Schlagwort: Urbanes Leben (Seite 1 von 2)

Der saftige Flattermann

“Hey du. Genau, dich meine ich. Komm doch mal rüber zu mir. Ich beobachte dich schon die ganze Weile von meinem Balkon aus. Wir kennen uns noch nicht gut, aber ich kann erkennen das du nicht nur gut aussiehst, sondern auch nett bist. Ich sehe so etwas sofort. Eine nette Nachbarin ist etwas Feines. Also gib dir einen Ruck, verlasse deine und komm in meine Wohnung. Ich habe auch Wein und Sekt und die neueste Scheibe von Rick Astley läuft bei mir rauf und runter.“

„Du kannst dir aber auch was mitbringen. Ein Getränk meine ich. Hier gibt es nur Wein und Perlwein. Es ist aber ein guter Wein. Ein leckeres, edles Tröpfchen. Aber vielleicht stehst du nicht auf Alkohol. Wenn du was Essen willst, ist das aber kein Problem. Es sei denn, du bist eine Vegetarierin, aber das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Aber auch ich kann mich mal irren, das ist ganz klar. Niemand ist perfekt. Ich schon gar nicht. Du, ja genau du, bist aber nahe dran. Also an der Perfektion, meine ich. Kommst du nun? Komm schon. Zier dich nicht. Ich habe gerade ein Hähnchen im Ofen. Dauert nicht mehr lange, bis die Schenkel und Flügel kross sind und das weiße Fleisch saftig.“

“Wir könnten und den Flattermann munden lassen…”

“Wir könnten uns den Flattermann munden lassen und ein Glas trinken. Wir könnten danach eine Zigarette rauchen, oder einen Joint und es uns gut gehen lassen. Wir könnten reden über die Roten, oder den Nachbarn aus der Dritten, der so stinkt und seinen Drahtesel ständig im Hausflur stehen lässt. Vielleicht würde dir auch eine Diskussion über das kapitalistische System, in das wir hineingeboren wurden, Freude bereiten. Ich bin da für fast alles offen. Klar, irgendwo sind Grenzen. Die hat sich ja jeder von uns gesetzt. Bewusst oder unbewusst. Da kann man schnell ins Fettnäpfchen treten und dem Anderen seine Gefühle verletzen.“

“Manchmal ist es besser sein Maul zu halten. Auch du solltest besser still sein, wenn du merkst, dass das Gespräch in eine falsche Richtung läuft. Du wirst merken, wann die Zeit fürs Schweigen gekommen ist. Ich halte dich für klug genug. Ich bin ein schlechter Schauspieler und kann meine Wut nur schlecht verbergen. Würde ein blinder mit dem Krückstock sehen, wenn mir etwas gegen den Strich geht und sich schnell aus dem Staub machen. Die Person würde es nicht wagen die Fresse aufzureissen und sich meiner Meinung entgegenzustellen.“

“Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch.”

„Eigentlich bin ich aber ein netter Mensch. Ich möchte nicht, dass du bereits jetzt einen schlechten Eindruck gewinnst. Ich möchte nur direkt Klarheit schaffen. Bin ich immer gut gefahren, mit dieser Taktik. Ich hoffe, das kommt auch bei dir gut an. Nette Menschen bleiben halt bei der Wahrheit und lügen auch dann nicht, wenn es für eine Beziehung besser wäre. Einige behaupten aus diesem Grund, dass ich kein Taktgefühl habe und haben die Freundschaft mit mir aufgekündigt. Verlogene Menschen, die ich nicht benötige. Aber dich könnte ich gut gebrauchen. Zum Essen, zum Trinken zum Reden. Komm schon rüber. Ich bin einsam und sehne mich nach einem Menschen, der wie du bist.“

„Warum stehst du noch immer im Türrahmen deiner Wohnung und regst dicht nicht? Warum bewegst du dich nicht endlich, schmeißt dir auf die Schnelle einen Bademantel über dein kurzes Nachthemd und kommst mit rüber zu mir. Ich nehme dich gerne an die Hand. Wie gesagt, ist alles vorbereitet da drüben. Kannst du den Duft des frischen Fleisches im Ofen nicht wahrnehmen? Was gibt es noch für einen Grund zu zögern? Lass dich nicht täuschen von meinem Aussehen und von meinem Alter. Ich will heute lieb zu dir sein. Ich verspreche es dir.“

“Am Anfang ist es immer schwer.”

„Am Anfang ist es immer schwer. Man kennt sich nun mal nicht und weiß nicht wie der andere so tickt. Ich glaube dich zu kennen, weil ich dich vom ersten Tag an beobachtet habe. An dem Tag als du die schweren Kartons in die kleine Wohnung geschleppt hast und dir die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Eventuell kannst du dich erinnern, dass ich dich im Hausflur begrüßt habe. Ich habe dabei deinen Duft eingesogen. Erotisierend. Einen so gutriechenden, schönen Menschen muss man einfach immer ansehen. Eine Augenweide bist du und ich der Bulle der langsam über diese duftende Weide schlendert und sich am saftigen Gras labt. Niemals würde ich diesen Ort verlassen. Nie und nimmer.“

„Okay. Ich merke dir an, dass du noch nicht überzeugt bist. Ich bin ein reifer, erwachsener Mann und spüre deine ablehnende Haltung. Ich kann das für heute hinnehmen. Ich verzeihe dir und verstehe dich. Du bist ein gutes, wohlerzogene Mädchen. Du willst dich nicht so schnell hergeben. Das ist gut. Das ist eine Einstellung die mir gefällt und die mir dennoch noch mehr sagt, dass wir für einander geschaffen sind. Eine Studentin der Geisteswissenschaften. Eine Frau die weiß, was sie will. Doch ich bin mir sicher, dass du dich irgendwann für mich entscheiden wirst. Früher oder später werden wir vereint sein.“

“Ich werde nun gehen.”

„Ich werde nun gehen. Esse ich das Hähnchen eben allein. Tue mir bloß den einen Gefallen und leg dich wieder ins Bett und nimm mich mit, in deinen Träumen. Ich werde dir nichts antun, in dieser Nacht. Also ruf nicht wieder die Bullen. Mach das nicht. Du weißt, dass sie wieder fahren und nichts mit mir anstellen werden. Sie werden dir sagen, dass sie keine Handhabe haben. Es ist doch nichts passiert. Verriegele ruhig deine Tür. Ich werde nicht versuchen sie aufzubrechen, das liegt mir fern. Doch behalte immer im Hinterkopf, dass du mich nicht mehr loswirst. Ich bin immer bei dir.“

„Geh nun ins Bett und träume süß. Ich werde Essen und trinken und an dich denken. Du bist immer bei mir, auch wenn uns ein paar Türen trennen. Selbst wenn du es wagen solltest deine Wohnung heimlich zu verlassen, um dir eine neue Behausung zu suchen, bleibe ich bei dir. Nichts und niemand kann uns trennen. Ich werde dich aufspüren. In jeder Stadt, in jedem Land und auf jedem Kontinent. Liebe kennt keine Entfernung und Liebe kennt auch keine Grenzen. Meine Liebe zu dir ist Grenzenlos.“

Der miese Schreiberling

„Wer der schreibenden Zunft angehört, der hat doch immer Ideen. Wie kann es sonst sein, dass so einer, der immer mit dieser schrecklich runden Brille herumläuft mit seinen Büchern Geld verdient? Ein Auto hat der feine Herr auch noch. Scheint also wirklich kein schlechter Schreiberling zu sein. Wird schon seine Leser haben, der Typ mit der Brille. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein Buch von ihm kaufen? Wenn ich doch nur wüsste, unter welchem Pseudonym er sein Geschmiere auf den Markt bringt. Wird wohl kaum unter seinen wirklichen, also richtigen Namen – der Name der auch an seiner Wohnungstür steht – seine Schreibe veröffentlichen?“

„Ich bin mir wirklich und wahrhaftig gar nicht mal so sicher, ob er wirklich Bücher schreibt. Vielleicht ist der Spinner auch nur Blogger oder Journalist und macht einen auf Assange. Auf jeden Fall, höre ich ihn jeden Abend, auf so einer altmodischen Schreibmaschine tippen. Und das in der heutigen Zeit. Es gibt doch moderne Computer, die alles von selbst korrigieren. Mit dem richtigen Programm benötigt man keine Rechtschreibung und keine Schulbildung. Geht alles von allein. Mit großer Sicherheit sind gar keine Ideen mehr notwendig. Eine ausgeklügelte Software, mit einem von findigen Programmierern hinterlegten Algorithmus macht dann alles allein.“

“Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es…”

„Eventuell hat er doch einen Computer. Zuzutrauen wäre es ihm. So einen, der tatsächlich schon vieles allein macht. Einen rundlichen Hochleistungsrechner mit angebissenem Apfel. Mich würde es nicht wundern, wenn er dann einfach ein altmodisches Eingabegerät angeschlossen hat. Eine Tastatur, die dieses klickende Geräusch macht, um uns alle zu täuschen. Um uns allen vorzugaukeln was für ein kluger, gebildeter Mann er doch ist, mit seiner Scheiß-Harry-Potter-Brille und dem albernen Bart.“

„Der treibt es noch auf die Spitze. Grüßt sogar immer freundlich im Hausflur, wenn er mir entgegenkommt. Als wenn ich nicht wüsste, was er für ein Geheimnis vor mir und den anderen Hausbewohnern verbirgt. Eines, das er teilt mit Millionen von Menschen, aber mich und alle anderen direkten Nachbarn mit seiner Anonymität ausschließt. Ein scheinheiliger Penner der sich einen Dreck um seine Nachbarn schert und uns einen riesigen, virtuellen Haufen Scheiße vor die Füße wirft. Die pure, bodenlose Provokation. Doch ich mache das nicht mehr lange mit, dass sollte jedem klar sein. Auch ihm. Besonders ihm.“

“Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein.”

„Wenn ich ihn das nächste Mal begegne, werde ich vorbereitet sein. Ich werde mich nicht erneut täuschen lassen von seinem Lächeln und dem geheuchelten, friedfertigen Gruß. Nein, ich werde ihn zur Rede stellen und ihn auffordern ehrlich zu sein und direkt im Hausflur zu gestehen, dass er mit seinem radikalen Geschmiere das Volk anstachelt. Ich werde ihn so weit in die Ecke drängen, bis er alles zugibt. Er wird seinen Namen nennen und auch die seiner Komplizen, die dafür sorgen, dass er weiterhin zu Hause Sitzen kann, ohne auf die Arbeit zu gehen.“

„Auch von der Angst, die ihm dann ins Gesicht geschrieben steht, werde ich mich nicht blenden lassen. Er wird ein guter Schauspieler sein, um seine Haut zu retten. Er wird alles tun, damit er seine Tarnung nicht aufgeben muss. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen sich der Situation zu entziehen. Der Typ wird probieren sein Heil in der Flucht zu suchen, die Treppen hinauflaufen und seine Wohnungstür verrammeln. Er wird sich verschanzen wollen und alsbald den Computer hochfahren, um seine Meute auf mich zu hetzen. Doch ich werde all dies verhindern.“

„Wenn er diese Verhalten wirklich an den Tag legt und versucht zu verduften und mir keinerlei Antworten zu geben, wird er dafür büßen. Wie bereits erwähnt bin ich vorbereitet auf dies alles. Auch auf Aggression seinerseits. Ich werde dann einfach das mitgebrachte Messer ziehen. Das größte aus meiner umfangreichen Waffensammlung. Die Klinge ist schön lang. Über 20 cm blanker, extrem scharfer Stahl. Ich werde nicht lange fackeln. Nicht lange überlegen. Das Messer wird leicht in seinen Bauch gleiten. Das hellbraune Leinenhemd wird kein Hindernis sein und sich rapide dunkelrot verfärben.“

“Klar, der Hausflur wird dreckig sein.”

„Klar, der Hausflur wird dreckig sein. Sicherlich, ich werde kurzfristig den Ärger der Nachbarn auf mich ziehen. Sie werden wahrscheinlich noch weniger mit mir reden, als schon jetzt. Mir ausweichen. Doch das wird vorübergehen. Sie werden es verstehen und auf meiner Seite sein, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, davon bin ich überzeugt. Auch die Öffentlichkeit wird sich auf meine Seite schlagen und meine Tat als gerechtfertigt einstufen. Kann nicht anders sein. Das Volk wird auch darüber hinwegsehen, dass mein Vorstrafenregister lang ist und ich bereits in der Vergangenheit mit Gewalttaten gegen sogenannte Minderheiten und Andersartige aufgefallen bin.“

„Auch wenn der Staat mich einsperrt, weiß ich, dass ich das richtige getan habe. Ich lasse mich nicht verbiegen und bleibe auch unter Druck standhaft bei meiner Meinung. Es wird Menschen geben, die mir dankbar sein werden. Es wird Personen geben, die versuchen mir nachzueifern und daran arbeiten werden, die Welt von diesen Subjekten zu befreien. Auch das Fernsehen und die Medien im Allgemeinen werden mir dabei helfen. Sie werden mich besuchen wollen. Ich werde sodann in die Kamera lächeln und meine Thesen ungefiltert in die Welt hinausposaunen. Das niedrige Volk wird mir an den Lippen hängen und meine Weisheiten aufsaugen. Ich weiß es. “

Doppelschrei 2021

Ein Junge. 10 Jahre alt und noch grün hinter den Ohren. Eine Klassenarbeit, die in die Hose ging. Ein Pfeife-rauchender Vater, der immer Hemden trägt. Gerne kariert, selten einfarbig. Grobe, schwielige Hände die von dicken Adern durchzogen sind. Von der schweren Arbeit gestählte Arme. Ein Stuhl ein Tisch und Stille.

Das Klassenheft liegt auf dem Tisch, ansonsten ist er leer. Das Heft ist voller roter Striche und Anmerkungen des Lehrers. Das Diktat war einfach zu schwer. Viele Wörter, die der Junge niemals vorher schrieb. Fehler über Fehler. Zwei Seiten sind beschrieben worden. Große, krakelige Schrift. 45 Fehler hat der Lehrer des Gymnasiums gefunden. Die Meinung des Vaters ist klar. Viel zu viele sind es. Zorn und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Junge soll einmal ein besseres Leben haben als er selbst. Studieren, Geld verdienen und der arbeitenden Klasse entfliehen. Ein Einfamilienhaus mit Garten, keine beengte Behausung im Arbeiterviertel mit schrägen Wänden, abgewetzten Teppich und Kohleofen. Gut soll es ihm gehen. Etwas darstellen soll er. Menschen sollen zu ihm aufschauen. Doch nichts wird wahr, von all dem, mit 45 Fehlern in einem einfachen Diktat.

Wut. Durchgestreckte Arme. Weiße, gespannte Haut über den Knochen der Fäuste. Ausholen, zuschlagen und der Wut freien Lauf lassen. Schreien, weinen, betteln und winseln. Geräusche die, die Raserei des Vaters anspornen. Ein elendes Weichei. Nichts wird aus dem schönen Leben, wenn man sich wie ein winselnder Hund auf dem Boden wälzt. Hart muss man sein. Hart wie Krupp Stahl. Das pflegte schon sein eigener Vater zu sagen. Ein schwerer Schlag auf den Kopf. Ein Tritt in den sich windenden Körper.

Blut tropft aus der Nase auf den alten Teppich. Wieder auf die gleiche Stelle. Blut geht so schlecht raus. Die Mutter wird wieder einmal kräftig scheuern müssen, um die Schönheit des alten Teppichs erneut herzustellen.

Die Schläge hören auf. Durch das dumpfe, rhythmische pochen im Kopf des Jungen, ist der schnelle Atem des Vaters zu hören. Er schnauft vor Anstrengung. In seinem Gesicht kann man Genugtuung erkennen. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Junge kann es nicht deuten, aber er sieht es ganz deutlich in den Augen des Vaters. Nur ganz kurz, aber unverkennbar. Es sollten noch Jahre vergehen, bis er verstand, was es war, das in den kurzen Moment nach den Schlägen und Tritten in den Augen des Vaters aufblitze.

Ich glotz TV im Plattenbau

Ein Hochhaus das 14 Etagen hat und irgendwo im Ruhrpott steht. Graue, kerzengerade Wände, Fenster an Fenster und Balkon an Balkon. Im unteren Bereich zieren Graffiti den tristen Bau. Wenige Laternen erhellen die Umgebung rund um das Haus nur minimal. Dunkle Ecken und ein finsterer, enger Durchgang zum Hinterhof runden das Bild der Siedlung ab. Im Hof vertrieben sich Jugendliche ihre Langeweile. Sie sind gezwungen hier zu wohnen und sitzen rauchend auf dem Schaukelpferdchen für die Kleinen oder trinken Alkopops auf den Bänken, die rund um den Sandkasten aufgestellt wurden. Auch der eine oder andere Joint wandert schon mal durch die Hände der jungen Menschen. Kinder, für die dieser Platz eigentlich geschaffen wurde, trauen sich hier schon lange nicht mehr hin.

In der fünften Etage sind die Friedrichs zu Hause. Eine junge Familie mit drei Kindern und einem Vater der als Elektriker sein Geld verdient. Die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Wunschkinder der Familie. Geld haben sie wenig, aber es reicht, um die monatlichen Rechnungen zu begleichen und satt zu werden. Gelegentlich ist auch das eine oder andere Spielzeug für die Kinder drin. Meist sind die kleinen Geschenke, die der Vater besorgt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, gebraucht. Trotzdem strahlen die Kinder jedes Mal, wenn der Vater seine Mitbringsel auspackt und für einen kurzen Moment ist der ansonsten frustrierte Arbeiter glücklich. Jedes Kind bekommt etwas, dass in etwa den gleichen materiellen Wert aufweist. Der Vater will keinen Streit unter den Kindern und achtet penibel auf die Wertigkeit der Präsente, die er meist auf dem Flohmarkt besorgt.

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach…

Die Einrichtung der Wohnung ist einfach. Auch die Möbel wurden gebraucht gekauft und sind bunt durcheinander gewürfelt. Im Wohnzimmer findet man ein großes Ecksofa in Rot, eine Schrankwand mit zwei Glastüren in Weiß und einen abgewetzten Teppich in Blau. Nur das Fernsehgerät der Marke Samsung wurde neu erworben. Lange hat die Familie gespart und auf Urlaub verzichtet, um sich das 65 Zoll große Gerät zu leisten.

Nun läuft der Apparat den ganzen Tag und alle Familienmitglieder sind der gleichen Meinung: Für dieses Gerät zu sparen und zu verzichten hat sich wirklich gelohnt. Groß, protzig und ein Bild das sich, im wahrsten Sinne des Wortes, sehen lassen kann. Ultra HD, Tripple Tuner und auch internetfähig ist die flache Flimmerkiste. Tagsüber, wenn der Vater auf der Arbeit ist und die Kinder die nahe gelegene Hauptschule besuchen, läuft der Shopping-Kanal und die Hausfrau kann beim Wischen, Waschen, Bügeln und beim Saugen von Dingen träumen, die sie sich nicht leisten kann.

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen…

Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, werden die Hausaufgaben im Wohnzimmer vor dem laufenden Fernseher erledigt. Die Mutter hat nichts dagegen denn sie ist der Meinung, dass Fernsehen nicht nur unterhaltsam ist, sondern in erster Linie bildet. Fast ihr gesamtes Fachwissen rund um die Haushaltsführung hat sie sich beim Fernsehen angeeignet. Dass ihre Kinder Sendungen schauen, die für Ihr Alter nicht geeignet sind oder Programme glotzen, die doch nicht zur Aneignung von Allgemeinwissen geeignet sind, interessiert die Hausfrau wenig bis gar nicht. Wissen hätten die Kinder zwar dringend nötig, aber der Dame des Hauses erscheint es wichtiger, dass die Kinder glücklich und zufrieden wirken und gelegentlich auch einfach mal die Fresse halten und sie in Ruhe lassen.

Besonders jetzt. Es muss gekocht werden, denn das übergewichtige Oberhaupt der Familie ist auf dem Weg nach Hause. Jeden Tag meldet er sein Erscheinen im heimeligen Plattenbau fernmündlich an, denn er bringt einen Bärenhunger mit nach Hause und will auf sein wohlverdientes Essen nicht allzu lange warten. Noch im Blaumann und mit ein paar Lüsterklemmen in der Hosentasche nimmt der Malocher dann auf der Couch neben seiner Frau und den Kindern platz. Gegessen wird nämlich, wie soll es anders sein, ebenfalls im Wohnzimmer vor der Glotze. Nun laufen Serien wie: „Berlin-Tag & Nacht“, „Der Trödeltrupp“, „Betrugsfälle“, „Der Blaulichtreport“ oder „Sterne von Berlin“ und bringen die gesamte Familie in Verzückung.

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe…

Nach dem Abendessen versammelt sich die gesamte Sippe ein weiteres Mal auf dem Sofa, futtert scheffelweise Chips, Popcorn, Erdnüsse und tafelweise Schokolade und erfreut sich an Sendungen wie: „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“, „Das Supertalent“, und „Deutschland sucht den Superstar“. Alle sind sodann entzückt von den doofen Menschen, die sich in den Unterhaltungsshows regelmäßig zum Affen machen. Dann und wann verdrücken die Friedrichs auch ein paar Tränen. Vor Rührung ganz starr, verfolgen sie dann gebannt die Handlungen des Kandidaten auf der Bühne, der nicht nur gut aussieht, sondern zusätzlich noch die Fähigkeit besitzt, gelegentlich den richtigen Ton beim Singen zu treffen.

Wenn zum späten Abend die Kinder endlich im Bett liegen und sich auf den anstrengenden Tag in der Schule vorbereiten und sich auch die Frau mit Migräne im Schlafgemach verbarrikadiert hat, kommt die Zeit des Familienoberhaupts. Der schwer arbeitende Mann holt sich dann eine eiskalte Dose Bier aus dem Kühlschrank und macht es sich, bewaffnet mit einem Stück Pizza vom Vortag, auf der Couch vor dem riesigen Fernseher bequem. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde damit verbracht hat durch die Kanäle zu zappen, bleibt er dann doch, wie fast am jeden Abend, auf Sport 1 hängen und verfolgt die anmutigen Bewegungen der freizügigen Damen, die die Hauptrollen bei den „Sexy Sport Clips“ spielen, kratz sich dabei am Gemächt und träumt von einer besseren Welt.

Die bärtige Martina

Es war einer dieser Tage, an denen keiner meiner Kumpels Zeit zum Saufen finden konnte. Es war nicht Freitag und auch nicht Samstag, dennoch hatte ich das Verlangen mir nicht zu wenige Biere und ein paar Schnäpse in den Rachen zu schütten. Ich hängte mich also ans Telefon und druckte die Tasten des betagten Gerätes, mehrere male. Ich sprach mit Tim, ich sprach mit Marc, ich quatschte mit Leo und auch mit Benny doch niemand hatte Zeit. Einige mussten am nächsten Tag arbeiten, andere hatten ihre Geschäfte am Laufen und wieder andere wollten den Tag auf der Couch vor der Glotze, oder auf ihrer Alten verbringen.

Da mir aber die Decke auf dem Kopf fiel und ich auch keine Kippen mehr in der Schachtel hatte, musste ich handeln. Ich warf mir also ein paar Klamotten über, gelte mir die Haare nach hinten und verließ die kleine, muffige Wohnung nur allzu gerne. Ich wohnte am Rande der Innenstadt. Den Weg ins Innere der City legte ich im Normalfall mit der U-Bahn zurück. So auch heute. Ich nahm einen kleinen Umweg in Kauf und machte kurz Halt an Theos Bude. Theo reichte mir, ohne danach gefragt zu haben, die Schachtel mit den Glimmstengeln durch das kleine Fenster, verabschiedetet sich und verriegelte die Luke wieder. Man kennt und versteht sich ohne Worte.

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran…

Hurtig steckte ich mir eine Zigarette an und zog gierig daran. Ich hatte mächtig Schmacht. Ich rauchte einfach schon zu lange und zu viel. Wie an einem Band gezogen ging ich dabei weiter. Der Weg zur U-Bahn-Station war kurz und so rauchte ich noch als ich die vielen Treppen zum Bahngleis hinunterstieg. Das hier herrschende Rauchverbot interessierte mich nicht die Bohne. Unten angekommen nahm ich die nächstbeste Bahn. Hier fuhren alle der rot-weißen, mit Graffiti übersäten Beförderungsmittel auf Schienen zum Hauptbahnhof. Gut so.

Ich setzte mich auf einer der freien Sitzplätze, mit abgewetzten zum Teil eingeschnittenen Polster, neben einer betagten, uralten Dame. Sie hatte auffallend viele Falten im Gesicht und ihre Augen waren Müde und sehnten sich nach dem Tod. Sie beachtete mich nicht. Mein Blick wanderte durch die Bahn und ich schaute in viele gelangweilte Gesichter. Niemand unterhielt sich, oder suchte Blickkontakt zu seinem Gegenüber. Die drei Stationen flogen an mir vorbei, als wären sie nichts und ich stieg aus.

Im Bahnhof herrschte reges Treiben…

Im Bahnhof herrschte reges Treiben. An diesem Ort haben es alle Menschen eilig und wuseln herum, mit Koffern und Taschen in den Händen und Rucksäcken auf den Rücken und versuchen auf schnellsten Wege irgendwo hinzugelangen. Zum nächsten Gleis, zum Busbahnhof zur Verabredung mit dem neuen Stecher im Schnellrestaurant mit dem roten M, oder wie ich in die Kneipe. Umbemerkt passte ich mich dem Tempo der Masse an und durchquerte im Stechschritt die langen unterirdischen Gänge bis ich endlich eine Rolltreppe fand, die mich hinaufbeförderte und schlussendlich ins Freie entließ.

Oben angekommen ging es wieder gemäßigter zu und auch ich setzte wieder im normalen Tempo einen Fuß vor den anderen. Ich steuerte die Kneipe an, in der ich gerne mein Wochenende verbrachte und einige Bekanntschaften hatte. Windige Burschen, abgewrackte Frauen und tätowierte Taugenichtse. Menschen mit Charakter und spannenden zu erzählenden Geschichten und einer meist miesen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Woche war ich hier noch nie und ich wusste nicht, was mich erwartete.

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte…

Es war kurz nach sieben, am frühen Abend, als ich die Kneipe erreichte und an der Fensterfront vorbeischlich. Im Gegensatz zum Wochenende schien nicht viel los zu sein. An Freitagen und an Samstagen war um diese Uhrzeit schon die Hölle los. Aus der Kneipe waberte dann laute Musik, vor der Tür standen Leute tranken Bier und unterhielten sich lautstark und wurden misstrauisch vom muskelbepackten Türsteher, der auf seinem Hocker vor der Tür saß, beäugt. Heute war nichts davon zu sehen.

Als ich durch die Tür trat und mich ins dunklere, verrauchte Innere begab, fand ich die elende, schmierige Kaschemme fast leer vor. Es waren genau vier Personen anwesend, wovon eine die Wirtin namens Brunhilde war. Diese war im hiesigen Nachtleben bekannt wie ein bunter Hund und hatte schon einige unschöne Szenen miterlebt. Ich bildete mir ein zu wissen, dass sie sich nicht selten einen schöneren Verlauf ihres eigenen Daseins wünschte, schob den Gedanken aber schnell beiseite als ich an den Tresen trat, sie begrüßte und ein großes Bier bestellte.

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei…

Neben mir am Tresen standen die anderen Drei. Es waren allesamt Männer. Der Erste war untersetzt, hatte einen gezwirbelten Schnauzbart und grau melierte, gepflegte Haare. Der Zweite im Bunde war lang und dünn und trug einen Hut auf den Kopf, wie man ihn sonst meist mit Humphrey Bogart aus Casablanca verbindet. Der dritte und letzte der drei Haudegen, war unscheinbar und eher zierlich, trug aber einen markanten buschigen Vollbart im Gesicht und hatte wache, aufmerksame Augen. Er bemerkte sofort, dass ich das Trio beobachtet hatte und ich fühlte mich ertappt.

Als das Bier vor mir stand, setzte ich den Humpen an, nahm einen großen Schluck und stellte danach das große Glas behutsam auf den noch strichfreien Deckel. Im Anschluss daran steckte ich mir eine weitere Kippe in den Mundwinkel und entzündete diese mit einem Streichholz. Ich versuchte mich nur auf das Rauchen und das Saufen zu konzentrieren und kein weiteres Mal zu den anderen hinüberzuschauen. Die drei waren damit beschäftigt zu knobeln. Sie hatten schon einige intus. Ich hörte es an ihrem Lachen und ihrem lallenden Geschwafel.

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir einen Pause machten und rauchten…

Als ich mein erstes Bier fast zur Gänze geleert hatte und die Mannen neben mir eine Pause machten um zu rauchen, spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Es war der mit dem buschigen Bart. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte: „Komm doch rüber zu uns und drehe ein paar Würfelbecher. Du wirst merken, die niederträchtige Zeit geht viel schneller vorbei und das Bier schmeckt in einer geselligen Runde noch ein wenig besser.“ Erstaunt blickte ich in sein Gesicht, nickte, stand auf und erwiderte: „Da könntest du wirklich recht haben.“

Ich gesellte mich zu ihnen und ließ mich ein mit den merkwürdigen Männern, die genauso wie ich einen Tag in der Woche auserkoren hatten, um sich zu besaufen. Einer nach den anderen stellte sich vor. Der mit dem Hut hieß Reiner und paffte eine stinkende Zigarre. Der mit dem Schnäuzer stellte sich als Peter vor und stürzte danach einen Doppelkorn hinunter. Der bärtige hieß Martin, bestand aber darauf, Martina genannt zu werden. Ich war erstaunt beließ es aber vorerst dabei.

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher…

Die Wirtin brachte einen vierten Würfelbecher, stellte ihn merkwürdig lächelnd vor mich ab und verschwand wieder in die uns gegenüberliegende Ecke des Tresens, setze sich auf ihren Hocker mit rotem Kissen und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. Bevor wir das Spiel starteten, hatte ich mich in der Toilette versichert, dass ich genug Geld dabei hatte, um in Falle einer oder mehrerer Niederlagen beim Würfeln meinen Deckel zu begleichen. Allerdings war es mir mit Sicherheit vergönnt, im ganz großen Notfall, bei Brunhilde einen Deckel zu machen und diesen am Freitag zu begleichen. Man kennt sich eben und versteht sich meist ohne viele Worte.

Mit eingeübten Bewegungen schüttelten wir Würfel, drehten Becher und hauten diese ungalant auf den Tisch. Einmal verlor Peter und schlug mit der flachen Pranke brachial auf den Tresen. Brunhilde blickte kurz von ihrem Boulevard-Blättchen auf, um uns einen bösen Blick zuzuwerfen, beließ es aber bei dieser nonverbalen mahnenden Warnung. Anschließend verlor Rainer, paffte seinen Stumpen und zahlte artig die nächsten Biere für uns. Dann war ich an der Reihe. Gleich zwei aufeinanderfolgende Male verlor ich. Schock aus, Schock 6, Schock 6. Was soll man dem entgegensetzen? Ich musste also doppelt blechen.

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit…

Langsam aber sicher füllte sich der Deckelrand mit unschönen Strichen. Netterweise fing immerhin das Bier an zu schmecken und wurde spürbar in der Blutbahn. Gut so. Dann, als wir noch ein paar weitere Runden gezockt hatte, sind wir übergegangen von Bier auf Doppelkorn. Wir konnten einfach nicht mehr so schnell das viele Bier herunterkippen, wie wir unsere Runden verloren. Ich wusste, dass es ein teurer Abend wird, noch bevor Rainer vom Hocker rutschte und auf dem klebrigen Boden vor dem Tresen liegen blieb.

Vorsichtig hoben wir Rainer auf und bugsierten ihn auf eine Sitzbank im hinteren Teil der Kneipe. Er solle sich ausruhen, gaben wir ihm mit auf dem Weg, aber er reagierte nicht auf die Ansprache. Trotzdem widmeten wir uns wieder unserem Bier. „Morgen früh, spätestens um fünf, ist der aber weg“, blaffte Brunhilde und hob mahnend den Zeigefinger. Wir drei verbliebenen Saufkumpanen schauten scheel aus der Wäsche, nickten aber artig. Wir waren schließlich nicht von gestern und wussten, dass wir freundlich bleiben mussten, wenn die Dame hinter der Bar weiterhin ihren Zapfhahn für uns öffnen soll.

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg…

Die Knobelbecher nahm sie uns zwar weg, zapfte aber artig weiter. Auch Schnaps bekamen wir nicht mehr. Wir fühlten und wie kleine Jungs, denen Mama die Brust verweigerte und fingen an zu diskutieren. Wir redeten über Gott und die Welt, über Politik und über den stinkenden, gemeinen Pöbel. Wir philosophierten über Reisen ins nahegelegenen Holland mit dem ach so liberalen Drogengesetzen, über die günstigen Einkaufsmöglichkeiten in benachbarten Polen und lamentierten über die Gegend die immer schäbiger wird und über die überteuerten Mieten der gammeligen Wohnungen im Plattenbau. Meist waren wir uns einig, hatten die gleiche Meinung und nickten uns eifrig zu. Immer wieder stießen wir an, mit neunen Bieren, und klopften uns in regelmäßigen Abständen auf die gepolsterten Schultern.

Als ich aber die Frauen ins Spiel brachte und anfing meine Unreife ans Tageslicht zu fördern, indem ich mich niveaulos und herablassend über diese äusserte, fing ich mir schnell einen virtuellen Maulkorb ein. Nur Peter und die bärtige Martina waren sich nun einig, hielten Händchen und bauten eine unsichtbare Mauer zwischen uns auf. Ich spürte es sofort. Ich kam nicht mehr an die beiden heran und auch ein letztes Bier, dass ich ausgeben wollte, wurde abgelehnt. Ich zahlte sodann meinen Deckel, gab ein Trinkgeld und beobachte beim Hinausgehen wie sich Peter und Martina innig, mit geschlossenen Augen, küssten. Bart an Bart.

Morgendliche Rituale alleinstehender Menschen

Heute wollen wir unseren fokussierenden Blick einmal auf das Geschehen in zwei verschiedenen Haushalten werfen. Beide darin lebende Protagonisten sind ledig, kinderlos und leben alleine in einer Wohnung. Beide sind um die vierzig Jahre alt und stehen, wie man häufig so lapidar daher sagt, mit beiden Beinen fest im Leben. Beide können mit ihrem, aus dem Job generierten, Einkommen alle Rechnungen pünktlich begleichen. Schlussendlich bleiben noch ein paar Euros über, um ein Leben zu führen, dass beiden Menschen den Zutritt zur mittleren Einkommensschicht gewährt.

Dem aufmerksamen Leser wird bereits jetzt aufgefallen sein, dass die beiden erwähnten Personen, um die es heute gehen soll, einige Gemeinsamkeiten haben. Im Laufe des Textes wird aber auch der letzte Leser nicht umhinkommen zu bemerken, das beide hier beschriebene Menschen dennoch sehr viele Unterschiede aufweisen. Insbesondere hinsichtlich deren Charakterzüge und der daraus resultierenden Verhaltensweisen wird einem klar, das es sich hierbei um eine Frau und einem Mann handeln muss. Dies zeigt sich besonders dann, wenn wir unseren Blick auf den Beginn eines jedweden Tages werfen und die beiden Hauptpersonen dabei beobachten wie sie sich auf den anstrengenden, vor ihnen liegenden, Arbeitstag vorbereiten.

Bevor wir nun wirklich in das interessante morgendliche Geschehen in den beiden Haushalten einsteigen, möchte ich hier noch einmal eindeutig und unmissverständlich darauf hinweisen, dass mir durchaus bewusst ist, dass meine Schreibweise häufig klischeehaft und mit einem veralteten Blick auf beide Geschlechter ausgestattet ist. Dennoch wird der eine oder andere Leser – und davon bin ich vollends überzeugt – sich an der einen oder anderen Stelle wiederkennen, oder zumindest jemanden kennen, der ähnliches oder gleiches Verhalten an den Tag legt. Um noch deutlicher in Stereotypen zu denken und sämtliche Gutmenschen auf die Palme zu bringen, werde ich die einzelnen Passagen, stringent und nach Geschlecht getrennt, in Rosa und blau auf das virtuelle Papier bannen.

Der altmodische Wecker, der ganz in Pink gehalten ist, klingelt genau dreimal. Die Dame des Hauses setzt sich im Bett auf, nimmt ihre Schlafmaske ab und schwingt die Beine behäbig aus dem Bett. Sie ist noch müde, aber sie hat sich angewöhnt direkt beim ersten Klingeln des Weckers aufzustehen. Sich nochmals umzudrehen und die Augen ein paar Minuten zu schließen verwehrt sie sich, denn irgendwo hat sie gelesen, dass man dann noch müder sei. Ihr Blick wandert als Erstes in einer der großen Spiegeltüren des riesigen, weißen Schrankes von Ikea. Angewidert blickt sie in ein verschlafenes, alterndes Gesicht einer Frau von 38 Jahren. Schnell wendet sie den Blick ab, geht aus dem Schlafzimmer in die Küche und bereitet ihr Frühstück vor.

Nachdem der Wecker drei bis viermal in den Schlummermodus versetzt wurde, steht der Mann auch schon auf. Ganz zerknittert sieht der sonst eigentlich attraktive Kerl, der schwer auf die vierzig zugeht, aus. Gestern war er spät im Bett. Zu spät, denn eigentlich braucht er mindestens sieben Stunden Schlaf um fit zu werden. Das war auch schon einmal anders, aber der Lack ist ab, wie man so schön sagt. Doch zaudern bringt nichts, denn auch heute muss er wie jeden anderen Werktag ins Büro. Wichtige Aufgaben und ein Termin, der durchaus vielversprechend klingt, warten auf ihn. Wie jeden Morgen spult er also sein Programm, das ihn nicht nur sauber und gepflegt, sondern auch satt werden lässt, ab. Zuerst wird die Kaffeemaschine angestellt, denn nichts ist schlimmer als ein Tag ohne seine morgendliche Tasse Kaffee und die obligatorische filterlose Zigarette dazu.

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich…

Auf Kaffee verzichtet sie gänzlich. Stattdessen kocht Sie Wasser in einen, mit Blümchen verzierten, Teekessel den Sie von Ihrer Mutter geerbt hat. Das Frühstück besteht aus fair angebauten grünen Tee, den sie ausschließlich im feinen Teeladen der hiesigen Innenstadt kauft und einem gesunden Müsli mit viel Obst und wenig fettreduzierten Quark. Beim Frühstück blättert sie, wie jeden Morgen, in einer ihrer Zeitschriften zum Thema Dekorieren und Einrichten und holt sich dabei Anregungen für die eigene Wohnung. Ihr ist es wichtig, dass ihr kleines aber feines Heim immer schön dekoriert und die Dekorationen der Jahreszeit entsprechend ausgewählt sind. Nach dem Frühstück beschließt sie zu Duschen und geht in das penibel gereinigte Bad.

Danach geht auch der Mann ins Bad, schlüpft aus dem Pyjama und betrachtet seinen nackten alternden Körper im großen Spiegel, der eine Wand des Bades ziert. Er findet, dass er sich ganz gut gehalten hat. Oft wird er sogar jünger geschätzt, als er eigentlich ist. Das schmeichelt ihm, auch wenn er weiß, dass es manchmal, vielleicht sogar öfter, nur Höflichkeit ist. Klar, er ist kein Adonis, aber schlank und an den richtigen Stellen ein wenig muskulös. Ein wenig Bauchspeck hat er angesetzt, aber das stört ihn nicht weiter. Er isst einfach zu gerne und auch auf das eine oder andere kühle Bier will er nicht verzichten. Die Brust ist behaart und auch den Bauch zieren nicht wenige Haare. Vor ein paar Jahren hat er sich in regelmäßigen Abständen die Brust rasiert, aber damit hat er schon lange aufgehört, denn bereits nach drei bis vier Tagen sprießen die ersten Haare wieder und es juckt wie verrückt. Das ist einfach so. Damit müssen sich eben alle abfinden, vor allem die Frauen, findet er.

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug…

Langsam schlüpft sie aus ihrem Schlafanzug und beobachtet dabei jede Bewegung im übergroßen Spiegel. Auch ihr rosafarbener Sportslip wird nun heruntergezogen und landet auf dem Fußboden. Nun steht sie nackt vor dem Spiegel und vermeidet jeden weiteren Blick in den selbigen. Sie weiß, dass sie zu fett ist, ihr Arsch mit den Jahren immer dicker geworden ist, sie unter Orangenhaut leidet und ihre Brüste immer mehr gen Boden wandern. Dass nicht wenige ihrer Arbeitskollegen sie fast täglich mit den Blicken ausziehen und sie regelmäßig Komplimente bekommt, tut sie als „Schwanzdenken“ ab und behauptet immer, dass diese Typen wohl jede Frau ins Bett kriegen wollen, egal wie sie aussieht. Eilig steigt sie in die Duschkabine um endlich den bösen Spiegel, der Sie allmorgendlich ärgert zu entkommen. Penibel wird die Temperatur des Wassers eingestellt. Nicht zu warm und nicht zu kalt darf es sein, damit die Dame sich wohlfühlt.

Der Blick des Mannes wandert weiter an seinem Körper herunter. Sein Penis hängt schlaff über den prallen Hodensack zwischen den Beinen. Er findet ihn ein wenig zu klein, aber er tröstet sich immer mit dem Gedanken, dass er gut mit ihm umgehen kann und die meisten Frauen, mit denen er im Bett gelandet ist, danach zumindest befriedigt aussahen. Auch hier rasiert sich der Mann nicht, kürzt aber an ein paar Stellen die Haare mit einer kleinen Schere, die extra hierfür angeschafft wurde. Auch die Beine sind behaart. An dieser Stelle hat er sich nie rasiert und würde auch gar nicht auf die Idee kommen. Er amüsiert sich jedes Mal über die Radsportler, auf ihren Weg durch die malerischen Landschaften und verschlafenen Städtchen Frankreichs, die durchweg glattrasierte Beine haben. Wenn Sie jetzt noch ein paar Hochhackige Pumps dazu tragen würden, könnte er sich glatt in den einen oder anderen Sportler verlieben, sagt er immer.

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare…

Die Duschbrause wird in Schulterhöhe eingestellt, denn ihre Haare dürfen auf keinen Fall nass werden. Haare waschen ist für Sie eine andere Tätigkeit als das Duschen und wird ausschließlich abends, nach dem anstrengenden Tag im Büro erledigt. Der Griff nach dem Duschgel erweist sich schwieriger als gedacht, denn sie kann sich nicht zwischen den vielen Tuben und Spendern entscheiden. Mehr als 15 verschiedene Sorten zieren den Rand der Duschkabine und alle wurden wohlüberlegt angeschafft. Nach kurzer Überlegung greift sie dann doch zu der ersten Tube, die sie in die Finger bekommt, öffnet den Deckel der hübsch verzierten Verpackung und quetscht die Tube, bis die cremige Flüssigkeit den gesamten Handteller bedeckt. Eilig verteilt sie die Cremeseife mit einem Schwamm auf ihren Körper. Dabei ist sie immer drauf bedacht das ihr Intimbereich nichts davon abbekommt, denn für den so sensiblen Bereich hat sie eine eigene Seife. Knapp fünf Minuten verbringt sie damit ihren gesamten Körper zu reinigen, um danach den Schaum abzuwaschen.

Schnell springt er unter die Dusche und lässt, dass fast kochende Wasser, über seinen Kopf und den gesamten Körper laufen. Zuerst werden die Haare gewaschen. Das Anti-Schuppen-Shampoo nutzt er schon seit Jahren und ist zufrieden damit. Ihm ist es wichtig, dass er immer das gleiche Produkt im Drogerieladen bekommt, denn damit hat er gute Erfahrungen gemacht. Sein Haar ist und bleibt damit schuppenfrei.

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz…

Danach kommt der Damenrasierer zum Einsatz. Nichts ist schlimmer als eine Frau, die an den wesentlichen Stellen unrasiert daherkommt, findet sie und so rasiert sie sich täglich unter den Achseln und an den Beinen. Auch ein paar Schamhaare müssen dran glauben. Für diese Prozedur nimmt sie sich Zeit, auch wenn sie weiß, dass sie nicht mehr viel davon hat. Das Schminken und Stylen muss heute zügig gehen, wenn sie ausnahmsweise pünktlich im Büro sein will. Als sie endlich zufrieden mit ihrem Ergebnis ist und auch die letzten unschönen Härchen im Abfluss verschwunden sind, steigt sie aus der Dusche, trocknet sich ab, zieht einen frischen Slip und ein BH an und beginnt sich vor dem Spiegel zu schminken. Es dauert lange bis die Fältchen unter einer dicken Schicht Schminke verschwunden sind, der Lidschatten perfekt gezogen wurde und der Lippenstift, die ansonsten viel zu schmalen Lippen, etwas sinnlicher wirken lässt.

Beim Mann hingegen ist als Nächstes der Körper dran. Beim Duschgel ist er nicht so wählerisch. Häufig nimmt er einfach das billigste, das ihm in die Hände fällt. Sauber werden sie wohl alle machen und riechen tun sie ausnahmslos nicht schlecht. Die Duschbrause wird zur Seite geschoben, der gesamte Körper eingeseift und auch die entlegensten Stellen saubergerubbelt. Danach stellt er sich wieder unter das laufende Wasser und befreit seinen Körper vom Schaum.

Nur in Unterwäsche bekleidet macht sie sich wieder auf den Weg…

Nur in Unterwäsche bekleidet mach sie sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer und öffnet einer der Türen des großen Schrankes, um sich die Kleidung für den heutigen Tag herauszusuchen. In Reih und Glied und nach Farben sortiert, hängen hier Hosenanzüge, Röcke, Blusen und auch ein paar Kleider zum Ausgehen. Über der Stange mit den Bügeln gibt es mehrere Regalbretter, ausschließlich für Sportbekleidung, T-Shirts und die legeren Jeanshosen für die Freizeit. Darunter befinden sich mehrere, kleine Schubladen aus Plastik. Eine für Unterwäsche, die nächste für Strümpfe und Strumpfhosen, eine für Schals und Tücher und in der letzten Befindet sich eine Schatulle mit ihrem Schmuck. Auch hier hat sie es schwer sich zu entscheiden. Die Auswahl ist beiläufig bemerkt zu groß, aber sie kann sich einfach nicht von den vielen schönen Sachen, die allesamt teuer waren, trennen. Hier hängen auch viele Klamotten, die ihr schon seit Jahren nicht mehr passen, doch sie will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie sich auch in diesen irgendwann wieder hineinpressen kann, ohne sich wie eine Ölsardine zu fühlen.

Der Mann putzt sich mittlerweile die Zähne. Auch diese Aufgabe erledigt er unter der Dusche. Das spart Zeit, wie er findet und Zeit ist bekanntlich Geld. Er steigt aus der Duschkabine auf ein Handtuch für die Füße und trocknet seine Haare und seinen Körper mit einem Frotteehandtuch ab. Schnell schlüpft er in seine vorher bereit gelegten Boxershorts, seine Jeans und in ein weißes T-Shirt. Nun kommt der Elektro-Rasierer zum Einsatz. Mit einer über die Jahre hinweg perfektionierten Bewegung entfernt er mühelos die Bartstoppeln die jeden Tag aufs Neue sprießen. Nun noch die spärlich gewordene Haarmähne kämmen und fertig ist er mit dem Reinigungsritual.

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung…

Im Hinblick auf ihren Termin mit dem Kerl aus der Buchhaltung entscheidet sie sich für eine schwarze, körperbetonte Hose und eine weiße eng anliegende Bluse. Die obersten beiden Knöpfe des Oberteils lässt sie bewusst auf. Im Laufe ihrer beruflichen Karriere hat sie gelernt mit den Waffen einer Frau zu kämpfen. Sie hofft, dass der Idiot aus der Buchhaltung sich mehr mit dem Innenleben ihrer Bluse, als mit ihren Zahlen auf dem Notebook beschäftigt, denn Ihre Ergebnisse waren diesen Monat nicht perfekt. Nun noch ein paar hochhackige Schuhe, die ihren Hintern besser zur Geltung kommen lassen und der Tag kann kommen.

Die Zeit ist knapp und so verzichtet er heute auf sein Frühstück. Kurzerhand beschließt er sich, unterwegs, ein belegtes Brötchen beim hiesigen Bäcker zu besorgen. Die gewonnene Zeit gibt ihm immerhin die Möglichkeit eine Tasse Kaffee und eine filterlose Zigarette zu genießen. Beides gönnt er sich auf seinen Balkon und überfliegt dabei die neuesten News auf sein Tablet. Ist auch das erledigt, schlüpft er in seine Jacke, schließt die Tür hinter sich ab und steigt in seinen roten Camaro und braust, wie immer ein wenig zu schnell, zur Arbeit.

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang…

Bevor sie die Wohnung verlässt, macht sie ihren morgendlichen Rundgang. Alle Fenster sind mit einem kleinen Schloss ausgestattet, das vor Einbruch sichern soll. Diese werden alle penibel begutachtet. Sodann werden alle Stecker aus den Steckdosen gezogen und der Herd mindestens dreimal auf die ordnungsgemäße Abstellung kontrolliert. Erst dann kann die Dame des Hauses die Wohnungstür hinter sich schließen, um das Haus zu verlassen, nur um eine Minute später nochmals zurückzukehren um nochmals zu checken, ob sie auch wirklich und wahrhaftig die Wohnungstür vorschriftsmäßig verriegelt hat. Sie war sich einfach nicht mehr sicher. Endlich findet sie den Weg zu Ihren kleinen geliebten Fiat 500, der zu ihrem Verdruss mal wieder zugeparkt wurde. Nur eineinhalb Meter nach vorn und nach hinten hat man ihr zum Ausparken gelassen. Das wird eng. Geschlagene 5 Minuten braucht die knallharte Businessfrau um aus der Parklücke zu kommen, weitere 10 Minuten durch die engen Straßen der Vorstadt um dann die Autobahn zu befahren und mit wahnwitzigen 80 Sachen zur Arbeitsstätte zu düsen.

Franky Red

Es stinkt bestialisch in der Toilette der Bahnhofskneipe und das Licht ist gedämpft. Man fragt sich unweigerlich, wann hier das letzte Mal eine Putzfrau ihre Arbeit verrichtet hat. Drei Männer stehen in Reih und Glied vor der Pissrinne, halten ihren Penis in der Hand und stützen sich mit der anderen an der gekachelten Wand vor ihnen ab. Der Urin der Männer spritzt platschend gegen die Fliesen und saust dann zügig die selbigen herab, bis er schlussendlich in der abschüssig angelegten Rinne landet und von dort in den Abfluss fließt. Einer von ihnen ist Frank, der sich mit den anderen beiden zwielichtigen Gestalten, seit geschlagenen fünf Stunden in dieser miesen Kaschemme aufhält, Karten kloppt und sich dabei volllaufen lässt.

Frank lässt sich Zeit beim Pinkeln. Er will unbedingt der letzte sein, der seinen Schwanz zurück in die Unterhose schiebt und sich dann die Pfoten mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn im Vorraum wäscht. Er hat vor, sich in einer der Kabinen einzuschließen, ohne das einer der anderen Kerle etwas davon mitbekommt. Als Peter und Hans endlich gemeinsam feixend den Kloraum verlassen, weiß Frank, dass sein Plan aufgegangen ist und verschwindet schnell in einer der engen Kabinen.

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern…

Dort angekommen wuchtet er seinen mitgebrachten Rucksack von den Schultern und stellt ihn neben dem Klo ab. Aus seiner rechten Hosentasche fingert er sodann das kleine Briefchen, um das ständig seine Gedanken kreisen, heraus. Mit der aus der Geldbörse geholten EC-Karte, schaufelt er eine kleine Menge des weißen Pulvers aus dem geöffneten Briefchen, schüttet es auf den dreckigen Klodeckel und formt sich mit der Plastikkarte eine Line, die ihm den heutigen Tag überleben lassen wird. Schnell zieht er sich das Koks durch einen eigerollten Fünfziger durch die Nase direkt ins Gehirn. Sofort lässt der Stoff seinen Körper wohlig erschaudern und die Synapsen im Hirn Tango tanzen.

Abrupt geht es ihm besser und der Alkohol in der Blutbahn ist kaum noch zu spüren. Die neu gewonnene Energie breitet sich rasant in seinem Körper aus. Es dauert nur Sekunden, bis er ein anderer Mensch ist. Er weiß, dass seine Aussprache deutlich und artikuliert sein wird, wenn er hier rauskommt und sich bei seinen Kumpels verabschiedet. Er bezweifelt allerdings, dass sie seinen Namen noch kennen. Zu besoffen ist das elende Pack.

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist…

Noch einmal kontrolliert Frank, ob die Tür wirklich verschlossen ist. Er ist froh das hier, in der schäbigsten Kneipe der Stadt, die Klotüren bis zum Boden reichen. Niemand ist in der Lage, wenn er sich vor der Tür hinhockt, drunter zu schauen um zu kontrollieren, was drinnen passiert. Frank steigt nun aus seinen Klamotten, bis er komplett nackt ist. Dann beugt er sich vorn über und öffnet den mitgebrachten Rücksack, entnimmt ihm seine Arbeitskleidung und steigt, ohne vorher eine Unterhose über den beharrten Hintern zu ziehen, in den Overall und danach in den Mantel.

Bevor er den Kloraum verlässt, zieht er sich eine weitere Portion des Stoffes, vom Dealer seiner Vertrauens, durch seine vom Alkohol gerötete Nase. Erst dann entriegelt er die Tür, tritt in den Vorraum, begutachtet den Sitz seiner Arbeitskleidung im Spiegel vor dem Waschbecken und säubert sich danach fahrig die Hände. Zufrieden mit dem Ergebnis und seinem Äusseren im Allgemeinen, öffnet er nun die Tür, die ihn direkt in den Schankraum der Kneipe entlässt.

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit…

Frank tritt aus der dunklen Toilette direkt in den hell erleuchteten Raum mit dem Tresen. Neben ihm an der Wand dudelt ein Spielautomat seine immerwährende, monotone Melodie. Jegliche Augen sind nun auf Frank gerichtet. Kurz hält er inne und genießt es, die Show auf seiner Seite zu haben, schreitet dann durch den Raum zum Tisch, an dem Peter und Hans sitzen, greift sich seinen mit Kohle-Strichen umrandeten Deckel und geht auf direktem Weg zum Tresen. Frank spürt die Blicke seiner Saufkumpanen auf seinem Rücken ruhen, doch er ist es gewohnt solchergestalt begutachtet zu werden.

Am Tresen angelangt, schaut ihn der Wirt fragend und mit offenem Mund an, hält dann aber pflichtbewusst seinen Deckel ab und freut sich über ein kleines, gerechtes, Trinkgeld von Frank. Ein weiteres Mal geht die neue Attraktion der Kneipe am Tisch seiner Kumpels vorbei, schleudert ihnen einen missachtenden Abschiedsgruß entgegen und verlässt dann zügig die elende, mickrige Kaschemme mit dem schlechten Ruf.

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden…

Als er endlich die Tür hinter sich schließt und er sich auf einem belebten, zu den vielen Gleisen führenden, Gang des Hauptbahnhofs wiederfindet, wird ihm bewusst, dass er die gesamte Nacht durchgezecht hat. Es ist bereits früher morgen und der Bahnhof ist voller Menschen. Zu viele Menschen für Frank. Alle wuseln wild umher und bahnen sich ihren Weg, durch die Menschenmassen, um sich vorzuarbeiten, bis zum Zug der sie zur Arbeit bringt. Ein Blick auf die, an der Bahnhofswand montierte Uhr, verrät Frank das er selbst noch gut eineinhalb Stunden Zeit hat, bis sein Dienst beginnt.

Auch Frank geht nun seinen Weg und kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch an diesem Ort sein Aussehen für Furore sorgt. Nicht wenige Personen staunen, einige lächeln und die wenigen Kinder, die um diese nachtschlafende Zeit schon im Bahnhof zugegen sind, bleiben stehen und blicken ihn mit strahlenden Augen an. Frank kennt dieses Verhalten zur Genüge. Frank macht es nichts aus. Er hat sich damit abgefunden und geht nun an den vielen Treppenaufgängen, die zu den höher gelegenen Gleisen führen, vorbei und erreicht nach wenigen Minuten den Hinterausgang des Bahnhofs und tritt ins Freie.

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für den ein weiteren unnützen Tag…

Die Sonne geht bereits auf und gibt den Startschuss für ein weiteren unnützen Tag. Langsam und würdevoll schreitet Frank über den Bahnhofsplatz, überquert eine Straße die er sodann wenige hundert Meter folgt, bis er ein eisernes, knapp zwei meter hohes geschlossenes Tor erreicht. Eine kleine Tür, mitten im Tor selbst angebracht, ist aber geöffnet. Durch diese geht Frank nun hindurch und gelangt in eine, im roten Lichtschein der Neonreklamen daliegende Gasse. Die Mietshäuser, die die Straße säumen, sind augenscheinlich alt und stammen, wie Frank vermutet, aus der Jahrhundertwende und wurden zu Bordellen umfunktioniert.

Frank schlendert an den Hauseingängen vorbei. In jedem sitzt eine andere, leicht bekleidetet Dame, fragt wie es ihm geht und bittet ihn herein. Doch Frank ist wählerisch, lächelt zwar zurück, geht aber weiter und lässt im Vorbeigehen seinen Blick schweifen, bis er schlussendlich an einer zierlichen Blonden hängenbleibt. Sie sieht jung und unverbraucht aus. Kurzerhand entschließt Frank der jungen Liebesdame die Treppen hinauf zu folgen und mit ihr ein Schäferstündchen – gegen Geld versteht sich – zu verbringen.

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer…

Oben angekommen verschwinden sie gemeinsam in einem winzigen Zimmer. Hinter der Tür mit der findet sich lediglich ein Doppelbett und eine kleine Kommode, auf der sich eine Schüssel mit Präservativen befinden. Manu öffnet zügig den wallenden Mantel ihres Freiers und die ersten drei Knöpfe, im mittleren Bereich des Overalls und schon schnellt Franks Genital hinaus. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Frank legt Manu dreizig Euro auf die Chiffonniere und zieht sich auf der selbigen noch eine Nase, bevor es zur Arbeit geht.

Nun ist es wirklich taghell hier draussen. Manu hat ihm verraten, dass er sich beeilen muss, wenn er nicht zur Spät zur Arbeit erscheinen wolle. Frank nimmt also die Beine in die Hand, flitzt die Straße, die zurück zum Bahnhof führt entlang, erreicht den Eingang und taucht in der Masse der zum Zug eilenden Menschen, so gut es eben mit seiner Aufmachung geht, unter. Am Bahnhofskiosk kauft er sich, auf die Schnelle, noch einen Flachmann Doppelkorn, den er im inneren seines Mantels verstaut. Er wird ihn brauchen, wenn er seine Schicht einigermaßen, ohne zu zittern, überstehen will.

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen…

Irgendwo muss er noch eine letzte Linie ziehen. Die Wirkung des Kokains lässt einfach zu schnell nach und ihm graut es schon jetzt vor dem Moment, in dem ihm der Stoff ausgeht. Doch daran will er noch nicht denken. Er verbannt diesen Gedanken in einen hinteren, weit entfernten Bereich seines Gehirns, weiß aber schon jetzt, dass es nicht lange dauern wird, bis er sich einen Weg nach vorne, ins Bewusstsein, suchen wird. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Drehkreuz, das den Eingang zur Bahnhofstoilette bewacht und verschwindet in die Kabine ganz hinten in der Ecke, zieht sich eine letzte Nase Kokain vor der Arbeit und lässt zur Tarnung die Spülung einmalig laufen.

Zügig verlässt er das Bahnhofsklo und erreicht im letzten Moment den Drogeriemarkt, indem er heute arbeiten wird. Er durchquert den Laden, geht in den beengten Raum für Mitarbeiter, greift in seinen Rücksack und holt den weißen, künstlichen Bart heraus, den er sich sofort, mittels Gummiband, um den Kopf spannt. Nun ist seine Verwandlung, ja seine Transformation, zur Ganze abgeschlossen. Jetzt kann er das Podest, das extra für ihn errichtet wurde, erklimmen und Platz nehmen auf den hölzernen Thron, für den Weihnachtsmann. Nun kann er kleine Kinder zu sich heraufbitten, sie auf seinen Schoß platz nehmen lassen, sie anlächeln und ihnen kleine Werbegeschenke aus einem braunen Sack überreichen.

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben…

Die Kinder werden, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben, gerne zu ihm heraufkommen. Sie werden ihm ihre geheimsten Wünsche ins Ohr flüstern und vielleicht sogar verraten, dass sie nicht immer lieb waren und begründend anfügen, warum sie dennoch ein Geschenk verdient haben. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Kinder so viel Freude haben und ihre Smartphones zücken und Fotos machen. Die Hersteller werden zufrieden sein, weil sie ihre Produkte schon frühzeitig an die zukünftige Zielgruppe heranführen konnten. Der Ladenbesitzer ist guter Laune, weil die Anwesenheit von Frank, in einem lächerlichen Kostüm, für mehr Umsatz in der Kasse sorgt.

Auch Frank ist für einen kurzen Moment glücklich. Er wird von seinem Chef Geld bekommen. Er wird auch dieses Geld, wie gewohnt, seinem Dealer in den Rachen werfen und er wird sich eine große Flasche Schnaps davon kaufen. Doch dieses Mal wird alles anders. Alles besser als jemals zuvor. Er hat sich entschieden, in dem Moment als er auf dem Weihnachtsmann-Thron platz genommen hat. Frank wird sich in der Bahnhofstoilette das scheiß Koks mit einer Spritze in die Vene pumpen, sich danach zum Eingang des bereits geschlossenen Ladens schleppen, die Pulle Schnaps in einem Zug leeren und sich sodann, direkt hier, in seinem absurden Weihnachtsmann-Kostüm, die Pulsadern aufschneiden und den gekachelten Bahnhofsboden, mit seinem roten, zähflüssigem Blut besudeln. Frohe Weihnachen.

Einkaufen mit Frau im Schlepptau

Bald ist die Woche schon wieder vorbei und das Wochenende steht direkt vor der hölzernen, vom Portas-Mann aufgemöbelten, Haustür. Die Frau hat daheim, in der überheizten, warmen Kaschemme nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch einen Einkaufszettel geschrieben. Das macht sie immer am Freitagabend der Vorwoche und hat dabei nicht nur die einzelnen Tage, und die Gerichte, die an diesen gekocht werden sollen im Blick, sondern auch das Budget, das ihr vom angetrauten Göttergatten dafür zur Verfügung gestellt wird. Penibel und hoch konzentriert reiht sie zuerst, um den Überblick zu behalten, alle Wochentage der kommenden Woche in Spalten und ordnet die Gerichte in den darunter liegenden Zeilen an. Hat sie diese Aufgabe zu ihrer eigenen Zufriedenheit erledigt, kann sie auch schon mit der eigentlichen Liste, der am Samstag zu besorgenden Utensilien und Fressalien, beginnen.

Wie immer wird die Liste lang und die Dame des Hauses braucht einige Zeit dafür. Zwischendurch schiebt sie ihre Lesebrille immer mal wieder auf die Stirn, um keine der Handlungen der Silhouette des Bergdoktors, die über die riesige, an der Wand montierte Mattscheibe flimmert zu verpassen und stopft sich dabei einen Schoko-Brownie in den Mund. Gerne wäre sie auch mit so einen tollen, charmanten und erfolgreichen Mann verheiratet, der ihr die Welt zu Füßen legen würde. Doch ein Blick auf die Couch gegenüber, wo ihr eigener Mann gerade eben, nach dem dritten Bier im Sitzen eingeschlafen ist, holt sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen angeekelt stellt sie dabei fest, dass ein dünner Speichelfaden im Winkel, seines mit Oberlippenbart verzierten Mundes hängt und dieser nun geräuschlos auf die aus Polyesterfasern bestehende, moosgrüne Strickjacke tropft.

“Es ist so wie es ist”, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt…

„Es ist so wie es ist“, resümiert sie, als sie die Einkaufsliste fertig beiseite legt und ihren Mann unsanft, mit einem Schlag auf dessen Oberschenkel, aus dem Schlaf holt. Auch der Bergdoktor hat seine Aufgaben heuer erledigt und braucht zumindest heute keine Herzen mehr zu brechen. Ehemann und Ehefrau begeben sich schweigend zum Badezimmer, um an den zwei nebeneinander angebrachten Waschbecken, die Abendtoilette zu erledigen. Beisser werden gereinigt, Ohrringe aus Ohrläppchen geholt, Wasser und Seife ins Gesicht geschmiert nur, um nachher mit dem Handtuch wieder abgerubbelt zu werden. Die Dame des Hauses legt, nach dieser Prozedur, noch eine Nachtcreme auf. Der Mann hat das Schlafgemach bereits erreicht und ist längst aus seinen Klamotten geschlüpft, hat sich ausgiebig am Gemächt gekratzt und ist danach in den Schlafanzug aus grober Baumwolle geschlüpft.

Als die Ehefrau das Schlafzimmer betritt, schläft der Mann bereits. Man hört es am lauten Schnarchen und wird unweigerlich an den letzten Ausflug in den nahegelegenen Park erinnert, wo einige vom Borkenkäfer befallenen Bäume mittels Kettensäge von ihrem Leiden erlöst wurden. Auch die Ehefrau zieht nun ihre Kleider aus und schlüpft in ihr Nachthemd. Der total bunte Fetzen Stoff zeigt auf frappierender Weise eine enorm starke Ähnlichkeit mit dem Zelt des Zirkus, der auf dem Parkplatz vor dem Lidl-Mark seine Tore geöffnet hat und das nicht nur hinsichtlich der Farbauswahl, sondern bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Größe. Sodann wuchtet sie ihren Körper auf die Matratze, greift mit geübtem Griff in die Schublade des Nachttischchens, stopft sich die Stöpsel in die Ohren und verdeckt ihre Augen mit einer im Leoparden-Muster daherkommenden Schlafmaske. Als sie endlich ihre Lieblingsposition gefunden hat und das Schnarchen des Mannes zu einem dumpfen Hintergrundrauschen abebbt, schläft auch sie hurtig ein.

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen…

Ganz gemütlich lässt man es am nächsten Tag angehen. Der Mann besorgt beim morgendlichen Gang mit dem Rauhaardackel namens Wigald, beim hiesigen Bäcker, Brötchen und die Dame des Hauses bereitet in dieser Zeit daheim alles für ein ausgiebiges, opulentes Frühstück vor. Am Wochenende wollen es sich die beiden Rentner besonders gut gehen lassen. Als ihr Gatte die Wohnung betritt, der Dackel es sich in der Ecke der Küche, neben der Heizung, in seinem Körbchen gemütlich gemacht hat, ist der Tisch bereits gedeckt. Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Quark und für jeden drei gekochte Eier warten darauf von dem Ehepaar vertilgt zu werden. Schnell werden drei dick belegte Brötchen in den Rachen gestopft, die Eier geköpft und verschlungen und das Ganze mit mindesten vier Tassen, wegen der Pumpe entkoffeinierten, Kaffee heruntergespült.

Sodann geht es auch schon ans Waschen und Anziehen. Allerdings macht sich der Magen des Mannes, deutlich hörbar, bemerkbar und er weiß, dass er nicht umhinkommt vorher etwas zu erledigen. Zügig verschwindet er, nicht ohne sich zuerst mit der Tageszeitung bewaffnet zu haben, auf die Gäste-Toilette und widmet sich voll und ganz dem Morgenschiss. Währenddessen ist die Frau aber nicht untätig. Sie schlüpft zur Gänze aus ihren Klamotten, zeigt sich nackt wie Gott sei einst schuf vor dem Spiegel und muss anerkennen, dass sich ihr Körper seit damals doch ein wenig verändert hat. Schnell schiebt sie aber den aufsteigenden Ekel zur Seite und zwängt sich in die Duschkabine, um sich mit einem, am Holzstiel befestigten, Schwamm sauber zu rubbeln.

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab…

Danach trocknet sie sich, so gut es eben geht ab, putzt sich die Zähne, steigt in Rock und Bluse, legt tonnenweise Schmuck an und benetzt alle freiliegenden Hautpartien mit Tosca-Parfüm. Danach noch Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift und fertig ist die Dame des Hauses. Nun wartet sie auf ihren geliebten Mann, der noch immer auf dem Kot-Thron für Besucher sitzt, gelegentlich mit der Zeitung raschelt und dann und wann mal einen Furz, deutlich hörbar, in die enge Kabine entlässt. Freundlich aber bestimmt hämmert sie gegen die hölzerne Tür und setzt ihren Mann damit bewusst unter Druck. Missmutig bricht der Mann sein morgendliches Geschäft ab, rubbelt sich fahrig die Kimme sauber und zieht sich danach die gammelige Cordhose und das Polohemd von gestern an. Auf die Morgentoilette verzichtet er, aus Protest, komplett.

Bewaffnet mit mehreren Taschen, Tüten und zwei Kisten Leergut macht man sich auf den Weg zur Garage. Der Mann öffnet das Tor, verschwindet im Innenraum und schmeißt achtlos das Leergut und die Tüten in den Kofferraum. Reimund ist schon jetzt bedient. Trotzdem befreit er nach kurzer Zeit den altersschwachen, aber zuverlässigen, Opel der Baureihe Club aus seinem Gefängnis, damit auch das angetraute Weibchen ins Vehikel einsteigen kann. Als Heidrun endlich ihren zarten Hintern im ausgesessenen Polster positioniert hat und der Sicherheitsgurt über Bauch und Möpse gespannt wurde, kann die kurze Fahrt zum nahegelegenen Einkaufscenter endlich beginnen.

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt…

Nach nur fünf Minuten der schweigsamen Fahrt erreichen sie das Einkaufsparadies und biegen auf den übervollen Parkplatz ein. Bis allerdings ein freier Abstellplatz für den grauen Liebling des Mannes gefunden wurde, vergehen weitere zehn Minuten. Endlich steht die Kiste. Reimund macht sich auf den Weg zum Supermarkt ihres Vertrauens, um einen Einkaufswagen zu holen. Die Ehefrau wartet so lange im Auto, damit ihre Knie nicht allzu lang, der ständigen Belastung ihres eigenen Gewichtes standhalten müssen. Als der Mann das Auto wieder erreicht hat, wuchtet auch seine Gattin die schweren Beine aus der Öffnung der Beifahrertür und Reimund befüllt den drahtigen Zwiebelporsche mit Leergut und Tragetaschen.

Dann geht es auch schon in den Laden. Direkt am Anfang muss allerdings schon Halt gemacht werden, denn hier befindet sich der einzige Automat für die Leergut-Abgabe. Leider steht direkt vor Heidrun und Reimund ein unzweideutig nach Knoblauch riechender Mann, der bewaffnet mit zwei prall gefüllten blauen Säcken, auf die Dienste der hochmodern erscheinenden Apparatur wartet. Reimund schwant böses und als der Stinker an der Reihe ist, bewahrheitet sich die unangenehme Vorahnung. Langsamer als eine Schnecke, fingert der vollbärtige Mann eine Plastikflasche nach der andere aus den Säcken und stopft diese in das dafür vorgesehene Loch im Automaten. Selbstredend ertönt, bevor der Übelriechende zu Ende gekommen ist, ein Alarm und eine rote Rundumleuchte signalisiert, dass der Bauch der Maschine zur Gänze gefüllt ist. Erst als nach einer kleinen Ewigkeit, sich ein untersetzter Mitarbeiter des Ladens dazu herablässt, den Automaten zu entleeren und entstören, kann der behaarte Iltis seine Arbeit zum Abschluss bringen und den Weg für Reimund und Heidrun freimachen.

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten…

Als die beiden schließlich den heiß ersehnten Kassenbon aus dem Automaten in den Händen halten, kann es auch schon weitergehen. Man quetscht sich durch das Drehkreuz und gelangt in den perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüsebereich des Marktes. Reimund schiebt den Einkaufswagen nun gelangweilt hinter seiner Frau her. Gelegentlich nickt er zustimmend, wenn sein angetrautes Weib ihm eine Frage zu einem Produkt stellt und beobachtet ansonsten schweigsam wie Mandarinen, Äpfel, ein Kohlkopf, Zwiebeln und ein längliches Gemüse, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen will, in den Einkaufswagen gelegt werden.

Dann taucht man gemeinsam weiter in das innere des überfüllten Marktes ein. Die Frau arbeitet ihre Liste ab und Reimund konzentriert sich einzig und alleine darauf, den Einkaufswagen zielgerichtet durch die vielen anderen Einkaufswütigen zu steuern und seiner Frau, wie ihm der eigene Dackel beim Gassi-Gehen auch, ohne groß darüber nachzudenken zu folgen. Bedauerlicherweise ist Heidrun nicht in der Lage, die Produkte auf der Liste einfach aus dem Regal zu nehmen und in den Wagen zu verfrachten. Zum völligen Unverständnis des Mannes liest sich das Weibsbild, praktisch vom jeden Produktes, die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite durch und vergleicht diese mit einem vergleichbaren Fabrikat, eines anderen Herstellers.

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit…

Dann und wann nimmt die holde Weiblichkeit auch einen Mitarbeiter des Ladens unter beschlag und stellt, ausschließlich zu ihrem Vergnügen, Fragen zum Preis, zur Herstellung und Auffindbarkeit der Produkte auf ihrer Liste. Reinhold schaut dann immer betreten zur Seite oder auf den Boden und tut so als würde er die Fragestellerin an seiner Seite nicht kennen. Erst als die Dame den Einkaufswagen fast bis zum Rand mit Fressalien und Artikeln aus dem Non-Food-Bereich gefüllt hat, erwacht die Aufmerksamkeit von Reimund wieder, denn sie haben den Bereich mit den Getränken erreicht.

Mit einem schnellen Handgriff greift Reimund sich die Kiste des billigen Mineralwassers und verfrachte sie unten, auf die Ablage unter dem Drahtkorb des Einkaufswagens und studiert sodann, mit geübtem Blick, die Preise der Biere die Heuer zum vergünstigten Preis angeboten werden. Bei der Auswahl des Bieres darf allerdings, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, nichts falsch gemacht werden. Das Bier muss schließlich schmecken und so darf die Auswahl nicht nur am Preis festgemacht werden. Meist sind nur die nicht so schmackhaften Biere im Angebot und so greift der Rentner auch heute, wie eigentlich jedes Mal, zum Bier von der lokal ansässigen Brauerei.

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln…

An der Kasse legt die Göttergattin langsam und mit Bedacht, jedes Produkt einzeln auf das Warenband und drapiert dabei, aus einem dem Mann unbekannt Grund, schwere Sachen nach vorn und die Leichten ans Ende des gummierten Fließbandes. Immer wieder lächelt sie dabei die genervt wartende Kassiererin an, stellt Fragen zu Rabattmarken und merkt dabei nicht wie Reimund heimlich einen Dreierpack Kräuterlikör unter die Waren mischt. Als sie endlich den Wagen geleert hat und ganz hinten einen sogenannten Warentrenner auf das Band stellt, sind wieder einige Minuten ins Land gegangen. Als die Verkäuferin die Waren endlich über den Scanner zieht und der Einkaufskorb langsam aber sicher wieder gefüllt wird, erntet Reimund einen bösen vernichtenden Blick, als der Dame des Hauses den Likör in den Wagen knallt. Reimund ist es egal.

Als sie schliesslich den Laden verlassen, kommt es Reimund so vor, als ob draussen die Sonne bereits untergeht. Er ist ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Schnurstracks eilt er zu seinem geliebten Auto und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, dass Heidrun ihm nicht so schnell folgen kann. Mit den Nerven am Ende verfrachtet er die Einkäufe zuerst in die mitgebrachten Tüten und dann in den Kofferraum. Penibel achtet er aber darauf, dass der leckre Kräuterlikör nicht in den Tüten landet, sondern direkt in die Jackentasche seiner Strickjacke gesteckt wird. Er wird das Gesöff brauchen, sobald er daheim ist. Als sodann auch die Kisten mit Wasser und Bier im Kofferraum verschwinden kommt auch das schwitzende Weib herbei und lässt sich wie ein nasser Sack auf das Furzpolster des Beifahrersitzes nieder.

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste…

Hurtig steigt auch Reimund sodann in die Kiste, klemmt sich hinter das Lenkrad und startet den Motor, um nachfolgend auf schnellstem Wege nach Hause zu steuern, das Vehikel in die Garage zu stellen und die Einkäufe in die Küche zu tragen. Sofort danach verzieht er sich mit den Dreierpack Kräuterlikör und zwei Flaschen Bier in den Bastelkeller und kommt erst dann wieder heraus, wenn die Gattin ihn zum Essen ruft. Danach bewaffnet er sich erneut mit Bier und verzieht sich wieder, um in seinem Hobbykeller endlich zu realisieren, dass er erneut einen dieser grausigen Tage, an denen der Einkauf erledigt wird, überstanden hat und er ab jetzt, genau sieben Tage Zeit hat sich vom heute erlebten Grauen zu erholen.

Spielplatzgeschichte

Der Junge ist vierzehn und das Mädchen dreizehn. Für beide ist heute ein ganz besonderer Tag. Sie habe sich verabredet, auf dem Schulhof, im Beisein ihrer grinsenden Schulkameraden. Die beiden haben ein Date ausgemacht und es ist ihnen egal, was die anderen darüber denken. Beide sind sich bewusst darüber, dass sie langsam aber sicher erwachsen werden – sie spüren es ohne Umstände in ihrem Innersten – und wollen sich dementsprechend selbstbewusst, gegenüber den Kids verhalten.
Ausgemacht wurde, dass sich beide in der hiesigen Billard-Kneipe treffen und ganz ungezwungen eine Partie spielen. Dass der Wirt der eher schäbigen Kaschemme nicht so sehr auf das Alter seiner Gäste achtet, ist allseits bekannt.

Beide erreichen wenige Minuten nach 17 Uhr, wie verabredet, die Pinte, lächeln sich kurz verlegen an und durchschreiten sodann die schwere, hölzerne Tür. Das Bernie schon fast eine Stunde hier in der Gegend umherstreicht und immer wieder die Tür der Kneipe, aus sicherer Entfernung, in Augenschein genommen hat, wird sein Geheimnis bleiben. Zielgerichtet durchqueren die beiden Teenager den düsteren Raum, nicken kurz dem Wirt, der sich hinter dem Tresen verschanzt hat, zu und erreichen ihr angesteuertes Ziel, den Billardtisch, zügig. Der Tisch ist frei und die gesamte Kneipe noch leer. Erst vor ein paar Minuten hat der Laden aufgemacht und der Kneipier wird sich noch ein wenig gedulden müssen, bis die wenigen Stammkunden seines Etablissements den Schankraum bevölkern. Er hat also Zeit, für die beiden Turteltauben, die sich am Billardtisch ihrer Jacken entledigen und sich anschicken eine Mark in das Gerät zu schmeißen.

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe…

Bernie kann beobachten, wie sich der Mann mit der enormen Wampe, Oberlippenbart und lederner Weste, die über ein kariertes Hemd drapiert wurde, mit einem kleinen Block und einem Kugelschreiber bewaffnet, auf den Weg zu ihnen macht. Er schätzt, dass der Mann so um die 50 ist, kann sich aber auch täuschen, denn die vielen Falten, die der tätowierte Mann im Gesicht hat, könnten auch das Ergebnis eines ausschweifenden Lebensstils sein, vermutet Bernie. Der junge Mann kommt auch nicht umhin zu bemerken, dass der alternde, geile Bock, seiner Begleitung ungeniert auf den, in Jeans verpackten, Hintern glotzt während sie sich vornüber beugt und das Geld in den dafür vorgesehen Schlitz hineinschiebt. Kurzerhand entschließt er, in den Laden, zusammen mit Irene, kein weiteres Mal einen Fuß zu setzen.

Damit der Penner endlich seinen Blick von Irenes Hintern abwendet, bestellt Bernie, als der Wirt schließlich vor ihnen steht, so schnell es eben geht, zwei Bier und funkelt ihn dabei böse an. Der Wirt geht auf die Provokation des Jungen nicht ein, lächelt nur müde und zeigt dabei ein paar widerliche Goldzähne in der Kauleiste und erwidert: „Klar Kleiner, kommt sofort“, und verschwindet wieder hinter seinen Tresen und macht sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten kommt er wieder angewackelt, stellt die Getränke auf einen kleinen, runden Stehtisch ab, schaut Irene lüstern in den Ausschnitt ihrer Bluse und verschwindet dann aber schneller als gedacht.

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweite Mal öffnet…

Die beiden sind froh, als sich endlich die hölzerne Tür ein zweites Mal öffnet und sich ein Gast, mit ebenso einem Bierbauch wie der Wirt selbst, auf einem Barhocker an den Tresen hockt, ein Herren-Gedeck bestellt und damit die Aufmerksamkeit des Inhabers am Zapfhahn in Anspruch nimmt. Bernie hat noch nie Bier getrunken, nippt nun aber an seinem und tut so als würde es ihm schmecken. Auch Irene hat bisher noch keinen Alkohol probiert und wäre glücklicher über eine Cola gewesen, tut es ihrem Schwarm aber gleich und trinkt einen kleinen Schluck des Bieres. „Ekelig“, sagt sie und verzieht das Gesicht. Bernie gibt sich cool, besorgt seiner Freundin eine Cola am Tresen und teilt ihr mit, dass er auch ihr Bier trinken werde.

Beide greifen sich nun ein Queue und benetzen dessen Spitze mit Kreide. Bernie richtet die Kugeln aus und lässt Irene anstoßen. Die Regeln sind beiden bekannt. Irene scheint schon öfter gespielt zu haben. Mit voller Wucht stößt sie die weiße Kugel in die anderen, die sich daraufhin in einem wilden Durcheinander auf dem Tisch verteilen. Eine, genau genommen die Rote Vollkugel, landet sogar in einem Loch und Irene strahlt. „Wenn das kein gutes Zeichen ist“, sagt sie und schaut Bernie dabei direkt in die Augen und lächelt. Gekonnt beugt sich die brünette Schönheit sodann über den Tisch und versenkt eine Zweite und auch noch ein Dritte ihrer Kugeln, bis sie schlussendlich an der Vierten scheitert. Bernie versucht es ihr gleichzutun, aber scheitert schon an der Ersten. Er ist hin und weg, von der Frau und auch ein bisschen vom Bier.

Irene gewinnt das Spiel locker…

Irene gewinnt das Spiel locker und auch das Zweite entscheidet sie deutlich für sich. Bernie ist es egal. Er muss hier nicht gewinnen. Er muss auch nicht auf dicke Hose machen und den Macho spielen. Es ist auch so alles stimmig, er weiß es, ohne groß darüber nachzudenken. Irene hat nun ihre Cola ausgetrunken und macht den Vorschlag, den Laden zu verlassen, um noch ein wenig zum nahegelegenen Spielplatz zu gehen. Langsam wird es dunkel draußen. Der Laden hat sich gefüllt. Es ist laut und es stinkt nach Qualm. Bernie willigt ein. Er würde alles machen, was Irene von ihm verlangt.

Gentlemanlike zahlt Bernie die Getränke von ihm und Irene. Auf ein Trinkgeld verzichtet er bewusst und lässt sich, vom böse dreinblickenden Wirt, auch die wenigen Pfennige Rückgeld auszahlen. Das zweite Bier hat er dann doch nicht mehr geschafft. Es steht noch immer unangetastet auf den kleinen, neben dem Billardtisch platziertem Stehtisch und auch der dicke Wirt machte bisher noch keine Anstalten es wegzubringen. Bernie stellt sich vor, wie einer der Säufer vom Tresen, sich das Getränk unbemerkt schnappen würde, wenn er vom Klo kommt. Die Tür, die dahin führt, befindet sich idealerweise direkt neben dem dudelnden Geldspielautomaten, an der Wand, hinter dem Billardtisch.

Ein letzte Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte…

Ein letztes Mal glotzt der Wirt seiner Irene, beim Verlassen der Pinte, auf den Arsch. Als die massive Tür endlich den Blick darauf verwehrt sind sie unter sich. Die Straße vor der Kneipe ist leer. Die Sonne ist bereits untergegangen. Auf dem Weg zum Spielplatz schweigen beide und schlendern nebeneinander den asphaltierten Weg entlang. Immer wieder berühren sich, rein zufällig, die Hände der beiden Teenager. Trotz des kalten Oktoberabends ist Bernie warm und er spürt wie ein kleiner Schweißtropfen an seinem Rücken hinunterläuft. Seine Hand zittert ein wenig, als er endlich all seinen Mut zusammennimmt und nach der Hand von Irene greift. Als er sie umschließt, treffen sich ein weiteres Mal die Blicke der beiden jungen Menschen und Irene lächelt ihn an. Schweigend gehen sie weiter und erreichen, Händchen haltend, den Spielplatz auf dem sich bereits ein weiteres Pärchen, küssend, auf der Bank gemütlich gemacht hat. Aus dem Blickwinkel erkennt Bernie, dass es Stefan, aus der Parallelklasse ist, der gerade die Lippen, der mit Pickeln übersäten, Kerstin liebkost.

Unbemerkt von dem Pärchen auf der Bank, gehen sie durch den Sand und erreichen das kleine Spielzeughaus mit rotem Dach und grünen, blauen und gelben Wänden. Der Einstieg ist so klein, das sich beide nur mühsam hindurchzwängen können. Als sie endlich drin sind und sich nebeneinander auf die kleine Sitzbank im inneren zwängen, begutachten sie ihre Liebeshöhle. Die Wände sind, überseht mit Sprüchen, Herzchen mit Buchstaben darin und auch ein riesiger, mit schwarzen Edding gezeichneter Penis prangt an der gelben Wand. Kichernd und feixend unterhalten sie sich über das Geschmiere an den Wänden und rätseln, mehr aus Verlegenheit als Interesse, welche Namen sich hinter den Buchstaben, in den viele Herzen verbergen. Als sie jeden Spruch kommentiert und für alle Herzen einen Künstler ernannt haben, ist es Irene die ihre Arme um die Schultern von Bernie legt. Augenblicklich drehen sich beide, wie von einer magischen Kraft angezogen, zueinander und ihre Gesichter sind nun nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene…

Bernie blickt in die tief braunen Augen von Irene und ein merkwürdiges Kribbeln breitet sich in seinem Magen aus. Sollten das nun wirklich die Schmetterlinge im Bauch sein, von denen er schon so oft gehört und gelesen hatte? Ist er nun wirklich verliebt in das schönste Mädchen seiner Klasse, oder vielleicht sogar der gesamten Schule, oder ist er einfach nur nervös vor seinem ersten Kuss? Wahrscheinlich ist es Nervosität, denn das Gefühl in der Magengegend ist vergleichbar mit dem vor einen großen Tischtennis-Match, vor einer Klassenarbeit, oder vor einem verhassten Zahnarztbesuch. Gerne würde Bernie noch länger darüber nachdenken, doch es bleibt keine Zeit. Irene legt jetzt ihren Kopf ein wenig schief, öffnet ihre feuchten, vollen Lippen einen kleinen Spalt und nähert sich unweigerlich seinen eigenen.

Endlich berühren sich ihre Lippen und nach den ersten vorsichtigen, zaghaften Küssen entfacht ein Feuer der Leidenschaft, das die beiden Teenager fast um den Verstand bringt. Ein wahres Feuerwerk an Gefühlen explodiert in den Köpfen der jungen Menschen. Irenes Zunge ist nun fordernd und dringt langsam, aber unaufhaltsam, in den geöffneten Mund von Bernie ein. Ihre Zungen treffen sich und Bernies Magen schlägt Purzelbäume. Irenes Speichel schmeckt nach Cola und Pfefferminz-Bonbons und ist der absolut beste Geschmack, den Bernie je kostete. Bernie weiß es noch nicht, doch er wird ihn auch nach Jahren nicht aus dem Kopf bekommen. Eng um umschlungen, verschmolzen zu einem sich liebenden Pärchen, vergessen sie die Zeit und die Welt, um sie herum, verschwimmt zu einer undefinierbaren Masse.

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend…

Ihr Kuss ist lang, anhaltend und erfüllend. Bernies Herz rast wie verrückt. Irgendetwas, in seinem Gehirn, ist passiert. Etwas, das nun seine Hand unkontrolliert nach der unteren Öffnung von Irenes T-Shirt tasten lässt. Erstaunlich schnell findet diese den Eingang und die Fingerspitzen spüren die weiche, ein wenig verschwitze Haut, seiner Angebeteten. Vorsichtig berührt er den flachen Bauch von Irene, findet den Bauchnabel, den sein Zeigefinger kurz umkreist, um dann doch schnell weiter auf Entdeckungsreise zu gehen. Er spürt ein kurzes Beben von Irenes Körper und eine Gänsehaut, die sich bildet, als Bernies Hand immer weiter nach oben wandert. Als die Hand ihr unterbewusstes Ziel fast erreicht hat, die Fingerspitzen bereits die unteren, in dünnen Stoff eingefassten, metallenen Bügel des Büstenhalters ertasten, stößt Irene ihn plötzlich von sich und eine Ohrfeige landet krachend in seinem Gesicht. Erschrocken weicht Bernie zurück und ist sich bewusst, dass er zu weit gegangen ist. Traurig sucht er den Blick von Irene, die jedoch zu Boden schaut.

Es dauert einen Augenblick, bis er sich gesammelt hat. Er stammelt eine Entschuldigung, die kaum hörbar seinen Mund verlässt. Irene blickt nun wieder auf. Mit den großen tiefbraunen Augen, die er so mag, schaut sie ihn an. Im fahlen Licht der Straßenlaterne erkennt er in ihnen keine Verbitterung mehr. Langsam hebt sie sodann ihren Finger, legt ihn auf Bernies Mund und bringt ihn damit sanft zum Schweigen.

Familienväter auf Abwegen

Neulich war es laut. Neulich war es blutig. Neulich war ich auf Hundertachtzig. Alkohol macht frei, macht enthemmt und macht unbedeutend. Eine mickrige, armselige Figur, die den Mund aufreißt und mit Schimpfwörtern um sich schmeißt. Alles gequirlte Kacke. Für einen nüchternen Menschen nicht zu begreifen und kaum zu ertragen. Ein Treffen mit alten Freunden. Alles Familienväter, die von ihren Frauen Ausgang bekommen haben. Das Bier fließt in Strömen. Fußball läuft. Dortmund gewinnt. Hier ein Schnaps da ein Bier. Herrengedeck. Alle sind redselig, ja freizügig in ihren Äußerungen. Gespräche über Familie und Beruf. Schimpfen über die Firma und Kritik am Handeln der Frau.

Immer wieder herausgehen zum Rauchen. Draußen mit anderen Rauchern über das Spiel diskutieren. Zu viele Chancen vergeben, trotzdem gewonnen. Die Meisterschaft ist noch weit weg, aber immer möglich. Kneipe wechseln. Durch die nächtliche Stadt irren und im schummrigen Licht am Baum urinieren. Die anderen sind schon weit voraus. Keiner wartet. Schnell pinkeln und laufen um die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Tropfen des warmen Urins landen in der Unterhose.

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden…

Neuen Laden finden, betreten und von vielen Augen begutachtet werden. Feindselige, bösartige Blicke. Niemand mag Männer mit Bärten, die unberechenbar aussehen. Platz nehmen. Direkt an der Quelle. Kein Tisch in weiter Ferne. Die Bar muss es sein. Die neue Weltordnung hat Einzug erhalten. Stammgäste, die seit Jahren hier stehen, spielen ab jetzt die zweite Geige. Drängeln, Platz wegnehmen und die Dame am Zapfhahn in Beschlag nehmen. Lauthals bestellen. Trinkgeld geben, denn hier muss direkt bezahlt werden. Striche auf Deckeln gibt es für uns nicht. „Schnell, schnell, wir haben Durst, du alte Hippe“. Die Zeit ist knapp, Frau und Kinder warten. Nach drei Bier müssen wir wieder gehen. Zu laut war man, unkultiviert und unfreundlich. Man kann nun mal nicht immer nett sein.

Der nächste Laden ist klein und schummrig. Bier und Schnaps gibt’s hier auch. Alle Gäste sind betrunken und selbst fühlt man sich gleich heimisch. Die wenigen Frauen im Laden sind alt und abgewrackt, aber wen stört es, daheim wartet schließlich ein Topmodel auf einem.

Wieder drängt man sich an den Tresen…

Wieder drängt man sich an den Tresen. Würfelbecher müssen her. Schocken ist der Sport des Abends. Mit Jule und pflücken. Zwei unbekannte wollen mitspielen. Klaus und Peter heißen die unsympathischen Gestalten. Peter ist drahtig und tätowiert. Klaus hat einen mächtigen Bierbauch und stinkt nach Knoblauch. Opfer. Der eigene Geldbeutel ist fast leer. Trotzdem spielt man mit. Was muss, das muss. Becher drehen. Mühsam eine Straße zusammenwürfeln und verlieren. Runde geben. Bier und Schnaps für alle Beteiligten. Neue Runde, neues Glück. Würfel fallen lassen. Eine Runde Schnaps geben. Abgemacht ist abgemacht. Erneut verlieren und Bier bestellen. Der Deckel ist voll. Aussteigen. Man betritt die Toilette. Es stinkt nach Pisse. Alles ist bekritzelt. Ein defekter Kondomautomat verschönert eine Wand. Man nähert sich dem Urinal. „Komm näher, er ist kleiner, als du denkst.“ Doofer Spruch. Trotzdem bemüht man sich zu treffen, doch es ist vergebens. Knapp die Hälfte geht daneben. Scheiß darauf. Stinkt ja eh schon wie in der Kanalisation. Den Schankraum erneut betreten. Umsehen und Denken: „Mein Gott, wie bin ich nur in dieser Kaschemme gelandet?“
Voll wie ein Eimer. Beschließen klug zu sein und nach Hause zu gehen. „Zahlen, bbidddee“. Die letzten Kröten werden zusammengerafft und auf den Tresen geklatscht. 32,80 €. Geht ja noch.

Verabschieden und auf den Gehweg taumeln. Die Sonne geht bereits auf. Direkt vor der Kneipe steht ein Taxi, aber das Geld reicht nicht mehr aus. Zur nahegelegenen U-Bahn wanken. Ticket kaufen und mit viel Glück die richtige Bahn erwischen. Man kann die Zahlen, die vorn darauf stehen, ja kaum noch lesen. Die U-Bahn ist gut besetzt. Junge Menschen, die genauso besoffen sind, wie man selbst, sitzen auf den abgewetzten Polstern. Einige haben „Knöpfe“ im Ohr und die Augen geschlossen. Die anderen singen oder besser gesagt, grölen herum. „Lasst mich bloß in Ruhe Kinder.“ Drei, vier Stationen weiter wird man unsicher. War es wirklich die richtige Bahn? Die letzte Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon ewig her. Kein Plan, an welcher Haltestelle man aussteigen muss. Die Bahn verlässt den Tunnel. Ab jetzt geht es oberirdisch weiter. Ein großer Vorteil. Aus dem Fenster gucken und nach irgendwelchen markanten Punkten, die man kennt, suchen. Etwas erkennen, aussteigen und merken das man drei Stationen zu früh ausgestiegen ist. Scheiße.

Eine Steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale…

Eine steile Treppe führt von der Haltestelle hoch auf eine schmale Fußgängerbrücke. Hier muss jeder Fahrgast rüber. Die Schienen der Stadtbahn verlaufen direkt in der Mitte der Schnellstraße. Der Ruhrschleichweg ist auch mitten in der Nacht noch recht stark befahren, sodass man es mit mehr als 2 Promille Alkohol im Blut, eher schlecht und, vor allem, nicht zur Gänze unverletzt auf die andere Seite schafft. Also die Treppe rauf. Oben angekommen ist man fix und fertig von der Anstrengung. Irgendetwas drückt. Irgendwo unterhalb des Magens. Es dauert einen langen Augenblick, bis man realisiert, dass es wohl die Blase ist, die hier für Unbehagen sorgt. Schnell wird der Hosenstall geöffnet und wankend nach dem schrumpeligen Glied im inneren gefingert. Mit einer Hand wird sich nun am Geländer festgehalten, um beim Pinkeln nicht den Halt zu verlieren.

Der Prengel in der anderen Hand fühlt sich klebrig an und ein muffiger Duft steigt einem in die Nase. Hurtig verlässt der Druck verursachende Urin die Blase und nimmt den kleinen, aber unausweichlichen, Umweg über die Harnröhre, nur um im hohen Bogen über den Handlauf zu spritzen und platschend auf der Bundesstraße zu landen. Auch einige Windschutzscheiben, der vorbeisausenden Autos, leiden unter Urinbeschuss. Noch während man pinkelt, wird einem schlecht. Das ganze Bier, die ranzigen Nüsse aus der Kneipe und der Döner, den man irgendwo gegessen hat, wollen einfach nicht länger im Magen bleiben. Die Hose ist noch offen und der Dödel hängt an der freien Luft und schon ergießt sich ein Schwall warmer Kotze über den Brückenboden. Auch die eigene Hose und die sündhaft teuren Markenturnschuhe gehen nicht leer aus. Man würgt, bis sich der komplette Mageninhalt auf den Boden verteilt hat und zum Schluss nur noch Rotze und Magensäure zum Vorschein kommt. Einmal tief durchatmen.

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und…

Kurz ausruhen. Schnell fühlt man sich ein bisschen besser und beschließt voller Tatendrang die letzten drei Stationen bis zur heimatlichen Behausung zu Fuß zurückzulegen. Immer noch schaukelnd, wie ein Fischerboot auf der Nordsee, bei starkem Seegang, nähert man sich den Treppenabgang. Voller Konzentration versucht man den rechten Fuß mittig auf der ersten Stufe zu platzieren. Doch der Blick ist noch immer getrübt, alles verschwimmt vor den Augen. Der Fuß trifft die Stufe nicht richtig. Irgendwas sagt einem, dass es so kommen musste. Hart schlägt man auf und purzelt unkontrolliert die Treppe herab. Der Abstieg ist häufig einfacher als der Aufstieg und gelegentlich schneller als gewünscht. Unten angekommen begibt man sich aus der liegenden Position in eine sitzende. Die Hose hat, am Knie ein großes Loch und Blut färbt die Jeans rapide Rot. Der Kopf schmerzt und der kontrollierende Griff an die Stirn fördert auch hier, die rote Soße zum Vorschein. Scheiße.

Man versucht aufzustehen, aber das schmerzende Knie lässt dies nicht zu. Das Handy wird aus der Hosentasche geholt. Der Blick auf die Anzeige sagt einen, dass es noch funktioniert. Mit mulmigem Gefühl und Tränen in den Augen wählt man die Nummer der Gattin, die einem nach einer Schimpftirade später mit dem Auto abholt, daheim unter die Dusche steckt und drei Tage nicht mit einem spricht. Ein paar Wochen werden die Wunden geleckt, bis man dann doch wieder zum Handy greift, die Kumpels anruft, sich zum Fußball verabredet und der Frau daheim „hoch und heilig“ verspricht nicht zu viel zu trinken. Voll freudiger Erwartung betritt man dann die erste Kneipe. Stammgäste werden vom Tresen vertrieben, unfreundlich ist man und natürlich werden jede Menge der leckeren Getränke in die eigene Figur geschüttet bis man schlussendlich wieder besoffen ist und irgendwie nach Hause kommen muss. Prost.