk auszumachen. Gelegentlich „verkleiden“ sie sich wie der Prolet mit allem, was der Fanshop so hergibt, manchmal tragen sie nur einen Schal der Mannschaft um den Hals und selten kommen sie mit einer goldenen Anstecknadel mit Vereinsemblem, das sie am Revers ihres schwarzen Mantels oder Jacke tragen, daher. Der Akademiker nutzt das Stadion, um sich wenigstens alle zwei Wochen wie ein normaler Mensch zu fühlen. Hier braucht er sich nicht in Zurückhaltung zu üben, hier kann er saufen, ohne dass ihn jemand schräg anschaut, hier kann er ungestraft fluchen und lauthals Lieder singen. Lieder, deren Melodien er aus der Kindheit kennt, deren Texte aber ungehobelt, ja derb und wenn es um die gegnerische Mannschaft oder deren Fans geht, blutrünstig sind.

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe…

All diese Menschen vereint die immerwährende Liebe zum meist heimischen Verein, die unumstößliche Toleranz gegenüber den unterbelichteten Spielern, mit den komischen Frisuren auf dem Platz und den Hass auf die gegnerischen Fans. Wenn es auf dem Platz mal nicht so läuft und das eigene Team schlecht spielt, sind nur selten die Spieler Schuld. Immer ist es der Schiedsrichter, der einen Elfer nicht gegeben hat, der die Abseitsregel nicht kennt oder der den Spieler mit den meisten Tattoos, der gerade eben, dem Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft einen offenen Schienbeinbruch zugefügt hat, völlig unberechtigt vom Platz stellt. Die Fans sind sich einig, fühlen sich nicht nur auf dem Schlips getreten, sondern persönlich angegriffen und geben dem Arschloch in Schwarz alle Schuld dieser Welt und schreien heraus, dass sie wissen, wo sein Auto steht.