Schlagwort: Stadtmensch (Seite 1 von 1)

Der saftige Flattermann

“Hey du. Genau, dich meine ich. Komm doch mal rüber zu mir. Ich beobachte dich schon die ganze Weile von meinem Balkon aus. Wir kennen uns noch nicht gut, aber ich kann erkennen das du nicht nur gut aussiehst, sondern auch nett bist. Ich sehe so etwas sofort. Eine nette Nachbarin ist etwas Feines. Also gib dir einen Ruck, verlasse deine und komm in meine Wohnung. Ich habe auch Wein und Sekt und die neueste Scheibe von Rick Astley läuft bei mir rauf und runter.“

„Du kannst dir aber auch was mitbringen. Ein Getränk meine ich. Hier gibt es nur Wein und Perlwein. Es ist aber ein guter Wein. Ein leckeres, edles Tröpfchen. Aber vielleicht stehst du nicht auf Alkohol. Wenn du was Essen willst, ist das aber kein Problem. Es sei denn, du bist eine Vegetarierin, aber das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Aber auch ich kann mich mal irren, das ist ganz klar. Niemand ist perfekt. Ich schon gar nicht. Du, ja genau du, bist aber nahe dran. Also an der Perfektion, meine ich. Kommst du nun? Komm schon. Zier dich nicht. Ich habe gerade ein Hähnchen im Ofen. Dauert nicht mehr lange, bis die Schenkel und Flügel kross sind und das weiße Fleisch saftig.“

“Wir könnten und den Flattermann munden lassen…”

“Wir könnten uns den Flattermann munden lassen und ein Glas trinken. Wir könnten danach eine Zigarette rauchen, oder einen Joint und es uns gut gehen lassen. Wir könnten reden über die Roten, oder den Nachbarn aus der Dritten, der so stinkt und seinen Drahtesel ständig im Hausflur stehen lässt. Vielleicht würde dir auch eine Diskussion über das kapitalistische System, in das wir hineingeboren wurden, Freude bereiten. Ich bin da für fast alles offen. Klar, irgendwo sind Grenzen. Die hat sich ja jeder von uns gesetzt. Bewusst oder unbewusst. Da kann man schnell ins Fettnäpfchen treten und dem Anderen seine Gefühle verletzen.“

“Manchmal ist es besser sein Maul zu halten. Auch du solltest besser still sein, wenn du merkst, dass das Gespräch in eine falsche Richtung läuft. Du wirst merken, wann die Zeit fürs Schweigen gekommen ist. Ich halte dich für klug genug. Ich bin ein schlechter Schauspieler und kann meine Wut nur schlecht verbergen. Würde ein blinder mit dem Krückstock sehen, wenn mir etwas gegen den Strich geht und sich schnell aus dem Staub machen. Die Person würde es nicht wagen die Fresse aufzureissen und sich meiner Meinung entgegenzustellen.“

“Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch.”

„Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch. Ich möchte nicht, dass du bereits jetzt einen schlechten Eindruck gewinnst. Ich möchte nur direkt Klarheit schaffen. Bin ich immer gut gefahren, mit dieser Taktik. Ich hoffe, das kommt auch bei dir gut an. Nette Menschen bleiben halt bei der Wahrheit und lügen auch dann nicht, wenn es für eine Beziehung besser wäre. Einige behaupten aus diesem Grund, dass ich kein Taktgefühl habe und haben die Freundschaft mit mir aufgekündigt. Verlogene Menschen, die ich nicht benötige. Aber dich könnte ich gut gebrauchen. Zum Essen, zum Trinken zum Reden. Komm schon rüber. Ich bin einsam und sehne mich nach einem Menschen, der wie du bist.“

„Warum stehst du noch immer im Türrahmen deiner Wohnung und regst dicht nicht? Warum bewegst du dich nicht endlich, schmeißt dir auf die Schnelle einen Bademantel über dein kurzes Nachthemd und kommst mit rüber zu mir. Ich nehme dich gerne an die Hand. Wie gesagt, ist alles vorbereitet da drüben. Kannst du den Duft des frischen Fleisches im Ofen nicht wahrnehmen? Was gibt es noch für einen Grund zu zögern? Lass dich nicht täuschen von meinem Aussehen und von meinem Alter. Ich will heute lieb zu dir sein. Ich verspreche es dir.“

“Am Anfang ist es immer schwer.”

„Am Anfang ist es immer schwer. Man kennt sich nun mal nicht und weiß nicht wie der andere so tickt. Ich glaube dich zu kennen, weil ich dich vom ersten Tag an beobachtet habe. An dem Tag als du die schweren Kartons in die kleine Wohnung geschleppt hast und dir die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Eventuell kannst du dich erinnern, dass ich dich im Hausflur begrüßt habe. Ich habe dabei deinen Duft eingesogen. Erotisierend. Einen so gutriechenden, schönen Menschen muss man einfach immer ansehen. Eine Augenweide bist du und ich der Bulle der langsam über diese duftende Weide schlendert und sich am saftigen Gras labt. Niemals würde ich diesen Ort verlassen. Nie und nimmer.“

„Okay. Ich merke dir an, dass du noch nicht überzeugt bist. Ich bin ein reifer, erwachsener Mann und spüre deine ablehnende Haltung. Ich kann das für heute hinnehmen. Ich verzeihe dir und verstehe dich. Du bist ein gutes, wohlerzogene Mädchen. Du willst dich nicht so schnell hergeben. Das ist gut. Das ist eine Einstellung die mir gefällt und die mir dennoch noch mehr sagt, dass wir für einander geschaffen sind. Eine Studentin der Geisteswissenschaften. Eine Frau die weiß, was sie will. Doch ich bin mir sicher, dass du dich irgendwann für mich entscheiden wirst. Früher oder später werden wir vereint sein.“

“Ich werde nun gehen.”

„Ich werde nun gehen. Esse ich das Hähnchen eben allein. Tue mir bloß den einen Gefallen und leg dich wieder ins Bett und nimm mich mit, in deinen Träumen. Ich werde dir nichts antun, in dieser Nacht. Also ruf nicht wieder die Bullen. Mach das nicht. Du weißt, dass sie wieder fahren und nichts mit mir anstellen werden. Sie werden dir sagen, dass sie keine Handhabe haben. Es ist doch nichts passiert. Verriegele ruhig deine Tür. Ich werde nicht versuchen sie aufzubrechen, das liegt mir fern. Doch behalte immer im Hinterkopf, dass du mich nicht mehr loswirst. Ich bin immer bei dir.“

„Geh nun ins Bett und träume süß. Ich werde Essen und trinken und an dich denken. Du bist immer bei mir, auch wenn uns ein paar Türen trennen. Selbst wenn du es wagen solltest deine Wohnung heimlich zu verlassen, um dir eine neue Behausung zu suchen, bleibe ich bei dir. Nichts und niemand kann uns trennen. Ich werde dich aufspüren. In jeder Stadt, in jedem Land und auf jedem Kontinent. Liebe kennt keine Entfernung und Liebe kennt auch keine Grenzen. Meine Liebe zu dir ist Grenzenlos.“

Der miese Schreiberling

„Wer der schreibenden Zunft angehört, der hat doch immer Ideen. Wie kann es sonst sein, dass so einer, der immer mit dieser schrecklich runden Brille herumläuft mit seinen Büchern Geld verdient? Ein Auto hat der feine Herr auch noch. Scheint also wirklich kein schlechter Schreiberling zu sein. Wird schon seine Leser haben, der Typ mit der Brille. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein Buch von ihm kaufen? Wenn ich doch nur wüsste, unter welchem Pseudonym er sein Geschmiere auf den Markt bringt. Wird wohl kaum unter seinen wirklichen, also richtigen Namen – der Name der auch an seiner Wohnungstür steht – seine Schreibe veröffentlichen?“

„Ich bin mir wirklich und wahrhaftig gar nicht mal so sicher, ob er wirklich Bücher schreibt. Vielleicht ist der Spinner auch nur Blogger oder Journalist und macht einen auf Assange. Auf jeden Fall, höre ich ihn jeden Abend, auf so einer altmodischen Schreibmaschine tippen. Und das in der heutigen Zeit. Es gibt doch moderne Computer, die alles von selbst korrigieren. Mit dem richtigen Programm benötigt man keine Rechtschreibung und keine Schulbildung. Geht alles von allein. Mit großer Sicherheit sind gar keine Ideen mehr notwendig. Eine ausgeklügelte Software, mit einem von findigen Programmierern hinterlegten Algorithmus macht dann alles allein.“

“Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es…”

„Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es ihm. So einen, der tatsächlich schon vieles allein macht. Einen rundlichen Hochleistungsrechner mit angebissenem Apfel. Mich würde es nicht wundern, wenn er dann einfach ein altmodisches Eingabegerät angeschlossen hat. Eine Tastatur, die dieses klickende Geräusch macht, um uns alle zu täuschen. Um uns allen vorzugaukeln was für ein kluger, gebildeter Mann er doch ist, mit seiner Scheiß-Harry-Potter-Brille und dem albernen Bart.“

„Der treibt es noch auf die Spitze. Grüßt sogar immer freundlich im Hausflur, wenn er mir entgegenkommt. Als wenn ich nicht wüsste, was er für ein Geheimnis vor mir und den anderen Hausbewohnern verbirgt. Eines, das er teilt mit Millionen von Menschen, aber mich und alle anderen direkten Nachbarn mit seiner Anonymität ausschließt. Ein scheinheiliger Penner der sich einen Dreck um seine Nachbarn schert und uns einen riesigen, virtuellen Haufen Scheiße vor die Füße wirft. Die pure, bodenlose Provokation. Doch ich mache das nicht mehr lange mit, dass sollte jedem klar sein. Auch ihm. Besonders ihm.“

“Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein.”

„Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein. Ich werde mich nicht erneut täuschen lassen von seinem Lächeln und dem geheuchelten, friedfertigen Gruß. Nein, ich werde ihn zur Rede stellen und ihn auffordern ehrlich zu sein und direkt im Hausflur zu gestehen, dass er mit seinem radikalen Geschmiere das Volk anstachelt. Ich werde ihn so weit in die Ecke drängen, bis er alles zugibt. Er wird seinen Namen nennen und auch die seiner Komplizen, die dafür sorgen, dass er weiterhin zu Hause Sitzen kann, ohne auf die Arbeit zu gehen.“

„Auch von der Angst, die ihm dann ins Gesicht geschrieben steht, werde ich mich nicht blenden lassen. Er wird ein guter Schauspieler sein, um seine Haut zu retten. Er wird alles tun, damit er seine Tarnung nicht aufgeben muss. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen sich der Situation zu entziehen. Der Typ wird probieren sein Heil in der Flucht zu suchen, die Treppen hinauflaufen und seine Wohnungstür verrammeln. Er wird sich verschanzen wollen und alsbald den Computer hochfahren, um seine Meute auf mich zu hetzen. Doch ich werde all dies verhindern.“

„Wenn er diese Verhalten wirklich an den Tag legt und versucht zu verduften und mir keinerlei Antworten zu geben, wird er dafür büßen. Wie bereits erwähnt bin ich vorbereitet auf dies alles. Auch auf Aggression seinerseits. Ich werde dann einfach das mitgebrachte Messer ziehen. Das größte aus meiner umfangreichen Waffensammlung. Die Klinge ist schön lang. Über 20 cm blanker, extrem scharfer Stahl. Ich werde nicht lange fackeln. Nicht lange überlegen. Das Messer wird leicht in seinen Bauch gleiten. Das hellbraune Leinenhemd wird kein Hindernis sein und sich rapide dunkelrot verfärben.“

“Klar, der Hausflur wird dreckig sein.”

„Klar, der Hausflur wird dreckig sein. Sicherlich, ich werde kurzfristig den Ärger der Nachbarn auf mich ziehen. Sie werden wahrscheinlich noch weniger mit mir reden, als schon jetzt. Mir ausweichen. Doch das wird vorübergehen. Sie werden es verstehen und auf meiner Seite sein, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, davon bin ich überzeugt. Auch die Öffentlichkeit wird sich auf meine Seite schlagen und meine Tat als gerechtfertigt einstufen. Kann nicht anders sein. Das Volk wird auch darüber hinwegsehen, dass mein Vorstrafenregister lang ist und ich bereits in der Vergangenheit mit Gewalttaten gegen sogenannte Minderheiten und Andersartige aufgefallen bin.“

„Auch wenn der Staat mich einsperrt, weiß ich, dass ich das richtige getan habe. Ich lasse mich nicht verbiegen und bleibe auch unter Druck standhaft bei meiner Meinung. Es wird Menschen geben, die mir dankbar sein werden. Es wird Personen geben, die versuchen mir nachzueifern und daran arbeiten werden, die Welt von diesen Subjekten zu befreien. Auch das Fernsehen und die Medien im Allgemeinen werden mir dabei helfen. Sie werden mich besuchen wollen. Ich werde sodann in die Kamera lächeln und meine Thesen ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das niedrige Volk wird mir an den Lippen hängen und meine Weisheiten aufsaugen. Ich weiß es. “